Noch ein goldener Oldie


aus TRUST Nr. 88, erschienen 2001

“Du darfst alles, wenn du in einer Band singst”

Ich weiß noch ganz genau, wie unser Papst Jever eines Tages aus Los Angeles berichtete, dass er Saccharine Trust gesehen habe, die längst für immer vergangen Geglaubten, mit einem einigermaßen durchgedrehten Jack Brewer, dem unverzichtbaren Joe Baiza – auch bekannt von Universal Congress Of – und zwei Jungspunden an Bass und Schlagzeug, ohnehin eher die flexiblen Posten bei Saccharine Trust. Das muss so 1997 gewesen sein.
Ein wenig später erzählte mir dann Joe Baiza, es sei ein neues Album mit Saccharine Trust ge-plant. Und 1999 kamen sie tatsächlich – zum ersten Mal – nach Deutschland, um bei Hazelwood in Frankfurt/Main besagtes Album aufzunehmen. Beste Drähte dorthin gab es eh schon, weil Baiza bei Hazelwood mit den UCO-Nachfolgern Mecolodiacs schon deren zweites Album veröffentlicht hatte und auch ein weite-rer Teil der UCO-Zerfallsmasse dort als Kool Ade Acid Test (KAAT) unterkam. Bei Hazelwood fühlt man sich freundschaftlich aufgehoben und betreut.

Schönes Wochenende
Ihren Aufenthalt in Europa nutzten Saccharine Trust für zwei Auftritte, deren erster mit Bulbul in der Glocksee in Hannover stattfand. Im Prinzip ja eine kleine Sensation, was gleichwohl mal wieder fast niemand wusste – zum Glück hatte wenigstens mir jemand Bescheid gesagt. Saccharine Trust, SST-Urgestein, der irre Brewer erstmalig überhaupt außerhalb der USA zu sehen, weil er aus irgendwelchen verworrenen Gründen, die wohl damit zu tun haben, dass er kurz nach seiner Geburt aus Kuba in die Ver-einigten Staaten geschleppt wurde, nicht einmal die US-amerikanische Staatsbürgerschaft hatte und deshalb nicht so einfach ausreisen konnte, weil er gewärtig sein musste, nicht wieder heim zu kommen. Abgesehen davon, dass wir es hier ohnehin mit prekären Existenzen zu tun haben, was natürlich auch damit zusammenhängt, dass es die erwähnte Sensation eben doch nur für einen kleinen Kreis war.
Und Saccharine Trust waren eben nie so erfolg-reich wie die großen Namen des SST-Labels, nicht einmal so erfolgreich wie der UCO, der sich immerhin eines Tages dagegen entschied, auf dem Alternative-Zug mitzufahren. Joe Baiza kann zwar auch nicht allein von der Musik leben, aber immerhin fast. Jack Brewer arbeitet am Bau und hat sich den Rücken damit bereits derart lädiert, dass er sich am Nachmittag vor dem Konzert noch ein paar Stunden hinlegen muss. Und anreisen tut der Saccharine Trust an jenem Samstag im Juni mit dem Wochenend-ticket der Deutschen Bahn…

Hollywood
Sieht man sie auf der Bühne, erhält man eine Ahnung, wie es mal gewesen sein könnte, bei den Punkern in Hollywood und umzu, ein Haufen Durchgeschossener, Künstler, musikali-scher Abenteurer, Außenseiter, die hier auf einmal die aufregendste Musik der Welt spiel-ten, unbekümmert um Formen und Stile, ein neues Genre erschaffend, dass schon kurz darauf so formalisiert war, dass wieder neue Quellen erschlossen wurden, was zu der Blüte von SST-Records führte, wo sich Mitte der Achtziger Hardcores, Rocker, experimentieren-de Improv-Typen und Freejazz-Afficionados unter dem gleichen Dach trafen und an-scheinend bestens verstanden, bis dann irgend-wann die erfolgreichen Bands kaputt oder beim Major oder beides waren und so langsam das Geld für die ganzen Experimente ausging.
Laut Baiza war die Szene allerdings schon am Ende als UCO anfingen. Jack sieht Greg noch ab und zu. “Er hat eine Radioshow auf Screw Radio, ziemlich verrückter Kram. Er bringt auch ab und zu Platten raus.” Und Joe meint: “Ich habe gehört Greg macht nur Sachen, bei denen er selbst mitspielt, wenn du also auf SST sein willst, musst du nur in seine Bands einsteigen. – Nein, er macht schon ein paar gute Sachen. Sort Of Quartet, Fatso Jetson, Hotel X, das waren gute Sachen, die vor nicht allzu langer Zeit bei SST rauskamen.”
Aber natürlich interessiert das heute niemanden mehr so wahnsinnig. Und die Älteren unter euch wissen das wahrscheinlich sowieso alles, wenn sie es nicht schon wieder vergessen haben.

