Überseestadt, vor neun Jahren


taz Bremen 1.7.2002

Desperately seeking Blohm

Voss auf einer Odyssee durch unerforschte Räume. Zwischen 3.000 Menschen auf 4.500 Speicher-XI-Quadratmetern fand er ihn schließlich: Seinen Freund Dr. Blohm, umgeben von in Planschbecken schwimmenden Kerzen. Auch Fläschchen mit Hafenwasser zitierten die maritime Vergangenheit

In einem Labyrinth aus Plastikfolien, auf denen nicht selten das Wort „Liebe“ steht, manches Mal auch „Sex“ und Sentenzen zum Thema Licht, finden wir Voss: ein Bier in der Hand, unsteter Blick. Er hat sich verlaufen. Er ist allein. Seine Eintrittskarte hat die Nummer 2.134. Eine der Karten davor muss Blohm gehören. Irgendwo in diesem Speicher muss er sein.

Gast: Dies ist eine Nacht, um die bösen Geister zu vertreiben …

Voss: Sie sind ja ein Lustiger. Haben sie zufällig schon einen älteren Geist mit leichtem Wiener Akzent vertrieben?

Gast: Ich hoffe, ich muss das nicht verstehen.

Voss: Nehmen Sie es wie ein Stück Kunst.

Gast: Noch so ein gewöhnlicher Mensch. Entschuldigen Sie mich, ich muss fort.

Voss (ihm hinterherrufend): Licht, das den Wind fängt. Netze aus Licht, in denen sich unsere Träume spiegeln und erleben. Erklären Sie mir das!

Über Rampen und Treppen durchstreift Voss den alten Speicher XI, immer auf der Suche nach Blohm … Dr. Blohm.

Voss: Haben Sie einen älteren Geist mit gestelztem Auftreten gesehen?

Besucherin: Ich bitte Sie, erstens gibt es davon hier ein bis zwei Dutzend, und zweitens … Ist der Mann wichtig?

Voss: Wichtig wofür?!

Besucherin: Eine wichtige Frage.

Voss: Aber nur eine Frage. Was spielen sie dort drüben?

Besucherin: Urban Jazz Groove, und sie haben eigens einen aus London angeschafft, der Platten auflegt.

Voss: Wirklich urban. Hätte das nicht jemand aus Bremen ebenso gut tun können?

Besucherin: Vielleicht Ihr älterer Geist …

Voss: Ein paar alkoholische Getränke wird er aufgelegt haben, sonst nichts. Darin ist er immerhin Meister.

Besucherin: Das hilft nicht weiter. Wäre er ein Freund von Bratwürsten, könnten wir ihn sicherlich am einzigen Imbiss vor Ort auftreiben. Alles andere wird schwierig. Ein Ort, der gewissermaßen nicht kartographiert ist, wie dieser, der morgen schon eine Kunsthochschule oder ein ähnlich unsexy Raum sein könnte …

Voss: Die Poesie dieses Augenblicks gehört nur Ihnen und mir.

Besucherin: Und den dreitausend anderen Menschen, von denen einer … Wir heißt eigentlich ihr Geist?

Voss: Blohm. Doktor Blohm.

Besucherin: Kommt mir bekannt vor.

Voss: Wohl aus einem anderen Hafen.

Besucherin: Wo Sie davon sprechen. Was wohl aus dem Straßenstrich wird, wenn hier erst Studenten hausen? Vorhin war dort ja schon noch … wie sagt man? Verkehr…

Voss: Die alte Hafenromantik ist nicht mehr. Die Ausstaffierung jeder Ecke mit Sesseln, Fernsehern und Planschbecken mit schwimmenden Kerzen ist die Zähmung dessen, was vorher war. Wahrscheinlich hatte er Recht …

Besucherin: Wer?

Voss: So ein seltsamer Vogel, der mir zuraunte, es sei hier eine Geisteraustreibung.

Blohm (aus einer Menschentraube gegen Voss und die Besucherin gedrängt): Geisteraustreibung? Ich bin dabei.

