Vor 15 Jahren


taz Bremen 19.9.1998

Sowas macht sonst niemand

 Die Bands „Alboth!“ und „Helgoland“ spielten in der Buchtstraße neue Musik

Leider war es mal wieder nicht so richtig voll im kleinen Beatkeller in der Buchtstraße. Karg beworben und ohnehin nicht massentauglich, wurde auch das Konzert von „Alboth!“ und „Helgoland“ am Donnerstag abend eher ein familiäres Treffen. Das schlägt sich wiederum als Skepsis bei den Musikern nieder, die wegen des umständehalber nicht sonderlich lauten Applauses an der Zuneigung des Publikums zweifeln. Jeder einzelne hämische Zwischenruf durchdringt unüberhörbar die Stille zwischen den Stücken, keine kleinen Mädchen kreischen vor Begeisterung und die großen auch nicht.

Helgoland wirkten irritiert. Vielleicht tun sie das aber auch immer, wenn sie sich unter Menschen befinden. Jedenfalls hätten sie sich durchaus wohlwollend aufgenommen fühlen dürfen. Ihre Miniaturen aus verquerer Rhythmik, dadaistischen Grindcore-Ausbrüchen, schrulligen Keyboard-Sounds und eingestreuten Dreistigkeiten war hoch unterhaltsam und von einem musikalischen Witz geprägt, der an fortschrittliche Bolzbands der frühen Neunziger erinnerte.

„Alboth!“ haben auch so eine Vergangenheit. Metal, Grindcore, Krach. Aber bei ihnen wurde das alles durch die Ohren geschulter Jazz-Musiker gefiltert. Nach ein paar Platten, auf denen sie sich mit klassischer Jazztrio-Besetzung auf sauschnelle und ziemlich kurze Kompositionen stürzten, die Titel wie „Diego Maradona“ trugen, erweiterten sie ihren musikalischen Kosmos in Richtung zeitgenössische Avantgarde der ernsten Art. Erst kürzlich veröffentlichten sie eine monumentale Platte namens „Amor Fati“, die, wie die Schweizer jüngst in einem Interview bekannten, auf einer Zwölftonreihe basiert und eigentlich von ziemlich unverschämter Grandezza ist.

„Alboth!“ überraschten bei ihrem Buchtstraßen-Konzert mit der Mitteilung, sie würden jetzt fünfzig Minuten neue Musik von „Alboth!“ spielen, was zum einen ziemlich wenig ist, und zum anderen hätten es die „alten“ Sachen ja auch getan. Nun haben sich aber in jüngster Vergangenheit Bassist und Keyboarder von den „Alboth!s“ getrennt und wurden durch einen Gitarristen ersetzt. Also haben „Alboth!“ flugs ein neues Programm erarbeitet, das am Donnerstag zum allerersten Mal öffentlich zu hören war. Zwar gab es in der Mitte des Sets einige amorphe, langsame Strecken, die nicht so überzeugend gerieten, aber am Anfang, und vor allem bei den letzten Stücken spielten sie enorm verschachtelte Rhythmen und krachige Ausbrüche. Sowas wie diese Kombination Schlagzeug, Gesang, gebrochene Takte und neologistischer „Rap“ macht sonst niemand! Beim nächsten Mal hört Ihr Euch das bitte selbst mal an!

Die sollte Kollege Patton vielleicht mal wieder auflegen


Vor zehn Jahren erschien das dritte Album, ich versuchte es dem BREMER-Publikum wie folgt nahezulegen:

