Altes Zeug


Ein Schwung Rezensionen aus dem Bremer und dessen Gratis-Ableger BIG vor zehn Jahren:

ALL/DESCENDENTS

Live Plus One

EPITAPH/CONNECTED

Die unbestrittenen Meister des Pop-Punk im Doppelpack: Aus den Descendents, die in den frühen Achtzigern als erste den Hardcore mit den Formen des Pop-Songs vertraut machten, wurden später All, die mit verschiedenen Sängern das Erbe weiter führten und das Repertoire zwischenzeitlich um aberwitzige Progrock-Einlagen erweiterten, wie sie bei den Descendents bereits angelegt waren. Vor ein paar Jahren stieß dann Descendents-Sänger Milo Aukerman wieder zu dem Haufen, um eine neue Descendents-Platte aufzunehmen und auf Tour zu gehen. Fortan gab es beide Bands parallel. Diese Gleichzeitigkeit beschert uns nun eine Doppel-CD, je eine CD von jeder Band, voll mit Live-Aufnahmen einschließlich aller Hits. Ein Parforce-Ritt durch die wechselhafte Geschichte der Legende(n).

All spielen – selbstredend – „She’s My Ex“ aber auch „Educated Idiot“, Descendents geben das „Weinerschnitzel“ und „All-O-Gistics“ ebenso wie Songs ihres Comeback-Albums „Everything Sucks“. Empfehlenswert vor allem, weil die bislang existierende Live-Platte von All alles andere als eine Glanzleistung ist.

 

NEUROSIS

A Sun That Never Sets

RELAPSE/SPV

Die verzweifelte Sinnsuche, auf der sich Neurosis mindestens seit „Souls At Zero“, also seit rund zehn Jahren befinden, ist derweil noch weniger zu überhören als je, nun, da Steve Von Till, der vor ein paar Monaten ein düsteres Singer/Songwriter-Album veröffentlichte, auch bei Neurosis häufiger zur akustischen Gitarre greift und mit ungeschulter Stimme zu singen anhebt.

Wo sich bislang Zerrissenheit bei Neurosis in vielstimmigen Schreien, haushohen Gitarrenkaskaden und tribalistischen Trommelritualen höchst wirkungsvoll entlud, scheint nun der Ausweg nicht mehr offen, sich in Lärm zu verlieren, die Katharsis also, die die Band auf erwähntem „Souls At Zero“ beispielhaft vorführte. Von Till artikuliert auf „A Sun That Never Sets“ deutlicher als zuvor das Leiden an der Welt und am Sein an sich, die Stücke schleppen sich bedrückend dahin, ohne zu explodieren, in nüchterner Bestandsaufnahme von Steve Albini produziert. Es ist fast schon überraschend: Neurosis klingen tatsächlich deutlich anders als auf den letzten vier Alben, und bisweilen erinnern sie gar an Nick Cave, wie in „Crawl Back In“. Die Wirkung, die Neurosis einmal hatten, hätten sie ohnehin nicht länger konservieren können. „A Sun That Never Sets“ ist ein erster, vorsichtiger Schritt in eine andere Richtung. Wer weiß, vielleicht führt die zu einem ähnlich schlüssigen Konzept hin.

 

MOTORPSYCHO

Phanerothyme

STICKMAN/INDIGO

Mit „Let Them Eat Cake“ befreiten sich Motorpsycho von den Limits eines Rock-Trios. Zuckersüße Harmoniegesänge und üppige Arrangements, die sich stilsicher aus dem Fundus der Musikgeschichte zwischen Beach Boys, Beatles, Pink Floyd und Crosby, Stills, Nash & Young bedienten, kamen sie gar das erste Mal in die Charts. „Phanerothyme“ präsentiert die Band auf den ersten Blick als gefälliger, eingängiger und zugänglicher, während spätestens bei genauerem Hinhören klar wird, wie reich auch dieses Album ist, wie viel schichtig die Arrangements, wie kompliziert bisweilen die Kompositionen. Motorpsycho haben sich mit diesem Album (ausnahmsweise) nicht selbst neu erfunden. Aber das haben sie schließlich schon mehr als einmal überzeugend getan. Dass „Phanerothyme“ so schön und vor allem so leicht klingt, war für Trondheim’s finest Herausforderung genug. Dass auch der beherzte Rückgriff auf Formen wie eine akustische Ballade, auf dramatische Streicher-Arrangements und – wenn es Not tut – auch mal eine zarte Flötenweise bei aller Lieblichkeit nie auch nur im Entferntesten nach symphonisch unterminierten Metallica klingt, ist der Nachweis für das Meistern auch dieser Herausforderungen. Das Unternehmen ist gelungen, das Ergebnis erneut beeindruckend.

 

MANDRA GORA LIGHTSHOW SOCIETY

Space Rave

SWAMP ROOM RECORDS

Die psychedelische Bremen/Hannover-Connection ist auf der 10″-Picture-Disc „Space Rave“ nun ausführlich mit ihrem neuen Sänger Timo Lommatzsch zu hören. Und was sich in der jüngeren Vergangenheit bei Konzerten der Society bereits ankündigte: Es hat der Band gut getan, den Ex-Payola-Sänger an Bord zu holen. Mit einem entfernt an Jim Morrison erinnernden Ton verleiht er den nach wie vor ausladenden Space-Rock-Kompositionen neue Nuancen und mehr Volumen. Zirpende Sphären-Sounds und andere seltsame Klangpartikel, aber auch der Sound der Studioaufnahmen tun hier nun ein Übriges, um diese Aufnahmen zum Besten zu machen, was diese Band bislang veröffentlicht hat.

