Vor zehn Jahren


… gab es einen Science-Fiction-Schwerpunkt in der Z. Ich dachte mir: Warum nicht Erich Mühsams „Alle Wetter“ auf seine Kompatibilität zu untersuchen:

Aus Zett, Juni 2003

 

Mehrfach utopisch

Alle Wetter

Unser Englischlehrer hat uns seinerzeit erklärt, warum es „Science Fiction“ eigentlich nicht gebe. Die Bestandteile des Wortpaares schlössen sich – so die grob verkürzte Essenz seiner These – schlichtweg aus. Der Reiz des Genres besteht schließlich gerade in seiner Fiktionalität. In der Science Fiction, wahlweise auch phantastische Literatur genannt, geht es für gewöhnlich um eine Utopie oder Dystopie, also die Vision einer im Jetzt bereits angelegten Form von Gesellschaft oder ihrer Teile, die als erstrebens- oder vermeidenswert geschildert wird. Als literarisches Hilfsmittel wird der Irrealis gewählt. Ein imaginierter, meist technischer Fortschritt ermöglicht die Verlegung in ferne Welten oder eine radikal zugespitzte Form der Vergesellschaftung.

 

Public Enemy

In diesem Sinne teilt das Theaterstück „Alle Wetter“ von Erich Mühsam wesentliche Merkmale mit dem Genre der Science Fiction. Mühsam muss als „vergessener Dichter“ bezeichnet werden. Seine Werke sind nach einer kleinen Renaissance in der DDR der 60er Jahre und während der Studentenbewegung in der BRD der 70er Jahre fast vollständig von Markt und Bühne verschwunden. Als kommunistischer Anarchist, als prinzipieller Gegner jeglicher Staatlichkeit war und ist er offensichtlich für den bürgerlichen Kulturbetrieb nicht sonderlich ergiebig. Er, der stets politisches Engagement von Dichtern und anderen Künstlern einforderte, wobei die künstlerische Form hinter den Inhalt zurückzutreten habe, hatte als Schriftsteller – anders als bspw. Brecht – nie einen Erfolg, der ihm dauerhafte Popularität beschieden hätte. Zwar wird sein „Lied vom Revoluzzer“, das Spottlied auf die deutsche Sozialdemokratie, bisweilen noch gesungen, sein dramatisches Werk jedoch wird seit dem Ende der Weimarer Republik weitgehend ignoriert. Vor 125 Jahren in Lübeck geboren entwickelte sich Mühsam vom Individualanarchisten Stirnerschen Gepräges zum kommunistischen Anarchisten, war maßgeblich an der Revolution in Bayern 1918 und der kurzlebigen Münchner Räterepublik 1919 beteiligt und starb 1934 als eines der ersten prominenten Opfer der Nationalsozialisten im Konzentrationslager Oranienburg: Als Anarchist, kurzzeitiges Mitglied der KPD, Jude und so genannter Novemberverräter war Mühsam „Public Enemy Number One“.

Im Herbst 1930 schrieb er auf Burg Weißenstein, dem Wohnsitz des Schriftstellers Siegfried von Vegesack, sein letztes literarisches Werk: „Alle Wetter – Volksstück mit Gesang und Tanz“, erst 1977 zum ersten Mal veröffentlicht und bis heute nicht aufgeführt. Die Revolution war gescheitert, die Sowjetunion, der sich der dem Rätegedanken verbundene Mühsam anfangs solidarisch fühlte, hatte ihn enttäuscht. Die NSDAP stand kurz vor der Machtergreifung. Mühsam gehörte zu den frühen Warnern, auch wenn er dem Parlamentarismus nichts abgewinnen mochte. Vor diesem politischen Hintergrund erteilt er in seinem Stück der parlamentarischen Demokratie eine gründliche Absage und erzählt eine Parabel auf die „Befreiung der Gesellschaft vom Staat“, wie der Titel seines wenig später erschienenen theoretischen Vermächtnisses lautete.

 

Alle Wetter

Eine Dorfkollektiv, in dem die anarchistische Utopie verwirklicht ist, hat sich einen Wetterturm erbaut, mit dem Arbeiter und Bauern das Wetter nach ihren Erfordernissen regulieren können.

