Post 200: Noch ein „Vor zehn Jahren…“, diesmal die entsprechende Kolumne im TRUST (leutselig waren wir, das will ich wohl zugeben)…


SOMMERZÄHNE

 

„They’re tearing up streets again“

Meine Spaziergänge führten mich immer weiter durch die Parks und Auen der Stadt. Nicht wirklich weit genug vielleicht, aber immerhin weit genug, um nicht auf all die zufriedenen und unzufriedenen Bürger und Bürgerinnen dieser Stadt zu treffen und ihr Geschnatter zu hören. Es war möglich, ohne fortwährend zu erschaudern oder Unterschlupf vor dem alles benetzenden Regen suchen zu müssen, auf Parkbänken Zigaretten zu rauchen. Das war schon eine verdammte Verbesserung.

Es würde in den nächsten Monaten also haufenweise Gelegenheit geben, sich an den wenigen Dingen zu erfreuen, die einfach so auf der Straße lagen, und jenseits davon, auf der anderen Seite, wo es zwar nicht von hier aus betrachtet, aber immerhin einer alten Volksweisheit gemäß stets grüner war.

Die meisten Volksweisheiten waren sowieso entweder aus dem Faust gestohlen, oder von Martin Luther, und man kann sich ausmalen, warum diese Weisheiten so gestrickt waren, wie sie waren, wenn man sich anschaute, wer sie erdacht hatte. Trotzdem, der Faust hatte seine Reize, vor allem, wenn man in der Schule ein wenig über Metrik gelernt hatte. Das hatte der Alte wohl verstanden, seine dürftige Geschichte über einen alten Sack auf Sinnsuche in zahllose meisterlich gedrechselte Verse zu verpacken. Und Luther? Nun ja, seine Verdienste für die deutsche Sprache konnten einem gestohlen bleiben, es hätte nicht sein gemusst. Und dem Volk hätte er weniger aufs Maul schauen sollen als vielmehr ihm darauf … Andererseits hatte er ja für sein Anliegen bei diesen Leuten ein offenes Ohr gefunden. Was hätte er also an ihnen auszusetzen haben sollen?

 

„I am your pamphleteer“

Eigentlich konnte der alte Goethe einem da schon sympathischer sein, hatte er doch immerhin eine ausgesprochene Vorliebe für die ganz materiellen Genüsse, der alte Schwerenöter. Aber da war dann wieder dieses öde „Laboremus“, mit welchem er den zweiten Teil des Faust ausklingen ließ. Voltaire! Auch dem fiel nichts besseres ein als seinen Candid am Ende seiner Odyssee einen Garten bestellen zu lassen, nachdem der nichts weniger als ein Paradies in Amerika gefunden hatte, wo das Gold auf der Straße lag und sich eben deshalb niemand drum kümmerte und dafür lieber den volkseigenen Reichtum genoss – aber da gab es schließlich seine Kunigunde nicht… Es mag ja ganz befriedigend sein, ab und an zu arbeiten, aber muss man sich dann unbedingt noch eine Moral draus machen? Wenn es wirklich so eine tolle Sache wäre, könnte man die Leut doch von allein drauf kommen lassen – und wenn sie es nicht täten, wäre es nach dieser Logik schließlich ihr eigenes Pech.

 

„Winter dies the same way every spring“

Der Winter war jedenfalls lang genug gewesen, dass die Leute das bisschen mehr Licht, das bisschen mehr Wärme als neuen Kitzel für die Sinne empfanden und darüber für ein Weilchen vergaßen, was ansonsten für besoffenes Geschimpfe oder anderes Gemecker sorgte.

Zwischendurch nässte es natürlich immer mal wieder gründlich ein. Diese Stadt wäre nicht ohne den Regen, nehme ich an; wie in diesem Roman von den Strugatzkis, ich meine es war „Das lahme Schicksal“, wo das Ende des Regens nichts weniger begleitet als den völligen Niedergang, den Auseinanderfall des Bestehenden. Wahrscheinlich steckt irgendein tieferer Sinn dahinter. In dem Roman, meine ich. Man kennt ja diese Russen.

