Vor 15 Jahren


taz.bremen 28.5.1999

Kurz Ding will Weile haben

 Reuben Wilson kann selbst erschlagend leere Säle in Atmosphäre tauchen

Die Leere war schier erschlagend als der einsame Schreiber am Dienstag das Moments betrat. Knapp zwanzig Zahlende hatten sich versammelt, um Reuben Wilson, dem großen alten Mann der Hammond-Orgel, zuzuhören.

Vorher war zu erleben, was das Musikgeschäft aus einem talentierten jungen Musiker machen kann. Xaver Fischer aus Düsseldorf, so belehrt uns seine Plattenfirma, wurde bereits 1990 mit dem „Jugend jazzt“-Förderpreis ausgezeichnet, dem später der „Jazzförderpreis Düsseldorf ’96“ folgte. Er musizierte als Studio- und Gastmusiker mit Stereolab, Loophole, den Supremes, Stefan Raab, Birth Control, Smoke City, Point Blanc und einer Reihe anderer Arbeitgeber.

Die Lust an der Herstellung von etwas Eigenem ist ihm darob offenbar nicht vergangen. Allerdings war das, was Fischer mit seinem Trio anstellte – laut Programm: Acid Jazz -, genau die perfekt gespielte und aalglatte Mucke, die zwar als musikalische Unterlage einer amerikanischen Fernsehserie der späten Siebziger getaugt hätte. Doch in den Weiten des leeren Moments konnte sie nicht viel ausrichten.

Bei Reuben Wilson jedenfalls sah das schon etwas anders aus. Der hat in den letzten dreißig Jahren mit seiner Hammond B-3 so viele Clubs und unter ihnen sicher auch einige der übleren von innen gesehen, daß ihn nichts mehr so leicht erschüttern kann. Eineinhalb Stunden lang spielte er mit einer handverlesenen Band aus lauter virtuosen Jungspunden (woher diese ganzen Leute immer wieder kommen?!) Funk. Allerdings nicht diesen harten und nervös knatternden, sondern eher die entspannte Variante. Dies serviert auf der imposanten Hammond-Orgel mit sichtlich rotierendem, stufenlos steuerbarem Vibrato-Turm ein paar Meter hinter Wilson.

Routiniert schöpfte der Mann, dem seine 64 Jahre definitiv nicht anzusehen sind, aus einem umfangreichen, zum nicht gerade kleineren Teil selbstkomponierten Repertoire. Und es gelingt ihm das, wofür es beim Xaver-Fischer-Trio nicht gereicht hat. Atmosphäre, Szenenapplaus, sacht angedeutete Euphorie bei den knapp zwanzig Hörenden. Der Mann sitzt lächelnd an seiner Orgel. Er weiß, daß auch diese Zeiten vorbeigehen werden, genau wie es mit den guten geschah. Das war schon damals so, als er bei Blue Note wegweisende Platten machte, die dann, Jahrzehnte später von einer Generation von Musikern wie „US3“ oder „Nas“ ausgegraben und gesampelt wurden, was ihm den Einstieg in einen zweiten Künstlerfrühling verschaffte. Deshalb läßt er sich nicht irre machen, weil er weiß, daß sie doch irgendwann wieder bei ihm auf der Matte stehen werden.

Vor zehn Jahren


… war ich immer noch eher dabei, mich der Freien Improvisation anzunähern und hatte durchaus schöne Abende dabei – wie den im Sendesaal, wo im Mai zwei Duobegegnungen zu sehen gab, über dich für die taz bremen schrieb. Im Folgenden die unbearbeitete, nicht korrigierte Fassung, wie sie an die Redaktion ging – obiges Video entstammt dem sehenswerten Film „Noisy People“ von Tim Perkis:

