Vor zehn Jahren für die taz bremen


kündigte ich ein Konzert der wunderbaren Oma Hans an:

taz Bremen 9.4.2002

Heilbringender Urin

 Lyrik, Poesie, verdammt noch mal: Oma Hans spielen im Schlachthof

Sie sind doch immer noch die Besten, unsere reifen Mitbürger, nicht zuletzt, wenn sie Oma Hans heißen. Die reizende alte Dame dieses Namens trägt deutliche Spuren gelebten Lebens – aus den Vollen natürlich.

Ich frage sie: Was wäre Punkrock ohne Jens Rachut? Anders gesagt: Was ergibt die Reihung „Angeschissen“, „Blumen am Arsch der Hölle“, „Dackelblut“, vielleicht auch „Kommando Sonnenmilch“ und „Oma Hans“? Manche Leute würden sich vor Freude kaum einkriegen, hätten sie nur ein einziges Mal das Fingerspitzengefühl gehabt, ihrer Band einen Namen wie diesen gegeben. Und dann auch noch eine Musik wie diese gespielt zu haben, die zwar (fast immer) Punk und auf Deutsch war, aber nie mit Deutschpunk verwechselt werden konnte.

Jens Rachut war an der Gründung all dieser Bands beteiligt, und wenn wir uns seine Lyrik, ja, verdammt, seine Poesie vor Augen führen, dann liegt der Schluss nahe, dass er ihnen auch die Namen gegeben hat.

Die Lieder seiner neuen Band allein: Mammutjagd in einem steinzeitlichen Sommer, die therapeutische Eignung von Pipi, Eispickel würgen, eine Sorte Stoff, die immer neue Bilder sucht, die jede Heimeligkeit torpediert, zugunsten von Wut, Leidenschaft, schmerzhafter Sehnsucht und musikalischer Seele, im Volksmund auch „Soul“ geheißen.

Die Musik atmet den alten Geist, aber sie atmet eben, anders als bei den ganzen unsäglichen Bewahrern der alten Form. Melodie heißt bei Oma Hans nie Pop, Lärm ist nie Muskelspiel, ihre musikalische Reduktion ist nie stumpf, ihre Stumpfheit nie langweilig.

 

Vor zehn Jahren für INTRO besprochen


BENGUELA

DIGITAL INABILITY

(Rhythm Records; http://www.benguela.co.za)

Südafrika – nicht eben der Ort, an den man denkt, wenn es um (zudem noch avancierte) Rockmusik geht, nicht wahr? Umso erfreulicher, wenn einem ein Album wie das der Band Benguela aus Capetown in die Hände gerät, auf dem sich freie Form mit spacigen Ausflügen, krautrockigen Verfahren, Spuren von Dub und Jazz sowie – naja, sagen wir: – Postrock verbindet, wenn denn nicht bei Zusammentreffen der genannten Einflüsse ohnehin schon Postrock herauskommt. In Gänze live aufgenommen im klassischen Trio-Format zeigt „Digital Inability“ Benguela als ökonomisch improvisierende Band, die mit wenigen Strichen andeutet, was sie ausdrücken will.

Benguela sprechen viel von Strömen und Fließen, wenn es um ihr Spiel geht. Das ist der wesentliche formale Aspekt ihrer Musik. Langsam kreisen sie um einen Beat, legen Schleifen aus und schichten sorgsam Töne darauf, ohne auch nur ansatzweise die Stücke zu überfrachten. Und beinahe unversehens ist man im nächsten Stück. Benguela sprechen auch viel über die Landschaft Südafrikas und die Straße von Capetown nach Windhoek in Namibia, und den Film, den sie darüber machen möchten. „Digital Inability“ ist der Score dazu.