“Our music is a lot more interesting than our interviews” (J. Brewer)
SaccharineTrust atmen immer noch den Geist von damals. Joe Baiza spielt immer noch on the edge, probiert aus, streckt suchend seine Finger aus. Brewer hüpft wie bescheuert auf der Bühne herum und wirkt dabei nie berechnend. Als er sich nach ein paar Songs entschließt, seinen Mantel doch noch auszuziehen, fällt ihm ein, dass der Song schon läuft, er singen muss und vielleicht nicht einfach nach hinten gehen sollte, um seinen Mantel abzulegen. Er hängt ihn sich über die Schulter, wo er nicht bleibt, weil Brewer eben immer herumhüpft. Mikrophon in der einen, Mantel in der anderen Hand kommt er nach einer Weile dann immerhin drauf, den Mantel einfach mal auf der Bühne abzulegen.
Baiza hatte mir bei einem früheren Interview schonmal eine Geschichte über Brewer erzählt: “Er ist ein bisschen verrückt und muss manch-mal Sachen tun, um zu entspannen, weil er sehr nervös ist. Als wir jünger waren, war er viel verrückter. Einmal ging er ins Publikum. Wir spielten ein ziemlich langes Stück und Jack war nicht auf der Bühne. Wir spielten und spielten und ich dachte, verdammt, gleich kommt der Übergang, wo ist Jack?! Ich folgte mit meinem Blick dem Mikrophonkabel und auf einmal sah ich seine Füße: Jack steckte unter dem Kleid einer Frau auf seinen Knien und sang dabei. Sie schaute etwas seltsam aus der Wäsche und stand einfach nur da. Später sagte Jack zu mir: Joe, ich habe herausgefunden, dass du alles darfst, wenn du in einer Band singst.”

Jack & Joe
Die Bekanntschaft der beiden steht am Beginn von Baizas Musikerlaufbahn. “Ich wollte ei-gentlich kein Musiker werden, das war mir zu nahe liegend”, erzählte Baiza im gleichen Inter-view. “Ich wollte Künstler werden. Aber als ich Jack Brewer traf, sagte er: Komm Joe, hilf mir bei dieser Band. Er spielte Bass und ich sollte Gitarre spielen. Ich sagte: Okay, aber nur als kleines Experiment. Dann gründeten wir eine andere Band, wo er sang. Und ich sagte mir immer: Ich mach das nicht lange, nur als kleines Hobby. Ich wollte die Musik immer zerstören. Ich begann das Gitarrespielen von einem künstlerischen Standpunkt aus. Ich konnte keine Note, keine Akkorde.” So begann Baiza mit 27 Jahren, Gitarre zu spielen.
Den Autodidakten hört man heute noch aus seinem Spiel heraus. Und hierin liegt auch eine Parallele zu Ornette Coleman, auf dessen “harmolodisches” Konzept von UCO auf “This Is Mecolodics” ebenso angespielt wurde, wie das Cover-Design der gleichnamigen LP auf den Free Jazz-Pionier verweist. Coleman war schließlich selbst musikalisch nicht eben um-fassend ausgebildet, und es gibt da diese alte Geschichte, dass er auf eigene Faust das Saxo-phon erlernte, ohne zu wissen, das dieses In-strument anders gespielt wird, als es in Noten geschrieben wird, weshalb im Grunde alles, was der kleine Ornette spielte, tonal falsch war, auch wenn die Intervalle erhalten blieben.