Manchmal fällt was runter

Ein Abend mit improvisierter Musik

Es stand als Sortierhilfe „Free Jazz“ in der Zeitung. Aber so frei ist der auch der freie Jazz nicht, wie es die Freie Improvisation gebietet. Letztere, derweil zum eigenen Genre geronnen, entstand ungefähr zur gleichen Zeit wie Free Jazz, verzichtete aber radikal auf Qualitäten wie Swing, Puls, Melodie, die im Free Jazz immer noch fortwirkten, setzte eher auf die Palette der Klänge, die einem Instrument auch mit Methoden zu entlocken sind, die nicht dem Lehrbuch entstammen. Zwei Duos führten am Mittwoch im Sendesaal von Radio Bremen verschiedene Ansätze vor. Die Bremer Hainer Wörmann (Gitarre) und Reinhart Hammerschmidt (Kontrabass) zeigten in einem etwas zu ausgedehnten Set, wieviel Verdichtung bei geringer Lautstärke möglich ist. Wörmann hatte größere Mengen von Effekten zur Verfügung und zudem ein Arsenal weiterer Gerätschaften (wahrscheinlich hatte er sogar seine Zahnbürste für den Notfall dabei), behelfs derer er seine Gitarre mit der liebevoll-konzentrierten Besessenheit des spielenden Kindes traktierte. Eine Blechdose fällt auf die Saiten und rutscht an ihnen herunter – ein interessanter Klang, mal sehen, was man daraus basteln kann. Hammerschmidt verarbeitete die Töne seines Basses ab und zu elektronisch weiter, konzentrierte sich aber eher auf das, was sich mit einem Bogen – sorum und sorum und auf die Spitze gestellt – aus dem Instrument locken ließ. Greg Goodman (Klavier) und George Cremaschi (Kontrabass) aus San Francisco ließen es spektakulärer angehen. Vor allem Goodman, nicht nur zentrale Figur der kalifornischen Improvisationsszene, sondern auch begnadeter Komödiant. Zum ersten Stück setzte er sich auf einen Barhocker, löste seinen Gürtel, zog aus einer Plastiktüte eine horrible Herrenunterhose Marke Schießer Feinripp mit Eingriff, zog sie sich über den Kopf und begann, Photos vom Publikum, Cremaschi und sich selbst zu machen. Auch wenn diese effektiven Szenen manchmal die Musik etwas überlagerten, gab es großartige Momente wie Goodmans Solo, in dem er allein auf zwei Tasten, irgendein tiefer Ton und seine Oktave, eine faszinierende Obertonarchitektur erschuf. So hielten sie die Balance zwischen der bisweilen esoterischen Suche nach dem Inneren des Klangs und dem, was auch freie Improvisation letztlich sein muss, will sie nicht zu Selbstzweck oder Angeberei verkommen: mitreißende Musik, die leider im Ambiente des Sendesaals und wegen der gedämpften Lautstärke etwas gebremst wurde.

Vor zehn Jahren


ging das Wort zum Sonntag ungefähr so:

http://www.youtube.com/watch?v=QgkECbjwKhc

Zärtliche Zyniker

 

April 2004 – Tower, Bremen, spärliches Publikum. Ich kenne sie kaum wirklich, das dafür aber schon ziemlich lange. Immer wieder trafen wir uns an der metaphorischen Straße, auf dem Weg zu einem schnelleren, besseren Leben. Angekommen sind wir bis heute nicht. Vielleicht, das könnte sein, ist es nicht zuletzt genau die persönliche Historie, die das, was die da machen, für mich hörenswert werden lässt.

 

