Metal


Vor 15 Jahren schickte man mich zu einem Vortrag, um Grudsätzliches über Heavy Metal zu erfahren:

taz.bremen 14.6.1999

Binäre Phrasierung, Burroughs und brutaler Männlichkeitskult

 Matthias Wichmann, als Lehrer aus Elmshorn fast zwangsläufig auch ein Wanderer zwischen den Welten, erklärt den Heavy Metal

Der vor kurzem umgezogene Brodelpott lädt regelmäßig ein, auf daß wir „Fremdes verstehen – Neues entdecken“ können. Im letzten Monat gab es eine „klingende Einführung in die türkische Musik“, nun wurde mit Unterstützung der Volkshochschule eine „kurze Geschichte des Heavy Metal“ mit dem Referenten Matthias Wichmann angeboten.

Für gewöhnlich sind es christliche Moralisten, die sich dieser ,Teufelsmusik‘ widmen – und dann immer gleich in hundertseitigen Portionen. Oder es gehen Pop-Theoretiker mit adornitischem Theoriebesteck her und stochern – nicht gerade hoffnungsvoll – nach einem subversiven Potential. Und bisweilen macht sich auch einer aus der Szene daran, ’seine‘ Musik gegen die Anwürfe zu verteidigen, die da laut Eintrag in einem von Matthias Wichmann zitierten Rocklexikon lauten: „überdimensionierte Lautheit“, „brutaler Kult der Männlichkeit“, „Musik der unterprivilegiertesten Gesellschaftsschicht mit Hang zum Rechtsradikalismus“.

Wichmann, Lehrer in Elmshorn, nähert sich dem Objekt gleich von mehreren Richtungen. Erstens verfügt er über eine Vergangenheit als Fan, studierte zweitens Musik und Komposition, ist also auch in der Lage, das Phänomen musiktheoretisch zu untersuchen, und drittens ist er eben Lehrer, was zwar nicht notwendig zu jugendschützerischen Ambitionen führt, aber doch des öfteren mit der beruflich bedingten Verantwortlichkeit eine fruchtbare Ehe eingeht.

So erfuhren wir, daß der Begriff ‚Heavy Metal‘ von den Beat-Literaten kommt, genauer von William S. Burroughs, der einst von einem ‚Heavy Metal Kid‘ schrieb. Wir hörten aber auch, daß der klassische Heavy Metal der frühen Achtziger in aller Regel „binär phrasiert“ wurde, und die Sänger sich eher am opernhaften Kunstgesang orientierten als ihre von pentatonischen Bluesskalen inspirierten Hardrock-Vorfahren.

Und es gab noch mehr Interessantes zu erfahren. So habe es Ende der Achtziger eine Generation von Gitarristen gegeben, die durch immer avanciertere Tonleitern rasten. „Tiefalterierte Quinten“ gab es dort ebenso wie Mischungen aus „mixolydischen und chromatischen Skalen“, bis dann Grunge kam. „Sicherlich vielen von Ihnen ein Begriff“, fuhr Wichmann den Anwesenden um den Bart.

Auch die aktuelle Entwicklung war dem Referenten noch ein paar Erläuterungen wert, wobei er vor allem in den etwas abseitigeren Verästelungen des Genres Wissenslücken offenbarte, Black Metal mit Doom-Metal in einen Topf warf und die Liebes-, Schein- und Zweckehen mit anderen Genres, die es auch im Schwermetall immer wieder gab, nur sehr unvollständig referierte.

Das unfreiwillig Erheiternde an so einer Veranstaltung dürfte aber in erster Linie darin bestehen, daß das behandelte Thema für gewöhnlich, wenn überhaupt, nur von komischen Vögeln wirklich ernstgenommen wird. Das Feuilleton rümpft die Nase, und die Fans holen sich einfach nur ihren Spaß ab, ohne großartig ins Theoretisieren zu kommen, wie das ja anderswo durchaus beliebt ist. Übrig bleiben auf der einen Seite christliche Elternverbände, die glauben, ihre Kinder ausgerechnet vor dem Teufel höchstpersönlich schützen zu müssen, und auf der anderen Seite ein paar hartnäckige Fans, die es nicht verwinden können, daß eben gerade ‚ihre‘ Musik nicht ernstgenommen wird.

Ach ja, und der Vorwurf des Rechtsradikalismus ist auch nicht haltbar, nur daß das klar ist. Die meisten Metals sind ganz normale Leute, wie Wichmann erläuterte, die, wenn überhaupt, dann mit politisch liberalen Kreisen sympathisieren. Beruhigend auch, daß sie keine kleinen Kinder fressen.

Vor zehn Jahren


freute ich mich in der Zeitung auf American Analog Set

taz.bremen 21.6.2004

Säuselnder Punk

American Analog Set spielen in Bremen

Ganz ohne Radau zu schlagen, abgeklärt und erwachsen, also eigentlich sehr „unpop“ klingen die Texaner von American Analog Set. Natürlich ist das Absicht. Und ganz explizit positioniert sich die Band so als Opposition zu allem, was nach Stadion-Rock riecht, dem klassischen musikalischen Feindbild des Punk schlechthin. Doch längst ist Punkrock selbst im Stadion angekommen. Wie sich also abgrenzen?