Voss: Sie haben schon begonnen, wenn ich Sie so anschaue.

Besucherin: Sie müssen Blohm sein.

Blohm: In der Tat. Aber am Ende der Nacht will ich davon nichts mehr wissen. Ich spüre, es ist nicht irgendeine Nacht. Hier treffen sich Vergangenheit und Zukunft, um sich auf halber Strecke endlich einmal so richtig die Kante zu geben.

Voss: Und wer sind all die anderen Leute?

Blohm: Staffage, Komparsen. Die Hauptfigur ist der Raum.

Besucherin: Ich habe den Verdacht, Sie beide sind einer dieser Walking Acts, die das Junge Theater unters Volk gemischt haben soll.

Blohm: Nicht nötig, genug Selbstdarsteller vor Ort. Mir wäre es genug, hätte man den Speicher geöffnet, ein wenig ausgeleuchtet, Musik darin laufen lassen und allen Bescheid gegeben.

Voss: Freuen Sie sich denn gar nicht? Über die quecksilbrigen Labyrinthe, über lehrreiches Filmmaterial zur Geschichte des Gebäudes? Über flatternde Vögel über einem verschmutzten Tisch, über kleine Fläschchen mit Wasser aus dem Überseehafen?

Blohm und Voss taumeln versonnen im Sog der Menge, die sie alsbald verschluckt

Vor zehn Jahren…


befasste ich mich im BREMER mit folgenden Neuerscheinungen:

SAVOY GRAND

Dirty Pillows

GLITTERHOUSE/TIS

Mann, ist das Ding schön! Langsam wie Codeine, aber ohne deren Schwere, ganz zart instrumentiert, fragil gesungen, elegisch. Und spätestens wenn das impressionistisch-streichquartettene „Moving Air“ erklingt, ist der Widerstand gebrochen: „Just got off the telephone/the world has been all over you/no, don’t think i can cope with what they have left of you…“ Manche Männer können seine Gefühle eben doch zeigen.

Wie wenn dir jemand von dem ganzen Schiet erzählt, durch den gequälte Seelen hindurchmüssen – all der Schmerz steckt in diesen wenigen Worten. Aber es ist nicht die scheinbar mählich verfallende, kaputte Schönheit einer Band wie Idaho, sondern abgeklärter, ohne Selbstpreisgabe, bei aller musikalischen Zartheit deutlich und fast schon trotzig am Willen zum irgendwie angenehmeren Leben fest haltend, man muss ja schließlich nicht unbedingt rumschreien deswegen. Ganz sicher jedenfalls gibt es außer dem eher gelegentlich veröffentlichenden Mark Hollis (Ex-Talk Talk) wohl kaum jemanden, der in solcher vollendeten elegischen Schönheit musiziert.

Eine verlegerische Großtat übrigens auch von einem Label, das in vergangenen Jahren leider nicht unbedingt auf Perlen dieses Kalibers abonniert war.

 

DJ EDDIE DEF

Inner Scratch Demons

IPECAC/EFA

Der Ansatz ist ganz ein alter: Eine spezielle Sorte von „Anything goes“, allerdings eine, die von diesem „Anything“ strikt ausschließt, was irgendwie sowieso schon Konsens ist, die dafür aber umso inniger begrüßt, was eben neu oder doch zumindest abseitig genug ist, den Gralshütern den Schweiß auf die Stirn treten zu lassen. Michael Patton, ehedem Sänger bei Faith No More, außerdem bei Fantomas und Mr. Bungle tätig, gründete vor rund zwei Jahren das Ipecac-Label, auf dem seither u.a. nicht nur ein halbes Dutzend Melvins-Platten erschien, sondern auch eine Kollaboration Pattons mit Merzbow, das Album der Kids Of Witney High, die Band einer Schule für geistig Behinderte, eine Oldschool-Country-Band namens Lucky Stars, ein Album des Elektronik-Wizards Kid 606 und eben dieses von DJ Eddie Def.