 

„I’m back with scars to show“

So war das, und auf einmal war das alles egal – mir jedenfalls. Die Sonne begann zu scheinen, von oben herab, ganz die arrogante Tour, von der Seite, scheel, und aus meinem Hintern, ganz unverfroren – die gelbe Sau, wie mein Mitbewohner sie zuweilen nannte, oder auch eine ganz exzeptionelle Droge, wie ich einmal bemerkte. Was für ein Leben! Zeit, diesen alten Satz wieder auszupacken und ihn beim weißen Wein zu deponieren, um ihn hin und wieder zu murmeln, wissend, dass einen dieses zuviel an allem – Arbeit, Wärme, komischerweise auch so aus der Mode gekommen zu sein scheinende Dingen wie Konzerten mit der eigenen Band und Sex sowie Spaßhaben auf mehrtägigen Open-Air-Festivals – schon etwas debil machen konnte, da sämtliche weiteren Interessen, die man hätte auf den Weg bringen können, Makulatur waren. Aber was willst du machen – auch wenn dich sonst kaum jemand danach fragt -, wenn du nach ein paar Stunden Schlaf um die Mittagszeit auf dem Rasen liegst, eine Band freundliche Songs darüber singt, wie lange es dauern könnte, die Vereinigten Staaten zu Fuß und allein zu durchqueren, während die Sonne durch die versprengten Wolken bricht, die den Tag so lange noch überstanden haben? Ein erstes Bier, eine erste Zigarette und dann dem leisen Schmerz, dem Rest der Nacht als letzter Gegenwart schon fast wieder vergangener Lust nachzuhängen und zu beobachten, wie sie in die neue Gegenwart übergeht.

 

„We’ve got a lot of time. Or maybe we don’t (…)“

Dann gaben sie mir auch noch den Job, für die Illustrierte etwas über Sex im Freien zu schreiben, und der nahe liegende Gedanke, dann aber erstmal Empirie betreiben zu müssen, Recherche, falls sie wissen, wovon ich spreche, während draußen vor dem Fenster irgendwelche Leute die Zeit ihres Lebens feiern, indem sie nächtens mit dem Cabrio bei mir vor dem Haus vorbei fahren und mich wissen lassen, dass sie es gern bei furchtbarem HipHop tun. Es hat ja keiner eine Ahnung, wie aufreibend so ein Job ist, wenn man nebenher noch versuchen möchte, so etwas wie ein ausgefülltes Privatleben zu haben, was wiederum nicht so schwer auszufüllen ist, wenn so viel der übrigen Zeit aufzuwenden ist, um merkwürdige Geschichten für Leute zu schreiben, dass die Mengen freier Zeit ohnehin recht schmal ausfallen.

 

„Let’s go play on a baggage carousel“

Unsereins hatte allerdings ohnehin wenig zu tun, wenn jene Monate dran waren, in denen alle Welt ans Mittelmeer oder Indonesien fuhr, weil es da netter war, zumindest am Mittelmeer (Indonesien kenne ich nicht, und nichts zieht mich wirklich dorthin). Auch wenn mir neulich jemand mitteilte, man habe am Mittelmeer die Busse abgeschafft. Egal – was brauch ich einen Bus, wenn die Sonne scheint und überall rote Weine aus den Regalen sprießen, die Zigaretten nur die Hälfte kosten und ich die ganze Nacht in meinem voll geschwitzten T-Shirt durch die Gegend laufen kann, je nach Geschmack auch flanieren und – wenn es die Geographie in ihrer unendlichen Weisheit gestattet – vielleicht sogar promenieren und am allerbesten noch bigamieren?

 

„In love with love and lousy poetry“

Das Besoffensein vom Müßiggang, vom schwülen Wind, von den Wiesen am Fluss und dem Geruch von Nacht, dem Gebrüll morgendlicher Vögel, das sich mit dem erster Straßenbahnen und anliefernder Lebensmittelgroßhändler aufs Lieblichste vermischt, während der Schweiß auf der Haut nach anderen Körpern riecht. Bisweilen vielleicht noch durchs Fenster der Ruf eines den richtigen Zeitpunkt verpasst Habenden im wolkenlosen Blau des Morgens.

Was ich damit sagen will, ist wenig. Gerade ging die Tür, kurz vor Mitternacht und einige Leute kamen herein, die ganz ähnlich bescheuert kichern und von dem ganzen Hitzeschwall ganz high sind, und sie haben Wein und Melonen mitgebracht von ihrer seltsamen Fahrt durch diese Sommernacht. Morgen wird vieles davon vergessen sein, weil es Verhinderungsgründe dafür gibt, die gedankenlose Euphorie eines Augenblicks durch Erinnerungsleistungen für länger als einen Augenblick hervor zu rufen. Deshalb von hier nur die kurze Mitteilung, dass es schön ist, just jetzt an diesem Ort zu sein. Und die Feststellung, dass es ein angenehmer Gedanke ist, damit nicht ganz allein zu sein. Wundert euch also bitte nicht, wenn ich ungewöhnlich versöhnlich schließe. Ein paar von euch sind durchaus gemeint.