„Wir wollen schöne Musik machen“, erklärt Andrew Kenny, Sänger und Gitarrist bei American Analog Set, die heute im Römer auftreten. Im Stadion könne leise Musik wie die ihre keine Atmosphäre entwickeln. „Insofern sind ruhige Bands wie wir der eigentliche Punk von heute, nämlich eine Gegenbewegung zum Stadionrock.“

Eine steile These, die zumindest soweit stimmt, als dass American Analog Set wirklich nicht in eine große Arena passen würden. Auch hat sie ihr unspektakulärer Gestus bislang vor jeglichem Rummel bewahrt: Alle zwei Jahre ein neues Album mit reduzierten Gitarren-Songs in gedeckten Pop-, Folk- und Rockfarben, und nicht gerade exzessive Touren durch die klassischen Indie-Rock-Clubs – so geht das nun seit neun Jahren.

Nur der Kontext hat sich dramatisch geändert: Damals verkündeten Zeitgeistliche die Überwindung des Rock mit anderen Mitteln. Heute jedoch ist Rock mit einer Vehemenz zurückgekehrt, dass man gar nicht mehr so genau wissen möchte, wer da Wendehals geworden und wer Betonkopf geblieben ist.

Schneller ging so etwas auch in totalitären Systemen kaum mit den Paradigmenwechseln. Was bleibt, ist die Macht der Liebe, des hehrsten bürgerlichen Ideals: The Promise Of Love, heißt auch das jüngste Album von American Analog Set. Ein Versprechen, dass sie dann doch wieder beinahe zu Bon Jovi ins Stadion bringt. Aber das ist eine andere Geschichte.

Vor zehn Jahren


ließ sich Eric Burdon mal wieder blicken

taz.nord 10.6.2004

Ewiger Wiederkehrer

Eric Burdon, der einzig wahre Proletarier des Musik-Zirkus, bereist den Norden. Geblieben ist ihm seine Stimme voller Empathie, gereift und voluminös wie eh und je

Das wievielte Comeback ist es nun? Das wusste schon Mitte der 80er, als Eric Burdon im Modernes zu Bremen gastierte, kein Mensch mehr so genau. Außer vielleicht Burdon selbst. Eric Burdon, die Stimme der legendären The Animals, ist ein ewiger Zurückkommer. Sogar einen Film mit Burdon in der Hauptrolle gab es mal. Darin spielt er einen ziemlich weit unten angekommenen Musiker, der es noch einmal wissen will. Sein Titel: Comeback. Das kam ihm sicher sehr bekannt vor.

Manche Kollegen schütten über so einem kübelweise Häme aus. Und gewiss entbehrt es nicht einer gewissen Tragik, wenn einer wie Burdon seine Schäfchen nicht beizeiten ins Trockene brachte, sondern wie viele andere seine Liquidität eher alkoholisch manifestierte. Dafür muss er dann auch mal bei seinem alten Kumpel Udo Lindenberg den Song wieder singen, der ihn verfolgt, wie es sonst nur Silverbird mit Tina Rainford tat: „House Of The Rising Sun leitete er auf jenem Konzert Mitte der 80er Jahre jedenfalls mit einer Schimpfkanonade ein, die sich gewaschen hatte.

Kein Wunder, dass er sich darüber echauffierte, hatten doch nicht nur die Animals noch weitere große Hits. Nein, Burdon war schließlich auch mit der Band War so erfolgreich, dass ihn das schwarze Amerika zum „weißen Nigger“ kürte. Geblieben aber ist nur das alte Haus in New Orleans. Und diese Stimme: gereift, aber immer noch von einem Volumen, das man dem kleinen Mann gar nicht ansieht.

Das führt zu seinem Album My Secret Life, mit dem er derzeit im Norden unterwegs ist. Es beginnt mit „Once Upon A Time“, und steckt voller Verweise auf alte Zeiten. Burdons Stimme kündet davon, wieviele Jahre vergangen sind, wieviele Drinks und Zigaretten er schon konsumiert hat. Und die Texte künden von alten Geschichten, angefangen damit, wie Vater und Mutter Burdon immer „What’s Goin‘ On“ sangen, bis zu den „Jazz Men“, einer Ode an Lady Day und John Coltrane. Eine Reminiszenz an vergangene Tage, als in Paris das süße Leben die Gosse runterging und in New York Revolte in der Luft lag gegen einen Krieg, der bis heute nicht beendet ist. „Broken Records“, die auf dem Boden herumliegen. Begleitet von einer Band, die routiniert alle Stile zwischen Blues, Rock und Motown-Soul abspult.

Eric Burdon war und ist ein echter Proletarier, der Geld nicht als das ansieht, was es ist: Ein begrenzter Anteil am gesellschaftlichen Reichtum, der nach Vermehrung verlangt, weil er nie ausreicht. Burdon hingegen konsumierte. Und wenn er heute vom „Factory Girl“ singt, schwingt in seiner Stimme echte Empathie, ist sein Vortrag so berührend wie einst. Ergänzt um die Summe gelebten Lebens.