 

Ingenieur Niedermayer: „Das Wesen der Genossenschaft beruht darauf, daß der Gesamtertrag des Werkes den arbeitenden Genossen selbst zugute kommt.“

Darauf der Liberale Selters: „Das ist die reinste Anarchie!“

 

Der bürgerliche Staat versucht, diese Erfindung für seine Interessen zu nutzen und setzt eine Verwaltung ein, die aus dem Wetterturm eine volkswirtschaftlich profitable Einrichtung machen soll. Bei der Geburtstagsfeier des Staatspräsidenten kommt es zum spontanen Aufstand der Dorfbewohner, die sich nicht länger Lebens- und Produktionsweise vorschreiben lassen wollen. Ein Unwetter, mit Hilfe des Wetterturms herbeigeführt, verjagt, ähnlich wie in Heinrich Manns „Untertan“ die Herrschaften.

 

„Wir brauchen doch die Regierung nicht zum zuschauen, wenn wir uns freuen wollen.“ (Annie)

 

„Alle Wetter“ ist in mehrfacher Hinsicht ein utopisches Stück: Der Gegner war keineswegs eine Versammlung lächerlicher Figuren, naiv-programmatisch mit Namen wie Wimmerzahn (Staatspräsident), Dr. Blödel (Minister für Ruhe, Ordnung und Sicherheit), Biederhold (Pfarrer, MdL Kirchenpartei), Frau Wachtel von der Hausfrauenpartei oder Widerborst von der Partei der Unversöhnlichen charakterisiert. Arbeiter und Bauern waren bekanntlich keineswegs ein anarchistisch gesonnenes Kollektiv. Und in deutschen Dörfern sah es ebenfalls anders aus, wie Mühsam schon in den Tagen der Räterevolution feststellen musste. Ein Äquivalent zum Wetterturm, eine derart machtvolle Technologie hätte es da mindestens gebraucht, um zu vermeiden, wovor Mühsam auch in „Alle Wetter“ warnte: der faschistischen Herrschaft.

Mühsam selbst gab sich keiner Illusion hin. Der spontane Aufstand der Massen blieb Utopie – eine genuin anarchistische. Die Erhebung der klassenbewussten Dorfbewohner, die sich nicht von ihrem Lebensmittel – dem Wetterturm – trennen lassen wollen, steht im Gegensatz zum marxistisch-leninistischen Gedanken der proletarischen Diktatur unter Führung der kommunistischen Partei als Avantgarde der Arbeiterklasse. Zum Zeitpunkt der Niederschrift hatte Mühsam von der Theorie nicht Abstand genommen, die Hoffnung nicht aufgegeben. Dennoch unterscheidet sich „Alle Wetter“ deutlich von seinen beiden Theaterstücken der Weimarer Republik, die er – das Revolutionsdrama „Judas“, „Staatsraison“ über den Justizmord an den Anarchisten Sacco und Vanzetti – als revolutionäres Theater verstand und ausdrücklich als Agitationsstücke aufführte.

David Allan Shepherd, weist in „From Bohemia To The Barricades, Erich Mühsam and the Development of a Revolutionary Drama“, einer Arbeit über Mühsams dramatisches Werk  darauf hin, dass Mühsams künstlerische Entwicklung „eine Spannung zwischen radikaler Politik und konservativer Ästhetik“ offenbare. „Während die früheren Stücke kanonischen Genre-Standards folgten, verzichtet Mühsam in ‚Alle Wetter‘ auf die Idee der reinen Form und verwirklicht ein definitiv anarchistisches Drama.“

In Mühsams idealisierter Gesellschaft sind die Gegensätze zwischen Regierung und Bevölkerung überdeutlich gezeichnet. Die Möglichkeit, im Bestehenden schon das Neue zu leben, ist jedoch altes Mühsamsches und anarchistisches Gedankengut. Und selbst wenn die Kritik an Karrierismus und Heuchelei der Staatslenker bisweilen zu moralisierend daherkommt, formuliert Mühsam immer wieder treffende Kritik an der bürgerlichen Demokratie.

 

„Die Grundlagen seiner Wirtschaftsordnung darf ein pflichtbewußter Staat auch von einer Wählermehrheit nie und nimmer antasten lassen.“ (Geheimrat Stechbein)

 

Als die Auseinandersetzung zwischen Dorfgemeinschaft und Regierung eskaliert, kündigt die faschistische Arbeiter-Rassenpartei die nationale Revolution zur Rettung des Vaterlandes an.

 

„Der Regierung wird es obliegen, zu prüfen, ob der Weg der Diktatur mit der in der Verfassung festgelegten Demokratie in Einklang steht.“ (Dr. Blödel, Minister für Ruhe, Ordnung und Sicherheit)

 

In dem Moment, wo Barde, der Abgeordnete der Arbeiter-Rassenpartei Kajetan Teutsch zum Führer ausruft, fegt ihn ein Windstoß ins Off. Die Szenerie versinkt im Chaos. Im vierten Bild wird es langsam heller. Die befreite Dorfgemeinschaft zieht singend zur Arbeit: Eine Vision, die in der Zeit der Enstehung in so weite Ferne gerückt war, dass lediglich eine Fiktion den Gesellschaftsentwurf Mühsams plausibel erscheinen lassen konnte, zumindest in Deutschland. Im Sommer 1936 übernahm die anarchistische Gewerkschaft CNT in weiten Teilen Spaniens die gesellschaftlichen Funktionen, bis Franco und Konsorten die spanische Revolution niederschlugen.

