Vor zehn Jahren – continued


THE WEAKERTHANS

Left And Leaving

B.A./INDIGO

THE BEAR QUARTET

My War

A WESTSIDE FABRICATION/INDIGO

Zwei Bands, die unaufdringlich freundliche Songs spielen. Zwei Bands, die ganz ohne klangliche Offensive auskommen, ohne den Drang, eine musikalische Revolution anzuzetteln, auch wenn sie beide mit einer politischen Revolution durchaus sympathisieren mögen. Die Weakerthans aus Kanada sind immer noch eine Punkband, so wie Jawbreaker eine waren. Ihre Songs haben manchmal laute Gitarren, wenn auch schon lange nicht mehr so viele wie auf „Fallow“. Und wie Jawbreaker erzählen sie Geschichten, in denen ganz profane Dinge verhandelt werden, wie das, was eine 40 Stunden-Woche aus einem so machen kann, Songs, in denen signierte Slayer-T-Shirts und Freunde, die längst fortgegangen sind, tragende Rollen spielen. Und manchmal zitieren sie gar aus Marx und Engels.

Das schwedische Bear Quartet lässt es sich zwar nicht nehmen, auf „My War“ sogar ausgerechnet den Opener elektronisch zu verfremden, spielt ansonsten aber im Grunde Folk und verlässt sich auf ein klassisches Instrumentarium. Auch hier werden melancholische Raisonnements vorgelegt, in denen die Verhältnisse nicht nur vorkommen sondern auch Gegenstand sind. „You say the check’s in the mail/I hope it’s not too late/food, food must be paid“, singt Mattias Alkberg in „I Can Wait“. Eine ganz diesseitige Sorte von Songwritertum, die nicht zuletzt aus der Ablehnung der Verhältnisse – nicht der Flucht vor der Realität – ihre Schönheit gewinnt.

Vor zehn Jahren…


STEAKKNIFE

Plugged Into The Amp Of God

(NOISOLUTION/EFA)

Nicht nur, weil Lee Hollis – Sänger von Spermbirds, 2Bad und nicht zuletzt Autor und Vortragender köstlicher Döntjes – bei Steakknife singt, ist dieser stilsichere Verband aus Saarbrücken eine bemerkenswerte Band. Erstens nämlich, weil Steakknife wie sonst niemand in diesem Land schmutzigen Punkrock kultiviert haben. Zweitens, weil sie nur ein Tempo kennen. Drittens, weil Steakknife auch nach mehreren mittelschweren Krisen und diversen Umbesetzungen unverkennbar Steakknife sind. Man mag es mögen, oder eben nicht, aber es besteht kein Zweifel: Auch das dritte Steakknife-Album tut dem keinen Abbruch. Songs wie „I Hope My Girlfriend Thinks I’m Cool“ und „Amp Of God“ stellen ohne Umschweife klar, worum es beim Rocken und somit bei Steakknife geht: In allen Lebenslagen die Haltung bewahren! Auch wenn Papa ein Bulle ist.

Was Beharrlichkeit in Sound und Attitüde angeht, gehören Steakknife damit in eine Reihe mit Bands wie den Cramps oder den Ramones.

(aus Bremer 10/00)

Southern Lord: Home Of Probot (aus TRUST # 105)


Dieser Tage erschien ein Album, das Furore machte: Dave Grohl, der nach seinem Einsatz bei Queens Of the Stone Age gleich ein weiteres Mal seine dullen Foo Fighters vergessen ließ, hatte einen Haufen alter Helden zu einem munteren Ringelpitz mit Anfassen geladen. Cronos (Venom), Max Cavalera (Sepultura, Soulfly), Lee Dorrian (Napalm Death, Cathedral), Lemmy (Motörhead), Snake (Voivod), King Diamond, Kurt Brecht (DRI), Mike Dean (COC), Wino (Obsessed, Saint Vitus etc.), Tom G. Warrior (Celtic Frost) und Eric Wagner (Trouble) liehen Grohl ihre Stimme. Für jeden komponierte Grohl ein Stück, spielte es ein und ließ seine großen Helden dazu machen. Grohl und Genossen gelang es dabei glatt, die Energie des Untergrund-Metal der späten Achtziger in eine zeitgenössische Form zu übertragen. Kein NuMetal-Gekasper, sondern gut abgehangenes Schwermetall in Perfektion. Und wer war für die Veröffentlichung zuständig? Southern Lord – ein Label, das uns in den letzten Jahren mit einem Sack voll hervorragender Alben zwischen Doom, Doom und Brachialmetal versorgte. Besonders bemerkenswert nicht zuletzt die Alben von Sunn O)), auf denen zeitlupenhaft in der Manier von Earth und Lysol-Melvins erschütterndes geschah. Als Sunn O)) in Bremen spielten, traf ich Greg Anderson und Stephen O’Malley, beide an Southern Lord wie Sunn O)) federführend beteiligt, und unterhielt mich mit ihnen über ihre Musik und das Label.