 

Yours truly,

 

stone

 

Diese Kolumne wurde mit freundlicher Unterstützung verschiedener Weakerthans-Songs hergestellt.

Vor zehn Jahren


im Bremer besprochen – und eigentlich auch heute noch durchweg hörenswert:

FUGAZI

The Argument

DISCHORD/EFA

Ihr neues Album zeigt Fugazi im steten Bestreben, ihre Musik zu erweitern. Darum geht es ihnen: um die Arbeit an (und für) sich und an der Musik. „The Argument“ ist wohl die musikalisch offenste Platte der Band, einmal abgesehen von dem skizzenhaften Soundtrack „Instrument“. Die immer etwas spröde klingenden Songs nach wie vor – wenn auch maßvoll – verschachtelt, hier nun mit mehr Frei- und Ruheräumen, in denen dann beispielsweise eine hübsche Melodie gepfiffen werden kann. Dabei ist die neue Fugazi natürlich keineswegs eine Pop-Platte, sondern bei aller Vielseitigkeit in einem beinahe nüchternen Ton produziert. Fugazi und sich anbiedern? Nie! Die letzten Worte dieses Albums sind: „I’m on a mission to never agree / here comes the argument“.

Gleichzeitig erschienen: Eine Single mit drei Songs, teils schon etwas älteren Datums aber erst kürzlich aufgenommen, die stilistisch nicht aufs neue Album passten.

 

ISOLATION YEARS

Inland Traveller

STICKMAN/INDIGO

Von verzerrten Gitarren haben sie genug: Isolation Years aus der schwedischen Hardcore-Hochburg Umeå ziehen sich lieber in das rote Haus zurück, das auf dem Cover ihres ersten Albums abgebildet ist, und nehmen in aller Ruhe eine wunderschöne, beinahe rustikale Musik auf, von der Form her Pop, aber mit einem ausgeprägten Sinn für traditionelle Instrumentierungen. Akkordeon, akustische Gitarren, strahlende Bläsersätze – alles klingt warm, analog, organisch, gewissermaßen. „Inland Traveller“ atmet eine Ruhe, wie sie in der selbst gewählten Isolation gedeihen mag, die es ermöglicht, sich ganz auf das Wesentliche zu konzentrieren, das hier natürlich die Songs sind. So abgehangen wie Soundtrack Of Our Lives, so geschmackvoll wie das Bear Quartet, beides übrigens auch schwedische Bands; fast als läge es dort in der Luft.

 

THE (INTERNATIONAL) NOISE CONSPIRACY

A New Morning, Changing Weather

BURNING HEART/CONNECTED

The (International) Noise Conspiracy will es nach wie vor wissen. „A New Morning, Changing Weather“ enthält zwölf Stellungnahmen zum Zustand der Welt und den in ihr lebenden Menschen. Freiheit – was ist das? Reform oder Revolution? Ist die New Economy wirklich so neu?

Sei es Staffage oder Idealismus: Die Noise Conspiracy sorgt immerhin dafür, dass auch in der Musikpresse zumindest unter anderem über ihre Themen gesprochen wird. Für ihre optische wie klangliche Nähe zu den aufgelösten Make Up wurden sie nicht selten gescholten. Dabei ist die Noise Conspiracy vor allem in konservierter Form das unterhaltsamere Unternehmen. Mitreißender Sixties-Garage-Punk mit Bläsersätzen aufgepeppt, raue, knappe Songs, die vor allem anderen rocken.

 

Short Cuts

HARMFUL – Wromantic (BMG) Wie die späten Helmet haben Harmful nun die hohe Kunst des Songwriting entdeckt: Elvis Costello als Bezugspunkt für neue Inspiration. Zwar klingt „Wromantic“ hart erarbeitet, aber eine gewisse Leichtigkeit ist neu in den immer noch schweren Rock-Songs. Harmful sind nach wie vor keine Schmeichler. Trotzdem klingen sie versöhnlicher als je.