Die B-Seite, ausgefüllt von einem einzigen Stück namens „Psychedelic Shiva“, das vor zwei Jahren auf dem alljährlichen Treffen der Hawkwind-Fans mitgeschnitten wurde, zeigt die Mandra Gora Lightshow Society schließlich in entrückter Spiellaune und ziemlich weit draußen.

Zuguterletzt ist natürlich das dicke Vinyl im ungewohnten Format und mit farbenfrohen Motiven bedruckt ein echter Hingucker.

Kontakt: Swamp Room; Auf dem Loh 8; 30167 Hannover

 

KOOL ADE ACID TEST

… On The Trail Of Mr. Brain

HAZELWOOD/EFA

War das Debüt von Kool Ade Acid Test noch ein Patchwork aus verschiedenen Sessions in verschiedenen Besetzungen (u.a. unter Beteiligung der fast kompletten Zerfallsmasse der visionären Band Universal Congress Of), ist KAAT mittlerweile ein blendend funktionierendes, gut geöltes Quartett.

Leader Gaeta (Bass, Gesang) gibt den Ton vor: Lässig, swingend, swampig, aber bei aller Abgeklärtheit beherzt fusionierend: Surf, Tex-Mex, Funk, Jazz, Rock – und zwischendrin – aus alter Freundschaft beigesteuert von Kadern der famosen Mardi Gras.bb – Marimba, Flöte, Orgel und Kratzer von den Plattentellern. Dass dabei kein Flickenteppich entsteht, sondern ein gut durchgezogener Sud, in dem die verschiedenen Zutaten sich zu einem ganz eigenen Aroma verquicken, ist nicht zuletzt sicher der Erfahrung der beiden ehemaligen, mittlerweile in Süddeutschland wohnhaften Ex-UCOs Gaeta und Steve Moss (Saxophon) zuzuschreiben, die die beiden Jungspunde, Gitarrist Jan Terstegen, der mittlerweile zu einem eigenen, homogenen Stil gefunden hat, und Schlagzeuger Thomas Böltken, souverän an den Untiefen dieser Musik vorbei führen, die da heißen Muckertum, Muckertum und Muckertum.

 

DIVERSE

Training Im Achter

HAPPY ZLOTY

„Training Im Achter “ soll weniger einen Überblick auf bisherige Veröffentlichungen von Happy Zloty liefern – davon gibt es schließlich gar nicht so viele -, als vielmehr einen Haufen Projekte, Bands und Musiker versammeln, die eher auf eine freundschaftliche Weise verbandelt sind, ohne notwendig einen musikalischen Geschmack zu teilen.

Und in der Tat: Es geht höchst buntscheckig zu: James DIN A4 harkt fröhlich durch den Garten elektronischer Geräusche, Reinhart Hammerschmidt schleift seinen „Single Song“ munter hinterdrein, bevor Ilse Lau mit einem knappen, fein verzwirbelten Instrumental glänzen – dem einzigen Rock-Stück dieser Platte. Dr. Tretznok beschließt die A-Seite mit verklangballhornten Sentenzen über Menschen, die auf „Schreybmaschinen Schreyben“.

Unter dem Titel „Fallen Auslegen“ legt Tim Tetzner leise Schlingen aus, „Nadjas Autoscooter“ von Diazo fährt dann recht forsch zwischen Analog und Digitalien hin und her. Die Wiener Metamorphosis steuern im Anschluss ihr mitreißendes „Unterm Teppich“ bei. „The Cry“ von Endiche Vis.Sat schließlich, gewissermaßen – dieser Kalauer sei verziehen – der letzte Schrei beim „Training Im Achter“, kann sich eine knappe Minute lang kaum halten – zwischen Lachen und Schmerzen.

Wie wir das von Happy Zloty kennen, kommt auch dieses bizarr-unterhaltsame „Training Im Achter“ im wunderschönen Cover von Esel-Grafix.

 

Short Cuts

FIREBIRD: Deluxe (Music For Nations/Zomba) Zum zweiten Mal beglückt Bill Steer (Ex-Carcass) die Welt mit einem Hardrock-Album, das so unverschämt auf Siebziger macht, auf Deep Purple, Free und Genossen, dass es kaum zu glauben ist. So detailverliebt und lustvoll schweinerockend bis in die gespaltenen Spitzen der langen Haare, eine Power-Ballade inklusive.

HIM: 5/6 In Dub (Bubble Core/EFA) Nein, es gibt hier keine Dub-Versionen finnischer Gothic-Pop-Operetten! Diese HIM sind vielmehr Musiker von June Of 44, The Boom, Sorts und anderen Post-Core/Rock-Bands, die zwar sonst gern jazzig, hier aber eben vor allem mit dubbiger Gelassenheit aufspielen und sich als Spezialisten für entspanntes Musizieren empfehlen.

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