Greg, vielleicht fängst du einmal an mit ein wenig Geschichte. Was hast du vor Sunn O)) und Southern Lord gemacht?

Greg Anderson: Ich spiele seit fünfzehn Jahren in Hardcore- und Punk-Bands. Southern Lord entstand, als ich Steve traf. Wir hatten ein Projekt namens Thorr’s Hammer, aus dem dann die Band Burning Witch wurde. Für diese beiden Projekte gründeten wir das Label, um die Platten herauszubringen. Das war 1989. Thorr’s Hammer war primitiver Blackmetal. Wir hatten eine norwegische Sängerin namens Runhild. Es war vor allem Spaß. Wir waren vielleicht für zwei Wochen zusammen, naja, sagen wir zwei Monate. Aber alle Aufnahmen und Auftritte passierten innerhalb von zwei Wochen. Als Runhild zurück nach Norwegen ging, war es vorbei und wir beschlossen, mit dem Drummer von Thorrs Hammer Burning Witch zu gründen.

Stephen O’Malley: Ich lernte Runhild bei einer Carcass-Show in Seattle kennen, wo wir damals lebten. In Seattle kommst du nicht in Clubs rein, wenn du noch nicht 21 bist. Wir waren beide noch zu jung. Ich war 19, sie 17 oder so, und wir standen beide vor der Hintertür. Als Greg und ich eine Band starten wollten, fragten wir sie. Seitdem seid ihr auf diesen dunklen doomy Kram abonniert?

Greg: Was das Label angeht schon. Stephen und ich waren an schwerer Musik interessiert, aber wir haben beide auch eine große Vorliebe für Jazz, die eher dunklen Sachen wie der elektrische Miles Davis, manches von Coltranes späteren Sachen.

Ihr habt auch etwas für ein Coltrane-Tribut gemacht…

Greg: Ja, das ist eine alte Aufnahme, wo wir „Olé“ gecovert haben. Das ist ehrlich gesagt sehr amateurhaft, aber es war ein cooler Versuch. Wir können sowas definitiv nicht spielen. Ich sehe mich nicht als einen so guten Musiker, der sowas bringen könnte.

Stephen: Spaß.

Greg: Ja, es hat Spaß macht. Das ist der Spirit, denke ich.

Ich frage, weil ich wissen wollte, ob es sowas wie eine Label-Philosophie gibt. Auf der einen Seite gibt es auf Southern Lord experimentelle, extrem langsame Bands, auf der anderen Seite eher rockige Sachen.

Greg: Es hat sich in den letzten eineinhalb Jahren so entwickelt, dass wir auf dem Label exeperimentellere, extremere Sachen gemacht haben, und das ist wahrscheinlich auch die Richtung, die wir beibehalten werden. Es bewegt sich zunehmend von Sachen weg, die eher konservativ sind (lacht) und eher hin zu experimentelleren Sachen. Aber wir werden auch ein paar eher an Deathmetal orientierte Sachen rausbringen.

Ich habe lange keine Deathmetal-Platte mehr gehört, die mir gefallen hätte.

Greg: Es gibt ziemlich viel Mist, aber ich mag den Stil immer noch sehr. Es gab ein paar Sachen, die meine Aufmerksamkeit erregt haben. Ich versuche das nicht zu sehr festzulegen. Wir sind kein Doomlabel, wir sind offensichtlich kein Stonerlabel, wir sind auch kein Experimentallabel – wenn die Musik intensiv und schwer ist und ich sie mag, mache ich das.

Du entscheidest also, was erscheint?