Aus gegebenem Anlass


habe ich mal ein paar Texte zusammengesucht, die ich für die taz über Konzerte der World/Inferno Friendship Society schrieb, die gerade auf Tour ist und am Dienstag im Tower in Bremen auftritt. Der erste erschien am 8.1.1998:

Verspätete Bohemiens, türlos, ermattet, aber schön

 „Santiago“und „World/Inferno Friendship Society“gelingt in der Buchtstraße
Bemerkenswertes: Fröhlichkeit ohne doof zu sein

Weil ihr Tourbus ein paar Tage vorher eine Tür eingebüßt hatte, mußte die „World/Inferno Friend-ship Society“aus dem New Yorker Stadtteil Brooklyn noch einen kleinen Umweg machen. So standen zu einer Zeit, als das Konzert eigentlich schon begonnen haben sollte, die Jungs und Mädels auf der Bühne und machten den ebenso obligatorischen wie nervenden Soundcheck vor Publikum. Konnte sich also glücklich schätzen, wer gewohnheitsbedingt oder sonstwie zu spät kam.

Die erste Band, Bremens neue Gitarrenhoffnung „Santiago“, hielt sich beim ‚one, two, check‘ gnädigerweise etwas zurück. Ihr Debüt vor bremischem Publikum litt in Folge dessen leider auch ein wenig unter dem Sound. Gitarre und Bass, die im klassischen ‚Laut/Leise/Verzerrt/Unverzerrt‘-Wechselspiel glänzten, hätten schon ein wenig dominanter sein dürfen. Davon abgesehen, rsp. -gehört, konnte an Santiago seine Freude haben, wer Bands wie Bitch Magnet und Seam mag oder sich für The Notwist erwärmen kann. Santiago sind dabei allerdings weniger kompliziert als erstere und ein Stück sperriger als letztere. Zwischen herbstlich verhangenen Songs und schrägeren Noise-Eskapaden spielt die Band durchaus souverän, auch wenn es etwas komplizierter wird. Hier dürfen Hoffnungen investiert werden.

Danach gab nun also die World/Inferno Friendship Society das letzte Konzert ihrer Tour. Es seien fünf anstrengende Wochen gewesen, ließ die Band verlauten. Schön war es trotzdem, und irgendwie schienen die acht MusikerInnen auch ihren Spaß zu haben. Ein bißchen Feuerzauber, ein kleiner Ska, ein Lynyrd Skynyrd-Riff, Posaune, Klarinette und eine Tuba als Bass-Instrument, ein bißchen Dreigroschenoper, ein bißchen Talking Heads, von diesem noch und von jenem auch. Eklektizismus! Und fröhlich war’s, aber nicht auf die doofe Tour. Diese Leute wissen zuviel, um noch zu glauben, daß die Welt schön ist, und die Menschen gut sind. Der Sänger war früher in einer Punkband und sang manchmal Bruce Springsteen-Songs, hey, aber eigentlich ist er ein Hipster, ein Bohemien, deshalb trinkt er auch Wein, kein Bier. Deshalb trägt er auch einen Anzug und hat die Haare angegelt. Deshalb ist er auch eher Conferencier als Frontmann. Deshalb wagt er auch mal ein ausgelassenes Tänzchen mit seinen Mitmusikerinnen, und deshalb darf die Musik auch mit einer gewissen Schlampigkeit gespielt werden. Eine äußerst sympathische Band. Leider war nur das Konzert ziemlich kurz, sei es wegen Müdigkeit, sei es, weil es vielleicht bei der World/Inferno Friendship Society immer so ist. Mit denen hätten wir es vermutlich locker bis Sonnenaufgang ausgehalten. Hoffentlich ein andermal.

 

Und zwei Jahre später dann etwas ausführlicher:

taz Bremen 14.2.2000

Euphorisierendes Inferno mit Speed

 Die World/Inferno Friendship Society führte im Schlachthof eine Punk-Komödie vor

Auf eine Art ist äußerst altmodisch, was die World/Inferno Friendship Society aus New York veranstaltet. Ihr Auftreten scheint fast zu fröhlich zu sein. Und wenn Sänger mit Kajalstrich unter den Augen auch noch richtig singen können, mit Schmelz und Vibrato, wenn Frauen mit knappen Bustiers, hochgeschlitzten Kleidern und Herren in Anzügen für diese fröhliche Musik zuständig sind, dann klingt das nicht gerade nach einem Konzert für Punkrocker. Wenn dann auch noch das bislang einzige Album der WIFS zu allem Überfluss auch noch ein Konzeptalbum mit Bezügen auf Dante und Geheimgesellschaften ist und von der Band als Musical bezeichnet wird, dann könnten Konzerte leicht unangenehm im Sinne von Kleinkunst oder „Bad Taste“ werden.

