25 Jahre Trust – Konzert am Freitag im Schlachthof Bremen


 

Ein Vierteljahrhundert Untergrundkultur, ohne Kompromisse, bis heute in Schwarzweiß und das zweitälteste seiner Art: Das Trust-Fanzine feiert sich im Juni selbst.

 

Die Idee war, der blühenden Hardcore-Szene vor allem im süddeutschen Raum ein regelmäßiges Organ zu verschaffen, in dem über Konzerttermine und Plattenveröffentlichungen veröffentlicht wurde, aber auch Entwicklungen in der Szene diskutiert werden konnten: Von Anfang an ging es im Trust um mehr als Musik. Seit im Sommer 1986 die erste Ausgabe erschien, gibt es das Fanzine alle zwei Monate. Damit ist es mittlerweile das zweitälteste seiner Art auf der ganzen Welt. Dabei war das Trust immer wieder vorn dabei, wenn es um neue Musik ging: Nirvana, Fugazi, At The Drive-In waren hier schon lange Thema, bevor der Mainstream darauf ansprang. Und natürlich erweiterte sich mit der Zeit auch das musikalische Spektrum beträchtlich. Und ein Ende ist schlichtweg nicht in Sicht.

Gefeiert wird das Jubiläum natürlich mit viel Punk-Rock. Eingeladen sind No Means No, Leatherface und Sex Jams. Erstere gibt es sogar schon länger als das Trust und sind so etwas wie Seelenverwandte: standhaft gegenüber jeglichen Anwerbungsversuchen durch die Musikindustrie, musikalisch eigenwillig, politisch aufgeweckt. Leatherface gibt es mit Unterbrechungen immerhin auch schon seit 1988, mit ihrem rauen und melodischen Stil haben sie Schule gemacht. Was den 2008 in Wien gegründeten Sex Jams noch bevorsteht. Zu deren Favoriten zählen Sonic Youth und Les Savy Fav, wobei sie diese Einflüsse durchaus eigenständig verarbeiten.

Neben jeder Menge Musik gibt es übrigens auch die Gelegenheit, sich mit alten Trust-Ausgaben zu versorgen!

 

Schlachthof, Fr, 3.6., 20 Uhr, schlachthof-bremen.de

 

Vor zehn Jahren


wählte ich folgende Alben für den BREMER zur Rezension aus:

NEU!

Neu!

Neu! 2

Neu! 75

GRÖNLAND/EMI

Wer in den vergangenen Jahren aufmerksam Interviews mit Stereolab, Tortoise, Radiohead und anderen schwerst unumstrittenen Protagonisten der fortschrittlichen Pop-Musik gelesen hat, wird spätestens dort dem Namen Neu! begegnet sein. Ausgerechnet Herbert Grönemeyer sorgt nun dafür, dass bisher Unberührte nachvollziehen können, was es damit auf sich hat. Auf seinem Label Grönland veröffentlichte er die drei Neu!-Alben, die zwischen 1971 und 1975 entstanden, erstmals auf CD.

Michael Rother, später durch fade Soundtracks aufgefallen, und Klaus Dinger, mit La Düsseldorf zu Ruhm gekommen, hatten die Band nach ihrem Ausstieg bei Kraftwerk gegründet. Ihre elegant-minimalistische, weitest gehend instrumentale Musik, getragen von einem treibenden, ausgedünnten Beat, klingt auch nach dreißig Jahren noch kühn – und kein Stück nach fusseliger Hippie-Verquastheit. Die Blaupause, das Debüt Neu!, begann mit dem zehnminütigen „Hallogallo“, das allein schon zur Legendenbildung genügt hätte. Album Nr. 2 eröffnete 1973 nicht umsonst mit einer deutlichen Remniszenz an dieses Überstück. Weil Rother und Dinger während der Aufnahmen das Geld fürs Studio ausging, bearbeiteten sie zwei Stücke einer bereits erschienen Single, um die zweite Seite zu füllen. Eine archaische Form des Remix: Sie spielten die Stücke schlicht in verschiedenen Geschwindigkeiten noch einmal ab – mit erstaunlichen Ergebnissen.

Neu! 75 ließ dann schon die unterschiedlichen Richtungen erkennen, in die Rother und Dinger wenig später gehen würden. Die erste Hälfte (formerly known as A-Seite) klingt fast schwelgerisch und sehr melodisch, während die zweite Hälfte resp. Seite B Punk antizipiert, wie ihn Dinger später bei La Düsseldorf spielen sollte.

