Vor zehn Jahren


taz Bremen 19.12.2002

Der Krieger als Popanz

Treue Fangemeinde statt „Top of the pops“-Gucker: Mit perfekt-beherrschten Genre-Konventionen entwerfen Metal-Rocker von Manowar das Ideal einer feindlosen Macht

Sie haben sich selbst die Krone aufgesetzt: Manowar, die Kings Of Metal. Dass Metall und Stahl im weiteren eine große Rolle spielten, war also keine Überraschung.

In beinahe jedem Song, den die Band am Dienstagabend in Stadthalle 7 spielte, war die Rede von Steel und Metal. Und von Kriegern. „Warriors Of the World“ heißt ihr neues Album, das – die Band bedankte sich artig – samt Single schon zum zweiten Mal in den deutschen Verkaufscharts steht. Ein Erfolg im übrigen, der sich angeblich weniger in absoluten Zahlen begründet als in der Krise des Schallplattengeschäfts.

Die Afficionados der Band kaufen seit Jahren in konstanter Menge die Veröffentlichungen der Schwermetaller und das reicht derzeit für Spitzenpositionen in den Hitparaden. So waren auch die Fans in ungefähr gleicher Menge gekommen wie beim letzten Bremer Gastspiel im Pier 2 vor rund vier Jahren. Etwaige neugierige „Top Of The Pops“-Gucker hingegen waren kaum bemerkbar.

Zunächst musste die Gemeinde noch die reichlich öde Deathmetal-Band Bloodgeon ertragen, die nachdrücklich die Krise des Extrem-Metal-Genres unter Beweis stellte. Dann endlich betraten Manowar mit theatralischer Ouvertüre die Bühne. Vom ersten Takt an hatten sie das Publikum gewonnen. Die Konventionen des Genres – halsbrecherisch geschwinde Soli, markerschütternde Schreie, Doppelfußpauke und epische Songaufbauten in ausgefeilter Choreographie präsentiert – übererfüllt diese Band wie keine zweite. Ihr Auftreten gerät so immer auch zum unfreiwilligen Kommentar auf Heavy Metal. Wenn Sänger Eric Adams mit den Fans den Titelsong des neuen Albums singt, wird eine Abstraktion von Macht gefeiert, die in Form des Kriegers ohne Widerpart jenen eigentlich überflüssig macht.

Aber da der Krieger im Zusammenhang eines Metal-Konzerts ja ohnehin nichts anderes als ein Popanz ist, eine Projektion von Macht als Widerspiegelung realer Ohnmacht, ist das auch egal oder – je nach Geschmack – lustig. „Jugendkultur“ war schließlich selten mehr als eine rebellische Geste.

Hinsichtlich Manowar wäre zu vermerken, dass die Band ihr Tun mit einer Verve übertreibt, die vermuten lässt, dass die Ausführenden selbst wie auch Teile des Publikums die Sache nicht so ernst nehmen, wie sie sie erscheinen lassen. schließlich war Gründungsschlagzeuger Ross The Boss in früheren Jahren bei der New Yorker Punkband The Dictators…

Mit Harley Davidsons fuhren Manowar zum Ende der Show über die Bühne, verzückte Fans hinter sich auf dem Sitz, von denen – offenbar obligatorisch – eine ihre bare Brust präsentierte. Immer noch: Ein derber Spaß für Leute, denen Highlander zu nachdenklich war.

Oldies, but goodies


Vor zehn Jahren hielt ich unter anderem diese beiden Alben für würdig, im TRUST näher begutachtet zu werden:

MOTORPSYCHO – ‚It’s A Love Cult‘

Sie scheinen mal wieder an einem Scheideweg zu stehen. Die Errungenschaften der vorherigen Alben sind hier eingebettet in das, was Motorpsycho in den Jahren bis „Trust Us“ kultiviert hatten. Auf „Love Cult“ finden wir so einige Überbleibsel aus den „Phanerothyme“-Sessions, ein paar sixtifizierte Rocker, mit „Serpentine“ mindestens einen Riesen-Hit und einige epischere Stücke.