fantomas /delirium cordia

ipecac /efa

Nach einem schonungslos hyper-aktiven Debüt und dem dramatisch-grandiosen zweiten Album „Director’s Cut“, auf dem die Super-Group bestehend aus Ex-Faith-No-More-Sänger Mike Patton, Melvins-Gitarrist Buzz Osbourne, Ex-Slayer-Schlagzeuger Dave Lombardo und dem umtriebigen Bassisten Trevor Dunn Klassiker der Filmmusik kongenial interpretierte, war es durchaus spannend, was die Irren als nächstes planen würden. „Delirium Cordia“ erfüllt höchstens in einer Hinsicht Erwartungen – nämlich die der Unvorhersehbarkeit. In einer einzigen – man muss es schon so nennen: – Komposition schaffen Fantomas beklemmende Atmosphären aus dem Niemandsland zwischen Ambient, Noise, Rock und klassischen Avantgardetechniken. Damit erforschen sie erstmals ausgiebig ihre ruhigeren Facetten in verstörender Intensität. Gleichzeitig verschmelzen hier vier musikalische Egos zu einem einzigartigen Klangkörper. Anfang nächsten Jahres folgt ein zweites Album aus den gleichen Aufnahmesessions – und natürlich wird es wieder ganz anders klingen, als alles, was wir bislang von Fantomas kannten.

 

Vor zehn Jahren


für das INTRO besprochen:

MOTORPSYCHO & JAGA JAZZIST HORNS

„IN THE FISHTANK“

(Konkurrent / Efa)

Wer Motorpsycho im Sommer letzten Jahres u.a. beim famosen Introducing sah, wird sich an einen tollen Auftritt mit Gebläse erinnern. Jaga Jazzist, deren Reihen die Hörner entstammten, sind mittlerweile auch bis Intro durchgedrungen, weshalb der Reiz dieses Albums, während jener Tour im Fishtank-Studio aufgenommen, sich schnell erschließt: Motorpsycho haben ihrer Liebe für Jazz auch der etwas fortgeschritteneren Art immer wieder verbal Ausdruck verliehen. Langsam dringt in die Musik, was da durch die Ohren ging. Natürlich übersetzt in die eigene Spielweise, hier mit Assistenz einer lässig aufspielenden Sektion von Spezialisten. Von „Angels & Daemons At Play“ kommt „Pills, Powder And Passion Plays“, „Theme De Yoyo“ stammt vom Art Ensemble Of Chicago, der Rest ist von den Jaga Jazzisten. Bemerkenswert, wie sich die neue Leichtigkeit Motorpsychos an das souveräne Spiel der Bläser schmiegt und umgekehrt. Ein wüstes Freakout wie auf „Roadwork 2“, der Kooperation mit der Free-Jazz-Kombo The Source, erwartet man vergebens. Lediglich im „Theme De Yoyo“ und dem Finale des 20-minütigen „Tristano“, das im Titel auf die kühle, gleichzeitig Elemente des freien Jazz vorwegnehmende Schule im Gefolge des Pianisten Lennie Tristano verweist, lassen sie kollektiv los. So geht dieser Platte zwar das vordergründig Spektakuläre ab. Viele Motorpsychedelistas werden deshalb vielleicht die Nase in krause Fältchen werfen: Rockt ja gar nicht. Wir anderen verfolgen umso gespannter die Erweiterung des Horizonts der Ausnahmeband.

Damals


sang die große Sainkho Namtchylak in Bremen

taz Bremen 19.9.2003

Stimme Mongoliens

Über sieben Oktaven muss sie gehen: Die Tuvanerin Sainkho Namtchylak im Schlachthof

Die wasserstoffblonde Mongolin Sainkho Namtchylak war eine der ersten Künstlerinnen aus der ehemaligen Sowjetunion, die nach der Wende im Westen konzertierten. Und eine der Aufregendsten. Das ist sie geblieben: Über zehn Jahre, nachdem sie mit der Moskauer Jazz-Formation Tri-O zum ersten Mal in Bremen auftrat, beeindruckte sie nun erneut im Schlachthof.

Namtchylak war bereits in den späten 70er-Jahren nach Moskau gezogen. Angefixt vom russischen Free Jazz sog sie damals alles in sich auf, dessen sie habhaft werden konnte – von westlicher Avantgarde über die klassische Musik Chinas und Indiens bis hin zu schamanistischen und lamaistischen Techniken. Die Musik ihrer Heimat, der Republik Tuva – bekannt sind vor allem deren traditionelle Obertongesänge – verlor sie dabei jedoch nie aus den Ohren. Nach der Wende wurde sie so zu einer gefragten Improvisatorin, arbeitete mit Musikern wie Evan Parker, Peter Kowald oder Mats Gustafsson zusammen. Und überraschte mit diversen Alben unter eigenem Namen.