The Great One Is Dead
Es dauerte fast zwei Jahre, bis das neue Album von Saccharine Trust erschien, das erste seit 15 Jahren – nimmt man die Compilation “Past Lives” aus, die nach der Auflösung heraus kam. Und als ob nicht seither Punkrock ver-schiedentlich für tot oder zumindest seltsam müffelnd erklärt wurde, als ob nicht seither der Gedanke hinter SST lediglich mehr in obskuren Zusammenhängen oder/und eher losgelöst von dem Schaffen der einstmaligen Protagonisten – abgesehen vielleicht von Typen wie Mike Watt und eben Baiza selbst – weiter lebt, wenn über-haupt, setzen Saccharine Trust im Grunde genau da an, wo sie damals aufhörten. Psyche-delisierter Jazz, Rock, Punk, was auch immer, Baiza surft zwischen den Welten, Brewer be-schwört die Scharen seiner Dämonen, während die beiden Neuen – Brian Christopherson am Schlagzeug und Bassist Chris Stein – die kom-plexe Grundlage herstellen. Nicht so ausufernd wie früher zuweilen. Nach wie vor unverkenn-bar. Wer sonst könnte so klingen? Selbst ein Surf-Song wie “Neruda’s Wave” erinnert hier wirklich nur von der Ferne nach dem, was man sich sonst so drunter vorstellt.

Neruda’s Wave
Der Surf-Song sei auf ausdrücklichen Wunsch des Produzenten Gordon Friedrich entstanden, meint Joe. Den wiederum hat er kennen gelernt, weil jener Steve Gaeta, den letzten UCO-Bassisten kannte, der Leute für KAAT suchte. Joe sollte Gitarre spielen, woraus sich schließ-lich die letzte Tour des UCO entwickelte. Saccharine Trust, die es zu diesem Zeitpunkt bereits wieder gab, sollten dann mit KAAT auf Tour gehen, was an Brewers fehlendem Pass scheiterte. Also kamen die Mecolodiacs, nahmen ein Album auf und tourten mit KAAT. Nur zwei Wochen bevor Saccharine Trust schließlich nach Europa kamen, um ihre Platte aufzunehmen, wurde Brewer amerikanischer Staatsbürger. “Ich bin in meinem Leben nur zwei Wochen lang Bürger gewesen, und jetzt bin ich schon wieder ein Fremder…”, meint er, als wir uns in Hannover treffen.

Dieser Fremde ist nicht von hier
Brewer ist sowieso ein stranger Typ. Schüchtern anscheinend, weshalb er auch mit seinen Ge-dichten kaum an die Öffentlichkeit tritt. Höch-stens mal in Cafés, wo er dann mit zwanzig anderen Dichtern vor denselben zwanzig Dich-tern liest, wie er meint. Ein paar Mal ist er mit dem Sort Of Quartet aufgetreten, dem alter Ego der Band Fatso Jetson, wobei Chris einfällt, dass das eine ziemlich gute ‘desert-band’ ist. ‘Desert-Rock’ – Ob wir davon schon gehört hätten? Man nenne das bei uns Stonerrock, klären wir ihn auf. Jedenfalls kennen die beiden Jungs die Wüstenszene und die Leute von Kyuss und Queens Of The Stone Age und hängen ab und zu in der Wüste ab.
“Meinte nicht auch mal jemand, wir seien eine Wüstenband?” fragt Jack zur Erheiterung der kleinen Runde, die an jenem Tag im Mai vor zwei Jahren auf der Halfpipe im Innenhof der Glocksee zum Interview beisammen sitzt.
Später am Abend dann die erste Saccharine Trust-Show außerhalb der USA ever. Birger von den Geteilten Köpfen ist auch da, um seinen alten Buddy Joe zu treffen. Hatte schon was von einem Klassentreffen. Kein Zweifel, mit dem Geist dieser Zeit hatte das nicht so viel zu tun. Sogar das Info zur neuen Platte nennt die dar-auf enthaltene Musik “eine beeindruckende Reminiszenz an den Spirit jener Tage”.

Das ist sie allerdings auf jeden Fall.

Vor zehn Jahren


erkor ich folgende Alben für den Rezensionsteil des BREMER:

queens of the stone age /songs for the deaf

motor /universal

Unaufhaltsam, mit brachialer Eleganz arbeiten sich Queens Of The Stone Age weiter in ihren eigenen Sound-Kosmos hinein. Mit Dave Grohl (Nirvana), Mark Lanegan (Screaming Trees), Dean Ween (Ween), Blag Dahlia (Dwarves) und den alten Freunden aus der Wüste um Palm Springs schufen die Zeremonienmeister Nick Oliveri und Josh Homme ein Album, das rauer und härter als „Rated R“ ist, gleichzeitig aber auch schillernder, bombastischer – und smarter als alles, was sich derzeit unter dem Label Stoner Rock tummelt. QOTSA können über sich selbst und ihren 2000er „Feel Good Hit Of the Summer“ lachen, weil sie wissen, dass das erst der Anfang war. Wenn sie nicht verglühen (Oliveri scheint in letzter Zeit bedenklich abgenommen zu haben), werden sie die größte Hardrockband der nächsten zehn Jahre sein.