Zu beschreiben, warum die WIFS nun trotz alledem so ungemein wundervoll anzuschauen und natürlich zu hören ist, fällt nicht ganz leicht. Es hat wohl mit dem Verhältnis zu tun, welches die Männer und Frauen aus New York zu ihrer Musik einnehmen. Es hat auch ganz sicherlich damit zu tun, dass sie ein äußerst theatralisches Verhältnis zu so etwas wie Bühnenperformance haben. Und es hat wahrscheinlich auch mit dem zu tun, wie sie sich zu den Verhältnissen stellen, die sie umgeben.

Dass nämlich ihre Musik bei allem Frohsinn und Witz ein Gift besitzt, einen fast schon zynischen Unterton, der allerdings nur scheinbar in einem Widerspruch zu ihrer überbordenden Vitalität steht, macht den großen Reiz ihrer Show aus. Sicher wollen sie aus diesem Leben ein Maximum herausholen, und natürlich stoßen sie dabei immer wieder auf Grenzen, die ihnen eine fremde Willkür setzt.

Sich dem trotzig zu widersetzen, ein zähnebleckendes Lachen auf den Lippen, nötigenfalls und notwendig dabei die gesellschaftlich sanktionierten Wege zu verlassen, ist die Konsequenz, die sie daraus ziehen. Und es ist nicht nur eine Pose. Einer aus der Gesellschaft trieb sich beispielsweise vor dem Konzert in der Gegend um den Schlachthof herum, weil er Drogen suchte und mit diesem Anliegen bei dem Hardcore-Publikum an einer reichlich falschen Adresse war.

Ob er sein Speed schließlich doch noch gefunden hat, weiß ich nicht. Die Show der WIFS war jedenfalls von einer überschäumenden, berauschenden Intensität. Bier und Schweiß flossen reichlich, und die WIFS spielte mit einer herzlichen Unbekümmertheit.

Lieber mal einen Ton nicht so ganz treffen, als über alle Musik, Polka, Ska, Moritat, Rock, Jazz, zu vergessen, wofür sie eigentlich da standen, nämlich um Spaß zu haben. Sich auch mal was aus der Bierflasche über den Kopf zu gießen, von der Bühne ins Publikum hinunterzusteigen und zu tanzen. Oder zwischendurch atemlos und mit zweideutiger Ironie Geschichten über Kürbisse und darüber zu erzählen wie es ist, mit vierzehn Jahren von der Polizei verhaftet zu werden und Mama am Telefon weinen zu hören, was das Schlimmste ist und wofür sie die Polizei hassen.

Ihr Sarkasmus ist durchzogen von einer Traurigkeit, wie Sarkasmus das wohl meistens ist, andererseits eben verwandelt der Lebenshunger der WIFS ihren Zorn in Spott, der den Tanz auf dem Rand des Vulkankraters schließlich so verblüffend plausibel erscheinen lässt. Das Inferno war noch nie so eine euphorisierende Sache.

 

Altes Zeug


Ein Schwung Rezensionen aus dem Bremer und dessen Gratis-Ableger BIG vor zehn Jahren:

ALL/DESCENDENTS

Live Plus One

EPITAPH/CONNECTED

Die unbestrittenen Meister des Pop-Punk im Doppelpack: Aus den Descendents, die in den frühen Achtzigern als erste den Hardcore mit den Formen des Pop-Songs vertraut machten, wurden später All, die mit verschiedenen Sängern das Erbe weiter führten und das Repertoire zwischenzeitlich um aberwitzige Progrock-Einlagen erweiterten, wie sie bei den Descendents bereits angelegt waren. Vor ein paar Jahren stieß dann Descendents-Sänger Milo Aukerman wieder zu dem Haufen, um eine neue Descendents-Platte aufzunehmen und auf Tour zu gehen. Fortan gab es beide Bands parallel. Diese Gleichzeitigkeit beschert uns nun eine Doppel-CD, je eine CD von jeder Band, voll mit Live-Aufnahmen einschließlich aller Hits. Ein Parforce-Ritt durch die wechselhafte Geschichte der Legende(n).