UNIVERSAL GONZÁLEZ

Universal González

TRIKONT/INDIGO

Ein Grenzgang: Vier Leute mit einigermaßen imposanter Vergangenheit in Punk/Bohême-Welten schufen unter dem Namen Universal González ein Werk, das zwischen kühler Distanz und schonungsloser Direktheit, zwischen Bossa Nova, Chanson und Schlager, zwischen beherzter Platitüde und luzider Lyrik, zwischen Leichtigkeit und Tristesse schwingt.

Lieder von Antonio Carlos Jobim, Jorge Ben, Serge Gainsbourg und Genesis P. Orridge stehen bruchlos neben denen von Schlagzeuger Jaques Palminger, der in der Vergangenheit nicht nur als Schlagzeuger von Dackelblut tätig war, sondern auch mit Studio Braun erfolgreich ist. Hier erweist er sich als der exzellente Komponist, den wir in ihm sowieso vermutet haben. Dass er als Lyriker im deutschen Sprachraum in einer eigenen Liga agiert, könnte sich mittlerweile herum gesprochen haben.

Claudia González schließlich – einst bei Goldenen Zitronen und Di Iries tätig – singt die lakonisch melancholischen Geschichten Palmingers mit kühlem Timbre, fast schon kunstlos, und erinnert so ein wenig an eine dunklere Version Astrud Gilbertos, oder vielleicht auch an eine weniger morbide Nico.

 

 

SWIM TWO BIRDS

No Regrets

LAIKA

Mittlerweile hat das aktuelle Line-Up der Bremer Band Swim Two Birds ein neues Level der Kompaktheit erklommen. Frontmann Gu bettet seine Vocals zwischen Rezitation und Crooning in die dynamischen Kompositionen noch geschmeidiger ein. Gitarrist Tammo Lüers, der auch bei Velvetone spielt, sorgt mit seinem Twang-Sound für schummrige Atmosphäre, während die Bläser um Bandleader Achim Gätjen in brillanter Perfektion glänzen. Zwischen Mingus-Bigband-Sounds, kraftvollem Swing, Mariachi-Sounds und sleazy Barjazz, angetrieben von Schlagzeuger Achim Färbers kraftvollem Spiel sind Swim Two Birds bei aller Komplexität immer ganz bei sich selbst. Die beiden Fremdkompositionen, „Hubcaps & Taillights“ und das Perry-Mason-Thema fügen sich nahtlos in das eigene Repertoire ein.

Auch wenn alte Fans möglicherweise den komplexen Hardcore-Jazz-Irrsinn der ersten Alben vermissen werden, ist „No Regrets“ ganz sicher ein Höhepunkt des bandeigenen Schaffens.

Das alles findet bekanntlich seit Jahren direkt vor unserer Haustür statt. Und wer es bislang verpennt hat, dieser großartigen Band seine oder ihre Aufmerksamkeit zu schenken, hole das bitte schnellst möglich nach.

BLINK 182

Take Off Your Pants And Jacket

MCA

Natürlich bedienen sich Blink 182 musikalisch und lyrisch ungeniert bei NoFX, und ganz sicher haben sie auch davon profitiert, was Bands wie die genannten oder Green Day vorbereiteten. Auf diesen Schultern wuchsen sie zu so etwas wie einer Boy-Group für Punkrock-Novizen heran. Ihr erstes Major-Album „Dude Ranch“ von 1997 hat sich mittlerweile über 7 Millionen Mal verkauft. „Take Off Your Pants And Jacket“ dürfte die Erfolgsserie der Band aus San Diego, CA fort setzen. Ein gut gelaunter Chorus jagt den nächsten, ohne Verschnaufpausen brettern sie durch die clever konstruierten elf Songs von „Take Off Your Pants And Jacket“ und machen keine Gefangenen. Songs über Kids gegen Erwachsene, über die ersten Dates, die damit verbundenen Enttäuschungen und den Rock’n’Roll. Mit der damit verbundenen Minimalopposition ‚Kids vs. (spießige) Erwachsene‘ und ihren extrem catchy Songs sind Blink 182 eine ganz klassische Pop-Band, und daran ändert auch der Sinn fürs Zotige nichts, wie sie ihn vor allem bei den zwei Bonus-Tracks der limitierten Ausgabe von „Take Off Your Pants And Jacket“ praktizieren, in denen es zwar mit akustischen Gitarren etwas filigraner zugeht, lyrisch allerdings umso derber.