 

Epilog

Mühsam erlebte das nicht mehr. 1933 entschloss er sich – zu spät – zur Flucht. Die Fahrkarte nach Prag schon in der Tasche, verschob er seine Abreise um einen Tag und wurde am Morgen nach dem Reichstagsbrand verhaftet. In der Nacht vom 9. auf den 10. Juli 1934 hängte man ihn auf. Es sollte wie ein Selbstmord aussehen.

Vor zehn Jahren für den BREMER rezensiert


him /many in high places are not well

fatcat/ hausmusik/ indigo

Neu am neuen Album der anderen HiM (die ihren Namen generös mit den Love-Metal-Finnen teilen) ist vor allem, dass hier manchmal gesungen wird – ganz sacht, wie überhaupt die sieben neuen Stücke noch entspannter klingen, als bislang schon. Die vormals oft exponiert solierenden Bläser fügen sich geschmeidig in das komplexe Geflecht aus Afro-Jazz-Rhythmen ein. Neben der Stammbesetzung mit Leuten wie Fred Erskine (June Of 44, The Boom), Carlo Cennamo (The Boom, The Sorts) und natürlich Bandleader Doug Scharin (Codeine, June Of 44, Rex) wirken u.a. Rob Mazurek (Chicago Underground Duo, Isotope 217), Abdou M’boup (Tom Tom Club), der mit seinem Kora-Spiel Akzente setzt, Joe Goldring (Swans), Adam Pierce (Mice Parade) sowie Christian Daustreme (The Letter E, The Screw) und Múm-Sirene Kristin Valtysdottir mit. All diese Stimmen fügen sich zu einem Kollektiv, das in seinen sanft pulsierenden, ausgedehnten Improvisationen gänzlich uneitel musiziert. Eine wahnsinnig freundliche und schöne Platte.

mars volta /de-loused in the comatorium

motor /universal

Verschärftes Mythenpotential: Nur wenige Wochen vor der Veröffentlichung des neuen Albums von Mars Volta, den wahren Bewahrern des musikalischen Geistes der großen At The Drive-In, starb Jeremy Michael Ward den Rock’n’Roll-Tod, der Mann, der den Breitwand-Rock, für den Vokabeln wie Emo lange nicht mehr greifen, mit elektronischen Spuren versetzte. In diesem Licht steht das Werk nun als ein Schlusspunkt, wenn es auch (hoffentlich) nicht der der Band ist. Und was für ein Album es geworden ist! Omar Rodriguez, der „De-Loused…“ mit Rick Rubin (Slayer, Beastie Boys et al.) produzierte, und Cedric Bixler haben die visionäre Substanz ihrer alten Band ATDI mitgenommen und auf eine neue Ebene gehoben. Dabei verarbeiten sie das Erbe großer Rock-Bands wie Led Zeppelin ebenso wie Dub, latinische Einflüsse und modernistische Klangmalereien zu einer atemberaubend dramatischen, schönen und eleganten Musik. Markant nicht zuletzt, was Cedric Bixler hier stimmlich vorführt. Seit Chris Cornell hat kein Rocksänger so sexy geklungen.

faruk green /a certain mr. green

copasetik /indigo

Adem, Engin und Özgür sind aus Bremerhaven und behaupten, sie kämen aus dem Schwarzwald. Vielleicht stimmt das aber gar nicht und ihre Plattenfirma lanciert haltlose Gerüchte, oder sie kommen tatsächlich aus dem Schwarzwald, wofür eventuell ihr Name spräche, und behaupteten früher bloß frech, dass sie aus Bremerhaven seien. Ein wenig Erfindungsgabe hat schließlich nie geschadet, auch, sofern es um die beinahe unumgängliche Staffage künstlerischer Biographien ging. Faruk Green haben es jedenfalls nicht zuletzt und vor allem durch ihre eigentümliche Melange aus Easy Listening, Jazz, Elektronik, HipHop und Postrock zu einem Ruhm gebracht, der sie bei internationalen Hipstern wie DJ Gilles Peterson oder Daniel Miller (Mute Records) zum festen Begriff gemacht hat. In Bremen spielten sie zuletzt im immerhin vollen „Urlaub“ vor wenigen Händen voll Menschen. „A Certain Mr. Green“ ist das längst fällige Kompendium ihrer Kunst.