P.S.: Alfredo Garcia, einst mit Homme und Oliver bei Kyuss, bereitet derzeit mit seiner ca. fünften Band „Hermano“ mal wieder zum ebensovielten Mal das alte Rezept auf und beantwortet so nebenbei die Frage, warum es mit Kyuss nicht weitergehen konnte.

sparta /wirestrap scars

motor /universal

Die Frage stellen, heißt sie beantworten: Kann man über Sparta schreiben, ohne über At The Drive-In zu reden? Man könnte, aber damit machte man es sich unnötig schwer, verhält sich doch die Zerfallsmasse der zu früh zerbrochenen Band wie erwartet: Mars Volta mit den beiden Lockenköpfen Cedric und Omar gehen in Richtung Progrock, viel weiter, als es ATDI taten. Sparta, der andere Nachfolger, spürt dem Pop-Appeal der alten Band nach. Nach der etwas zu aufgeblasenen EP „Austere“ ist „Wirestrap Scars“ ein beachtliches Album geworden. Kraftvoll aber nie überladen legen Sparta den Akzent auf die Melodie – mit jener melancholischen Wut vorgetragen, die vielleicht die einzige Gemeinsamkeit dieses ganzen Emo-Dingens ist. Dabei kommen sie – wie bereits ATDI – den Bands musikalisch nahe, die als erste mit erwähntem Etikett versehen wurden: Fugazi und Konsorten nämlich (Man höre nur „Mye“). Lediglich, dass sie die Spannung nicht über die volle Albumlänge halten können, könnte eingewendet werden. Ansonsten: ein souveränes Album.

willy schwarz /metamorphoses

knitting factory /import

Vor etwa einem halben Jahr war Wahl-Bremer Willy Schwarz unser „Bremer des Monats“. Damals war gerade sein zweites Solo-Album erschienen. „Metamorphoses“ ist nun kein eilig nachgeschobenes reguläres Werk, sondern ein Album mit Theatermusik. „Metamorphoses“ ist der Titel eines der drei Stücke von Mary Zimmerman, für die Schwarz komponiert hat. Die Musik für die anderen beiden schrieb er mit Michael Bodeen und Miriam Sturm. Wie schon auf seinen Solo-Alben deutet sich hier die enorme musikalische Spannweite dieses Musikers an, der in den drei traumartig schwebenden Scores auf diesem Album vor allem klassische indische mit europäischer „ernster“ Musik verbindet.

 

Und weil’s grad passt mitsamt Einleitung…


auch noch das aus der taz Bremen vom 22.7.2002:

Resch gestürmt

Die Good Time Charlies schütteten Punkrock in die Herzen. Quellen: Ramones, Ramones und Ramones

Wenn Redakteure und Redakteurinnen aller Ressorts sich vereinigen zum gemeinsamen Klagesang, wenn fleißigen Konzertgängern das Objekt ihrer Tugend flieht, das Schmeicheltier verreist, wenn die Wohnung leer ist, weil alle Welt ein Ding namens Urlaub hat – dann ist es gut, dass es junge Menschen wie die Good Time Charlies gibt. Vier junge Männer, deren gemeinsamer Name Programm ist.

Wahrscheinlich ist es auch kein Zufall, dass ausgerechnet sie in der Lage waren, die 60 bis 70 Menschen in der Tower Bar zu erretten. Die Good Time Charlies kommen aus Portsmouth im Vereinigten Königreich, wo, wie sie sagen, eines jeden Mannes Mutter eine Schwester ist, ein wenig so wie in Bremen, wie sie auch sagen.

Man wird sich sicher sein dürfen, dass der Sommer in Portsmouth nicht einmal verregneter sein wird, als der hiesige. Es gibt auch wenig Grund anzunehmen, dass all die Bands, die einen weiten Bogen um die ganze Stadt machen und manchmal sogar ums ganze Land, dass all diese Bands die sommerlichen Nächte in Portsmouth zum Vibrieren bringen.