 

LILLY FROST: Lunamarium (Nettwerk/TiS) Eine eigenartig luftige Pop-Platte, die sich in naiver Nonchalance über die Fallstricke des Mainstream hinweg hebt und dabei so dermaßen charmant bleibt, dass sie ebendort doch wieder landen kann. Eine stilsichere Mischung aus angloamerikanischem Songwritertum und frankophoner Eleganz.

VARIOUS ARTISTS: Alpha Motherfuckers – A Tribute To Turbonegro (Bitzcore/Indigo) Eine illustre Schar setzt dieser großartigen Band ein Denkmal: Nashville Pussy, Bela B. & Denim Girl (aka Blümchen!), Queens Of The Stone Age, HIM, Motorpsycho, Dwarves, Hot Water Music, Therapy? und viele andere huldigen der Punk-Legende.

Wie es der Zufall will…


feierte vor zehn Jahren das TRUST Jubiläum, und zwar im Juni im Wehrschloss (RIP). Damals natürlich ein willkommener Grund, eine Ankündigung für die taz zu schreiben. Dieses Jahr feiert das longest running fanzine seinen 25. Jahrestag, am 3.6. im Schlachthof, mit No Means No, Leatherface und Sex Jams. Damals stand Folgendes auf dem Plan:

Die Vorschau

Another one buys the Trust

 Craving, Chung, Hillside und die Dogtown Boys feiern 15 Jahre Bayerisch-Bremerisches „Trust“-Fanzine im Schloss

Seit eineinhalb Dekaden informiert das „Trust“ über alles, was den Geist von Punk atmet, und – zum Glück – noch viel mehr. Seinerzeit stand auf dem Titel des in Augsburg erscheinenden Hefts noch die Unterzeile „Süddeutsches Hardcore-Magazin“, aber das hatte sich bald schon überholt. Mittlerweile sind Schreiber wie Leser übers ganze Land verteilt. Außerdem verlegte Herausgeber Dolf Hermannstädter eines schönen Tages den Firmensitz nach Bremen (wer einmal in Augsburg war, wird das verstehen) und ein Hardcoremagazin ist das Trust auch nur noch bedingt. Geblieben ist die Leidenschaft für intensive Musik. Und weil fünfzehnjähriger Bestand ein Anlass zum Feiern ist, lädt das Trust ins Wehrschloss und hat dafür ein paar tollen Bands Bescheid gesagt.

Craving stammen aus der Umgebung des Troisdorfer BluNoise-Labels, aus dessen Stall bereits die Gitarrenhoffnungen Blackmail und Scumbucket auszogen, um die Welt zu erobern. Craving sind weniger poppig, spielen stur und sperrig, knochentrocken und zornig. Sie wissen das herzustellen, wonach sich Freunde gepflegt ungepflegten Noise-Rocks seit dem Ende von Jesus Lizard die Hacken ablaufen. Und wenn sie auf der Bühne stehen, sind sie in der Lage für diesen einen Moment die beste Band der Welt zu sein. Eine Band, die das Erbe von Party Diktator antreten könnte, mit ganz eigener Handschrift.

Auf ähnlichem Terrain erfolgreich sind Chung aus Bremen, die es nach einem Sabbatjahr wieder auf die Bühne treibt, wo sie sich besonders wohl fühlen, wie bestätigen kann, wer sie beispielsweise im Vorprogramm des letzten Bremer Fugazi-Konzerts gesehen hat, wo sie auch die Herren aus Washinton, D.C. für sich einnahmen, damals allerdings noch ohne Orgel. Auch hier west fort, was einmal am Ort der heutigen Feier seinen Anfang nahm: nervöse, treibende Rockmusik, bei Chung aber eher gerade als bei Party Diktator, aus denen sie hervorgingen.

Zuvor spielen Hillside aus Münster, die ihre Version von so genanntem Emo-Core aufführen – irgendwo in der Nähe von Texas Is The Reason, Superchunk und Sunny Day Real Estate. In der kurzen Zeit ihres Bestehens haben sie schon mit den Weakerthans, Burning Airlines und anderen näher bis entfernter verwandten Bands gespielt.