american analog set /promise of love

wall of sound /labels

Durchaus nicht ohne Erfolg, aber irgendwie dann doch immer ein wenig abseits vom Rummel der Musikwelt stellen American Analog Set aus Texas seit nunmehr acht Jahren und fünf Alben eine feingestrickte Musik zwischen elegischem Pop, zartem Folk und rudimentärem Rock her, die unaufdringlich Räume füllt. Velvet Underground und Mazzy Star könnten hier inspirierend gewirkt haben, vielleicht auch Yo La Tengo. Eine Abgeklärtheit liegt jedenfalls in dieser Musik, die wahrscheinlich ein Ergebnis der vermeintlichen Überwindung von Rock mittels des so genannten Postrock ist – derweil derzeit eine Horde junger Menschen, deren Bands fast alle ein „The“ im Namen haben, so tut, als sei das alles nie passiert. American Analog Set wurde diese Gnade der späten Geburt nicht zuteil, weshalb sie sich einfach das Beste aus beiden Welten nehmen und daraus eine Musik generieren, die über die Jahre immer besser geworden ist.

whirlwind heat /do rabbits wonder?

xl-recordings /beggars /zomba

Jack White von den White Stripes sprach Whirlwind Heat bei einer Show in deren Hematstadt Detroit an und machte ihnen das Angebot, ein paar ihrer Songs zu produzieren. Drei Jahre nach der ersten Zusammenarbeit ist das erste, wiederum von Jack White produzierte Album von Whirlwind Heat die erste Veröffentlichung auf dessen Label Third Man Records (in Deutschland in Lizenz bei XL-Recordings). Zwar haben Whirlwind Heat wie die White Stripes einen kräftigen Hang zur musikalischen Garage, erschöpfen sich allerdings nicht darin. Wie viele Musiker ihrer Generation hegen sie ein ausgeprägtes Interesse für den etwas anderen Punk der späten Siebziger und frühen Achtziger. Vor allem Devo haben ihre Spuren hinterlassen, ohne dass bloß kopiert würde. Schlagzeug und Bass unterlegen charmant holpernd die kruden Synthesizer-Sounds und die sich überschlagende Stimme von Keyboarder und Sänger David Swanson.

fu manchu /go for it…live! (steamhammer /spv) In glänzender Spiellaune kredenzen die Kalifornier Fu Manchu auf zwei CDs einen Querschnitt durch ihr Repertoire der letzten 12 Jahre. Riecht schwer nach Autofahrten bei offenem Fenster über sonnenüberflutete Highways. Riff-Rock klang seit AC/DC nicht mehr so gut.

marvin gaye /live in montreux 1980 (eagle /edel) Die große Stimme des Motown-Soul gastierte 1980 auf dem legendären Jazz-Festival und nahm die Herzen im Sturm. Die in der Tat mitreißende Show mit exzellenter Band in hervorragender Aufnahmequalität kommt jetzt als Doppel-CD und als DVD auf den Markt.

Vor fünf Jahren


… schrieb ich in der NOTES über Motorpsycho

Vorglühen mit Motorpsycho

Das große Repetitorium auf DVD

Fünf Stunden und 45 Minuten Motorpsycho – das muss man erstmal verdauen! Haircuts heißt das Wunderwerk, das die Gemeinde nach längerer Pause verwöhnt, kurz bevor die Trondheimer mit neuer Besetzung und neuen Songs die Bühnen des Kontinents mit erhebenden Konzertmomenten bestückt. Haircuts bietet alle Video-Clips aus den Jahren zwischen 1991 und 2002, zwei Dokumentarfilme, einen Konzertmitschnitt aus dem Paradiso in Amsterdam von 2002, eine Tourdokumentation und drei Bonus-Songs.

 