Greg: Steve hilft mir ein bisschen. „Gib mir ein Ja oder ein Nein“, so in der Art. Sein Hauptanteil ist das Graphikdesign. 99% der Label-Ästhetik kommt von ihm.

Viele eurer Veröffentlichungen in der letzten Zeit sind auf eine Art Ambientmusik. Ich denke u.a. an Sunn O)) – Wieviele Alben gibt es eigentlich von euch?

Greg: Auf Southern Lord haben wir zwei gemacht. Vor drei Jahren gab es ein paaar Projekte, an denen Stephen und ich beteiligt waren, die wir an andere Labels lizensiert haben. Die ersten Sunn-O))-Platten kamen bei anderen Labels raus, und die beiden Goatsnake-Platten auch. Das haben wir gemacht, bevor das Label wirklich auf eigenen Füßen stehen konnte. Ich wollte außerdem sehen, ob es nicht besser wäre, meine eigenen Sachen nicht auf meinem Label zu haben. Aber ich fand heraus, dass es das Beste ist, es selbst zu machen. Ich denke, dass wir auch in Zukunft alles selbst machen werden.

Woran arbeitet ihr noch musikalisch?

Stephen: Es gibt ein paar Goatsnake-Aufnahmen, die hoffentlich eines Tages rauskommen werden.

Die Band gibt es noch?

Stephen: Ich weiß es nicht.

Greg: Ich und Peter (Stahl) sind noch involviert. Wir haben hier und da Mitglieder verloren oder sie wohnen ziemlich weit weg, wie unser Bassist Rob Holzner, der in Chicago lebt. Wir haben versucht, neue Leute zu finden, aber Pete ist ziemlich oft weg und ich habe viel mit dem Label zu tun, deshalb wissen wir auch nicht, was passieren wird. Wir haben uns nicht wirklich aufgelöst, aber wir sind auch keine funktionierende Band. Wir haben im Sommer 2002 Aufnahmen gemacht, die ich gern rausbringen würde. Und es gibt viel Sunn-O))-Material, das irgendwann veröffentlicht werden wird.

Wie arbeitet ihr als Band? Komponiert ihr zuhause?

Stephen: Ein bisschen. Wir bringen ein paar Ideen mit ins Studio.

Greg: 70 bis 80 % oder mehr sind improvisiert. Die neue Platte ist fast komplett improvisiert.

Spielt ihr auch mit anderen Musikern zusammen? Auf eurer letzten Platte ist ein Merzbow-Remix…

Stephen: Das hat er in Japan gemacht. Wir haben ihm zwei Stücke geschickt. Ein weiteres Stück hat James Plotkin remixt. Das wird auf einer 12″ rauskommen. Auf „White 1“ haben wir mit Joe Preston, Rex Ritter und Runhild gearbeitet, das passierte alles im Studio. Auf „00 Void“ spielen Petra Haden und Pete Stahl mit.

Die man allerdings nicht hören kann…

Greg: Sie sind ein bisschen begraben worden.

Stephen: Es ist Textur.

Greg: Ja.

Ich fand das ganz lustig: Auf dem Cover steht etwas von Violine, Gesang – aber es ist einfach nicht zu hören.

Greg: Wir wollten es nicht so machen, dass da ein Solo von Petra Haden ist, oder der Gesang von Pete.

Stephen: Das musikalische Charisma dieser Leute ist so stark, dass sogar bei dem Stück mit Petra der Charakter der Textur genügt, sie zu repräsentieren. Und es macht den Track ein kleines bisschen anders.

Um auf meine Frage zurückzukommen: Ihr habt gesagt, dass ihr auch an Jazz interessiert seid. Habt ihr daran gedacht, mit Leuten aus dem Jazz oder der Freien Improvisation zu spielen?

Greg: Vielleicht machen wir das mal. Aber ich sage immer: Sunn O)) ist eine Jazzband. (lacht). Es ist meine Jazzband. Das Konzept ist Jazz, die Musik definitiv nicht. Vielleicht machen wir sowas mal. Wir haben in der Tat darüber geredet, vielleicht Sitars und andere ungewöhnliche Instrumente zu benutzen.

Stephen: Akustische Instrumente.

Ist die Musik von Sunn O)) eine Form der Meditation für euch?