Als ob der Bandname genau für diese Platte, diesen Abend gemacht worden wäre… So nackt steht das Gesamtding da, so real ist die Erschöpfung dieser Band, bzw. die von W., dem mit Z. ein guter Freund beseite steht. In Berlin vor ein paar Monaten haben sie sich beinahe wie ein altes Paar gestritten. Sie waren schon immer eine sehr klare Band. Der ungebrochene Gitarrenpop vom Anfang, der sicher auch ironische Größenwahnsinn von später – und schon damals, auf dieser Platte, die einem tragischen Ereignis zwischen Menschen gewidmet war, über das W. damals hatte nicht reden wollen mit mir, gab es einen Song, den sie auch gestern spielten, in dem es heißt: „It’s not fair / see what life has done“. Gerechtigkeit. Die durchaus moralische Vorstellung von dem, was nicht ist, wie es sein soll. Aber in einem solchen Duktus vorgetragen, dass diese moralische Attitüde zumindest nicht vorgab, keine zu sein. Ehrlichkeit. Und gleichzeitig – kein Widerspruch – gab es von ihnen einen ätzenden Blick auf das sie umgebende Geschäft, die Menschen, die sie – zwar wohl auch moralisierend aber inhaltlich korrekt – als Feinde begriffen, ungeachtet der Tatsache, dass vielleicht auch sie lediglich den Erfolg vermissten und letztlich dessen Ausbleiben anderen zur Last zu legen geneigt sind. Vor diesen Verhältnissen wollen sie sich in die Arme der Liebe retten, die sie als flüchtiges Wesen kennen gelernt haben. „Sehnsucht ist die einzje Energie“, heißt das bei Blixa Bargeld. Ich muss nachdenken, ob ich mich dem anschließen möchte, konzediere aber jederzeit die Tröstlichkeit des Gedankens in einer trostlosen Welt, die nicht mit Naturnotwendigkeit trostlos ist. W. und Z. sind wahrscheinlich keine Kommunisten, wahrscheinlich wettern sie gegen Haider und nicht gegen Wahlen. Vielleicht ist ihre Kritik so demokratisch, wie die der meisten Bürger.

Am Ende singt W. „Orange Dolphins“, der Text von einem „Menschen geschrieben, der nicht mehr lebt“. „I always wanted to sleep forever“, beginnt der Song. Die Erschöpfung, damals von einem ausgesprochen, der sie vielleicht wirklich qua Eigenentschluss auflöste in das, was eine Freundin mal mit pathetischer und enervierender Hartnäckigkeit „Freitod“ nannte. Noch im Tode frei – denke an Milva: „Freiheit in meiner Sprache heißt ‚Lieber Tee’…“

Die gute Nachricht:

 

10 cm = 2000 Euro: Große Männer verdienen mehr

Und es kommt doch auf die Größe an. Eine neue Studie zeigt, dass sich eine stattliche Statur im Berufsleben deutlich auszahlt. Ein Wirtschaftsforscher hat präzise berechnet, wie viel jeder Zentimeter Körpergröße an Bruttolohn bringt

(Spiegel Online, 26. April 2004)

 

Ich würde ja glatt nichts mehr verdienen, ja gar draufzahlen, wäre ich nur zehn Zentimeter kleiner…

 

Und nun, ein paar Wochen später ist Werder Meister und draußen drehen sie durch, als hätten sie gerade erst entdeckt, was man mit einer Autohupe machen kann – ich frage mich, was am Fußball ist, das ganz normale Bürger zu einer doch immerhin ordnungswidrigen Verhaltensweise veranlasst. Über die Strenge schlagen. Die Vertreter des Gewaltmonopols drücken ein Auge zu. Sie wissen, dass das nicht als Akt der Insubordination zu verstehen ist. Als ich kleiner war, wanderte ich durch ein Rom voll wahnsinniger Römer, die gerade irgendeinen ähnlichen Sieg feierten und dachte mir allen Ernstes, dass das auch etwas Schönes habe und so ganz anders als im kühlen Norden…

 

Vor 15 Jahren


gastierte eine Künstlerin in Bremen, deren grundlegend verstörendes Konzert ich damals in der taz ankündigte.

taz.bremen 18.5.1999

Das Desaster als Konstante

 Folklore, Krach und der neue Klang des Wortes „Birkenau“: Meira Asher präsentiert ihre exorzistische Oper in Bremen

Seit September letzten Jahres lebt Meira Asher im Prenzlauer Berg in Berlin. Von hier aus bringt sie ihre Show auf europäische Bühnen und gastiert damit am Mittwoch auch in Bremen. Seit sie achtzehn Jahre alt ist, zieht sie durch die Welt, studierte afrikanische Musik und Tanz in Ghana und Elfenbeinküste, klassischen Gesang in Indien, lebte in London, den USA und jetzt eben in Deutschland.