Mehr als Haare

Der Titel verweist scherzhaft auf das, was Motorpsycho schon immer auch ausgemacht hat: Die Wandlungsfähigkeit einer Band, die dabei immer erkennbar bleibt, auch wenn manche stilistische Volte zunächst schockierend wirkt. Was sich musikalisch in der Verarbeitung von Heavy Metal über zarten Folk und ausgefuchsten Pop bis hin zu wildem Free-Jazz-Rock seinen Weg bahnte, lässt sich visuell in – gelegentlich gewiss zweifelhaften – Frisuren wiederfinden. Die Offenheit für neue Kollaborateure setzt sich in der Wahl der Regisseure fort, denen die Band freie Hand bei der visuellen Repräsentation der Musik ließ. So erzählt Haircuts in Bildern, Musik und den Kommentaren von Snah, Bent und Gebhardt ebenso detailliert wie lose die Geschichte einer Ausnahmeband in ihren verschiedenen Inkarnationen, deren jüngste wir gegenwärtig kennen lernen. Das macht dieses Dokument gleichsam zu einem Repetitorium für Spätgekommene, die sich hier mit den faszinierenden Facetten von Motorpsycho vertraut machen können. Das Konzert im Paradiso zeigt dann noch einmal die Band in einer ihrer stärksten Besetzungen, mit Baard Slagsvold an den Keyboards, dessen vom Jazz inspiriertes Spiel die ohnehin umwerfenden Improvisationen der Norweger auf ein neues Plateau hob.

Vor zehn Jahren


für den BREMER ausgewählt:

mogwai /happy songs for happy people

pias

Das vierte Album dieser Band, die auf der Bühne nicht zuletzt immer wieder ungemein durch hohe Lautstärken und sporadische Zerlegungswut beeindruckt, die ihr Gegengewicht in wundervoll auskomponierten Stücken zwischen Post und Rock findet. Auf dem sardonisch betitelten neuen Werk haben sie ihre Methode erneut raffiniert: Wahrscheinlich unter Einfluss von Godspeed You! Black Emperor ergehen sich die Schotten hier in einem orchestralem Rock, der allerdings bei aller grandiosen Dynamik die enorm langen Spannungsbögen der Kanadier weitgehend meidet und sich in Songs eher klassischer Länge niederschlägt. Die dadurch subtil implizierte Liedhaftigkeit wird verstärkt durch einen Gesang, der an der Grenze zur Unhörbarkeit operiert. Der oft gelesene Slint-Verweis ist hier höchstens Fußnote, Mogwai spielen längst nach ihren eigenen Regeln.

marilyn manson /the golden age of grotesque

motor /universal

Spätestens seit seinem Auftritt in „Bowling For Columbine“ fliegen dem Mann Herzen aus Richtungen zu, die man zuvor nicht für möglich gehalten hatte. Auch wenn oder weil er immer ein bisschen sehr dick aufträgt, ist Marilyn Manson derweil seinem Ziel, als seriöser Künstler wahrgenommen zu werden, bedenklich nahe gekommen. Die wahre Größe seiner Kunst besteht nun allerdings gerade darin, bei aller Überzeugung von der eigenen Gesandtheit enorm unterhaltsames Rocktheater im Geiste und von der Güte eines Alice Cooper zu sein, der seinerzeit mit ein paar wirklich guten Platten nicht nur Wege gewiesen, sondern diese auch bis zum Ende (und leider noch viel weiter) abmarschierte. Manson ist viel zu smart, um zu enden wie Cooper. „The Golden Age Of Grotesque“ ist nach dem schon überraschend guten „Holy Wood“ erneut eine Steigerung: dramatisch krachender Industrial-Metal, durchsetzt mit spukigen Intermezzi; ein Haufen guter Songs, die bei aller Schroffheit locker und facettenreich wie nie zuvor klingen. Wenn er so weitermacht, wird der alte Bürgerschreck noch zum Konsensrocker.

blond /to do

echokammer /hausmusik /indigo

Dass er solch ein Schelm ist, war nicht unbedingt zu erwarten: Michael Heilrath (auch Bassist der Postrock-Band Couch) gibt auf der zweiten Blond einen Witz preis, der sich in den Titeln des Albums, die eine Chronologie wiederkehrenden Party-Ungemachs erzählen, ebenso niederschlägt, wie in den Video-Spielen im CD-Rom-Teil, wo er nicht einmal das alte Fingerspiel auslässt, bei dem man „Stopp!“ sagen muss – und dann bleibt der Mittelfinger stehen… „To Do“ erzählt von „alle möglichen leute begrüßen“ über „nicht zuhören wenn einem jemand vorgestellt wird“, „zuviel trinken obwohl man eigentlich keine lust dazu hat“ oder den zwar gestrichenen aber immer noch zu lesenden Titel „sich denken: ’scheiße, ist die geil'“ bis zum finalen „sich auf den nächsten guten abend freuen“. Musikalisch ist „To Do“ instrumental wie das Debüt, aber deutlich konzentrierter, funkiger, ohne die rappeligen Breakbeats, die auf „Blond“ noch oft zu hören waren.