Greg: Definitiv, ja. Es gibt da noch einen Track, der erstmal nicht erscheinen wird, auf dem wir mit Attilla Csihar der bei Mayhem und Tormentor spielte und jetzt Aborym macht, und das Stück ist ein pures Meditationsstück für mich.

Stephen: Er macht diese wirklich dicht geschichteten Sanskrit-Chants, das klingt wirklich rituell.

Diese Art von Musik ist oft mit metaphysischen Konzepten verbunden. Könnt ihr damit was anfangen, seht ihr sowas in der Musik, oder ist es einfach eine spezielle Sorte von Spaß?

Stephen: Ich denke, wenn du in dieser Geschwindigkeit und Lautstärke spielst und in solch einer Dichte, wird es ein Werkzeug, mit dem du Zeit verbiegen kannst. So erfahre ich es, diese Art von Musik zu spielen.

Du spielst auch in Khanate. Ist das eine funktionierende Band?

Stephen: Es ist disfunktional (lacht), aber wir proben und so, versuchen Shows zu spielen. Im Moment arbeiten wir an unserem zweiten Album, den Mix machen wir am Computer und das braucht viel Zeit. Im Moment machen wir abgesehen davon nicht viel. Aber es es ist eine funktionierende disfunktionale Band.

Als ich las, wer da mitspielt, dachte ich, das ist die Cream of Doom. Es scheint eine sehr kleine Szene zu sein, in der die selben Leute immer wieder auftauchen.

Stephen: Man kennt sich nach einer Weile, redet miteinander. Die Leute sind ziemlich offen dafür, miteinander zu arbeiten. Es macht Spaß, neue Sachen zu machen, neue Leute zu treffen.

Greg, kannst du von dem Label leben?

Greg: Im Moment trägt es sich, es ist nicht viel Geld im Spiel. Ich lebe ziemlich billig und ich stecke viel Zeit hinein. Aber uns ging es ganz gut in den letzten Jahren.

Wie sind die Reaktionen auf die Live-Show von Sunn O))?

Greg: Wir spielen nicht sehr oft, vielleicht zwei Shows pro Jahr. Die letzen Shows waren toll. Letztes Jahr spielten wir ein Konzert in Portland, und es war großartig. Dann spielten wir auf dem SXSW auf einem Southern-Lord-Label-Showcase, und auch die Show lief wirklich wirklich gut. Bei manchen unserer frühen Shows haben die Leute es einfach nicht gerafft – wenn überhaupt jemand kam. Wir haben vor drei Jahren eine Tour mit Goatsnake und Orange Goblin gespielt, und manche Shows waren okay, bei manchen Shows legten sich die Leute auf den Boden oder auf die Bühne – wir hatten sie eingeladen, auf die Bühne zu kommen – und das war toll.

Stephen: Ich glaube diese Tour hat uns für ein Publikum interessant gemacht, dass sich unsere Platten vielleicht nie angehört hätte.

Zuhause kannst du dir das auch kaum in der erforderlichen Lautstärke anhören…

Greg: Genau. Nachbarn und so.

Und in der Disco wirst du es auch nicht hören…

Greg: Aber jetzt scheint es so, dass sich Leute dafür interessieren, und das ist natürlich gut für uns.

Was ist mit Drogen?

Greg: Hast du welche? (lacht) Als wir mit der Band anfingen, waren Drogen wahrscheinlich ein wichtiger Teil der Band. Ganz einfach weil wir Drogen nahmen und miteinander rumhingen. Aber bei allen Shows, die wir gespielt haben, waren wir ziemlich nüchtern. Das finde ich ziemlich cool, wenn du die Musik oder die Sounds dich an andere Orte bringen lässt. Ich mag es gar nicht, zu fucked up zu spielen, weil die Chemie zwischen den Musikern nicht funktionieren oder es länger dauern würde, in die richtige Stimmung zu kommen.

Stephen: Es passiert soviel bei improvisierter Musik, was du nicht erwartest.

Ihr spielt aber bei den Shows die Stücke von den Alben?

Greg. Ja. Wir nehmen Teile und benutzen sie als eine Art nurse log (ein Stück Holz, das im Wald liegt und neue Triebe hervorbringt).