Die Rede vom Zitatpop, die dann mit den Bühnen-Motorpsycho doch wieder nichts zu tun hat, ergibt bei Songs wie „Neverland“ – einem weiteren Hit – durchaus Sinn: Der Song eröffnet mit einem scheppernden Riff auf der 12-saitigen Gitarre, eine mächtige Orgel stößt hinzu, Stimmen sagen „uh uh“ wie in „Sympathy For The Devil“ und die Band stürzt sich vornüber in einen gut gelaunten Pop-Song. Zum einen also gibt es hier durchaus formvollendete Momente, die den Katalog der ewigen Motorpsycho-Perlen ergänzen, aber daneben stehen auch seltsam unfertige Dinge wie „Composite Head“, das mit quecksilbrigen Allman-Betts-Gitarren beginnt und zu einem Song wird, der irgendwo einfach aufhört. Ende des Albums. Was nun? Im Frühjahr soll eine Aufnahme aus dem Fishtank erscheinen, wo Motorpsycho mit ein paar norwegischen Freejazzern u.a. das Art Ensemble Of Chicago covern. Es bleibt spannend.

Stickman/Indigo

 

HELLNATION – ‚Dynamite Up Your Ass‘

Ein Quiz: 21 Songs in weniger als 15 Minuten – was ist das? Okay, das war einfach. Bei dieser Grindcore-Platte handelt sich zudem auch noch um ein besonders gelungenes Exemplar, voller Wut, ohne überflüssiges Gewichse, in obersten Geschwindigkeitsregionen elegant dahin bretternd. Ganz so also, wie es im Genre seit 15 Jahren zugeht, wenn es gutgeht. In den Texten wird in einer ergreifend schwarzweißen Manier nicht zuletzt das Schwarzweiß-Denken kritisiert, gegen Yuppies, Wendehälse, Walmart und andere Erscheinungen der bürgerlichen Gesellschaft gewettert, der Hellnation offenbar ein anarchistisches Modell entgegenhalten. Wieder einmal äußerst bestechend: Der formale Vorzug des Grindcore, wegen seiner Geschwindigkeit eine enorme Menge von Information auch in den Texten zu ermöglichen. Multipliziert mit der Eigenschaft, sich (zumindest bislang) nicht für eine großformatige Verwertung durch das Kapital zu eignen, ergibt das in der Summe die ideale Kunstform für Revoluzzer wie uns. Ich fordere also hiermit: Die Propagierung des Grindcore und seine Einsetzung als wesentliche revolutionäre Kunstform ist sofort zu unternehmen – sonst wird das hier nix mehr mit anderen Verhältnissen!

Sound Pollution; http://www.sound-pollution.com

 

Vor 10 Jahren


beprochen für’s INTRO, Rubrik: „Hart & Schnell“…

 

FATSO JETSON

CRUEL & DELICIOUS

(RekordsRekords / EFA)

Mario und sein Cousin Larry Lalli sind echtes Palm-Springs-Urgestein, inspirierten Nick Oliveri von Queens Of The Stone Age zum Rocken und haben bereits drei Alben veröffentlicht – zwei davon auf dem legendären Black-Flag-Label SST. Bei Steinzeitgkönigin Josh Hommes RekordsRekords haben sie nun eine neue Heimat im Herzen der Wüsten-Bande gefunden. Deine Stoner-Band von um die Ecke sind sie dmait noch lange nicht. Dafür sind sie zu eigen. Schwere Riffs, klar, aber ihre Leidenschaft für Captain Beefheart, ihre Neigung zu krudem Blues-Rock und verdrehten Takten lässt sie ihren Blick weit über das Erbe von Black Sabbath hinausschweifen. Man höre „Light Yourself On Fire“ mit seinen entrückten Melodien und schwerst psychedelischen Gitarren oder auch das Instrumental „Heavenly Hearse“. Mit einer leider etwas notlos rüpelnden Version von „Ton O Luv“ (DEVO) beweisen sie Geschichtsbewusstsein, mit Vince Meghrouni haben sie sich einen Gast geladen, der u.a. bei der späten SST-Jazz-Band Bazooka spielte. Von solchem Geist genährt ist „Cruel & Delicious“. Das muss ja beinahe schon gut sein. Und das ist es in seiner Autarkie von allen Diskursen um Leben und Ableben oder Wiedergeburten von Rock auch.