michael franti & spearhead /everyone deserves music

labels /virgin

In heiligem Zorn zum Kampf bereit und zugleich die ganze Menschheit liebevoll umschlingen: Das bringen nur die großen Soul-Sänger zustande. Michael Franti, in den späten Achtzigern mit den Beat-Niggs, später mit Disposable Heroes Of Hiphoprisy unterwegs, muss spätestens mit diesem Album, seinem zweiten unter eigenem Namen mit Spearhead, zu ihnen gezählt werden. „Sogar dein schlimmster Freund verdient Musik, es ist nie zu spät, den Tag von Neuem zu beginnen, die Friedvollen an die Macht!“ Das sind die zentralen Botschaften, dieses Albums, das seine musikalischen Arme nicht weniger weit ausbreitet. Zwischen Soul, Reggae, HipHop, Funk und Rock schillert sie formvollendet. Keines Menschen Leben ist wertvoller, als das eines anderen, kein Mann mehr wert als eine Frau. Keine Musik – so könnten wir weiterdichten – mehr wert als eine andere. Sie alle haben Platz im großen Herzen des Herrn Franti. Und unter seiner Pflege gedeihen sie prachtvoll.

the oliver twist band /no tricks and traps

raketemusik /efa

Sehr richtig wurde neulich in einer Rezension dieser Schallplatte darauf hingewiesen, dass diese Sorte Musik, die sich die Punk-Stiefel auf dem Tanzboden wetzt und derzeit in und aus New York große Aufmerksamkeit erregt, keineswegs ein Phänomen ist, das plötzlich aus dem Nichts auftauchte. Vielmehr führe eine Linie vom Punk-Untergrund um Labels wie Gern Blandsten und Bands wie The Lapse und Les Savy Fav hin zu Bands wie den Liars, The Faint, Radio 4 oder den Yeah Yeah Yeahs. The Oliver Twist Band kommt nicht aus New York, sondern aus Köln. Sie spielt einen unwiderstehlich sperrigen Wave-Rock, der nicht nur an die oben ex- und implizit erwähnten Bands erinnert, sondern auch noch eine ordentliche Portion jener musikalischen Energie versprüht, wie etwa At The Drive-In es taten. Und einen Sinn für Pop haben die Kölner auch, wenn sie ihre alte Orgel in Anschlag bringen und in einen ihrer Songs mal eben ein paar Takte aus Duran Durans „Reflex“ einbauen. Toll!

diverse künstlerinnen /flowers in the wildwood (trikont /indigo) Die Geschichte der Country-Musik wurde vor allem von Männern geschrieben. Wieviele Musikerinnen es gab, die ihren Kollegen in nichts nachstanden, dokumentiert diese liebevoll editierte Zusammenstellung von Aufnahmen der 20er und 30er Jahre. Songs, wie die der DeZurik Sisters mit ihrem eigensinnig virtuosen Jodel-Stil, verströmen auch heute noch unwiderstehlichen Charme.

blackmail /friend or foe? (wea) Sie haben ihren Weg gefunden und gehen ihn scheinbar unaufhaltsam und selbstgewiss. Wieder türmen sich Gitarren bis in den Himmel auf, und immer noch ein wenig darüber singt Aydo Abay schwerelos und süß. Sollen sich doch die anderen entscheiden, ob sie hier Freund oder Feind sein möchten.

Vor fünzehn Jahren…


… waren Motorpsycho auch schon fast zehn Jahre alt. Damals erschien „Trust Us“ mit dem mittlerweile legendären Showstopper „Vortex Surfer“. Und ich sprach mit den Herren.

taz Bremen 23.5.1998

Motorpsycho ist alles

 Sie möchten gern, daß man bei ihren Konzerten sitzt und am Ende klatscht: Die norwegische Rockband Motorpsycho spielt am Dienstag in Bremen

Was ist das? Eine Band, die es sich frecherdings herausnimmt, zehnminütige Psychedelika in einer Welt zu rehabilitieren, die gerade glaubte, so etwas wirklich nicht mehr zu brauchen? Eine Band, die sich mehr und mehr zu einer in ganz klassischen Formaten aufspielenden Band entwickelt und damit davonkommt? Das und mehr, beispielsweise Europas beste Rockband, sind Motorpsycho. Unermüdlich schichten sie Mellotrone und Sitars auf Lebemanngitarren, legen schimmernde Melodien darüber und nehmen sich viel Zeit, lange Bögen zu spannen und satt summende Abfahrten zu veranstalten. Led Zeppelin haben sie genauso gefressen wie Dinosaur jr., auch wenn sie lieber Entfernteres als Einflüsse angeben, wie Sun Ra Arkestra und John Coltrane. Mit ihren jährlich erscheinenden Alben und leibhaftigen Erscheinungen scharen sie stetig mehr und mehr Begeisterte um sich. Der große Konsens. Die Bewahrer von allem, was gut und richtig an Rock ist und war. Zum Auftakt ihrer derzeitigen Tour durch die Republik sprachen wir in Hannover mit dem Bassisten, Sänger und Hauptsongwriter Bent Saether ganz exklusiv über nicht-existente vierte Bandmitglieder, psychedelische Zustände und Doppel-Live-Alben.