All spielen – selbstredend – „She’s My Ex“ aber auch „Educated Idiot“, Descendents geben das „Weinerschnitzel“ und „All-O-Gistics“ ebenso wie Songs ihres Comeback-Albums „Everything Sucks“. Empfehlenswert vor allem, weil die bislang existierende Live-Platte von All alles andere als eine Glanzleistung ist.

 

NEUROSIS

A Sun That Never Sets

RELAPSE/SPV

Die verzweifelte Sinnsuche, auf der sich Neurosis mindestens seit „Souls At Zero“, also seit rund zehn Jahren befinden, ist derweil noch weniger zu überhören als je, nun, da Steve Von Till, der vor ein paar Monaten ein düsteres Singer/Songwriter-Album veröffentlichte, auch bei Neurosis häufiger zur akustischen Gitarre greift und mit ungeschulter Stimme zu singen anhebt.

Wo sich bislang Zerrissenheit bei Neurosis in vielstimmigen Schreien, haushohen Gitarrenkaskaden und tribalistischen Trommelritualen höchst wirkungsvoll entlud, scheint nun der Ausweg nicht mehr offen, sich in Lärm zu verlieren, die Katharsis also, die die Band auf erwähntem „Souls At Zero“ beispielhaft vorführte. Von Till artikuliert auf „A Sun That Never Sets“ deutlicher als zuvor das Leiden an der Welt und am Sein an sich, die Stücke schleppen sich bedrückend dahin, ohne zu explodieren, in nüchterner Bestandsaufnahme von Steve Albini produziert. Es ist fast schon überraschend: Neurosis klingen tatsächlich deutlich anders als auf den letzten vier Alben, und bisweilen erinnern sie gar an Nick Cave, wie in „Crawl Back In“. Die Wirkung, die Neurosis einmal hatten, hätten sie ohnehin nicht länger konservieren können. „A Sun That Never Sets“ ist ein erster, vorsichtiger Schritt in eine andere Richtung. Wer weiß, vielleicht führt die zu einem ähnlich schlüssigen Konzept hin.

 

MOTORPSYCHO

Phanerothyme

STICKMAN/INDIGO

Mit „Let Them Eat Cake“ befreiten sich Motorpsycho von den Limits eines Rock-Trios. Zuckersüße Harmoniegesänge und üppige Arrangements, die sich stilsicher aus dem Fundus der Musikgeschichte zwischen Beach Boys, Beatles, Pink Floyd und Crosby, Stills, Nash & Young bedienten, kamen sie gar das erste Mal in die Charts. „Phanerothyme“ präsentiert die Band auf den ersten Blick als gefälliger, eingängiger und zugänglicher, während spätestens bei genauerem Hinhören klar wird, wie reich auch dieses Album ist, wie viel schichtig die Arrangements, wie kompliziert bisweilen die Kompositionen. Motorpsycho haben sich mit diesem Album (ausnahmsweise) nicht selbst neu erfunden. Aber das haben sie schließlich schon mehr als einmal überzeugend getan. Dass „Phanerothyme“ so schön und vor allem so leicht klingt, war für Trondheim’s finest Herausforderung genug. Dass auch der beherzte Rückgriff auf Formen wie eine akustische Ballade, auf dramatische Streicher-Arrangements und – wenn es Not tut – auch mal eine zarte Flötenweise bei aller Lieblichkeit nie auch nur im Entferntesten nach symphonisch unterminierten Metallica klingt, ist der Nachweis für das Meistern auch dieser Herausforderungen. Das Unternehmen ist gelungen, das Ergebnis erneut beeindruckend.

 

MANDRA GORA LIGHTSHOW SOCIETY

Space Rave

SWAMP ROOM RECORDS

Die psychedelische Bremen/Hannover-Connection ist auf der 10″-Picture-Disc „Space Rave“ nun ausführlich mit ihrem neuen Sänger Timo Lommatzsch zu hören. Und was sich in der jüngeren Vergangenheit bei Konzerten der Society bereits ankündigte: Es hat der Band gut getan, den Ex-Payola-Sänger an Bord zu holen. Mit einem entfernt an Jim Morrison erinnernden Ton verleiht er den nach wie vor ausladenden Space-Rock-Kompositionen neue Nuancen und mehr Volumen. Zirpende Sphären-Sounds und andere seltsame Klangpartikel, aber auch der Sound der Studioaufnahmen tun hier nun ein Übriges, um diese Aufnahmen zum Besten zu machen, was diese Band bislang veröffentlicht hat.