Eine Band wurde gar eigens für den heutigen Abend zusammengestellt. Ein paar Fanzine-Schreiber werden sich als Dogtown Boys kreuz und quer und auf und ab durch die Geschichte des Punk und Hardcore kämpfen, wie vorab zu vernehmen war. Zu Gastauftritten anrainender Spezialisten soll es dabei auch kommen, nebst vier Gedenkminuten in zwei Songs zum Tod von Joey Ramone.

Platten


…, die ich vor zehn Jahren für den BREMER aus den Neuerscheinungen auswählte und wie folgt besprach:

WEEZER

Weezer

GEFFEN/MOTOR/UNIVERSAL

Na, wer hätte das gedacht?! Viereinhalb Jahre nach „Pinkerton“ sind Weezer wieder da und das immerhin mit einem geradezu klassisch zu nennenden Pop-Album. In der gebotenen Kürze, die viele große Pop-Alben auszeichnet, beweist Rivers Cuomo, dass er nach wie vor ein vorzügliche Songwriter ist.

Satte Gitarren, unwiderstehliche Hooklines und Harmonien, vielleicht nicht mehr ganz so überdreht wie auf dem gleichnamigen Debüt, aber nicht zuletzt deshalb umso klassischer. Ganz ohne solistische Eskapaden oder sonstige Ausschweifungen ordnet sich hier alles dem Ziel unter, den perfekten Song zu erschaffen. Angeblich soll Cuomo zwar kürzlich gesagt haben, dass er beim Songwriting der neuen Songs vor allem auf die Umsetzung seiner musikalischen Weiterentwicklung geachtet habe und weniger auf die Texte, allerdings hat diese Weiterentwicklung offenbar nicht darin bestanden, neue musikalische Welten zu erkunden. Sie scheint vielmehr innerhalb der Parameter des Weezer’schen Schaffens stattgefunden haben.

Jedenfalls ist jeder der zehn Songs des nicht mal eine halbe Stunde langen Albums eine virtuos ausbalancierte Perle. Und in Scheeßel gibt es in diesem Monat nun auch endlich wieder die Gelegenheit, Weezer auf der Bühne zu sehen. Riecht ganz schwer nach Sommer.

FOETUS

Flow

NOIS-O-LUTION/WARNER

In Bremen gab er vor rund fünf Jahren auf dem letzten Überschall-Festival eine einigermaßen desolate Vorstellung. Da war J.G. Thirlwell, Ikone des Post-Punk-Untergrunds der Achtziger, ganz unten. „Ich dachte, ich würde mit dreißig Jahren tot sein und lebte entsprechend“, teilt Thirlwell mit. „Aber wenn die Realität zuschlägt und du beginnst zu sterben, sagst du dir: Warte mal… vielleicht habe ich meine Meinung geändert – das war der Punkt, an dem ich wusste, ich müsste mein Leben verändern.“ Dass ihm das gut getan hat, hört man seinem überrraschenden, fast im Alleingang aufgenommenen Comeback an. Natürlich hat er nicht begonnen, fortan rosarote Lieder aus Lala-Land zu singen. Seine Songs sind nach wie vor düster, kaputt, schwanken zwischen Jazz, Noise, fies monotonen Samples, Bigbeats und kaputtem Rock. Aber Flow ist kraftvoll, wie lange keine Foetus-Platte war. Was sich mit seinem Gastauftritt auf dem Melvins-Album „Crybaby“ ankündigte, findet hier seine Bestätigung: Mit J.G. Thirlwell ist wieder zu rechnen.

Das nächste Werk steht schon bereit: „Blow“ heißt der böse Zwilling von Flow, der in Zusammenarbeit mit PanSonic, Charlie Clouser (NIN), DJ Food (Ninja Tunes), Kid 606, FM Einheit und anderen entstand, die mit Thirlwell die Songs von Flow elektronisch bearbeiteten. Und bald kommt er auch wieder mit handverlesener Band auf Tour.

TIED & TICKLED TRIO

Electric Avenue Tapes

CLEARSPOT/EFA

Vor einem Jahr trat das Tied & Tickled Trio, das bekanntlich gar kein Trio ist, im Hamburger Westwerk auf. Tobias Levin, der im gleichen Haus sein Studio namens Electric Avenue betreibt, war von dem seitens der Musiker gehegten Gedanken, ein Live-Album aufzunehmen, angetan. In der Tat: Wer das T&TT schon einmal gesehn hat, weiß, wie weit sich die Musiker auf der Bühne von den Studio-Versionen entfernen.