Wir vertraten die Meinung, daß es den drei Herren aus dem verschlafenen Trondheim erstaunlich lückenlos gelingt, das doch recht facettenreiche Klangbild gerade des letzten Motorpsycho-Albums auf der Bühne mit drei Personen umzusetzen.

Dazu Motopsycho: „Technologie ist eine gute Sache. Und wir arbeiten daran, ein viertes Mitglied zu ersetzen. Ich spiele Samples mit meinen Füßen, unser Schlagzeuger spielt Keyboards, und wir haben die Basspedale, also ist praktisch ein vierter Typ da oben…“

Ein vierter Typ, der möglicherweise in den Beinen der Band sitzt.

„Ja, genau.“

Trotz aller Technologie lassen sich Motorpsycho viel Raum für spontane Entscheidungen.

„Wir versuchen, so viele Songs wie möglich draufzuhaben, denn dann können wir auswählen. Je mehr Songs du kennst, bevor du losfährst, desto besser werden die Konzerte. Manche Songs sind besser zum Improvisieren geeignet als andere, und von denen versuchen wir, so viele wie möglich zu spielen, denn das tun wir am liebsten.“

Deshalb enthalten die Kompositionen auch gewissermaßen ab Werk Sollbruchstellen.

„Wenn wir einen Song fertighaben, denken wir darüber nach, wie es wäre, ihn zweihundertmal zu spielen. In den letzten Jahren haben wir in jeden Song eine oder zwei Stellen eingebaut, an denen wir anfangen können, zu improvisieren.“

Abwegig wäre es übrigens zu vermuten, die traumwandlerisch sicheren Improvisationsausflüge im Hause Motorpsycho entstünden beispielsweise unter einem exzessivem Einfluß körperfremder Substanzen.

„Wenn du psychedelische Musik machen willst, mußt du wissen, was ein psychedelischer Geisteszustand ist. Du mußt wissen, welche Erfahrung du mit deiner Musik in Verbindung bringen willst. Aber um das zu tun, muss ich total nüchtern sein. Vielleicht zwei oder drei Bier bevor ich auf die Bühne gehe, aber ich muß sehr fokussiert sein, um psychedelische Erfahrungen übersetzen zu können. Wie Ken Kesey sagte: Wenn du die Pforten der Wahrnehmung einmal geöffnet hast, mußt du sie nicht immer wieder öffnen, um zu wissen, was es damit auf sich hat.“

Dieses Wissen effektiv zu reproduzieren, gelingt ihnen offenbar zunehmend. Wo früher ihr Publikum Bier trank und mitsang, wird heute innig gelauscht.

„Was ich schön finde ist, daß die Leute selbst in den ruhigen Momenten still sind. Es macht so viel mehr Spaß, zu spielen. Es mag ja ein etwas altmodischer Gedanke sein, daß die Leute in einem Konzert sitzen und nach den Stücken klatschen, oder nach einem Solo. Wir kriegen das jetzt. Das ist witzig.“

Tja, altmodisch … Motorpsycho klingen danach, als müßte es von ihnen mal ein Live-Doppelalbum geben.

„Darüber machen wir seit dem ersten Tag Witze. Ich habe den Ehrgeiz, eines Tages nach Japan zu gehen, und das ‚Live at Budokan‘-Doppelalbum zu machen. Es ist noch nicht passiert, aber es wird vielleicht geschehen.“

Motorpsycho haben aber auch noch eine andere Seite. Zwischen den Alben veröffentlichen sie kleinere Formate voller skurriler Spielereien oder auch mal eine Filmmusik in ländlich amerikanischer Stilistik.

„Alles war wir tun, ist Motorpsycho. Motorpsycho ist, was wir entscheiden, das es ist. Wenn wir ein skandinavisches Folk-Album machen wollen, dann machen wir es als Motorpycho. Wir verspüren nicht den Drang, es anders zu nennen. Es kann alles Motorpsycho sein.“

Vor zehn Jahren


taz Bremen 26.5.2003

Zynischer Humanismus

Die New Yorker Hardcore-Legende „The Seconds“ in der Tower-Bar: Kantig, laut, kompliziert, hysterisch

The Minutemen machte ihren Namen zum Programm: Was zu sagen war – und das war eine Menge – sagten sie in Songs von eineinhalb Minuten Länge.