Denn dann würden die vier jungen Männer, die gemeinsam die Good Time Charlies sind, den Sommer bestimmt in Portsmouth verbringen. Nein, ganz gewiss ist es in Portsmouth im Sommer ganz genauso öd – oder, je nach Geschmack: beschaulich – wie in dieser kleinen Stadt.

Umso besser, dass sie es auf sich nahmen, ihre Gitarren zu nehmen, um ein wenig Punkrock in die Herzen zu schütten. Sie taten dies mit bemerkenswerter Präzision, was dem Sujet entsprechend eine ganz gewisse Nuance der Ungenauigkeit impliziert.

Mit einem herrlich reschen, kontrolliert voranstürmenden Sound, gekrönt von eng geführten Gesangsharmonien führten die vier jungen Männer aus Portsmouth vor, wie sowas gehen kann. Mit Quellenangabe fassten sie pointiert zusammen, was sie unter Rock’n’Roll verstehen: Ramones, Ramones und Ramones. Vielleicht noch Rose Tattoo und die Beatles, aber vor allem die Ramones.

Zwei Stücke der Väter der abgewetzten Lederjacke, von denen in den letzten zwölf Monaten gleich zwei den Löffel abgaben, standen auf dem Programm, der selbstkomponierte Rest erfüllte die Erfordernisse locker. Zwei Dutzend Songs, an deren Titeln schön zu sehen ist, worum es am Samstag ging: „Dig The Fuzz“, „Small Town Fever“, „Fan Shirt“ oder „New Girlfriend“ – eins wie das andere eine nach allen Regeln der Kunst gefasste kleine Perle. Das und vielleicht noch ein paar Bier und man konnte versöhnt mit der Nacht neue Abenteuer suchen.

Vor fünfzehn Jahren


begann meine freie Mitarbeit für die taz Bremen. Einer meiner ersten Artikel erschien dortselbst am 5.7.1997:

Nostalgie zum Nulltarif

 Zwei Bands begaben sich auf eine Reise in die Vergangenheit

Am Donnerstag spielten in der Reihe Stagebox im Modernes Sir Raven’s Headmachine aus Bremen und die Mandra Gora Lightshow Society aus Hannover, zwei Bands, die in der Geschichte der Popmusik weit zurückgreifen: Die Headmachine eher als eine hart rockende Band, Mandra Gora Lightshow Society mit einem eigens abgestellten, für visuelle Effekte zuständigem Team und einer durchkonzipierten psychedelischen Performance. Etwa dreihundert Leute sorgten diesmal gleichmäßig verteilt dafür, daß die Musiker nicht vor gähnender Leere aufzuspielen hatten, wie es bereits einige Bands in der Stagebox beklagen mußten.

Die beiden Bands sind zumindest im norddeutschen Raum nicht mehr unbekannt und hatten durchaus ihr jeweils eigenes, angemessen begeistertes Publikum mitgebracht. Sir Raven’s Headmachine – stilecht mit langen Haaren, Stirnbändern und liebevoll choreographiertem Hochreißen der Gitarrenhälse – spielten als erste Band. Horst Wagner alias Sir Raven übte sich in beschwörerischen Posen, die ebenso an Jim Morrison denken ließen wie die schwarze Lederhose und der rauhe Blues-Gesang. Kaum noch gebräuchliche Gitarreneffekte wie die Mouthbox kamen zum Einsatz, es gab lange Gitarrensoli über einem einzigen, zwanzig Minuten lang repetierten Riff, während dessen der Frontmann sein Publikum vom Schlagzeugpodest herunter anfeuerte – kurz, es war wie in einem deutschen Jugendfreizeitheim Mitte der siebziger Jahre. Einzig das Alter der Akteure überschritt das der musizierenden Rock-Fans jener Zeit, da wäre ein echter Frontmann natürlich vom Podest gesprungen, und nicht an der Seite heruntergeklettert. Und wenn Sir Raven den Spiritual Advisor besang, dann war das pure Nostalgie und Schwelgen in der Historie.