Der in San Francisco lebende Def ist auf seine Weise hier bestens aufgehoben. Mit Verve klatscht er den alten HipHop dem neuen um die Ohren, sampelt sich durch die Musikgeschichte von Bossa bis Speedmetal, wobei er sich nur wenig um einen durchgängigen Groove schert, sondern lieber zeigt, dass nur wenige Leute so schnell auf Platten kratzen können wie er. So funktioniert seine Musik dann auch ähnlich wie, sagen wir, eine Mr.Bungle-Platte, über Zitate, Virtuosität, generelle Durchgeschossenheit und die allgemeine Fülle von Zeugs, dass einen meist gleichzeitig von mehreren Seiten her überfällt.

 

SACCHARINE TRUST

The Great One Is Dead

HAZELWOOD/EFA

Wie aus einer anderen Zeit lugen Jack Brewer und Joe Baiza herüber. Schließlich ist es nun auch schon fünfzehn Jahre her, dass es ein neues Album von Saccharine Trust gab, nimmt man einmal die Compilation „Past Lives“ von 1989 aus, damals noch auf dem legendären SST-Label. Seit ein paar Jahren spielen beide wieder zusammen, der irre Poet Brewer und der autodidaktische Erfinder der mecolodischen Spielweise Baiza, spätestens zu Ruhm gekommen mit den fusionären Meistern des Universal Congress Of. Unterstützt von zwei jungen Alleskönnern an Bass und Schlagzeug setzen sie da an, wo sie 1986 aufhörten. Rock? Jazz? Hardcore? Irgendwie nein, und doch gleichzeitig alles.

Dabei klingt Baizas Gitarre immer noch wie nicht von dieser Welt, sucht unbeirrt nach neuen Möglichkeiten, und die schrägen Song-Konstrukte sind über die Jahre alles andere als landläufig und somit beliebig geworden, sondern immer noch die musikalische Entsprechung zu Brewers bizarrer Poesie. Verquer, schillernd, brodelnd. Auch wenn vor allem Brewer mittlerweile sein biologisches Alter anzusehen ist, ist dieses Comeback eins in sprichwörtlicher alter Frische. Dass sich dafür ausgerechnet ein Label aus Frankfurt/Main zuständig erklärt, ist erfreulich wie bezeichnend für den Niedergang des SST-Labels, von dem eigentlich gar nichts mehr übrig geblieben ist, außer vielleicht ein paar Kartons mit Platten von Hüsker Dü, Minutemen, Black Flag – und Saccharine Trust.

Short Cuts

BRIGHT EYES: Letting Off The Happiness (Wichita/Clearspot/EFA) Conor Oberst aka Bright Eyes überraschte letztes Jahr die Welt mit „Fevers And Mirrors“: Gerade zwanzig Jahre alt, hatte er eine Kollektion vollendeter Songs geschrieben, bitter, aber immer und unbedingt schön. Nun erscheint ein Album, das in den USA bereits 1998 herauskam. Auch hier erweist sich Oberst als enormes Talent mit eigener Handschrift, beeinflusst von Country, Folk und Weirdo-Rock. Tipp!

LIFE WITHOUT BUILDINGS: Any Other City (Tugboat/EFA) Ein wirklich hinreißendes Debüt, mit dem eine brachliegende Idee aufgegriffen wird, die sich einst – in der Postpunk-Ära – mit Namen wie The Slits, Japan oder Television verband. Schon die ausgekoppelte Single „The Leanover“ verursacht Schmacht nach mehr von dieser eigensinnigen, spröden Musik.

Und was wurde aus Life Without Building? Irgendwer da draußen eine Ahnung?

