Post 200: Noch ein „Vor zehn Jahren…“, diesmal die entsprechende Kolumne im TRUST (leutselig waren wir, das will ich wohl zugeben)…


SOMMERZÄHNE

 

„They’re tearing up streets again“

Meine Spaziergänge führten mich immer weiter durch die Parks und Auen der Stadt. Nicht wirklich weit genug vielleicht, aber immerhin weit genug, um nicht auf all die zufriedenen und unzufriedenen Bürger und Bürgerinnen dieser Stadt zu treffen und ihr Geschnatter zu hören. Es war möglich, ohne fortwährend zu erschaudern oder Unterschlupf vor dem alles benetzenden Regen suchen zu müssen, auf Parkbänken Zigaretten zu rauchen. Das war schon eine verdammte Verbesserung.

Es würde in den nächsten Monaten also haufenweise Gelegenheit geben, sich an den wenigen Dingen zu erfreuen, die einfach so auf der Straße lagen, und jenseits davon, auf der anderen Seite, wo es zwar nicht von hier aus betrachtet, aber immerhin einer alten Volksweisheit gemäß stets grüner war.

Die meisten Volksweisheiten waren sowieso entweder aus dem Faust gestohlen, oder von Martin Luther, und man kann sich ausmalen, warum diese Weisheiten so gestrickt waren, wie sie waren, wenn man sich anschaute, wer sie erdacht hatte. Trotzdem, der Faust hatte seine Reize, vor allem, wenn man in der Schule ein wenig über Metrik gelernt hatte. Das hatte der Alte wohl verstanden, seine dürftige Geschichte über einen alten Sack auf Sinnsuche in zahllose meisterlich gedrechselte Verse zu verpacken. Und Luther? Nun ja, seine Verdienste für die deutsche Sprache konnten einem gestohlen bleiben, es hätte nicht sein gemusst. Und dem Volk hätte er weniger aufs Maul schauen sollen als vielmehr ihm darauf … Andererseits hatte er ja für sein Anliegen bei diesen Leuten ein offenes Ohr gefunden. Was hätte er also an ihnen auszusetzen haben sollen?

 

„I am your pamphleteer“

Eigentlich konnte der alte Goethe einem da schon sympathischer sein, hatte er doch immerhin eine ausgesprochene Vorliebe für die ganz materiellen Genüsse, der alte Schwerenöter. Aber da war dann wieder dieses öde „Laboremus“, mit welchem er den zweiten Teil des Faust ausklingen ließ. Voltaire! Auch dem fiel nichts besseres ein als seinen Candid am Ende seiner Odyssee einen Garten bestellen zu lassen, nachdem der nichts weniger als ein Paradies in Amerika gefunden hatte, wo das Gold auf der Straße lag und sich eben deshalb niemand drum kümmerte und dafür lieber den volkseigenen Reichtum genoss – aber da gab es schließlich seine Kunigunde nicht… Es mag ja ganz befriedigend sein, ab und an zu arbeiten, aber muss man sich dann unbedingt noch eine Moral draus machen? Wenn es wirklich so eine tolle Sache wäre, könnte man die Leut doch von allein drauf kommen lassen – und wenn sie es nicht täten, wäre es nach dieser Logik schließlich ihr eigenes Pech.

 

„Winter dies the same way every spring“

Der Winter war jedenfalls lang genug gewesen, dass die Leute das bisschen mehr Licht, das bisschen mehr Wärme als neuen Kitzel für die Sinne empfanden und darüber für ein Weilchen vergaßen, was ansonsten für besoffenes Geschimpfe oder anderes Gemecker sorgte.

Zwischendurch nässte es natürlich immer mal wieder gründlich ein. Diese Stadt wäre nicht ohne den Regen, nehme ich an; wie in diesem Roman von den Strugatzkis, ich meine es war „Das lahme Schicksal“, wo das Ende des Regens nichts weniger begleitet als den völligen Niedergang, den Auseinanderfall des Bestehenden. Wahrscheinlich steckt irgendein tieferer Sinn dahinter. In dem Roman, meine ich. Man kennt ja diese Russen.