Die wichtigsten Southern-Lord-Platten bis zum Zeitpunkt des Interviews:

THORR’S HAMMER – Dommedagsnatt

BURNING WITCH – Crippled Lucifer

THE OBSESSED – Incarnate

ELECTRIC WIZARD – Supercoven

GOATSNAKE – Dog Days

THE WANT – Greatest Hits Vol. 5

MONDO GENERATOR – Cocaine Rodeo

INTERNAL VOID – Unearthed

WARHORSE – As Heaven Turns To Ash

BORIS – Absolutego

CHURCH OF MISERY – Master Of Brutality

PAUL CHAIN / INTERNAL VOID – Split-7″

GOATSNAKE – Flower Of Disease

KHANATE – std.

SUNN O)) – Flight Of the Behemoth

PLACE OF SKULLS – Nailed

SPACEBOY – Searching The Stone Library For The Green Page

EARTHRIDE – Taming Of The Demons

SOURVEIN – Will To Mangle

GRIEF – Turbulent Times

SUNN O)) – White 1

BORIS – Amplifier Worship

PLACE OF SKULLS – With Vision

KHANATE – Things Viral

PROBOT – Probot

http://www.southernlord.com

Martin Büsser ist tot


Große Scheiße – viel mehr kann ich da auch nicht sagen. Ich weiß nicht mehr, wieviel schöne Musik ich durch den Mann kennen gelernt habe. Und nicht selten habe ich mich auch mal geärgert, über Sachen, die er schrieb. Aber man konnte auch hervorragend mit ihm streiten, zu Rotwein und Zigaretten. Hätte man vielleicht öfter machen sollen… Nicht nur deswegen: zu früh. Viel zu früh.

Idaho „The Lone Gunman“ (aus INTRO # 135)


Der flache Einstieg: Kommt Jeff Martin zum Psychiater. Sagt der: „Sie leiden also unter Schwermut.“ Antwortet Martin: „Wie kommen Sie denn darauf? Ich genieße sie!“

In anderen Worten: Kaum zu fassen, wie dieser Melancholiker vor dem Herrn immer wieder solche Seufzer von Songs in den Abendhimmel entlässt, alter Schwerenöter der… Inzwischen scheint er auch allein in Idaho zu sein, was aber seine Laune nicht wesentlich verschlechtert hat. Wobei ja eben ohnehin von schlechter Laune bei Idaho nicht ausgegangen werden sollte. Immer ist es das zwar schmerzliche, aber doch stets schwelgerische Auskosten unerfüllter Sehnsüchte. Und diesmal erlaubt er sich sogar ein schelmisches „You Flew“, wo die Basslinie von einer Tuba, gespielt vom einzigen Gastmusiker dieses Albums, in Quintschritten ausgeführt wird. Auch sonst erschließen sich Idaho immer wieder neue Facetten des Melancholischen. Die einst prägenden singenden Feedback-Schlieren sind auf „The Lone Gunman“ zurückgetreten, wirken eher hintergründig, wenn sie aber nach vorn kommen, wie in „Where The Canyon Meets The Stars“, dann kommen sie gewaltig. Verstärkt spielt Martin Klavier, wirft auch mal eine Beatbox und den Computer an, ganz dezent. Und dann ist da natürlich immer noch diese Stimme, reif, brüchig, dunkel. Es wird (mal wieder) Zeit, Idaho zu entdecken.

Was macht eigentlich Gary Floyd?