„T&TT live ist von jeher linearer, einfacher ausufernder und mit viel Platz für Improvisation arrangiert“, beschreibt Markus Acher, der wie sein Bruder Micha neben T&TT auch The Notwist betreibt, die Differenz zwischen den Situationen. Weil das Konzert am 10. Juni an technischen Pannen litt, nahm man Tags drauf unter gleichen Bedingungen – lediglich ohne Publikum – noch einmal auf. „Electric Avenue Tapes“ zeigt das T&TT in Bestform. Elektronische Musik, v.a. Dub einerseits und Jazz andererseits gehen hier eine Liaison ein, die den Begriff Fusion mit neuem Leben erfüllt. Zwar erinnert das so manchen an Miles Davis, gleichwohl hat diese Musik nichts mit musealer Traditionspflege zu tun.

Mit einer Attitüde, die sich mit der Punk-Vergangenheit der Musiker erklären ließe, werden aus unakademischer Liebe zu den verschiedenen Stilen die Karten neu gemischt. Hier auch noch die eigenen Resultate des Verfahrens. Auch das ein ziemlich großer Wurf.

VELVETONE

Dark Blossom

CROSSCUT/EDEL CONTRAIRE

Für gewöhnlich werden Velvetone als Roots-Rock-Band angekündigt. Das ist allerdings zumindest ein bisschen irreführend. Wie sie nicht erst auf „Dark Blossom“, ihrem dritten längeren Tonträger offenbaren, geht es ihnen keineswegs um die Reproduktion eines Sounds aus uralten Zeiten, eben von dort, wo fraglos die Wurzeln auch der Velvetone-Musik liegen. Diese Wurzeln sind indes lediglich der Ausgangspunkt. Von hier aus erforschen Velvetone die entlegenen Regionen, die vergessenen Ursprünge des Rock’n’Roll. Dabei erlauben sie sich auch experimentellere Zugänge, wie in „Bad Mood“, wo ein auf Vierspurband aufgenommener Schlagzeug-Beat verzerrt und verhallt die Grundlage für eine psychotische Jam bildet. Überhaupt, der Sound… Live eingespielt und mit großen Räumen entfalten die Songs auf Dark Blossom eine geradezu hypnotische Wirkung.

Nicht zuletzt die handverlesenen Gäste wie Wanda Jackson, der Akkordeonist Willy Schwarz, der schon auf „Big Time“ von Tom Waits zu hören war, oder Evelyn Gramel machen Dark Blossom zu dem bislang facettenreichsten Velvetone-Album. Polka, Zydeco, zwielichtige Mörder-Balladen, kraftvoller Rock’n’Roll und Fremdkompositionen, die nicht den Weg in die Standard-Abteilung gefunden haben. Es bleibt richtig, was einmal im „Superstar“-Magazin stand: Velvetone klingen weder nach Oldie-Band, noch nach Neo-Rockabilly. Große Platte.

SWIM TWO BIRDS

No Regrets

LAIKA

Mittlerweile hat das aktuelle Line-Up der Bremer Band Swim Two Birds ein neues Level der Kompaktheit erklommen. Frontmann Gu bettet seine Vocals zwischen Rezitativ und Crooning noch geschmeidiger in die dynamischen Kompositionen ein. Gitarrist Tammo Lüers, der auch bei Velvetone spielt, sorgt mit seinem Twang-Sound für schummrige Atmosphäre, während die Bläser um Bandleader Achim Gätjen in brillanter Perfektion glänzen. Zwischen Mingus-Bigband-Sounds, kraftvollem Swing, Mariachi-Sounds und sleazy Barjazz, angetrieben von Schlagzeuger Achim Färbers kraftvollem Spiel sind Swim Two Birds bei aller Komplexität und stilistischen Vielfältigkeit immer bei sich selbst. Die beiden Fremdkompositionen, „Hubcaps & Taillights“ und das Perry-Mason-Thema fügen sich dabei nahtlos in das eigene Repertoire ein.

Auch wenn alte Fans möglicherweise den komplexen Hardcore-Jazz-Irrsinn der ersten Alben vermissen werden, ist „No Regrets“ ganz sicher ein Höhepunkt des bandeigenen Schaffens.