Die Seconds aus New York könnten auf andere Weise ihrem Namen gerecht werden: Weil ihr Schlagzeuger Brian Chase auch bei den Yeah Yeah Yeahs spielt, die gerade zum nächsten großen Ding des neuen Rock ausgerufen werden, könnten die Seconds mittelfristig zur zweiten Geige verdammt sein. Weil sie Eigenschaften haben, die nie wirklich hoch im Kurs des Geschäfts standen: Kantig, laut, kompliziert, hysterisch – kurz: wirklich aufregend.

Zwar teilen sie mit den Yeah Yeah Yeahs, Liars, The Faint und Radio 4 sperrigen New/No-Wave und Postpunk als Inspiration, aber anders als jene nehmen sie den künstlerischen Anspruch hörbar ernst, zu verstören, durchzuschütteln, über das hinauszugehen, was zur Zeit zu sagen sich schickt. Dinge herauszuschreien, die weh tun – auch wenn man sie nicht versteht.

Für die alten Säcke sei gesagt, dass hier das Erbe von Devo, Gang Of Four und eben auch den Minutemen in manischer Manier verwaltet wird, ein Sinn für Humor herrscht, der den zynischen Humanismus des frühen New Wave atmet – „Burning Up“ von Madonna mit Leichtigkeit in ein neues, aufregendes Gewand kleidend.

Ein weiterer Tipp für diejenigen unter Ihnen, für die zuletzt die Konzerte von Erase Errata und den Numbers zu den Highlights zählten, sind die Ex Models, die sich einen Gitarristen mit den Seconds teilen. Eine ähnliche Rezeptur, jedoch noch überdrehter, komplizierter und hysterischer! Manchmal darf man an Melt Banana minus Grindcore denken. Von ihren Shows erzählt man Wunderdinge. Bitte notieren Sie sich das!

Nachgereicht


unreleased bonus text:

Vielschichtiger Lärm

Wolf Eyes aus Ann Arbor in der Friese in Bremen.

Wieder einmal waren es Sonic Youth, die Wolf Eyes sozusagen entdeckten und einem größeren Publikum vorstellten: Vor knapp zehn Jahren lud die New Yorker Avantgarde-Institution Wolf Eyes ein, sie als Vorband auf Tournee zu begleiten. Dabei stand allerdings von vornherein nicht zu befürchten oder – je nach Standpunkt – zu hoffen, dass Wolf Eyes eine ähnliche Karriere bevorstehen würde wie Nirvana, die einst ebenfalls als Vorband von Sonic Youth unterwegs waren und ihnen auch sonst nicht wenig verdankten. Daran änderte auch nichts, dass das ehemalige Nirvana-Label Sub Pop Records zwei Alben von Wolf Eyes veröffentlichten. Sie sind dann doch schlicht zu sperrig, zu radikal, zu laut. Dabei sind Wolf Eyes durchaus eine geschichtsbewusste Band und keine Bilderstürmer. 2006 nahmen sie sogar ein Album mit dem Jazz-Neuerer Anthony Braxton auf.

Auf der Bühne wirken Nate Young, John Olson und Jim Baljo eigentlich aus wie eine bunt zusammengewürfelte Rock-Band: Baljo mit wüstem Bart und langen Haaren, Young in existenzialistischem Schwarz, Olson mit einer Jeansweste, auf der hinten das Logo der Punkband Broken Bones prangt.

Und ihre Musik hat durchaus Rock-Qualitäten. Ihre Stücke sind hörbar komponiert, wenigstens in den Grundstrukturen, und sie werden beinahe stets von üblicherweise missgestimmten Beats angetrieben, die durchaus subtilen Groove haben können. Darüber liegen dann mehrere Schichten Noise, der aus Baljos elektrisch verstärkter und durch eine Reihe von Effektgeräten verfremdete Gitarre und geheimnisvollen Kisten mit rätselhaften Knöpfen quillt. Dazu bellt Nate Young mit verzerrter Stimme seine Botschaften. Bei genauem Hinhören klingt mal Kraut-Rock durch, mal Free Jazz, mal Heavy Metal. Und natürlich Industrial – die wohl radikalste ästhetische Ausformung der Punk-Ära.

Nach dem Auftritt von Wolf Eyes spielte John Olson unter dem Namen Henry & Hazel Slaughter, eines seiner nahezu unzählbaren Nebenprojekte, ein Set vor, das deutlich unterscheidbar, aber nach ähnlichen Parametern funktionierte, mehr Beats, mehr Lärm. Ein Beweis, dass Noise als musikalisches Genre vielfältiger ist, als es an der Oberfläche scheint.