BLACK KALI MA

„You Ride The Pony (I’ll Be Your Bunny)“

Mit Platten von Gary Floyd, zumindest denen, die er nach den Dicks gemacht hat, und erst recht denen nach Sister Double Happiness ist das ja so eine Sache, weil der Rock, den seine jeweilige Band spielte, stets eine ausgeprägte Tendenz zur Unspektakularität zu haben pflegte, oft eine geradezu gefährliche Nähe zu verschnarchtem Bluesrock aufwies, dass Leuten, die sich was auf ihren Punkrock-Geschmack einbilden, so gar nicht aufgehen will, was daran Besonderes sein könnte. Und sie bemerken nicht die Momente ergreifender Schönheit, die auch hier, auf der ersten Platte von Floyds neuer Band zu finden sind. Zugegeben: Diese Momente sind meist rar gesät. Wenn Floyd aber beispielsweise auf seinem ’96er-Album ‚In A Dark Room‘singt: „I moved in line with your rejected ones…”, dann hat das so dermaßen Soul, dann ist das ein völlig ausreichender Grund, sich auch durch ‚You Ride The Pony (…)‘ zu kämpfen, um diese raren Momente zu suchen. Diesmal sind sie ganz sicher in ‚Wonderful‘ aufgehoben, in der Bridge von ‚Remain Awesome‘ und vielleicht in ‚Price We Pay‘. Und wahrscheinlich werden auch diesmal lediglich eine kleine Schar Gesalbter und Biafra wissen, warum sie einer Platte Gehör schenken sollten, die ganz ohne jede Ironie Kali gewidmet ist.

(aus INTRO # 73)

Genesis: The Lamb Lies Down On Broadway


Genesis gehörten zu den Bands, deretwegen sich zwei Jahre nach Erscheinen dieses Albums zornige junge Menschen die Haare bunt färbten und den Rock’n’Roll, bei dem Versuch ihn zu töten, neu erfanden. ‚The Lamb Lies Down On Broadway‘ ist eine Platte, die als typisch für die Mitte der Siebziger gelten muss. Über zwei Langspielplatten hinweg erzählen Genesis, damals noch mit Peter Gabriel am Gesang, die verstiegene Geschichte einer Reise durch Kammern mit 32 Türen in eine Welt voller skurriler Gestalten, wie übernatürlichen Anästhesisten oder Howard Hughes in blauen Wildlederschuhen, der an einer Broadway-Parade teilnimmt. So märchenhaft und bizarr wie die Geschichte, klingt auch die Musik, die mit Rock’n’Roll nur noch rudimentär zu tun hat. Mit seinen aufwendigen Kompositionen, die das Vokabular gewöhnlicher Rockmusik kühn überschritten, dramatischen Mellotron-Arrangements, zarten Idyllen und dem chamäleonhaften Gesang von Peter Gabriel ist ‚The Lamb Lies Down On Broadway‘ der eindeutige Höhepunkt des Schaffens dieser Band. Kurz darauf stieg Peter Gabriel aus, um eine Solo-Karriere zu verfolgen. Unter der Ägide des bisherigen Schlagzeugers Phil Collins setzte schließlich der musikalische Niedergang von Genesis ein.

Isis: Keine Aufklärung Schwankend, nicht strahlend (aus TRUST # 140)


Es ist ja nicht so, dass wir hier nicht auch mal intern debattierten, bevor ein Thema ins Heft kommt. Bei Isis zum Beispiel (Wolves In The Throne Room wären ein anderes). Die sind gewissermaßen Stammgäste im Trust. Allerdings: Es gab diesmal Einwände. Oder besser: den Hinweis, es gebe da unselige Verflechtungen, die nicht recht zum heftinternen Konsens passen wollten. Aaron Turner nämlich, Gitarrist und Sänger von Isis sowie Gründer des Labels Hydra Head Records, „spielt in einem Band-Projekt namens Twilight zusammen mit einem Herren von der NS-Black Metal Band Krieg, der sich Lord Imperial nennt und in einem Interview seinem Wunsch Ausdruck verleiht, Mitglied in der NSDAP zu sein, da er mit dieser in vielem übereinstimme“, so habe eine Recherche ergeben. Derartige Verflechtungen sind nun grundsätzlich auch nicht neu. Dass Neurosis gelegentlich nicht nur durch ihre Musik, sondern auch mit – wohlwollend formuliert – etwas einfältigen Äußerungen von sich reden machen, dürfte vielleicht bekannt sein.

Als ich auf die genannten Sachverhalte aufmerksam gemacht wurde, hatte ich das Interview allerdings schon hinter mir. Zudem stand mir als Gesprächspartner Bryant Clifford Meyer zur Verfügung, der auch nach den vorliegenden Informationen unverdächtig ist (auch wenn er natürlich mit einem Musiker in einer Band spielt, der mit einem Musiker in einer Band spielt, der…). Vor allem aber muss ich gestehen: Auch wenn ich gern für Ideologiekritik zu haben bin, habe ich meine Probleme mit derartigen Fahndungen, die derart über Bande spielen. Dazu kommt: So sehr es mir aufstößt, Gedankengut aus faschistischer oder anderer unappetitlicher Ecke in Musik vorzufinden, nehme ich doch lieber Abstand davon, meine Hörvorlieben vor allem nach diesem Kriterium zu sortieren.