Aus gegebenem Anlass


Heute Abend spielt Haruko, über die ich vor einer Weile mal schrieb:

taz Nord 22.8.2009

Von Drachen und wilden Gänsen

Die Konzertreihe „Songs & Whispers“ nimmt diesmal Neu-Bremerin Susanne Stanglow alias Haruko mit auf die Reise. Deren Debüt-Album macht aus guten Gründen von sich reden

von Andreas Schnell

„Close your eyes and take my hand“ – mit diesen Worten beginnt das Debüt-Album „Wildgeese“ von Haruko. Und: „Follow me to a place where night has no end.“ Und was ist eigentlich davon zu halten, wenn eine junge Frau mit dem Künstlernamen „Haruko“, was übersetzt „Frühlingskind“ heißt, sich mit einer akustischen Gitarre auf die Bühne setzt und Lieder singt, in denen regelmäßig Drachen und Monster vorkommen?

Es macht eben gerade diese entwaffnende Offenheit die Kunst der gerade mal 20-jährigen Susanne Stanglow aus, die sich hinter dem Pseudonym Haruko verbirgt und seit Mai diesen Jahres in Bremen lebt. Aber es ist nicht nur das. Das andere, was „Wild Geese“ zu einem der interessantesten Alben aus Bremen der letzten Jahre macht, wenn nicht gleich zu einem der schönsten neuen Folk-Alben überhaupt, ist, wie sie mit unaufdringlicher Intensität ihre minimalistisch arrangierten Lieder vorträgt. Zum einen verfügt sie über eine Stimme, die ein Blogger lyrisch, aber durchaus treffend als „klar wie Wasser und sanft und stark zugleich wie Frühlingssonnenstrahlen“ beschreibt. Zum anderen erzeugt Stanglows vordergründig schlichte Phrasierung eine reizvolle Spannung, wenn sie die Zeilenenden über die Harmoniewechsel hinaus dehnt oder die Gesangseinsätze über den geradezu klassischen Pickings herauszögert. Zu hören gab es das in den vergangenen eineinhalb Jahren in Bremen schon einige Male, zuletzt auf der Breminale. Ihr Debüt als Solo-Künstlerin feierte Haruko im vergangenen Spätherbst auf dem „Folk-artNow!“-Festival in der Spedition, das neue Zugänge zur Folklore untersucht.

Dabei ist Haruko im Grunde kein New-, Weird-, Anti- oder Freak-Folk. Zwar mag sich ihr minimalistisch arrangierter Folk von Künstlern wie Bonnie „Prince“ Billy alias Will Oldham oder Joanna Newsom herleiten. Ihre Musik wurzelt aber mindestens ebenso stark auf den Klassikern des ersten Folk-Revivals der Sechziger wie „Fairport Convention“. Seit ein paar Monaten gibt es nun das eingangs erwähnte Debüt-Album zu erwerben – das heißt: Vielleicht bei Erscheinen dieses Artikels auch schon nicht mehr, denn die erste Auflage von „Wild Geese“ ist schon wenige Monate nach Veröffentlichung so gut wie ausverkauft.

Einer meiner schönsten Blohms


erschien hier und dann:

 

taz Bremen 25.1.1999

Rieu ne va plus

Die Odyssee des Dr. Blohm im Operettenland ohne Zuspruch von Herrn Voss. In welcher Stadt sind wir hier?

Sie haben sicherlich von diesem André Rieu gehört. Zu Silvester soll er gleichzeitig auf drei Programmen zu sehen gewesen sein. Am Freitagabend bedauerte ich für einen Moment, niemals in die Ferne zu sehen, sonst hätte ich mir vorher ein Bild von dem machen können, was mich somit unvorbereitet traf.

Ich hatte den Auftrag, mir diesen Rieu anzuschauen und darüber zu berichten. Da mein Kollege Voss verhindert war, meinte meine Frau, ich könne doch meine Mutter mitnehmen. Ich gebe zu, daß die freudige Zusage meiner Mutter mich hätte stutzig machen sollen. Hätte! Aber da war es ohnehin schon zu spät.