„Aufgewachsen bin ich in Israel, aber nachdem ich achtzehn wurde, lebte ich sehr lange Zeit nicht mehr dort. Ich fand heraus, daß du nicht länger als zwei Jahre am Stück in Israel leben kannst. Du drehst durch. Es ist ein sehr gewalttätiger Ort. Die Situation ist immer angespannt, Bomben, Krieg. Die Leute sind nervös.“

Davon handelt auch ihre neue Platte, „Spears Into Hooks“ (Crammed Discs/EFA). Der Titel spielt auf ein Bibelzitat an, nach dem nicht nur die bekannten Schwerter zu Pflugscharen, sondern auch Speere zu Rebmessern gemacht werden sollen. Bei Meira Asher werden diese Speere zu Haken, an denen die Menschen in den Schlachthöfen hängen. „Das Album handelt davon, Opfer einer gewalttätigen Realität zu sein, wozu ich mich als Israelitin berechtigt fühle.“

Mitgedacht ist dabei auch jeder andere Konflikt, der sich aus nationalen Befreiungskämpfen entspinnt, Ashers Ansicht nach eine Konstante menschlichen Verhaltens. „Ich denke, es läßt sich nicht vermeiden. Es geht immer darum, sich zu verbinden und abzugrenzen. Die Menschen brauchen das. Natürlich kommt es dadurch zu desaströsen Handlungen, aber am Ende eines solchen Desasters gibt es eine Art Separation, die Individualität bringt. Es ist ein Zirkel und es ist ganz natürlich.“ Was eine wenig optimistische Einschätzung ist, erklärt sie gleichzeitig zum Ansatzpunkt ihres Schaffens.

Ihre Kunst soll den Schrecken vorführen und gleich einem Exorzismus oder einer Katharsis ein Bewußtsein davon erzeugen. Ihre Mittel sind drastisch. Schroffe elektronische Sounds, Samples, bisweilen auch eine brachiale Schlagzeug- und Baßbegleitung, kontrastiert von einem mazedonischen Orchester oder einem Zitat aus den „Sphärenklängen“ von Johann Strauß. Avantgarde und Industrial, Folklore und Krach. Tod und Vernichtung, eine dunkle Stimme zwischen Rezitation, Agitation und Agonie. Eine Stimme, die auch weich klingen kann, aber dies auf ihrem neuen Album eigentlich nur einmal tut. In „Weekend Away Break“, in dessen Refrain es heißt: „Birkenau, Birkenau, Birkenau, rolls off my tongue like a poem now.“ Eine beunruhigende Platte. „Mein Ziel ist es, Leute dazu zu bringen, sich zu konzentrieren. Und um das zu provozieren, muß man übertreiben, um ihnen zu sagen: Hey, konzentriert Euch.“

„Spears Into Hooks“ entstand zum größeren Teil in der slowenischen Hauptstadt Ljubljana. „Ich ziehe es immer vor, an Orten zu arbeiten, die ich nicht kenne. Und in Ljubljana hatte ich viel bessere Bedingungen als in London, wo ich lebte. Ein nettes Studio mit einem neuen Digitalsystem und eine Menge Aufmerksamkeit von einer Menge Leute. Es gibt dort schon lange eine starke Industrial-Szene und Body-Art und all solche Sachen. Es ist wirklich erfrischend, in eine solche Stadt zu kommen. Im Radio läuft um sieben Uhr abends beispielsweise etwas von ,Faust‘. Die Band ,Laibach‘ ist auch dort ansässig. Und ich mag ihre Sachen sehr gern.“

Für die Bühne hat Meira Asher das Album noch einmal überarbeitet. „Es ist fast eine Solo-Performance. Ich arbeite mit Daniel Baruch aus Israel. Er ist ein exzellenter Soundmann. Ich bot ihm an, mit mir auf der Bühne zu performen. Es ist ziemlich interessant, diesen Sound auf der Bühne zu machen. Er manipuliert den Sound viel interaktiver, als wir es gewohnt sind. Die Sounds sind schärfer. ,Birkenau‘ wurde auch neu aufgenommen. Eine Show ist kein Album. Also mußt du alles neu zusammensetzen oder etwas anderes komponieren, um eine Oper daraus zu machen.“