 

THE NATIONAL TRUST

DEKKAGAR

(Thrill Jockey)

Liebe machen im natürlichen Licht, so lautet der Titel des ersten Stücks dieses üppigen Albums übersetzt, und die wesentlichen Zutaten – Liebe, Natur, Licht – klingen schon so danach, wovon nicht nur die großen Soul-Sänger immer singen. Die allumfassende Umarmung der Brüder und Schwestern da draußen – womit natürlich, wegen Allumfassendheit, auch Ihr immer mitgemeint seid. Neil Rosario von Dolomite hat mit Mitgliedern von Red Red Meat, Califone, Plush, Bells und Zoom ein wattiges Etwas aufgenommen, das sich am Busen der großen Erlösungsgesten zwischen ’65 und ’75 nährt, Byrds, T. Rex, Buffalo Springfield und wie diese alten Soul-Typen alle heißen. Seriously speaking… das ist noch viel näher am Geist der Bobby Womacks und Curtis Mayfields dieser Welt, als Lambchop es mit „Nixon“ waren. Der Beipackzettel kündet überdies von einer Verwandtschaft zur mittleren Phase Fleetwood Macs – nach Peter Green, vor Stevie Nicks -, zu David Crosbys Solo-Werken, zu Shuggie Otis und den „reicheren Elementen des psychedelischen Soul“.

Der Hund unseres Besuchs stößt die Zimmertür auf und legt sich im optimalen Hörwinkel zu den Lautsprechern, aus denen balsamische Zeilen klingen, „I see no evil in the way you smile“, und grunzt zufrieden, schlaff mit dem Schwanz wedelnd. Wahrscheinlich würden auch meine Zimmerpflanzen kräftig gedeihen und sich zur Quelle der Musik hin neigen, hätte ich denn welche. Ganz herrliche Platte.

Vor fast zehn Jahren…


gaben sich Blohm und Voss sportiv – allerdings weiß ich beim besten Willen nicht mehr, ob ich den seinerzeit schrieb…

taz Bremen 16.4.2002

Unsterbliches auf heiligem Rasen

 Oder: Es geht ein BiBaBobbele in unserm Kreis herum. Blohm & Voss auf der Boris-Becker-Gala-2002

In Gestalt des so genannten Tenniszirkus machte die große weite Welt Station in unserer beschaulichen Stadt. Voss lud seinen Freund Dr. Blohm zur Boris-Becker-Gala in die Stadthalle – um endlich einem alten Geheimnis auf die Spur zu kommen …

Voss: … so sieht also ein Centercourt aus der Nähe aus.

Dr. Blohm: Treffend bemerkt, lieber Voss, findet sich doch hier und heute nur eine einzige Spielfläche.

Voss: Ich hätte gedacht, so ein Spielfeld wäre größer.

Dr. Blohm: Nein, ich denke …

Ein kleiner Mann im Anzug und mit sauber geföhntem grauem Haar springt hinter einem Kleinwagen hervor, der neben der Eingangstür auf einem Podest steht.

Ordner mit grauem Haar: Haben Sie Sitzplatzkarten?

Voss: Selbstverständlich.

Schweigen. Fragende Gesichter auf allen Seiten.

Dr. Blohm: Wir würden gerne hier stehen bleiben, wegen des Überblicks.

Ordner mit grauem Haar: Überblick, so so. Dieser Bereich hier soll frei bleiben. Ich muss Sie bitten, Ihre Plätze einzunehmen.

Widerwillig, doch ob eines solchen Maßes an Autorität gehörig eingeschüchtert, trollen sich Blohm & Voss.

Hallensprecher: … Bahrami, bekannt für seinen iranischen Laisser-faire-Stil …

Voss: Hihi. Das klingt gut. Wer wohl mehr Ballgefühl in den alten Knochen hat …

Dr. Blohm: … und wer mehr Humor? Das Morgen- oder das Abendland? Fast eine völkische Beobachtung, derer sich der Sprecher da befleißigt. Dieser halbseidene Typ schaut übrigens aus wie die Gecken von Animationskünstlern – in dem Ferienclub, den ich vor Jahren meiner Frau zuliebe besuchte.

Hallensprecher: … Spieler, die so viel Ironie mitbringen, hier so ein Spiel zu absolvieren, das ist doch großartig. Und einen Extraapplaus wert, liebe Bremer…

Voss: Wie viel Ironie muss man mitbringen, um eine so anbiedernde Moderation zu absolvieren?

Dr. Blohm: Das solltenwir lieber draußen diskutieren, lieber Voss, lassen Sie uns ein wenig durch die Gänge lustwandeln und diese bezaubernden Menschen betrachten.

Nach einer Stärkung und unter weitgehender Umgehung der zwischenzeitlichen musikalischen Darbietung nehmen die beiden ihre Plätze wieder ein. Becker und Cash spielen sich gerade ein.

Dr. Blohm: … die Schautafel versprach «Varietainment, auf höchstem Niveau.