 

Was nicht so alles an Schönem gab


taz Bremen 22.11.2002

Hausbesetzer-Avantgarde

„Liana Flu Winks“ und „Coolhaven“ aus Rotterdam: Am Samstag ist die MIB voller NL-Moderne

Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass ausgerechnet aus der niederländischen Hausbesetzerszene wesentliche Impulse für Improvisation und Avantgarde kamen.

Das Experiment im Sozialen bedingte das Experiment in der Kunst. Organisation und Form der Musik wie des Musizierens wurden von Musikern wie „The Ex“ immer als weiter zu Entwickelndes verstanden. Das Kollektiv einerseits, radikale Nebenprojekte einzelner Musiker andererseits, sowie Kollaborationen jeglicher Couleur stehen auf dem Programm.

Hier lebt der Gedanke von Punkrock als stetige Herausforderung an sich selbst weiter. Zwei Projekte aus Rotterdam, die dieser Szene zuzurechnen sind, führen am Samstag in der MIB unter dem Titel „Eerlijk is heerlijk“ verschiedene Ansätze aus diesem Arbeitsfeld vor.

„Liana Flu Winks“ ist ein schottisch/schweizerisch/niederländisches Trio, das auf Cello, Orgel, akustischer Gitarre und Schlagzeug eine Art avantgardistischer Folkmusik spielt. Nina Hitz, Wilf Plum und Lukas Simonis spielen und spielten in so unterschiedlichen wie seelenverwandten Formationen wie The Barton Workshop, Daswirdas, Dog Faced Hermans, De Kift, Rhythm Activism und dem Ex Orchestra. Lukas Simonis bringt außerdem sein Projekt „Coolhaven“ mit nach Bremen. Unbekümmert lässt er da Klänge aus dem Computer gegen Fürze anstinken, eine Ukulele ist im Spiel und Videos lassen das Auge mithören.

Beiden Bands ist ihr Humor gemein, eine irgendwie freundliche Art zu musizieren. Dabei ist ihre Musik alles andere als einfältig. Hier entspringt das Experiment der Lust daran, zu probieren – womit die akademische luxuriöse Frage nach dem Wohin und Warum eines musikalischen Fortschritts mal so eben und en passant erledigt wird.

Squall – leider auch schon längere Zeit Geschichte


taz Bremen 20.11.2002

Enorm zerrissen

Musik, die erhört werden will, statt zu umarmen: Das multinationale Trio Squall zerlegte Rock-Strukturen

In der Konzertflut des Novembers geht manch‘ interessante Show unter, wie die von Squall, ein Trio aus einem Iren, einem Kanadier und einem US-Kanadier, die in Prag leben und ihre Platten auf dem dort ansässigen Indie-Label „Silver Rocket“ veröffentlichen, dessen Produkte hier nur via Internet (reiche Quelle für Musik aus den Ländern des ehemaligen Ostblocks: www.tamizdat.org) erhältlich sind. Oder auf ihren Shows – aber von denen man aber erstmal wissen.

Am Montagabend im Tower hatten sich immerhin rund dreißig Unentwegte eingefunden, von denen einige auch wegen der Lokalmatadore Mister Booster gekommen waren, die nach ihrem Bühnendebüt bei „Live in Bremen“ ihre zweite Show spielten.

Die neue Band aus „alten“ Bekannten (Sailing Ears, Messerknecht et al.) brachte gut gespielten Power-Pop mit ausgefeilten Satzgesängen. Manche Songs klangen wie späte, etwas rockigere Hüsker Dü, Klassiker wie die Ramones und The Who standen ebenfalls Pate.

„Squall“ – das Wörterbuch bietet als Übersetzung „Sturm“, „Gewitter“, „Schrei“ an – waren da schon deutlich spröder. Ihre Stücke haben eine Spannung, die nicht selten vergeblich auf ihre Auflösung wartet und ein wichtiger Faktor ihrer Musik ist.