Die B-Seite, ausgefüllt von einem einzigen Stück namens „Psychedelic Shiva“, das vor zwei Jahren auf dem alljährlichen Treffen der Hawkwind-Fans mitgeschnitten wurde, zeigt die Mandra Gora Lightshow Society schließlich in entrückter Spiellaune und ziemlich weit draußen.

Zuguterletzt ist natürlich das dicke Vinyl im ungewohnten Format und mit farbenfrohen Motiven bedruckt ein echter Hingucker.

Kontakt: Swamp Room; Auf dem Loh 8; 30167 Hannover

 

KOOL ADE ACID TEST

… On The Trail Of Mr. Brain

HAZELWOOD/EFA

War das Debüt von Kool Ade Acid Test noch ein Patchwork aus verschiedenen Sessions in verschiedenen Besetzungen (u.a. unter Beteiligung der fast kompletten Zerfallsmasse der visionären Band Universal Congress Of), ist KAAT mittlerweile ein blendend funktionierendes, gut geöltes Quartett.

Leader Gaeta (Bass, Gesang) gibt den Ton vor: Lässig, swingend, swampig, aber bei aller Abgeklärtheit beherzt fusionierend: Surf, Tex-Mex, Funk, Jazz, Rock – und zwischendrin – aus alter Freundschaft beigesteuert von Kadern der famosen Mardi Gras.bb – Marimba, Flöte, Orgel und Kratzer von den Plattentellern. Dass dabei kein Flickenteppich entsteht, sondern ein gut durchgezogener Sud, in dem die verschiedenen Zutaten sich zu einem ganz eigenen Aroma verquicken, ist nicht zuletzt sicher der Erfahrung der beiden ehemaligen, mittlerweile in Süddeutschland wohnhaften Ex-UCOs Gaeta und Steve Moss (Saxophon) zuzuschreiben, die die beiden Jungspunde, Gitarrist Jan Terstegen, der mittlerweile zu einem eigenen, homogenen Stil gefunden hat, und Schlagzeuger Thomas Böltken, souverän an den Untiefen dieser Musik vorbei führen, die da heißen Muckertum, Muckertum und Muckertum.

 

DIVERSE

Training Im Achter

HAPPY ZLOTY

„Training Im Achter “ soll weniger einen Überblick auf bisherige Veröffentlichungen von Happy Zloty liefern – davon gibt es schließlich gar nicht so viele -, als vielmehr einen Haufen Projekte, Bands und Musiker versammeln, die eher auf eine freundschaftliche Weise verbandelt sind, ohne notwendig einen musikalischen Geschmack zu teilen.

Und in der Tat: Es geht höchst buntscheckig zu: James DIN A4 harkt fröhlich durch den Garten elektronischer Geräusche, Reinhart Hammerschmidt schleift seinen „Single Song“ munter hinterdrein, bevor Ilse Lau mit einem knappen, fein verzwirbelten Instrumental glänzen – dem einzigen Rock-Stück dieser Platte. Dr. Tretznok beschließt die A-Seite mit verklangballhornten Sentenzen über Menschen, die auf „Schreybmaschinen Schreyben“.

Unter dem Titel „Fallen Auslegen“ legt Tim Tetzner leise Schlingen aus, „Nadjas Autoscooter“ von Diazo fährt dann recht forsch zwischen Analog und Digitalien hin und her. Die Wiener Metamorphosis steuern im Anschluss ihr mitreißendes „Unterm Teppich“ bei. „The Cry“ von Endiche Vis.Sat schließlich, gewissermaßen – dieser Kalauer sei verziehen – der letzte Schrei beim „Training Im Achter“, kann sich eine knappe Minute lang kaum halten – zwischen Lachen und Schmerzen.

Wie wir das von Happy Zloty kennen, kommt auch dieses bizarr-unterhaltsame „Training Im Achter“ im wunderschönen Cover von Esel-Grafix.

 

Short Cuts

FIREBIRD: Deluxe (Music For Nations/Zomba) Zum zweiten Mal beglückt Bill Steer (Ex-Carcass) die Welt mit einem Hardrock-Album, das so unverschämt auf Siebziger macht, auf Deep Purple, Free und Genossen, dass es kaum zu glauben ist. So detailverliebt und lustvoll schweinerockend bis in die gespaltenen Spitzen der langen Haare, eine Power-Ballade inklusive.