Short Cuts

FAST FORWARD: Public Disorder (Moloko+/Target) Musiker der französischen Bands Treponem Pal und Gothic verbinden als Fast Forward höchst effektiv fette Metal-Gitarren, krachige Industrial-Sounds und Hardcore-Techno, einschließlich einer brachialen Version des DAF-Klassikers „Der Mussolini“.

LIFT TO EXPERIENCE: The Texas-Jerusalem Crossroads (Bella Union/EFA) Biblische Bilder, flirrende Gitarren, weite musikalische Räume. Archaisch, episch und ziemlich schön ist die Musik dieser drei Texaner. Angenehme Erinnerungen an My Bloody Valentine und den Gun Club werden wach.

Ein bisschen lustig ist es ja schon


… dass Leatherface genau zehn Jahre nach ihrem Konzert in Bremen mit Hot Water Music wieder hier spielen, oder?

Damals schrieb ich im Bremer:

Flug und Absturz

Leatherface & Hot Water Music

Auch wenn bei Leatherface mal „Punk“ drauf stand und Hot Water Music gern das verkaufsträchtige Label „Emo“ aufgepappt wird, sind beide Bands doch sowohl Geistesverwandte als auch Meister in der Herstellung rauer, allzeit seelenvoller Songs. Die Engländer Leatherface wurden Ende der Achtziger und Anfang der Neunziger nicht zuletzt durch ihre Aneignungen ewiger Pop-Klassiker wie „In The Ghetto“ bekannt, die sie in ein Kleid aus lauten Gitarren kleideten. Die raspelige Stimme von Frankie Stubbs sorgte für einen unverkennbaren Ton, der beim ersten Erscheinen die Presse zu dem recht passenden Vergleich „Hüsker Dü meets Motörhead“ greifen ließ. Vor drei Jahren taten sich Leatherface nach mehrjähriger Pause wieder zusammen und feierten ihr Comeback mit dem Album „Horsebox“, das nahtlos an vergangene Großtaten anknüpfte. Mit „True Colors“ (Cindy Lauper) und Nick Caves „Ship Song“ waren auch hier wieder Klassiker wirkungsvoll spezialbehandelt worden.

Hot Water Music sind etwas jünger und klingen auf ihrem soeben erschienen Album „A Flight And A Crash“ so gut wie nie. Nachdem auf dem BYO-Label eine Split-CD mit Leatherface erschien, sieht man beide Bands desöfteren gemeinsam auf Trebe, wo beide dann regelmäßig nichts anbrennen lassen. Wer wissen will, warum Hot Water Music zu den heißesten neuen Hardcore-Bands gehören, kann das heute im Schlachthof erfahren. Wer es schon weiß, wird ohnehin nicht fehlen.

Der BREMER präsentierte Leatherface und Hot Water Music am 3. Juni ab 20 Uhr in der Kesselhalle im Schlachthof, Bremen.

Nun also am 3. Juni 2011 Leatherface und No Means No im Schlachthof zur Feier von 25 Jahren TRUST.

Vor zehn Jahren für das INTRO


Mumble & Peg

Wenn du nach San Francisco gehst…

…schau ruhig mal in Oakland vorbei. Ein wenig abseits der Metropole und ihrer immer noch großen, aber von den Folgen des E-Commerce-Booms kräftig gebeutelten Szene, auf der anderen Seite der Bucht, treibt die Rockmusik in einem weiteren Sinne schönste Blüten. Zwar sangen schon die Hartwürste von Machine Head von Oakland und der Gewalt auf den Straßen, deretwegen man angeblich auch unbarmherzige Musik zu spielen hätte. Dessenungeachtet hat sich in der überwiegend von der schwarzen Community bewohnten Stadt, von Jess Mowry 1990 in „Oakland Rap“ aufs Desillusionierendste beschrieben, eine farbenprächtige, vielfältige, eklektische und experimentierfreudige Familie zusammengefunden. Vielleicht, weil in Oakland alles etwas überschaubarer ist als in San Francisco, und Shows entweder im Stork-Club, Oaklands einzigem Club für Live-Bands, oder in eher intimer Atmosphäre in irgendwelchen Garagen in Industriegebieten stattfinden, weil es im Grunde genommen nur zwei Studios gibt, in denen Bands aufnehmen können, weil es eigentlich auch nur ein Platten-Label gibt, in anderen Worten die Infrastruktur höchst übersichtlich ist, sind die Bande dieser Wahlverwandtschaft so eng geknüpft.