Nachdem wir mit einem öffentlichen Massentransportmittel die Stadthalle erreicht und endlich die euphemistisch als Loge titulierte Stuhlreihe gefunden hatten, ging es los. Wenig kam ich mir vor wie in einem Konzertsaal. Die Bühne erinnerte eher an eine Bonbonniere. Nachdem der ‚Maestro‘ die Bühne betreten hatte, begann das Konzert mit einem gellenden Akkord, der elektrisch noch bis ins Schmerzhafte verstärkt wurde. Sogar meine Frau Mutter bemerkte, daß man so jede Musik kaputt machen könne. Ansonsten hat sich die Gute aber tüchtig gefreut. Ich versuchte derweil vergebens, auf meine Kosten zu kommen. Erheiternd wirkte jedoch höchstens ein Geiger, der als dickes Kind in jeden Gary Larson-Comic gepaßt hätte.

Zwischen Stücken wie dem ‚Kaiserwalzer‘, ‚Wiener Blut‘, dem ‚Säbeltanz‘ und Operettenarien, während derer Rieu ein eher mittelmäßiges Violinenspiel darbot, gab es dann immer launige Conferencen, in denen der Mann vor allem mit seinem sorgfältig gepflegten holländischen Akzent auf Seelenfang ging. Die Liebe der Norddeutschen für derlei Kauderwelsch ist ja spätestens seit Rudi Carrell bekannt. In mir wuchs das Verlangen nach einem den Gleichmut befördernden, alkoholhaltigen Getränk, und ich mußte der Dame zu meiner Rechten Respekt zollen, die sich ihren Kümmerling von daheim mitgebracht hatte. Das Bier vor Ort war nämlich lauwarm und abgestanden.

Um auf die Conferencen zurückzukommen: Ich denke, dieser Rieu ist ein Zyniker par excellence. Nicht nur, daß er dem Publikum vorlog, es sei ein ganz besonderes gewesen. Er machte ihm sogar die Beliebigkeit dieses Komplimentes deutlich, indem er tat, als habe er vergessen, in welcher Stadt er sei, was seinerseits wiederum eine nicht minder beliebige Floskel ist. Sein Publikum nahm ihm nicht einmal übel, daß er es vorführte, indem er es ‚Ach, wie so trügerisch‘ aus dem Rigoletto singen ließ. Da das Publikum seine klassische Bildung offenbar im Rahmen der Schokoladenwerbung genossen hat, fiel der Chor bald in sich zusammen. Der Maestro sagte süffisant „perfekt“ und ließ das Orchester übernehmen.

Dann gab er der Meute schließlich noch den inbrünstig verlangten Mitsingteil, und da stimmte dann selbst meine Frau Mutter ein. Und die Dame neben mir, ganz recht, die mit dem Kümmerling, intonierte vom Bitter euphorisiert: Ja ja, der Tschianti-Wein…

Dann war der Spuk zum Glück vorbei und ich ging mich amüsieren, nachdem ich meine Frau Mutter in ein Taxi verfrachtet hatte. Ich kann Ihnen sagen, dieser Job als Kulturreporter ist kein Zuckerschlecken, aber wenigstens ist der Familienfrieden sichergestellt. Nicht nur bei mir, auch bei den anderen Eltern-Kind-Kombinationen im Publikum.

Einzig, daß ich selbst hierbei zugegen sein mußte, trübte den positiven Effekt der Veranstaltung, was herzlich bedauert…..

Ihr Dr. Blohm

Identität


Ein Thema, das die Herren Blohm und Voß schon 1998 umtrieb – bis in den Fetischladen:

 

taz Bremen 9.3.1998

Das unausrottbare Normale mitten im Unnormalen

Dr. Blohm und Herr Voss, verloren zwischen Lack, Leder und Latex im neuen Spezialitätenladen „Cocon“

An einem regnerischen Tag laufen sich Blohm und Voss über den Weg. Blohm ziellos, Voss mit der Information, daß ein neuer Laden für Lack, Leder und Latex seine Eröffnung feiert.