Voss: Vielleicht auch nur ein müde ausgeleuchtetes Altherren-Spiel. Oder können Sie mir aus dem Keller ihrer reichhaltigen Bildung die exakte Bedeutung der Formulierung «Kätzchenschminken, hervorklauben, lieber Herr Doktor?

Dr. Blohm: Mit den schummrigen alten Männern sind Sie wohl der Wahrheit recht nahe gekommen, wenn ich mir diese Volte erlauben darf.

Hallensprecher: … zwei, die auf dem heiligen Rasen Unsterbliches geleistet haben …

Voss (murmelt): Da ging’s ja auch um was. Will jemand wie der Boris hier überhaupt gewinnen? Die Gage bekommt er doch sowieso.

Dr. Blohm: Klar will er. Das ist der unbedingte Siegeswille. Ist wie mit dem Fahrrad fahren, Voss, das verlernt man nicht. Genau wie Gottfried von Cramm. Ein großartiger Sportsmann. Der hat selbst im hohen Alter …

Voss: Das Spiel beginnt. Aber was ist denn mit Ihrer vermeintlichen Tätigkeit als Balljunge seinerzeit? Ich hege nach wie vor leise Zweifel am Wahrheitsgehalt dieser …

Dr. Blohm (schreit): … Die Beckerfaust! Die Beckerfaust!

Voss: Sehen Sie, Sie weichen immer aus.

Dr. Blohm: Mitnichten. Ich fühle mich nur an alte Zeiten erinnert. Mein Vater verdingte sich gerade als Schrankenwärter und Stadtschreiber in Bergen-Enkheim, ich war gerade zwölf Jahre alt und hatte die Doktorwürde noch nicht ganz erreicht …

Einige Nachzügler entern, mit sektgefüllten Plastikkelchen bewaffnet, lautstark die Haupttribüne.

Becker (über Lautsprecher): Wer zu spät kommt …

Voss (kichert): Damit hat er ja wohl keine Probleme. Ein Königreich für einen Wandschrank. Ein feiner Sport, den der Herr Becker … wie sagte der Aufpeitscher: salonfähig gemacht hat?! Und dann «Kätzchenschminken, …

Dr. Blohm: Nun ja. War auch nicht ganz korrekt. Schließlich hat der weiße Sport in der Nachfolge Beckers eher einen Popularitätsschub erfahren.

Voss: Den Salon verlassen also?

Dr. Blohm: Genau.

Dr. Blohm gibt sich in der Folge ausführlichen Nacherzählungen deutscher Tennisgeschichte aus der Balljungenperspektive hin, deren Wiedergabe wir uns hier ersparen wollen …

Vor zehn Jahren


Wo sie einen nicht überall hingeschickt haben, die netten Leute von der taz bremen, als die n0ch einen täglichen Kulturteil hatte…

taz Bremen 9.3.2002

Dicke Lippe & Plauze

 Flaming Sideburn’s Sause im Tower

Dass es beinahe wie im „Star-Club“ sei, sagte Cool-Jerks-Gitarrist und -Sänger Wolffinger angesichts des gut gelaunten Mobs vor der Bühne. Die drei Cool Jerks bilden sozusagen eine Sixties-Trash-Allstar-Band. Ihr mit Verve vorgetragenes Rhythm’n’Blues-Repertoire aus prägnanten eigenen Songs und Klassikern hätte zu annähernd jedem Zeitpunkt zwischen heute und 1966 entstanden sein können, ausgenommen vielleicht der Song über den Osterdeich.

Die Flaming Sideburns fackelten im Anschluss ein Feuerwerk aus druckvollem Rock’n’Roll ab, dessen Hitdichte überrascht, da die Band nebst ein paar Singles bislang erst ein einziges Album veröffentlicht hat. Überhaupt durfte an die Rolling Stones in mehrerlei Hinsicht gedacht werden. Vor allem Sänger „Speedy Martinez“ hatte sich tüchtig von Mick Jagger inspirieren lassen. Die dicke Lippe vorgeschoben tänzelte Martinez über die Bühne und präsentierte sich als Rock Animal in enger Leopardenhose. Die unfreiwillige Komik, dass sich über dem Gürtel bereits ein Bäuchlein wölbte, was sich Jagger nie erlaubt hätte, sowie der recht dürftige Wuchs von Martinez, störte das Publikum keineswegs.