Was sie tue, wenn sie mit diesem Projekt fertig sei, frage ich sie. „Das nächste Album aufnehmen.“ In Deutschland? „Ich fühle mich, ehrlich gesagt, nicht so.“

Ob sie das Reisen bevorzuge? „Nein. Aber jetzt, wo ich nicht mehr nach Israel zurück möchte, muß ich wirklich ernsthaft darüber nachdenken, wo ich leben will.“ In Israel hat sie sich vor allem mit ihren beiden Alben nicht viele Freunde geschaffen. „Das israelische Establishment und die Kulturbehörden sind sehr limitiert, und die alternative Szene ist sehr klein. Da passiert fast nichts. Ich bin recht bekannt in Israel, aufgrund dessen, was ich bin, und ich war auf unterschiedlichen Ebenen aktiv. Aber mit meinen neuen Sachen kann ich dort nicht auftreten.“

Aber auch in Europa ist es für Asher nicht unbedingt einfach, ihre Arbeit zu tun. Sie bucht ihre Auftritte selbst, was sie in die merkwürdige Lage versetzt, ihre eigene Arbeit anpreisen zu müssen. „Genau: ,Ich bin Künstler, und ich bin sehr gut, und meine Show ist sehr wichtig'“, lacht sie.

Vor 15 Jahren


schrieb ich über eine Band, von der es im ganzen Internet kein Video zu geben scheint – verrückt, nicht wahr? Stattdessen zum Schauen: Saturn’s Flea Collar, um die es auch im Interview mit den Hellworms ging

taz.bremen 12.5.1999

Die Vorschau (1)

Hellworms Himmelfahrt in Hardcore

 Die Gruppe Hellworms aus San Francisco peppt eine alte Musikrichtung mit
neuen Einfällen auf / Gesprächsnotizen zum Thema

„So um 1984 herum waren wir ziemlich gelangweilt von dem, was aus Hardcore geworden war“, erzählt Larry Boothroyd, extraordinärer Baßist der Hellworms aus San Francisco. Also beschlossen er und sein Kumpel Ralph Spight, eine Band zu gründen, die dem Hardcore neues Leben einprügeln sollte. Mit Verve und halsbrecherischer Geschwindigkeit arbeiteten sie an etwas, was später – nicht gerade zum Wohlgefallen der Ausführenden – „Jazz-Core“ getauft wurde. Und das bloß, weil krumme Takte zu hören waren und es diesen nervösen Drive hatte, den man eben vor allem von durchgedrehten Neuerern des Jazz kannte. Die Band von Larry und Ralph hieß Victim’s Family und wirbelte eine Menge Staub auf. Gut zehn Jahre später war Schluß damit. Ralph Spight spielte hier und dort Gitarre, gründete eine andere Band, in der Larry Boothroyd trommelte, aber etwas schien zu fehlen. So griffen sich die beiden den Schlagzeuger Joaquin Spengemann und begannen wieder, einen überdrehten, spielwitzigen Sound jenseits des gängigen Hardcore-Vokabulars zu produzieren.

Victim’s Family waren schon immer Ralph Spight und Larry Boothroyd plus wechselnde Schlagzeuger. Deshalb sei die Frage erlaubt, warum sie sich nicht einfach wieder Victim’s Family genannt haben? „Eine gute Frage“, meint Ralph. „Wir haben darüber auch nachgedacht. Wir hätten Joaquin (Spengemann, der neue Trommler) hundert Songs beibringen und wieder Victim’s Family sein können. Aber wir wollten neue Musik machen und nicht dazu gezwungen sein, die alten Songs zu spielen. Wenn wir das jetzt tun wollen, können wir das machen, aber wir müssen es nicht.“

So oder so führt eine direkte musikalische Linie von den Victim’s Family-Platten zu den Hellworms, deren „Crowd Repellent“-Album genau da ansetzt, wo das letzte Album von Victim’s Family aufhörte. Ralph stimmt zu. „Ich denke, wir haben unsere eigene Stimme. Wir sind es gewohnt, Dinge auf eine bestimmte Art zu tun.“