HIM: 5/6 In Dub (Bubble Core/EFA) Nein, es gibt hier keine Dub-Versionen finnischer Gothic-Pop-Operetten! Diese HIM sind vielmehr Musiker von June Of 44, The Boom, Sorts und anderen Post-Core/Rock-Bands, die zwar sonst gern jazzig, hier aber eben vor allem mit dubbiger Gelassenheit aufspielen und sich als Spezialisten für entspanntes Musizieren empfehlen.

Wohlwollend im Sommerloch


… hatte ich vor zehn Jahren den Auftrag, für die taz Bremenein Konzert der Band 3 Doors Down (mit den unsäglichen Nickelback als Vorband) zu begutachten. Ich ging erstaunlich  gnädig mit ihnen um. Zu lesen gab es das am 22.8.2001

History Repeated

 „3 Doors Down“ aus Missouri bescherten dem Schlachthof eine ausverkaufte Kesselhalle. Auch die Vorbands „Saliva“ und „Nickelback“ gefielen

Ältere Leute, die in Plattenläden arbeiten oder für Zeitungen schreiben, gehen weniger des Amüsements wegen auf solche Konzerte. Eher, um mal nach zu schauen, was da aus dem Nichts (hier: Missouri) kommend im Stande ist, die Kesselhalle richtig voll zu machen. 3 Doors Down mit ihren Vorbands Nickelback und (mit Einschränkungen) Saliva gehören zu Vorreitern der nächsten Welle erfolgreicher Gitarrenmusik, nun, da der NuMetal-Hype um Korn, Deftones und Epigonen bereits in später Blüte steht.

Eigentlich sollten statt Saliva die in den USA bereits gut verkaufenden Lifehouse mit spielen. Wie die anderen Bands des Pakets, das am Montag im Schlachthof aufspielte, stehen auch sie für eine Musikergeneration, die mit Nirvana, Mudhoney, Alice In Chains und Pearl Jam aufgewachsen ist. Was als Grunge kultiviert wurde, schwere Gitarren und ein bisweilen zum Pathos neigender, inbrünstig melancholischer Gesang, wird derzeit erfolgreich aufbereitet.

Saliva hatten es allerdings eher mit neu-metallischen Grooves, während ihr Sänger zwischen Hardcore-Shouting und melodischen Einwürfen nicht eben glänzte – die rote Wollmütze grenzdebil bis unter die Augenbrauen gezogen. Danach wurde es rustikaler. Nickelback gaben eine kräftige Version einst alternativ geheißenen Rocks.

Ohne Berührungsängste zu altertümlichen Rock-Effekten wie Schlagzeugsolo und Mouthbox, vor Jahrzehnten von Joe Walsh eingeführt, spielten sie schlichte Songs in einer Mittellage zwischen Nirvana und Metallica, denen besonders die Gesangsharmonien nachempfunden waren. Wo Kurt Cobain allerdings stets selbstzerstörerisch sein Leiden an der Gesellschaft thematisierte, sein Punk-Sein betonte, wo er und seine Musiker in Frauenkleidern auftraten, um sich nicht von falscher Seite vereinnahmen zu lassen, bleibt bei Nickelback lediglich die diffuse Minimalopposition in Rock: Coole Kids vs. Spießer (sind ja bekanntlich immer: „Die Anderen“).

Nachdem bereits Saliva und Nickelback freundlich bis begeistert aufgenommen wurden, machten 3 Doors Down klar, warum sie die Headliner des Abends waren. Schon bei den ersten Takten hatten sie die Menge erobert, die, ohne großartig dazu animiert werden zu müssen, „Kryptonite“, einen der beiden großen Hits der Band lauthals mitsang. „Loser“, der andere Hit, wurde dann als letzte Zugabe gereicht und selbstredend enthusiastisch gefeiert.

Es ist – zugegeben – ein wenig verlockend, hier die so alte wie durchaus fragwürdige These aufzuwärmen, die Geschichte wiederhole sich als Farce: So wie das einst einigermaßen kühne Vermengen von HipHop und Metal, Rock und Funk, Gitarre und Techno jedes für sich Jahre später als bloße Reproduktion noch einmal zum großen Ringelreihn wieder kehrte, so wird nun eben die Musik wieder entdeckt, die vor zehn Jahren mit der Energie des Punkrock den Rock-Mainstream verändern sollte.

Im Falle von 3 Doors Down handwerklich sauber, kompositorisch geschickt die Ausdrucksmittel des Genres zwischen Semi-Ballade und Fast-Punkrock nutzend.