Musikalisch haben sich die Sideburns durchaus von ihren Vorbildern emanzipiert. Statt der so filigranen wie stolprigen Riffs von Keith Richards und des delikaten Spiels Mick Taylors gibt es bei den Sideburns solide Power-Chords. Ihren druckvollen Rock variieren die Finnen nur selten, wie in dem hübschen „Flowers“ oder dem surfenden „Lonesome Rain“. Aber das Ziel heißt schließlich „Party“, und das wird auch unmissverständlich verfolgt: Sämtliche agitatorischen Mittel des Rock werden erbarmungslos in Anschlag gebracht, vom Vorklatschen bis hin zum gemeinsamen Absingen.

Bei einem so bewährten Rezept und einem so soliden Repertoire, wie dem der Flaming Sideburns, war es kein Wunder, dass die Fans sich blendend amüsierten und Martinez buchstäblich auf Händen trugen – durch den ganzen Saal. Und das nicht nur einmal.

Zum Frauentag für die taz vor zehn Jahren


 

taz Bremen 9.3.2002

Aziza A.: Queen und Alien zugleich

 Internationaler Frauentag: Die Oriental Hip-Hopperin Aziza A. kommt nach Bremen

1997, deutscher Hip-Hop stand vor dem großen Durchbruch, erschien „Es ist Zeit“, das Debüt von Aziza A., das in zweierlei Hinsicht etwas ganz Besonderes war. Zum einen gab es – neben Cora E. – kaum erfolgreiche weibliche MCs, zum anderen bot das Album eine bis dahin nicht gehörte Verbindung aus Hip-Hop und türkischer Musik. Kein Wunder, dass die Presse sich über die „Queen of Oriental Hip-Hop“ hermachte.

Die in Berlin lebende Tochter türkischer Eltern gerät richtig in Fahrt, wenn es um diese Sorte der Rezeption geht. „Alle denken immer, wir leben und fühlen uns anders. Aber wo ist der Unterschied? Hat das mit der Kultur zu tun, oder wie man aufwächst? Ich denke es reicht, dass wir dauernd auf dieses ‚anders‘ beschränkt werden. Dann hab ich halt zwei Kulturen, na und? Das heißt nicht, dass ich einen inneren Zwiespalt empfinde oder ein verrücktes Verhalten an den Tag lege, wenn man bei mir einen Knopf drückt. Wir werden als Aliens hingestellt. Dabei kann ich dir versichern, dass mein Leben nicht viel anders ist, als dein Leben.“

Dass deutscher Rap nach wie vor in der Hauptsache ein weißes Jungs-Ding ist, hat für sie eine ähnliche Bedeutung – nämlich keine. Ihre musikalische Entwicklung weg vom Hip-Hop, hin zu Breakbeat und Drum’n’Bass, die sie auf ihrem neuen, zweiten Album, „Kendi Dünyam“, vollzog, habe nichts mit dem Zustand hiesiger HipHop-Kultur zu tun, wie sie entschieden betont: „Ich mach mir keinen Kopf, in welchem Beruf oder welcher Kunstform wie viele Männer und wie viele Frauen arbeiten. Ich mache einfach, wozu ich Lust habe. Ich höre gern schwarze Musik, aber dazu gehört auch Jazz, House, Drum’n’Bass. All diese Sachen habe ich in den letzten Jahren intensiver kennen gelernt.“

Die lange Pause zwischen dem Debüt und ihrem neuen Album, zunächst für den türkischen Markt produziert und in Deutschland noch nicht veröffentlicht, nutzte Aziza für verschiedenste Projekte: „Ich habe Fernsehfilme und Theater gemacht, hatte eine Rolle in einer türkisch-amerikanischen Kino-produktion, eine Radio-Show. Außerdem war ich pro Monat ein bis zwei Wochen auf Tour. Das hat mich in meiner Kreativität eingeschränkt. Das war alles sehr schnell und sehr viel, daran muss sich jemand erstmal gewöhnen.“ Dass bei den Angeboten, die nach ihrem Debüt an sie herangetragen wurden, ihre Biographie durchaus eine Rolle gespielt haben mag, ist auch nur die andere Seite der Ausgrenzung.