Enter: Mumble & Peg

Das deutsche Nois-O-Lution-Label übernahm vor zwei Jahren vom Oaklander Label Vaccination Records „This Ungodly Hour“, das zweite Album von Mumble & Peg – seinerzeit vom Kollegen Sandkämper im Intro hellsichtig gewürdigt. Die erste Gelegenheit, im ganz normalen Plattenhandel einen Einblick in die geschilderte Welt zu nehmen, waren die übrigen Veröffentlichungen der Posse schließlich nur über den Flight13-Mailorder erhältlich.

Nun erschien kürzlich das jüngste Werk von Mumble & Peg, „All My Waking Moments In A Jar“, bei Nois-O-Lution (siehe Rezension in Intro 82). Der düstere Folk wurde um aufwändige Arrangements und sporadische Rock-Ausbrüche ergänzt, und der Geist der Vaccination-Posse wirkte auch hier konstituierend. Aufgenommen wurde im Polymorph-Studio von Dan Rathbun, ehedem bei den Artrock-Irren von Idiot Flesh und seither bei Sleepytime Gorilla Museum, sowie bei Guerilla Recording, dem Studio von Myles Boisen, der auf dem Mumble-Album auch als Gitarrist zu hören ist. Desweiteren wären noch die erhebenden Posaunentöne von Tom Yoder bei „Paddock“ zu erwähnen. Yoder spielte bei den mittlerweile nunmehr aufgelösten Eskimo und bei Ebola Soup, zwei Bands, die meisterlich mit der kleinen Form umzugehen wussten und ebenfalls auf Vaccination veröffentlichten.

Das Label „für die alten Männer, die wir gerne sind“ (Venker/Volkmann)

Auf der Vaccination Farm hält Ol‘ Dren McDonald die nicht immer überschtlich geordneten Fäden in der Hand, seinerseits früher mit der Klezmer-Folk-Rock-Band Giant Ant Farm unterwegs, bei denen auch Jenya Chernoff spielte, die nach den Aufnahmen von „This Ungodly Hour“ Chuck Squier bei Mumble & Peg ablöste, der wiederum bei Idiot Flesh spielte, bevor Wes Anderson übernahm, der wiederum mit seiner neuen Band Schloss vor Mumble & Peg spielte, als die vor einigen Monaten im Starry Plough in Berkley ihre neuen Songs vorstellten, wobei ihnen u.a. Dan Rathbun, Myles Boisen und Tom Yoder assistierten. Querverbindungen galore, und man könnte fast ein Buch darüber schreiben (eines Tages werde ich das wohl auch noch tun müssen) oder einen dieser umfangreichen Stammbäume zeichnen, wie es sie in den siebziger Jahren gab, mit noch den zartesten Verästelungen, Bands, Projekten, und Platten. Zur Zeit spielt und singt Dren bei Grndntnl Brnds, bei denen desweiteren eine Sängerin der legendären Band Fibulator singt, Tom Scandura trommelt, den Eingeweihte von der Jazz-Core-Noise-Kapelle The Molecules kennen könnten – noch Eingeweihtere außerdem noch von Spezzo Rota, die italienischen Belcanto mit Vertrackt-Rock der Sorte Eskimo verquicken, wofür der Einfachheit halber gleich ein paar Eskimo-Musiker einstiegen. Da gibt es jedenfalls noch einiges zu entdecken. Demnächst stehen laut Dren bei Vaccination Platten – übrigens allesamt in liebevoll gefalteten Pappcovern oder auch mal Blechdosen – von Rube Waddell, den Red Bennies (ausnahmsweise aus Salt Lake City), Sleepytime Gorilla Museum (feat. Mitglieder von Charming Hostess, Tin Hat Trio, Idiot Flesh) und eine neue von GrndNtl Brnds an.

Good Old Rock – Nothing Beats That

Kehren wir zurück zu Mumble & Peg (ist ja hier sonst ein Fass ohne Boden), die es gar nicht so überraschend finden, dass ihre neue Platte auch mal Lärm schlägt.

