Wohlwollend im Sommerloch


… hatte ich vor zehn Jahren den Auftrag, für die taz Bremenein Konzert der Band 3 Doors Down (mit den unsäglichen Nickelback als Vorband) zu begutachten. Ich ging erstaunlich  gnädig mit ihnen um. Zu lesen gab es das am 22.8.2001

History Repeated

 „3 Doors Down“ aus Missouri bescherten dem Schlachthof eine ausverkaufte Kesselhalle. Auch die Vorbands „Saliva“ und „Nickelback“ gefielen

Ältere Leute, die in Plattenläden arbeiten oder für Zeitungen schreiben, gehen weniger des Amüsements wegen auf solche Konzerte. Eher, um mal nach zu schauen, was da aus dem Nichts (hier: Missouri) kommend im Stande ist, die Kesselhalle richtig voll zu machen. 3 Doors Down mit ihren Vorbands Nickelback und (mit Einschränkungen) Saliva gehören zu Vorreitern der nächsten Welle erfolgreicher Gitarrenmusik, nun, da der NuMetal-Hype um Korn, Deftones und Epigonen bereits in später Blüte steht.

Eigentlich sollten statt Saliva die in den USA bereits gut verkaufenden Lifehouse mit spielen. Wie die anderen Bands des Pakets, das am Montag im Schlachthof aufspielte, stehen auch sie für eine Musikergeneration, die mit Nirvana, Mudhoney, Alice In Chains und Pearl Jam aufgewachsen ist. Was als Grunge kultiviert wurde, schwere Gitarren und ein bisweilen zum Pathos neigender, inbrünstig melancholischer Gesang, wird derzeit erfolgreich aufbereitet.

Saliva hatten es allerdings eher mit neu-metallischen Grooves, während ihr Sänger zwischen Hardcore-Shouting und melodischen Einwürfen nicht eben glänzte – die rote Wollmütze grenzdebil bis unter die Augenbrauen gezogen. Danach wurde es rustikaler. Nickelback gaben eine kräftige Version einst alternativ geheißenen Rocks.

Ohne Berührungsängste zu altertümlichen Rock-Effekten wie Schlagzeugsolo und Mouthbox, vor Jahrzehnten von Joe Walsh eingeführt, spielten sie schlichte Songs in einer Mittellage zwischen Nirvana und Metallica, denen besonders die Gesangsharmonien nachempfunden waren. Wo Kurt Cobain allerdings stets selbstzerstörerisch sein Leiden an der Gesellschaft thematisierte, sein Punk-Sein betonte, wo er und seine Musiker in Frauenkleidern auftraten, um sich nicht von falscher Seite vereinnahmen zu lassen, bleibt bei Nickelback lediglich die diffuse Minimalopposition in Rock: Coole Kids vs. Spießer (sind ja bekanntlich immer: „Die Anderen“).

Nachdem bereits Saliva und Nickelback freundlich bis begeistert aufgenommen wurden, machten 3 Doors Down klar, warum sie die Headliner des Abends waren. Schon bei den ersten Takten hatten sie die Menge erobert, die, ohne großartig dazu animiert werden zu müssen, „Kryptonite“, einen der beiden großen Hits der Band lauthals mitsang. „Loser“, der andere Hit, wurde dann als letzte Zugabe gereicht und selbstredend enthusiastisch gefeiert.

Es ist – zugegeben – ein wenig verlockend, hier die so alte wie durchaus fragwürdige These aufzuwärmen, die Geschichte wiederhole sich als Farce: So wie das einst einigermaßen kühne Vermengen von HipHop und Metal, Rock und Funk, Gitarre und Techno jedes für sich Jahre später als bloße Reproduktion noch einmal zum großen Ringelreihn wieder kehrte, so wird nun eben die Musik wieder entdeckt, die vor zehn Jahren mit der Energie des Punkrock den Rock-Mainstream verändern sollte.

Im Falle von 3 Doors Down handwerklich sauber, kompositorisch geschickt die Ausdrucksmittel des Genres zwischen Semi-Ballade und Fast-Punkrock nutzend.

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