Vor zehn Jahren für den BREMER aufgeschrieben


le fly pan am /ceux qui inventent n’ont jamais vecu(?)

constellation /hausmusik /indigo

Bei Le Fly Pan Am begegnen wir einem Herrn wieder, der in den letzten Jahren mit der Ambient/Progressive-Rockband Godspeed You Black Emperor von sich reden machte. Mit deren dramatisch schwellendem Pathos, dem orchestralen Ansatz haben Le Fly Pan Am allerdings wenig gemein. Ein schwerer Bass, Schlagzeug, Stromgitarre dominieren ‚Ceux Qui Inventent N’ont Jamais Vecu(?)‘, das zweite Album der Band. Über weite Strecken regiert ein kräftig groovender, knochiger Beat, in dem trockener Funk in der Manier von Post-Punk-Heroen wie Gang Of Four verarbeitet wird. Dabei sind die Stücke von Fly Pan Am durchaus krautrockig ausladend und mit Klangspielen versetzt, in denen sich Einflüsse aus der musique concrete niederschlagen. Zum akustischen Genuss kommt der optische und haptische der Verpackung, die, wie bei dem Label aus dem kanadischen Montreal üblich, in gediegener Siebdrucktechnik auf einem Pappcover gestaltet ist.

 

m. hederos & m. hellberg /together in the darkness

v2

Eigentlich sind sie eher für kräftigere musikalische Äußerungen bekannt, Martin Hederos von Soundtrack Of Our Lives und Matthias Hellberg, Tourgitarrist der Hellacopters. Eines Tages stellten sie ihre gemeinsame Liebe für dunkelblaue Songs in kleiner Besetzung fest. Das Programm für das erste, unbetitelte Album war schnell zusammengestellt. Für „Together In The Darkness“ schrieben die beiden immerhin die Hälfte der Songs selbst und können auch damit durchweg überzeugen. „It Won’t Grow“ und der Titelsong haben selbst das Zeug zum Klassiker. Die andere Hälfte des Albums besteht aus erlesenen Kleinoden wie Tim Hardins „How Can You Hang On To A Dream“, Bob Marleys „Concrete Jungle“ und „Shine A Light“ von den Rolling Stones. Vorwiegend für Stimme und Piano arrangiert, wurden die Songs dezent mit geschmackvollen Bläsersätzen, singender Säge oder auch mal einer verloren jammernden Mundharmonika akzentuiert. Ryan Adams zählt Hederos & Hellberg übrigens zu seinen Favoriten und nahm sie mit auf seine letzte Europa-Tour. Der versteht eben was von guten Songs.

 

firewater /psychopharmacology

noisolution /indigo

Tod Ashley ist Firewater. Einerseits. Andererseits war Firewater auch immer die Summe seiner stetig wechselnden Mitglieder. So bleibt für das dritte Album fest zu halten: Ashleys Stimme, die schon die Alben von CopShootCop unverwechselbar gemacht hat, lässt auch hier keinen Zweifel an der musikalischen Urheberschaft zu; zudem wird jedoch auch offenbar, dass Tod Ashley musikalisch offenbar Abschied von seinem einst bestechendem Entdeckungsdrang genommen hat. War auf früheren Firewater-Alben eine Musikerschar versammelt, die durchaus eigene Akzente z.B. durch Einflüsse osteuropäischer Folklore setzen durfte, hat sich jetzt ein reduziertes Bandprinzip durchgesetzt. „Psychopharmacology“ ist so eher ein klassisches Songwriter-Rock-Album geworden, auch wenn für einige Stücke Bläser- bzw. Streichersätze das Bandformat erweitern. Mit „Black Box Recording“ begibt sich Ashley übrigens wohl zum ersten Mal in balladeske Gefilde, was durchaus einen gewissen Charme hat.

 

brent /is anybody out there?

eigenvertrieb (http://brent.home.pages.de)

Eine verlässliche Größe im Bremer Musikleben sind sie. Beharrlich arbeiten sie an ihrer Version „alternativer“ Rockmusik im Dienste des guten Songs. Die bekannten Bezugsgrößen zwischen Hüsker Dü und Buffalo Tom leugnet der Fünfer nicht, darf aber mit Recht beanspruchen, dass Brent aus den Einflüssen dieser, aber auch neuerer Bands aus dem Spannungsfeld zwischen lauten Gitarren und sehnsüchtigen Melodien, über die Jahre eine eigenständige Form geschaffen haben, die sie selbst BrentCore nennen. Besonders markant ist die Stimme von André Berger, dessen Tremolo in manchen Momenten an R.E.M.s Michael Stipe erinnert, aber auch wesentlich kräftigere Nuancen dynamisch bewältigt. Auf der instrumentalen Seite lässt sich feststellen, dass die Kompositionen und Arrangements der sechs neuen Songs dieser CD mittlerweile erstaunlich ausgereift sind, so dass es eigentlich an der Zeit ist, dass sich endlich eine Plattenfirma dieser Band annimmt.

