Aus gegebenem Anlass


habe ich mal ein paar Texte zusammengesucht, die ich für die taz über Konzerte der World/Inferno Friendship Society schrieb, die gerade auf Tour ist und am Dienstag im Tower in Bremen auftritt. Der erste erschien am 8.1.1998:

Verspätete Bohemiens, türlos, ermattet, aber schön

 „Santiago“und „World/Inferno Friendship Society“gelingt in der Buchtstraße
Bemerkenswertes: Fröhlichkeit ohne doof zu sein

Weil ihr Tourbus ein paar Tage vorher eine Tür eingebüßt hatte, mußte die „World/Inferno Friend-ship Society“aus dem New Yorker Stadtteil Brooklyn noch einen kleinen Umweg machen. So standen zu einer Zeit, als das Konzert eigentlich schon begonnen haben sollte, die Jungs und Mädels auf der Bühne und machten den ebenso obligatorischen wie nervenden Soundcheck vor Publikum. Konnte sich also glücklich schätzen, wer gewohnheitsbedingt oder sonstwie zu spät kam.

Die erste Band, Bremens neue Gitarrenhoffnung „Santiago“, hielt sich beim ‚one, two, check‘ gnädigerweise etwas zurück. Ihr Debüt vor bremischem Publikum litt in Folge dessen leider auch ein wenig unter dem Sound. Gitarre und Bass, die im klassischen ‚Laut/Leise/Verzerrt/Unverzerrt‘-Wechselspiel glänzten, hätten schon ein wenig dominanter sein dürfen. Davon abgesehen, rsp. -gehört, konnte an Santiago seine Freude haben, wer Bands wie Bitch Magnet und Seam mag oder sich für The Notwist erwärmen kann. Santiago sind dabei allerdings weniger kompliziert als erstere und ein Stück sperriger als letztere. Zwischen herbstlich verhangenen Songs und schrägeren Noise-Eskapaden spielt die Band durchaus souverän, auch wenn es etwas komplizierter wird. Hier dürfen Hoffnungen investiert werden.

Danach gab nun also die World/Inferno Friendship Society das letzte Konzert ihrer Tour. Es seien fünf anstrengende Wochen gewesen, ließ die Band verlauten. Schön war es trotzdem, und irgendwie schienen die acht MusikerInnen auch ihren Spaß zu haben. Ein bißchen Feuerzauber, ein kleiner Ska, ein Lynyrd Skynyrd-Riff, Posaune, Klarinette und eine Tuba als Bass-Instrument, ein bißchen Dreigroschenoper, ein bißchen Talking Heads, von diesem noch und von jenem auch. Eklektizismus! Und fröhlich war’s, aber nicht auf die doofe Tour. Diese Leute wissen zuviel, um noch zu glauben, daß die Welt schön ist, und die Menschen gut sind. Der Sänger war früher in einer Punkband und sang manchmal Bruce Springsteen-Songs, hey, aber eigentlich ist er ein Hipster, ein Bohemien, deshalb trinkt er auch Wein, kein Bier. Deshalb trägt er auch einen Anzug und hat die Haare angegelt. Deshalb ist er auch eher Conferencier als Frontmann. Deshalb wagt er auch mal ein ausgelassenes Tänzchen mit seinen Mitmusikerinnen, und deshalb darf die Musik auch mit einer gewissen Schlampigkeit gespielt werden. Eine äußerst sympathische Band. Leider war nur das Konzert ziemlich kurz, sei es wegen Müdigkeit, sei es, weil es vielleicht bei der World/Inferno Friendship Society immer so ist. Mit denen hätten wir es vermutlich locker bis Sonnenaufgang ausgehalten. Hoffentlich ein andermal.

 

Und zwei Jahre später dann etwas ausführlicher:

taz Bremen 14.2.2000

Euphorisierendes Inferno mit Speed

 Die World/Inferno Friendship Society führte im Schlachthof eine Punk-Komödie vor

Auf eine Art ist äußerst altmodisch, was die World/Inferno Friendship Society aus New York veranstaltet. Ihr Auftreten scheint fast zu fröhlich zu sein. Und wenn Sänger mit Kajalstrich unter den Augen auch noch richtig singen können, mit Schmelz und Vibrato, wenn Frauen mit knappen Bustiers, hochgeschlitzten Kleidern und Herren in Anzügen für diese fröhliche Musik zuständig sind, dann klingt das nicht gerade nach einem Konzert für Punkrocker. Wenn dann auch noch das bislang einzige Album der WIFS zu allem Überfluss auch noch ein Konzeptalbum mit Bezügen auf Dante und Geheimgesellschaften ist und von der Band als Musical bezeichnet wird, dann könnten Konzerte leicht unangenehm im Sinne von Kleinkunst oder „Bad Taste“ werden.

Zu beschreiben, warum die WIFS nun trotz alledem so ungemein wundervoll anzuschauen und natürlich zu hören ist, fällt nicht ganz leicht. Es hat wohl mit dem Verhältnis zu tun, welches die Männer und Frauen aus New York zu ihrer Musik einnehmen. Es hat auch ganz sicherlich damit zu tun, dass sie ein äußerst theatralisches Verhältnis zu so etwas wie Bühnenperformance haben. Und es hat wahrscheinlich auch mit dem zu tun, wie sie sich zu den Verhältnissen stellen, die sie umgeben.

Dass nämlich ihre Musik bei allem Frohsinn und Witz ein Gift besitzt, einen fast schon zynischen Unterton, der allerdings nur scheinbar in einem Widerspruch zu ihrer überbordenden Vitalität steht, macht den großen Reiz ihrer Show aus. Sicher wollen sie aus diesem Leben ein Maximum herausholen, und natürlich stoßen sie dabei immer wieder auf Grenzen, die ihnen eine fremde Willkür setzt.

Sich dem trotzig zu widersetzen, ein zähnebleckendes Lachen auf den Lippen, nötigenfalls und notwendig dabei die gesellschaftlich sanktionierten Wege zu verlassen, ist die Konsequenz, die sie daraus ziehen. Und es ist nicht nur eine Pose. Einer aus der Gesellschaft trieb sich beispielsweise vor dem Konzert in der Gegend um den Schlachthof herum, weil er Drogen suchte und mit diesem Anliegen bei dem Hardcore-Publikum an einer reichlich falschen Adresse war.

Ob er sein Speed schließlich doch noch gefunden hat, weiß ich nicht. Die Show der WIFS war jedenfalls von einer überschäumenden, berauschenden Intensität. Bier und Schweiß flossen reichlich, und die WIFS spielte mit einer herzlichen Unbekümmertheit.

Lieber mal einen Ton nicht so ganz treffen, als über alle Musik, Polka, Ska, Moritat, Rock, Jazz, zu vergessen, wofür sie eigentlich da standen, nämlich um Spaß zu haben. Sich auch mal was aus der Bierflasche über den Kopf zu gießen, von der Bühne ins Publikum hinunterzusteigen und zu tanzen. Oder zwischendurch atemlos und mit zweideutiger Ironie Geschichten über Kürbisse und darüber zu erzählen wie es ist, mit vierzehn Jahren von der Polizei verhaftet zu werden und Mama am Telefon weinen zu hören, was das Schlimmste ist und wofür sie die Polizei hassen.

Ihr Sarkasmus ist durchzogen von einer Traurigkeit, wie Sarkasmus das wohl meistens ist, andererseits eben verwandelt der Lebenshunger der WIFS ihren Zorn in Spott, der den Tanz auf dem Rand des Vulkankraters schließlich so verblüffend plausibel erscheinen lässt. Das Inferno war noch nie so eine euphorisierende Sache.