Und Larry ergänzt: „Wir spielen, was wir gern spielen, singen, worüber wir singen wollen, probieren verschiedene Formen aus. Ich denke wir expandieren bei dem, was wir tun. Vielleicht langsam, aber ,Crowd Repellent‘ ist eine ziemlich abwechslungsreiche Platte. Sie ist schwer zu greifen. Nicht wie bei Victim’s Family, wo es viele Wechsel innerhalb der Songs gab. Hier ist es eher ein Wechsel von Song zu Song.“

Eine Haltung also, die sich ganz dem eigenen musikalischen Geschmack verpflichtet fühlt, und sonst gar nichts. Deshalb haben sie auch, als sie Zeit dafür hatten, eine Band wie „Saturn’s Flea Collar“ gemacht, in der alles ein wenig anders war, nicht nur musikalisch. „Das hat viel Spaß gemacht“, erinnert sich Larry. „Wir konnten eine Menge machen, was wir vorher nicht konnten. Ich konnte trommeln, alle haben gesungen, alle haben geschrieben. Es gab die verschiedensten Sounds, keine Grenzen. Mit so viel Freiheit konnten wir einfach nicht umgehen“, lacht er.

Wie schon mit ihren anderen Bands veröffentlichen Hellworms ihre Platten bei Alternative Tentacles, dem Plattenlabel von Jello Biafra. Der wiederum wirbt auf seinen Lese-Reisen beredt für politische Aktion. Agitiert er auch „seine“ Bands für die Revolution?

„Eigentlich beginnen die meisten unserer Unterhaltungen so“, witzelt Ralph. „Nein, wir haben nie allzuviel über sowas geredet. Er läßt die Bands machen, was sie wollen. Ich denke, wenn er die Message einer Band nicht mag, ist er auch nicht daran interessiert, ihre Platte zu machen. Wir haben einmal darüber gesprochen, zusammen Musik zu machen, was sehr interessant wäre. Ich würde ihn gerne Musik machen sehen. Er ist so gut.“ Die Chancen für eine musikalische Zusammenarbeit zwischen Biafra und Hellworms stehen allerdings und leider nicht übermäßig gut. „Wir haben darüber geredet, aber der Mann ist so verdammt fleißig“, ist Ralph eher skeptisch.

Vor zehn Jahren


… ragte aus dem Stapel Alben, die ich für das TRUST besprach, unter anderem folgendes heraus:

Shed Grace

STICKS AND STONES – ‚Shed Grace‘

Chad Taylor, Josh Abrams und Matana Roberts haben mit allem und jedem zusammengespielt. Taylor ist bei den verschiedenen Inkarnationen des Chicago Underground Duo, Trio oder Quartetts beteiligt, mit Abrams spielt er in der Band von Sam Prekop, Abrams ist Mitglied bei Town & Country, als Studiogast auf Platten von Bobby Conn, Godspeed You Black Emperor und etlichen mehr zu hören. Roberts ist schon eher einem klassischen Avantgarde-Jazz-Umfeld verhaftet, spielte mit Anthony Braxton, Steve Lacy, Peter Brötzmann und Ravi Coltrane zusammen, ist mit der AACM verbandelt. Als Hausband der Velvet Lounge von Fred Anderson (siehe oben) fanden sie sich als Trio und haben mit „Shed Grace“ ihr zweites Album veröffentlicht, auf dem sie – wenn ich das so zu sagen – eine Lounge-Version von Avantgarde-Jazz spielen. Selbstredend nicht als Kitsch, sondern als vor allem in der Lautstärke schlicht zurückgenommene Musik ohne die oft ausufernden Formate dessen, was eben sonst oft mit Avantgarde-Jazz einhergeht. Covers von Thelonious Monk, Fela Kuti und Billy Strayhorn werden bruchlos zwischen die Eigenkompositionen geflochten. Das Zusammenspiel ist makellos, Matana Roberts‘ Saxophon von berückender Melodik. Schönes Ding.

Thrill Jockey/Rough Trade