 

various artists /dope & glory – reefer songs der 30er & 40er jahre (trikont /indigo) Die Legende sagt, Richard Nixon habe Louis Armstrong einst den Trompetenkoffer durch den Zoll getragen und so dessen Eigenbedarf an Marihuana in die USA geschmuggelt. Wahr oder nicht, gekifft haben sie alle, die alten Jazzer (Nixon eher nicht). Und was sie in den 30ern und 40ern darüber gesungen haben, ist hier auf zwei kurzweiligen CDs zusammengetragen.

Vor zehn Jahren in der taz


taz Bremen 2.3.2002

Deutsches Leben verhindern

 Deutschpunk: Die Terrorgruppe spielten im Magazinkeller und machten Laune

Je nach Standpunkt eine gute oder eine schlechte Nachricht vorweg: Das Leben im Feucht-Soziotop namens Deutschpunk ist auch im Jahr 2002 das Immergleiche. Die klassischen Disziplinen: Wer hat den längsten Iro, wer trinkt am meisten Bier. Gern darf zwischen den Gängen eine Runde „Oi-oi-oi“ skandiert werden, oder auch mal ein rituelles „Nazis raus!“ Und ziemlich genau in dem Augenblick, da Hammerhead, die erste Band des Donnerstagabends, sich loszulegen anschickte, schleppte man den ersten vor die Tür, der nicht mehr in sich halten konnte.

Soweit also alles in bester Ordnung. Und Hammerhead sorgten für gute Laune, indem sie sich nuancenarm und in erhabener Stumpfheit durch ihr Programm frästen, wobei sie in etwa zwei Tempi kannten, die sich jeweils halbieren respektive verdoppeln lassen. Die Terrorgruppe macht es sich schon etwas schwerer, hat auch sowas wie musikalischen Anspruch, was vielleicht von Vorteil ist, wenn man nicht nur eine halbe Stunde auf der Bühne stehen will.

Die Terrorgruppe, deren Mitglieder überigens die Eltern großer Teile des Publikums sein könnten, setzt sich aus Ehemaligen famoser einheimischer Hardcore-Legenden wie „Inferno“, „Happy Hour“ und „Hostages Of Ayatollah“ zusammen, die ihre Erfahrungen seit einigen Jahren in der Terrorgruppe erfolgreich verarbeiten. Dass sich über die Jahre ein etwas distanziertes Verhältnis zur eigenen Klientel eingestellt hat, überspielt die Terrorgruppe mit einer Mischung aus Pädagogik und Zynismus. Als aus dem Publikum jemand Terrorgruppe-Sänger Archi anpöbelt, er sei doch stockschwul, antwortet der, das könne sehr gut sein, das sei aber doch völlig uninteressant. Und einer seiner Mitmusiker ergänzt: „Da kann man wenigstens keine Kinder kriegen. Verhindert deutsches Leben!“

Vielleicht wirkt die Terrorgruppe nur deswegen so smart, weil sie sich so deutlich abzeichnen vom gruseldurchschnitt des deutschsprachigen Punkrock. Und wenn sie singen, „Die Gesellschaft ist schuld, dass ich so bin“, dann ist das eine ironische Brechung der simplen Anti-Moral, mit der die Terrorgruppe selbst kokettiert, zu der das Gros ihrer Kollegen schon nicht in der Lage ist. Dass diese kleinen Unterschiede nicht wenigen Fans der Band ein Geheimnis bleiben werden, ist anzunehmen. „Auferstanden aus Ruinen“, das zum Finale vom Band kommt, wird so zu einem Symbol der Hoffnung, dass doch eines Tages noch einmal etwas anderes möglich sein möchte. Die Apokalypse als letzte Chance auf eine irgendwie bessere Welt, deren Anblick notwendig wegen ein paar Bier zuviel verschwommen bleiben muss. Oder so ähnlich.