 

„I’m back with scars to show“

So war das, und auf einmal war das alles egal – mir jedenfalls. Die Sonne begann zu scheinen, von oben herab, ganz die arrogante Tour, von der Seite, scheel, und aus meinem Hintern, ganz unverfroren – die gelbe Sau, wie mein Mitbewohner sie zuweilen nannte, oder auch eine ganz exzeptionelle Droge, wie ich einmal bemerkte. Was für ein Leben! Zeit, diesen alten Satz wieder auszupacken und ihn beim weißen Wein zu deponieren, um ihn hin und wieder zu murmeln, wissend, dass einen dieses zuviel an allem – Arbeit, Wärme, komischerweise auch so aus der Mode gekommen zu sein scheinende Dingen wie Konzerten mit der eigenen Band und Sex sowie Spaßhaben auf mehrtägigen Open-Air-Festivals – schon etwas debil machen konnte, da sämtliche weiteren Interessen, die man hätte auf den Weg bringen können, Makulatur waren. Aber was willst du machen – auch wenn dich sonst kaum jemand danach fragt -, wenn du nach ein paar Stunden Schlaf um die Mittagszeit auf dem Rasen liegst, eine Band freundliche Songs darüber singt, wie lange es dauern könnte, die Vereinigten Staaten zu Fuß und allein zu durchqueren, während die Sonne durch die versprengten Wolken bricht, die den Tag so lange noch überstanden haben? Ein erstes Bier, eine erste Zigarette und dann dem leisen Schmerz, dem Rest der Nacht als letzter Gegenwart schon fast wieder vergangener Lust nachzuhängen und zu beobachten, wie sie in die neue Gegenwart übergeht.

 

„We’ve got a lot of time. Or maybe we don’t (…)“

Dann gaben sie mir auch noch den Job, für die Illustrierte etwas über Sex im Freien zu schreiben, und der nahe liegende Gedanke, dann aber erstmal Empirie betreiben zu müssen, Recherche, falls sie wissen, wovon ich spreche, während draußen vor dem Fenster irgendwelche Leute die Zeit ihres Lebens feiern, indem sie nächtens mit dem Cabrio bei mir vor dem Haus vorbei fahren und mich wissen lassen, dass sie es gern bei furchtbarem HipHop tun. Es hat ja keiner eine Ahnung, wie aufreibend so ein Job ist, wenn man nebenher noch versuchen möchte, so etwas wie ein ausgefülltes Privatleben zu haben, was wiederum nicht so schwer auszufüllen ist, wenn so viel der übrigen Zeit aufzuwenden ist, um merkwürdige Geschichten für Leute zu schreiben, dass die Mengen freier Zeit ohnehin recht schmal ausfallen.

 

„Let’s go play on a baggage carousel“

Unsereins hatte allerdings ohnehin wenig zu tun, wenn jene Monate dran waren, in denen alle Welt ans Mittelmeer oder Indonesien fuhr, weil es da netter war, zumindest am Mittelmeer (Indonesien kenne ich nicht, und nichts zieht mich wirklich dorthin). Auch wenn mir neulich jemand mitteilte, man habe am Mittelmeer die Busse abgeschafft. Egal – was brauch ich einen Bus, wenn die Sonne scheint und überall rote Weine aus den Regalen sprießen, die Zigaretten nur die Hälfte kosten und ich die ganze Nacht in meinem voll geschwitzten T-Shirt durch die Gegend laufen kann, je nach Geschmack auch flanieren und – wenn es die Geographie in ihrer unendlichen Weisheit gestattet – vielleicht sogar promenieren und am allerbesten noch bigamieren?

 

„In love with love and lousy poetry“

Das Besoffensein vom Müßiggang, vom schwülen Wind, von den Wiesen am Fluss und dem Geruch von Nacht, dem Gebrüll morgendlicher Vögel, das sich mit dem erster Straßenbahnen und anliefernder Lebensmittelgroßhändler aufs Lieblichste vermischt, während der Schweiß auf der Haut nach anderen Körpern riecht. Bisweilen vielleicht noch durchs Fenster der Ruf eines den richtigen Zeitpunkt verpasst Habenden im wolkenlosen Blau des Morgens.

Was ich damit sagen will, ist wenig. Gerade ging die Tür, kurz vor Mitternacht und einige Leute kamen herein, die ganz ähnlich bescheuert kichern und von dem ganzen Hitzeschwall ganz high sind, und sie haben Wein und Melonen mitgebracht von ihrer seltsamen Fahrt durch diese Sommernacht. Morgen wird vieles davon vergessen sein, weil es Verhinderungsgründe dafür gibt, die gedankenlose Euphorie eines Augenblicks durch Erinnerungsleistungen für länger als einen Augenblick hervor zu rufen. Deshalb von hier nur die kurze Mitteilung, dass es schön ist, just jetzt an diesem Ort zu sein. Und die Feststellung, dass es ein angenehmer Gedanke ist, damit nicht ganz allein zu sein. Wundert euch also bitte nicht, wenn ich ungewöhnlich versöhnlich schließe. Ein paar von euch sind durchaus gemeint.

 

Yours truly,

 

stone

 

Diese Kolumne wurde mit freundlicher Unterstützung verschiedener Weakerthans-Songs hergestellt.