Voss: Warum kommen Sie nicht mit. Sie sind doch für Ausgefallenes immer zu haben.

Blohm: Falls Sie nicht unser geplatztes Rosenstolz-Interview meinen…

Voss: Lassen Sie doch die ollen Kamellen. Hier ist es.

Blohm: ‚Cocon‘ heißt der Laden also. Ein Kokon ist, wenn ich das richtig sehe, ein Rundumschutz für Schmetterlinge, bevor sie ins Leben entlassen werden.

Voss: Jetzt halten Sie mal den Oberlehrer zurück. Hier gibt’s doch wirklich was zu sehen.

Blohm: Dieser junge Mann, der den Sekt kredenzt, ist nicht gerade von einer Schutzhülle umgeben.

Voss: Die junge Dame auch nicht. Aber das wenige, was sie trägt, scheint dem Stil des Hauses zu entsprechen.

Eine Kundin: Finden Sie nicht auch, daß sie fabelhafte Beine hat?

Voss: Nun ja, äh…

Blohm: Kommen Sie mal hierher, lieber Voss! Das müssen Dildos sein. Delphine, Bananen – die Formgebung scheint die ursprüngliche Variante kaum noch zu enthalten.

Voss: Doch, hier sind gleich zwei bis auf die Farbe naturgetreue Nachbildungen eingebaut… Eine Art Geschirr, das der Trägerin sozusagen laufend bilaterale Befriedigung garantiert. Billige Materialien übrigens.

Blohm: Deswegen wohl auch der verhältnismäßig bescheidene Preis.

Voss: Wäre das nicht etwas für Frau Dr. Blohm? (Er knufft den Doktor in die Seite)

Blohm: Ich bitte Sie!

Voss: Sogar Peitschen gibt es hier zu kaufen. Dabei macht das Publikum einen eher normalen Eindruck. Glauben Sie, daß die zu Hause, ich meine…

Blohm: Es ist nicht jedem vergönnt, sein Hobby zum Beruf zu machen, was wiederum manch einem aus Gründen der Betriebsvorschriften versagt, sein Lebensgefühl auch in der Öffentlichkeit zu zelebrieren.

Voss: Das haben Sie mal wieder schön gesagt. Stellen Sie sich einen Bankangestellten in Latex vor. Ich hol mir einen Sekt. Möchten Sie auch?

Blohm: Danke, ich bevorzuge Orangensaft. Sagen Sie, erwägen Sie ernsthaft einen Kauf?

Voss: Einige Sachen finde ich ganz kleidsam. Aber die Preise…

Blohm: Vielleicht ein Slip aus Leder, nur das Nötigste bedeckend…

Voss: Ich weiß nicht.

Blohm: Ohne Ihnen jetzt besonders nahe treten zu wollen, glaube ich auch nicht, daß das Ihrem Stil zuträglich ist. Ich jedenfalls käme mir etwas lächerlich vor. Körperteile, die unbedeckt sind, können schließlich auch gesehen werden.

Voss: Wollen Sie damit andeuten, ich wäre zu dick oder so etwas?

Blohm: Iwo! Tun Sie, was Sie wollen. Wir leben hier schließlich in einem freien Land, und die freie Entfaltung Ihrer Persönlichkeit gehört zu Ihren verbrieften Grundrechten.

Voss: Sie machen sich über mich lustig.

Blohm: Höchstens ein wenig. Es ist schließlich eine weitverbreitete Sitte, sich durch unkonventionelle Trachten und Aktivitäten von seiner Umwelt abzugrenzen, wobei paradoxerweise diese Separierung wiederum die Bildung von spezialisierten Gruppen fördert, in denen gemeinsame Sitten identitätsstiftend wirken. Solche Gruppen neigen nicht selten zu Uniformität, was gewissermaßen das Absurde des bürgerlichen Individualismus zeigt.

Voss: Was sagten Sie? Ich habe gerade nicht zugehört.

Blohm: Vergessen Sie’s. Ich mache mich auf den Heimweg.