Squall dehnen und beugen Zeit. Die Geschichte von zwei jungen Männern, die in eine Garage gehen, um sich zu erschießen, wird in bedrückender Zeitlupe erzählt, was sich eindrucksvoll in der Musik widerspiegelt: Das langsame Beschleunigen, beinahe unmerkliches Verlangsamen ihrer rumpelnden Grooves. Hier entfalten sie in den besten Momenten hypnotische Wirkung. Bisweilen verdichtet sich ihre Musik zu karger Schönheit, wie in dem (Fast-Pop-)Song „The Sea“.

Squall stehen in einer Tradition progressiven Hardcores, der seit Slint oder Bitch Magnet zu einem mehr oder minder ausdefinierten Subgenre geworden ist. Es geht immer noch um Songs und um „Rock“, dessen klassische Formen aber zusehends zertrümmert werden, um einer enormen Zerrissenheit Ausdruck zu verleihen.

Squall klingen in diesem Zusammenhang erfreulich eigensinnig. Ihre Musik umarmt nicht, sie will erhört werden, ist – im besten Sinne – anstrengend. Erst zu den Zugaben begannen Squall zu rocken, zogen eine eindrucksvolle Wand aus übersteuerten Gitarren, einem Bass, der Dub-Linien in den Lärm flicht, und enorm kraftvollem Schlagzeugspiel auf.

Was machen eigentlich Isolation Years?


taz Bremen 15.11.2002

Die Samstags-Zwickmühle

Aus Umeå, der europäischen Hardcore-Hochburg, kommen die „Isolation Years“ – zeitgleich mit „Slut“ aus independent-Ingolstadt. Eine Analyse als Entscheidungshilfe

Zwei Bands, die eine Menge gemeinsam haben, spielen am Samstagabend in Bremen: „Isolation Years“ kommen ebenso wie „Slut“ aus der Provinz. Provinz bedeutet bei beiden allerdings nicht die Beschränktheit, die von bösen Menschen mit der Abgeschiedenheit von den Metropolen assoziiert wird. Umeå, die Heimatstadt von „Isolation Years“, gilt seit Jahren als europäische Hardcore-Hochburg. In der kleinen schwedischen Stadt gründeten sich Millencolin“, „Refused“ und deren Nachfolge-Band „The International Noise Conspiracy“.

„Slut“ kommen aus Ingolstadt und sind eng mit der Szene um „The Notwist“ versippt. Überschneidungen mit Bands aus dieser Ecke ergeben sich da wie von selbst: Verschiedene Mitglieder von „Slut“ betreiben auch noch die Band „Pelzig“. Punk und Hardcore bilden nach wie vor die Grundlage, die aber mittlerweile keine musikalische, eher eine der Attitüde ist: Es geht um Do It Yourself – unabhängig sein. Und jede Menge andere Musik. Sowas nannte man in den Achtzigern „independent“.

Auch „Isolation Years“ haben früher in Bands mit lauten verzerrten Gitarren gespielt, bis ihnen das nicht mehr genügte. Beide Bands wandten sich vor allem einem zu: dem guten Song in all seinen Schattierungen. Wo die Schweden auf rustikal wirkende Arrangements mit einem ausgeprägten Sinn für traditionelle Instrumentierungen – Akkordeon, akustische Gitarren, strahlende Bläsersätze – setzen, flirrt bei „Slut“ ätherischer Pop, mischen sich lärmige Gitarren mit synthetischen Sounds. Wo Jacob Nyström von „Isolation Years“ mit einem warmen, kehligen Timbre von kalten Tagen im Wolkenkuckucksheim zu Minusinsk erzählt, bricht Christian Neuburger von „Slut“ mit seiner beinahe androgynen Stimme Herzen.

Was beide für eine Weile noch verband: Das Stickmann-Label, auch Heim von „Motorpsycho“, beziehungsweise dessen Sub-Label „Sticksister“ nahm beide Bands unter Vertrag. „Slut“ wollten dann mehr, unterschrieben bei der so genannten Schallplattenindustrie und wurden spätestens mit „Welcome“ über den Untergrund hinaus bekannt. „Isolation Years“ könnte das noch passieren.

