Vor zehn Jahren


… erschien Dave Grohls Probot-Album. Inzwischen kann er einem mit seinem scheinbar hauptberuflich Geilfinden ein bisschen auf den Nerv gehen, aber damals war (nicht nur) ich sehr erfreut, wie im BREMER nachzulesen war:

probot /probot

southern lord /soulfood

Vielleicht war es sein Gastspiel bei Queens Of The Stone Age, das Dave Grohl an eine alte Leidenschaft erinnert hat. Unter dem Namen Probot verwirklichte er nun ein Projekt, das für jeden Rockmusiker ein feuchter Traum sein dürfte – und für die meisten auch immer bleiben wird: Cronos (Venom), Max Cavalera (Sepultura, Soulfly), Lee Dorrian (Napalm Death, Cathedral), Lemmy (Motörhead), Snake (Voivod), King Diamond und sechs andere liehen Grohl ihre Stimme. Für jeden komponierte der Foo Fighter ein Stück, spielte es ein und ließ seine großen Helden machen. Wer von Grohls Hardcore-Vergangenheit nichts weiß, wird dieses Album womöglich erstaunlich heavy finden. Was viel erstaunlicher ist: Grohl und seinen Kollegen gelang es, die Energie des Untergrund-Metal der späten Achtziger in eine zeitgenössische Form zu übertragen. Kein NuMetal-Gekasper, sondern gut abgehangenes Schwermetall in Perfektion. Wer braucht da noch die Foo Fighters?!

Vor fünf Jahren


… im PRINZ Bremen angekündigt:

Wire

Es kommt nicht allzu häufig vor, dass eine Band wie Wire in Bremen haltmacht. Allerdings gibt es auch kaum eine Band wie Wire. Eine, die über Jahrzehnte hinweg die Musikszene geprägt hat und das heute noch tut. Kurz: eine Legende.

 

Wire begannen 1976 in London als Punkband, entwickelten sich aber schon bald rasant weiter. Mit ihrem Debüt „Pink Flag“ überspitzten sie Punk ironisch, auf „Chairs Missing“ erweiterten sie ihr Vokabular um längere, atmosphärische Stücke und Synthesizer, nach einer kreativen Pause, in der sich die Musiker anderen Projekten zuwandten, begannen sie, verstärkt mit Elektronik zu experimentieren. Immer wieder zogen sie sich in den folgenden Jahren zurück, um die Welt überraschend mit der letzten Neuerfindung zu beglücken. Und beeindruckten und beeinflussten wie ihre Zeitgenossen von Gang Of Four und Pop Group mit ihrem Tun eine Unmenge von Bands, von Big Black über REM bis Helmet, von den Legionen der neueren Post-Punk-Schüler ganz zu schweigen.

 

Auf eine Art waren sie jedenfalls immer da – sei es als Referenzband für junge Musiker oder eben höchtspersönlich. Und so ist auch ihr neuerliches Erscheinen in den letzten Jahren eine der insgesamt eher wenigern erfreulichen Reunions, keine Frage. Schließlich haben Wire, wie es irgendwo stand, sich entschieden, keine Jukebox ihrer alten Hits zu sein, sondern sehen sich bemüßigt, ihr beträchtliches Gesamtwerk um weitere Facetten zu erweitern. Anders als auf den strengen Alben der Neunziger, macht sich auf „Object 47“ beispielsweise (auf der 47. Wire-Veröffentlichung) zarte Melodik über den nach wie vor unnachgiebig swingende Rhythmik, harsche Gitarren, gelegentlich ein funkiger weißer Dub. Damit zeigen sie den Epigonen, wo es lang geht, wie hier einer von ihren innovativeren Schülern zeigt: Am Ende steuert Page Hamilton von Helmet Feedback-Gewitter bei. Der weiß, woher auch er einst seinen Most geholt hat.

 

Bald 90 Jahre her


taz.nord 7.2.2004

„Alle Mächt den Räten!“

Vor 85 Jahren wurde die Räterepublik Bremen auf SPD-Befehl niedergeschlagen. Rote Fahnen auf dem Rathaus, der Marktplatz voller Arbeiter und Arbeiterinnen, die ihre Lebensverhältnisse selbst in die Hand nehmen wollen
Aus Bremen Andreas Schnell

24 Soldaten, 28 Arbeiter und weitere 18 an den Kämpfen unbeteiligte Männer, fünf Frauen und sechs Kinder starben in Bremen am 4. Februar vor 85 Jahren. An diesem Tag wurde die Bremer Räterepublik mit einem von der Regierung veranlassten Militärschlag endgültig Geschichte. Dabei hatte sich die Räterepublik wenige Tage zuvor bereits formal selbst erledigt, als der Arbeiter- und Soldatenrat Wahlen zu einer Volksvertretung zugestimmt hatte. Die Wahlen waren eine Forderung des Bremer Bürgertums – das in Verwaltung und Justiz nach wie vor stark vertreten war.

