Vor zehn Jahren


fur ich für die taz raus nach Syke:

Sparkassenausbruch

Syke kriegt die Peitsche: The Vandermark Five

Seltsame Begegnungen: Was hat die Kreissparkasse einer norddeutschen Kleinstadt mit der New Wave des freien Jazz zu tun? Die kleine Ansprache vor dem Konzert der Vandermark 5, des Quintetts des Saxophonisten Ken Vandermark, vermochte das nicht zu klären.

Angeblich hätten sich Journalisten der Syker Kreiszeitung vergeblich daran versucht, Vandemarks Musik zu beschreiben: Man stelle sich eine Runde Musikjournalisten vor, die daran verzweifeln, einen Eindruck dessen zu vermitteln, was das Publikum, eher ein konservatives Programm gewohnt, am Samstag erwarten würde. Im April steht das Duo Zuckerbrot auf dem Programm – Vandermark war eher die Peitsche.

Der 40-jährige Saxophonist und Klarinettist brachte seinerzeit Peter Brötzmann in die windige Stadt Chicago, spielte bei der unfassbaren Free-Jazz-Core-Band Flying Luttenbachers, war Gast der Rock-Dekonstrukteure Gastr del Sol. Und schließlich ist er eine feste Größe in der Chicagoer Improvisationsszene. Davon war in Syke indes nicht allzu viel zu hören.

Zwar brach Bassist Kent Kessler immer wieder aus, aber über weite Strecken spielte die Band diszipliniert, akademisch, manchmal fast zurückhaltend. Die sengende Energie einer Free Jazz Session war merklich nicht ihr Anliegen: Post-Bop, Free Jazz, Ballade, strenge Komposition, freie Improvisation – all das war da, nebeneinander, sauber geschnitten. Einem klassischen Jazz-Verständnis zuwider lief auch das Spiel von Tim Daisy, der mitten in „Volunteered Slavery“ von Rahsaan Roland Kirks, in einen straffen Rockbeat verfiel. Im zweiten Set ging es weniger bruchhaft zu, bis die Band im Finale noch einmal explodierte. Nach diesem Ausbruch wirkte die Zugabe gelöst – hier kollidierte dann das eher intellektuelle Jazz-Verständnis der neuen Generation mit dem alten vitalistischen Geist, der zwar allein, aber unerschütterlich den Rhythmus mitklatschte. Ein schönes Konzert. Es geht also: moderner Jazz in der Kreissparkasse.

Vor zehn Jahren


schrieb ich meine letzten Plattenbesprechungen für den BREMER. Mit dabei: „Songs For The Exhausted“ von Naked Lunch:

naked lunch /songs for the exhausted

motor /universal

Manche Platten kommen wie ein Brief von alten Bekannten nach langer Stille. Manchmal ist man – wie hier – beunruhigt, weil die Mitteilung verstörend ist. „Songs For The Exhausted“ ist ganz wörtlich gemeint. Die Songs sind düster, der Optimismus früherer Zeiten dahin. Schon der Opener „God“ schleppt sich dahin, die Stimme bricht. Und trotz der Abkehr von der alten Rock’n’Roll-Schule ist das hier das offensivste, stringenteste Album der Band. In der musikalischen Methode (melancholische Songs, elektronische Instrumente, eine Schar befreundeter Gastmusiker) sind die Lieder für Erschöpfte am ehesten The Notwist verwandt, die einen Parallelweg gehen, der distanzierter von der eigenen Befindlichkeit ist. Naked Lunch geben sich Blößen. Das macht die berührende Intensität dieses wunderschönen Albums aus.