Der Auftritt der Mandra Gora Lightshow Society wirkte zwar auch wie eine Reise durch die Zeit, war aber gleichzeitig künstlerisch wesentlich ambitionierter. Inspiriert von frühen Krautrockbands und anderer Musik der späten sechziger und frühen siebziger Jahre, musizieren Anders Becker, Martin König und Willem Kucharzik nach einer Maxime von Syd Barrett. Psychedelic sei keine zu erklärende Spielart, sondern eine Haltung den Dingen gegenüber. Zurückhaltend auftretend spielten sie ihre ausladenden Kompositionen, während der „Enchanted Garden Of Lights“auf die Leinwand hinter ihnen aus Filmschnipseln, bunten Bläschen und mythologischen Darstellungen einen farbenfrohen Teppich legte.

Das gefiel nicht allen Anwesenden. Anscheinend waren der Gefolgschaft der Headmachine die sanft blubbernde Psychedelik und die orgelnde Paisley-Ästhetik nicht handfest genug.

Vor fünf Jahren


… quälte ich mich mitten in der Nacht aus dem Bett, um mit Laurie Anderson zu telephonieren. heraus kam das:

taz Nord 7.7.2007

Live in Oldenburg

Laurie Anderson

taz: Frau Anderson, Ihr neues Programm heißt „Homeland“, da denkt man an George Bush und seine Homeland Security, an den 11. September 2001 – worum geht es in Laurie Andersons „Homeland“?

Laurie Anderson: Es hat durchaus mit der politischen Situation in den USA zu tun. Aber es hat auch damit zu tun, wie die Menschen sich auf ihre Heimat beziehen. Das ändert sich. Dinge verschwinden. Zum Beispiel gibt es in New York keine Plattenläden mehr, weil die Menschen keine Platten mehr kaufen. Es gibt keine Telefonzellen mehr oder Bankfilialen. Viele Orte, zu denen Leute gegangen sind, sind nicht mehr da. Also lebt man in einer abstrakteren Welt. Vieles von meiner Arbeit handelt davon, wie Technologie Menschen verändert. Ich habe ein Interview mit einer 15-Jährigen gelesen, die sagte, dass ihre Generation kein Privatleben mehr wolle. Ihr ganzes Privatleben sei im Internet: ihr Tagebuch, ihr Sexualleben, ihr Bankkonto. Das ist eine Auswirkung von Technologie. Andere Teile des Programms sind eher persönlich.

Sie nehmen „Homeland“ erst nach der Tournee auf und improvisieren viel. Wie viel von dem Programm haben Sie vorher festgelegt?

Auf dieser Tour ändern sich die Texte nicht so sehr, hauptsächlich wegen der Übersetzung für die Übertitel, weil die Texte sehr wichtig sind. Deswegen hoffe ich, dass die Übersetzungen gut sind.

Angeblich bauen Sie für jedes Projekt eine besondere Geige. Ist das wahr?

Naja, nicht für jedes Projekt, aber ich habe viele verschiedene gebaut. Die Violine, die ich für dieses Projekt gebaut habe, ist sehr cool. Die ganze Technik für die Show ist sehr anspruchsvoll, aber auch fast unsichtbar, weil es keine Instrumente mehr gibt. Es gibt Software, Fußpedale und Trigger – das macht wirklich Spaß. So ist es auch nicht linear und du kannst schnell von einer Sache zur anderen springen: Wenn ich zum Ende eines Songs einen neuen Rhythmus haben will, dann kann ich mir sofort einen von fünfzig aussuchen. Viele Rhythmen sind aus gefundenen Klängen und verrückten Sounds entstanden.

Sie waren zwei Jahre lang „Artist in residence“ bei der NASA – eine angenehme Erfahrung?

Das war ein seltsamer Job. Ich war die Erste und Letzte, die das gemacht hat. Als sie mich fragten, ob ich es tun wolle, dachten sie wohl, sie würden irgendein sexy Techno-Projekt bekommen. Als ich ihnen sagte, ich würde ein langes Gedicht schreiben, waren sie sehr enttäuscht. Es war fantastisch. Ich habe lauter Nanotechnologen und Robotik-Ingenieure getroffen, die ich sonst nie kennengelernt hätte.

Denken Sie, dass es dieses Programm wieder geben sollte?

Auf jeden Fall. Es sollte einen Artist in residence im Weißen Haus, im Obersten Gerichtshof, im Kongress geben. Künstler haben einen anderen Blick auf die Welt.

Fragen: Andreas Schnell

Dienstag, 20.30 Uhr, Staatstheater Oldenburg