Seit dem Ausbruch der Revolution am 6. November 1918 hatte es in Bremen ein Nebeneinander von bürgerlichen Organen und Arbeiter- und Soldatenräten gegeben. Zwar wurde am 7. November 1918 ein Arbeiter- und Soldatenrat gewählt, doch ausgerufen wurde die Räterepublik erst zwei Monate später, am 10. Januar 1919 vom Balkon des Bremer Rathauses. „Die beste Regierungsform für das Proletariat ist das Rätesystem“, so damals der Sozialist Adam Frasunkiewicz voller Hoffnung.

Während in Berlin Reichskanzler Friedrich Ebert (SPD) „Ruhe und Ordnung“ als erste Bürgerpflichten propagierte, fühlte man sich in Bremen trotz der revolutionären Umtriebe sicher. Die Machtübernahme verlief unblutig, aber auch deutlich erfolgloser als beim Vorbild der russischen Oktoberrevolution. Schon nach einer Woche sperrten die Banken, die ungestört ihren Geschäften nachgehen durften, der Räterepublik den Kredit. Die Bremer Revolutionäre waren obendrein isoliert, nachdem mit der Liquidierung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht am 15. Januar 1919 der Spartakus-Aufstand in Berlin niedergeschlagen worden war.

Dennoch statuierte die Reichsregierung an den Bremer Revolutionären ein Exempel – waren sie doch nach den Münchnern am erfolgreichsten mit dem Versuch gewesen, in Deutschland einen sozialistischen Rätestaat zu gründen. Das Ziel: eine Welt ohne Kapitalismus und Imperialismus. Bremen galt außerdem als kommunistische Hochburg: Noch vor Gründung der KPD Ende 1918 gab es hier die „Internationalen Kommunisten Deutschlands“, die später in der KPD aufgingen, und mit der „Bremer Bürgerzeitung“ (BBZ) ein wichtiges kommunistisches Organ, in dem auch Rosa Luxemburg, Karl Radek und Franz Mehring veröffentlichten.

Gründe genug für die Regierung, den „Bremer Sonderweg“ zu beenden, der für Friedrich Ebert „längst zu einer Prestigesache geworden“ (Weserzeitung, 2.2.1919) war. Auch auf Bitten der bürgerlichen Kreise in der Hansestadt ließ der als „Bluthund“ bezeichnete SPD-Reichswehrminster Gustav Noske auf Bremen marschieren. Militärisch waren die Revolutionäre weit unterlegen. Seine Begründung: „Bei unseren Überlegungen kamen wir zu dem Resultat, wenn Bremen nicht in Ordnung gebracht werde, könne die Regierung sich als erledigt betrachten, weil niemand sie respektiere.“

So endete nach drei Monaten die Zeit der Räte – mit über 80 Toten und dem Verbot der Zeitung „Der Kommunist“. Die überlebenden Revolutionäre flohen oder wurden verhaftet. Damit waren die Bremer noch glimpflich davon gekommen: In München starben weit über 1.000 Arbeiter und Arbeiterinnen, nachdem es dort im April 1919 einen weiteren Versuch gegeben hatte, einen Rätestaat einzuführen. Standgerichte ließen binnen weniger Tage die Köpfe der Bewegung exekutieren. Die Arbeiterbewegung in Deutschland war vernichtend geschlagen worden.


legte ich den BREMER-Lesern die neue Lambchop ans Herz:

lambchop /aw c’mon & no you c’mon

city slang /emi

Kurt Wagner hat einen angenehmen Sinn für konzeptionalistische Beklopptheiten: Erst setzt er sich für ein paar Monate mit dem Vorhaben hin, jeden Tag einen Song zu schreiben. Dann macht er aus den Fragmenten die Musik zu einem Film. Und schließlich entwickelt er daraus das neue Werk seiner Band Lambchop. Aber damit nicht genug: Es erscheint auf zwei CDs, ohne ein Doppel-Album zu sein. Beide Werke, derselben Schaffensphase entstammend und simultan aufgenommen, werden als zwei getrennte Alben zeitgleich veröffentlicht. Immanent drückt sich diese Verschrobenheit subtiler aus, auf lyrischer Ebene in fein gesponnenen Songs, musikalischerseits in einer Fülle von Details, seltsamen Breaks, die es sich in den aufwändigen Arrangements gemütlich gemacht haben. Soul, Country, Rock, Instrumentalscores – so üppig war noch kein Lambchop-Album. Und weil es schwerfällt, in solch einem delikaten Gesamtwerk wie dem von Lambchop nach dem schönsten aller Einzelteile zu fahnden, begnügen wir uns mit dem Hinweis, dass die neuen Alben weitere Höhepunkte nicht nur im Lambchop-Kontext darstellen.