Wahrscheinlich, weil auch Bremer einmal wie Hamburger fühlen können sollen, haben findige Tour-Agenten beide Bands auf den selben Abend gebucht – in verschiedene Clubs. Den intimeren Abend dürften „Isolation Years“, deren Album „Idiot Pilgrimage“ mindestens so berührend ist wie das letztjährige Debüt „Inland Traveller“. Trotzdem: eine schwierige Entscheidung.

Vor zehn Jahren für den BREMER besprochen


unter anderem meine erste Begegnung mit Neko Case.

neko case /black listed

matador /beggars group

Es kriegt uns ja doch immer wieder: Ein paar Akkorde, eine Melodie und – nicht zuletzt – eine Stimme, die von den immergleichen Themen singt. Zwar hat das neu erweckte Interesse junger Musiker und Musikerinnen an so genannter Americana zu einer unübersehbaren Flut eher langweiliger Veröffentlichungen geführt, aber es gibt eben auch immer wieder Perlen, wie das Album von Neko Case. Auch hier steht – wie so oft – Punkrock am Anfang der Geschichte. Case spielte lange Zeit in der Band Maow, bevor sie begann, countrifizierte Folkmusik zu spielen. Begleitet wird sie auf „Black Listed“ u.a. von Calexico und Howe Gelb sowie dem exzellenten Steel-Guitar-Spieler Jon Rauhouse. Sie legen ein dunkel funkelndes Fundament für eine wirklich ergreifende, seelenvolle Stimme, die von Kritikern zu Recht mit der von Patsy Cline verglichen wurde. In der Art und Weise, wie sie sich traditioneller Formen bedient und sie in die Gegenwart überführt, erinnert „Black Listed“ allerdings eher an Mazzy Star. Und dann wären da noch die Songs, in denen das nächtliche Nordamerika vorbeigleitet…

hausmeister /weiter

karaoke kalk /indigo

Schon das dritte Album vom Hausmeister aus Bremen, der seinem Zuständigkeitsbereich behutsam Neues einverleibt, ohne dabei den Grundton des bisherigen über den Haufen zu werfen. Auf „weiter“ singt er nun auch ab und zu auf Deutsch, aber wenn, dann nur ganz leise. In den meisten Stücken bleibt es instrumental, und zwar so wie wir es vom Hausmeister kennen: Wie Skizzen klingen seine, dabei aber durchaus präzise gesetzten Miniaturen, zwar auf elektronischer Grundlage komponiert, aber durchaus auch mit herkömmlichem Instrumentarium, das ganz ohne Brüche eingearbeitet ist. Solche sind in dieser Musik, die so beiläufig und warm, durchdrungen von einem freundlichen Humor einherspaziert, nicht vorgesehen. Da würde es passen, wäre der Titel „paul geht’s gut“ ein optimistischer Kommentar auf den Klassiker „Paul ist tot“ von den Fehlfarben.

 

pearl jam /riot act

Hätten wir von Pearl Jam die direkte Einlösung des Titels ihres neuen Albums erwartet? Eher nicht, auch wenn sie in der Vergangenheit hin und wieder mit harschen Tönen überraschten. Der „Riot Act“ ist hier das Aufbegehren der Sehnsucht gegen eine Welt, die Sehnende verzweifeln machen kann. Dem halten Pearl Jam ein trotzig melancholisches Werk entgegen, das die Dinge beim Namen nennt. „Bushleaguer“ widmen sie „ihrem“ Präsidenten: „he’s not a leader, he’s a texas leaguer“ – kein Führer, texanische Liga, ein Cowboy – derweil der Chor der Aristokraten singt: Wozu die Aufregung? Pearl Jam haben ihre Punk-Wurzeln nie gekappt: klare Abgrenzung, Rückzug auf das Selbst, das sich jeglicher Vereinnahmung verweigert („I Am Mine“), das Beharren, dass nicht sein muss, wie es ist („Green Disease“). Musikalisch unterscheidet sich „Riot Act“ nicht grundlegend von „Binaural“, ist wieder klassischer Rock mit ländlichen und psychedelischen Obertönen, ein wenig in sich gekehrter vielleicht. Ein offensichtlicher Hit fehlt, aber das dürfte Pearl Jam egal sein. Als klassische Album-Band haben sie wieder ein berührende Album geschaffen.