Bei ihrem Auftritt am Mittwoch begeisterte sie durch die Leichtigkeit, mit der sie, gemeinsam mit Ned Rothenberg (Bass-Klarinette, Shakuhachy), German Popov (Laptop, Flöte) und Michail Zukov (Schlagzeug) das weitgefächerte Programm ihres aktuellen Albums „Who Stole The Sky“ neu deutete. Unter dem Projektnamen „Digital Mutation“ führte das Quartett einen deutlich spröderen Ansatz vor als die Studio-Aufnahmen.

Egozentrisch wirkte Namtchylak dabei nie – auch wenn sie die beeindruckendste Performance bot: Ihre angeblich sieben Oktaven umfassende Stimme scheint jede nur erdenkliche Artikulation bis in die feinsten Verästelungen zu beherrschen. Mühelos switcht sie vom Obertongesang zur freien Improvisation und Jazz-Idiomen, wechselt die Register und Lagen. Und lässt doch ihren Mitmusikern Raum, sich zu entfalten – alle Konstellationen des Zusammenspiels werden genutzt. Schwachpunkt einzig die elektronisch generierten Breakbeats, die bisweilen etwas brav wirkten.

In manchen Momenten klingt Namtchylak gar ein wenig nach Björk. Was die Beats angeht, mag die zwar avancierter sein. Ihre oft aufdringliche Exaltiertheit aber erreicht bei weitem nicht die Intensität der Tuvanerin.

Brillant auch ein eher an Songs orientiertes Set. Auch hier erprobte die Band immer neue Kombinationen aus Pop, Jazz, traditionellen und avantgardistischen Verfahren – stets zusammengehalten durch diese spektakuläre Stimme. Als Zugabe – das Saallicht war zwischendurch schon aufgedreht worden – ein Solo: Sainkho Namtchylak kehrte allein auf die Bühne zurück, und sang, ganz ohne Mikrofon, ein Stück in den Saal hinein. Ein eindrucksvoller Abend.

Vor zehn Jahren im BREMER


besprach ich das Reunion-Album von Jane’s Addiction, das natürlich in keinster Weise an alte Ruhmestaten wie diese heranreicht:

jane’s addiction /strays

capitol /emi

Nachdem es in den dreizehn Jahren ohne die süße Sucht immer wieder zu sporadischen Rückfällen kam, hat das Quartett um Perry Farrell jetzt endlich ein ganzes neues Album aufgenommen. Fast ist die Zeit spurlos an ihnen vorbeigegangen. Nur Bassist Martin LeNoble wollte irgendwann während der Aufnahmen zur neuen Platte nicht mehr. Musikalisch ist „Strays“ gleichwohl unverkennbar Jane’s Addiction. Eher „Nothing’s Shocking“ als „Ritual de lo Habitual“ – das längste Stück dauert gerade fünfeinhalb Minuten. Aber die Band hat sich nicht auf die bloße Wiederbeatmung eines alten Konzepts verlassen, sondern die nach wie vor in üppigen Farben schillernde Eleganz ihres glamoureusen Rock mit Einflüssen aus Funk und Folk ins Jahr 2003 übertragen. Die bekannten Facetten finden sich nach wie vor, ergänzt um zeitgenössische Momente aus Farrells Sampler und neuerem Metal – zum Glück, ohne je wirklich NuMetal zu sein. Die Botschaften Farrells – nicht zuletzt der Aufruf zu körperlicher Liebe sowie die Sorge um Mutter Natur – sind immer noch die gleichen. Deswegen hielt er es wohl auch für angezeigt, sein anderes Baby, das „Lollapalooza“-Festival wieder aufleben zu lassen. So dürften Comebacks gern öfter sein.