Das jüngste Isis-Album „Wavering Radiant“, im vergangenen April erschienen, bietet da allerdings wenig Angriffsfläche. Bandkopf Aaron Turner, der sich ansonsten weigerte, das dem Werk zugrunde liegende Konzept zu kommentieren, wird mit den Worten zitiert, es handele von einem „path of exploration“, Bassist Jeff Caxide ließ durchblicken, Carl Jung habe einen wesentlichen Einfluss auf Konzept und Texte gehabt. Auch wenn es einst Gerüchte gab, Jung habe mit den Nationalsozialisten sympathisiert, und auch einige seiner Ideen nicht eben das sind, was ich so für richtig halte, ist das Konzept von „Wavering Radiant“ unterm Strich kaum greifbar. Und das ist Absicht, wie mich Brant Clifford Meyer informiert:

In der Vergangenheit haben wir über die Konzepte geredet, und die Leute nahmen das irgendwann viel zu ernst. Diesmal haben wir unsere Vorstellung, wovon das Album handelt, und dem Hörer ist selbst überlassen, was er damit anfängt. Es ist jedenfalls ziemlich abstrakt und niemand kann wirklich falsch liegen, soviel ist sicher“, sagt er und lacht.

Der lyrischen Unzugänglichkeit steht eine wachsende musikalische Zugänglichkeit gegenüber. Dass sich die Band diesmal Joe Barresi als Produzenten ausgesucht hatte, der in der Vergangenheit Bad Religion, Tool, Queens Of The Stone Age, die Melvins und viele andere betreute, scheint eine gut Wahl gewesen zu sein, denn laut Meyer habe er es verstanden, die melodischeren Aspekte der Musik von Isis klanglich herauszumodellieren. Dass Isis mittlerweile von Fans zu Freunden von Tool wurden, mit denen sie auch auf Konzertreise waren, könnte daraufhin hindeuten, dass diese Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist. Was dann von den auch auf „Wavering Radiant“ noch immer vorhandenen schweren Riff-Gebirgen wird, bleibt abzuwarten. Bislang gefallen mir die Ergebnisse. Allerdings kann ich auch nicht verhehlen, dass ich diese Band zwar nach wie vor gern höre, mich jede weitere Beschäftigung damit, mit dem Konzept und vermeintlich oder tatsächlich problematischen politischen Gedankengängen allerdings kalt lässt.

Japanisches Rollkommando (aus taz bremen, 13.10.2005)


Du hattest keine Chance: Melt Banana überrollten ihr Publikum am Dienstag im Römer einfach. Es war weniger die Lautstärke als vielmehr pure Konzentration. In der Musik der vier Japaner findet sich die (fast) komplette Geschichte abseitiger Popularmusik. Auf der Basis von Grindcore (die schnellste Form des Rock’n’Roll) werden Boogie, Breakbeat, Techno, Rock und reiner Krach verschmolzen. Kein Geschrei, dafür durchdringender, extrem rhythmisierter Mickey-Mouse-Sprechgesang und ein maskierter irrsinniger Gitarrist, der aus seiner Gitarre das ganze Spektrum zwischen Hawkwind, Elmore James und Captain Future abrufen kann. Bass und Schlagzeug stellen dazu das maschinenhaft präzise bretternde Fundament. Nach einem Rundgang durchs Repertoire, zur Mitte hin zugespitzt in einem in wenigen Minuten heruntergebratzten Set aus elf, teils nur wenige Sekunden langen Stücken, folgt die einzige Fremdkomposition des Abends. „Uncontrollable Urge“ von der amerikanischen Wave-Band Devo. In der Vergangenheit spielten Melt Banana an dieser Stelle auch schon mal „Good Vibrations“ von den Beach Boys. Als ob sie die Klischees über Japans bunte Hightech-Niedlichkeit durch Überaffirmation blamieren wollten. Eine derartig radikale Musik mit Pop aufzuladen ist der Trick, der Melt Banana so einzigartig macht. Überwältigend.