einstürzende neubauten /9 – 15 – 2000 brussels

potomak /indigo

Die Einstürzenden Neubauten waren vor zwei Jahren auf großer Jubiläums-Tour, auf der sie diese Doppel-CD mitschnitten. Zu hören sind neben alten Hits wie „Yü Gung“, („Fütter mein Ego“) und „Haus der Lüge“ vor allem Stücke der letzten zehn Jahre, die hier in teils grandiosen, unerhört kraftvollen Versionen zu hören sind. Vom brachialen Gestus der Anfangstage verbleibt mittlerweile ein Destillat, das die Neubauten zu einer zwar nach eher herkömmlichen Parametern „funktionierenden“, aber stilistisch einzigartigen Rockband macht. Einstürzende Neubauten im neuen Jahrtausend, das sind keine „genialen Dilletanten“ mehr, sondern Musiker, die genau wissen, was sie mit ihren Mitteln herstellen können. Die Destruktion als musikalische Prämisse mit über die Kunst hinausweisender Attitüde wurde durch eine Hinwendung zur altersweisen Bohême ersetzt. Der auch hier enthaltene wunderschöne „Musentango“ von „Silence Is Sexy“ steht beispielhaft für diese Entwicklung. Dieses Live-Album erscheint parallel zu einer Reihe Re-Issues älterer Neubauten-Platten, in die unbedingt hineinhören sollte, wer dieses bemerkenswerte Kapitel populärer Musik noch nicht kennt.

giardini di mirò /the academic rise of falling drifters

2.nd rec/indigo/hausmusik

Ausgehend vom Instrumentarium einer regulären Rock-Band haben Giardini Di Mirò ihr Konzept stetig personell und konzeptionell in Richtung Post-Rock erweitert, durch die Hinzunahme von Streichern, Bläsern, Mellotron, Klavier und Gesang, aber auch durch Kollaborationen mit Musikern der elektronischen Szene, vorexerziert mit Pimmon aus Sydney. Da ist das vorliegende Remix-Album beinahe schon logische Folge: Die Stücke des Albums „Rise And Fall Of Academic Drifting“ wurden von Styrofoam, Herrmann & Kleine, Turner, Nitrada, Dntel, Opiate, isan und errosEncountered bearbeitet. Die schwelgerischen Originale wurden mit klenteiligen Beats und elektronischen Flächen ergänzt. Das Ergebnis gefällt, auch wenn es bisweilen in beinahe schon esoterisch klingende Gefilde driftet. Aber so ist das schließlich mit reifenden Akademikern bisweilen, wie man hört.

erase errata /other animals

tsk!tsk! /westberlin distribution

Vor etwas über einem Monat waren Erase Errata in Bremen. Das Quartett aus San Francisco wird derzeit heiß gehandelt, von Weasel Walter über die Herrschaften von Sonic Youth bis hin zu John Peel ist man sich einig: Bands wie diese gibt es nicht alle Tage. Dabei passen Erase Errata durchaus in den aktuellen Hype um Punk und Wave der frühen Achtziger. Im Unterschied zu Bands wie Radio 4 oder Interpol haben sie indes einen vielschichtigeren Stil entwickelt, dessen schmutzige Wurzeln sich bis in den verschrobenen Prog-Rock von Captain Beefhearts Magic Band erstrecken. Punk, Wave und Disco gehen im Sinne von Le Tigre mit, und in ihren Texten agieren die vier mit einem kulturpessimistischen Gestus, wie ihn hierzulande vor zwanzig Jahren Fehlfarben, anderswo Gang Of Four oder Pop Group hatten. Gefällig ist das natürlich weniger. Es zerrt an Dir mit gespannter Erwartung, will, dass Du da rausgehst und diese Welt zu einem aufregenderen Ort machst. Erase Errata klingen auch noch, als hätten sie die Energie dafür.

liaisons dangereuses /liaisons dangereuses (hit thing /indigo) Das einzige, lange vergriffene Album dieser Band: Vor allem „Los niňos del parque“ steht für einen damals bahnbrechenden tanzbaren Synthetik-Sound mit der Attitüde von Punk. Beate Bartel (Mania) und Chris Haas (DAF) schufen 1981 mit dieser Platte einen Klassiker.