Jenya meint: „Es gab schon auf der ersten Single lauten Rock, und die erste Show, die Mumble & Peg je gespielt haben, war eine 45-minütige laute Rock-Version von Brian Enos ‚Driving Me Backwards‘ mit vier Schlagzeugern. Möglicherweise verwandeln wir uns gerade in den Urzustand zurück…“

Im Moment sieht es jedenfalls so aus, als wären Mumble & Peg zugänglicher denn je.

„Zugänglich… Ich hoffe, die Leute hören sie sich an“, äußert Erik etwas skeptisch, Jenya will wissen, ob zugänglich sowas wie Britney Spears meint. „Ich muss kotzen, wenn ich sie höre.“

Erik vermutet, es könnten die lauten Gitarren sein, die meinen Eindruck erwecken, Bassist Matt Lebofsky findet die Platte gut produziert, das mache sie womöglich eingängig.

Bohêmische Lebensführung?

In den Songs von Mumble & Peg wird viel geraucht. Oft sitzt das lyrische Ich in Bars, Plattenläden und Happenings. Das alte Bohême- bzw. Slacker-Ideal einer verlängerten Jugend?

„Ich verbringe viel Zeit mit meinen Katzen. Ich würde das nicht bohêmisch nennen. Meine Katzen sind gute Katzen. Ich rauche. Ich sehe viel fern und sammle Platten. Ich verbringe viel Zeit mit Virginia, meiner Liebsten. Das war’s so ungefähr…“, gibt Erik zum Besten. Matt kann damit schon eher etwas anfangen: „Ich glaube, diese Welt ist zu kompliziert. Um ein funktionierendes Mitglied der Gesellschaft zu sein, musst du sechzehn Jahre zur Schule gehen, den Führerschein machen, wissen, wie man wählt, kocht, den Videorecorder programmiert, und doch werden wir als Individuen weniger und weniger produktiv. Das kann für die Zukunft der Menschheit nicht gut sein. Wir sollten uns nicht darüber sorgen müssen, im Verkehr stecken zu bleiben, sondern zuhause bei unseren Katzen sein.“

Da ist ihnen natürlich Oakland nicht ruhig genug. „Ich glaube das Beste wäre es, dass die Musiker sich zusammentun und irgendwoanders hinziehen, unsere eigene Stadt aufmachen und den Immobilien-Maklern die Bay Area überlassen“, sagt Erik. Ein Leben in Abgeschiedenheit, für die Kunst, mit der ganzen Familie, der Siedlungsgedanke – dann doch wieder recht klassische Bohême-Vorstellungen.

Der unaufhaltsame Aufstieg Oaklands

San Francisco hat explodierende Mieten, Lagerhäuser werden in teure Lofts umgewandelt, bis auf „Bottom Of the Hill“ in der Mission haben die meisten Clubs geschlossen, in denen Bands abseits des Rock-Mainstream spielen können. Neulich wurde auch noch ein gigantischer Proberaumkomplex geschlossen, in dem an die 150 Bands probten. So sieht das aus.

„Ja“, sagt Jenya, „die Explosion der Technologie-Industrie tat ihr Bestes, aus der Bay Area ein kulturelles Brachland zu machen, wo man nicht spielen kann, es sei denn mit einer Coverband auf Firmenparties. Die kleinen Clubs sind dicht und die Musiker geflohen. Keine Frage, die Künste in San Francisco haben gelitten. In Oakland gab es lange keinen Ort zum Auftreten, aber was untergeht, muss auch wieder nach oben kommen. In optimistischen Momenten sehe ich Oakland aus der Asche steigen, während die Dot-Coms abstürzen. Vielleicht ist die Zeit für die Eastbay gekommen.“ Und für den Rock, wie Erik spekuliert: „Bush ist jetzt Präsident und baut eine Menge Mist. Das ist gut für die Musik. Es wird Chaos und Wut geben. Die Leute werden trinken und laute Musik hören wollen, feiern und dem Alltag entfliehen.“

Erik Carter allein auf der Straße

Im April/Mai wird Erik die Songs der neuen Mumble-Platte im Vorprogramm der Nois-O-Lution-Labelmates auch hierzulande singen, allein zur Gitarre. Nicht nur, dass Jud-Sänger/Gitarrist Dave Clemmons ab und an ähnliches tut, auch sonst dürfte das eine höchst willkommene Ergänzung des schweren Alternative-Rock der Kalifornier darstellen.

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