Noch ein goldener Oldie mit Blohm & Voss


aus der taz Bremen 18.1.2002

Annäherung zum gegenseitigen Ergötzen

 Der Ausgeher (4): Es ist einer gewissen Ratlosigkeit geschuldet, dass Blohm und Voss in die Abenteuer des Ausgehers geraten und – den Wall entlang spazierend – von dem Wort „Lemon Lounge“ gelockt werden

Blohm: Was ist eigentlich eine Lounge? Mir scheint sich nicht soviel verändert zu haben, seit es noch schlicht das Wall-Café war.

Voss: Keine Ahnung. Die Bar – mit Sitzen anstelle von Hockern – ist neu. Und die wunderschönen, einladend ausladenden roten Sofas auf der oberen Ebene auch.

Blohm: Auf denen ist leider kein Platz. Gepflegter Jazz, nett, immer noch ein schöner Raum. Muss man hier eigentlich jetzt Cocktails trinken, wo es eine Lounge ist?

Voss: Ich bleibe beim Bier. Das kostet hier auch nicht mehr als anderswo.

Blohm: Was immer noch mehr ist als früher. Ach, ich klinge schon so, wie meine Schwiegermutter, die von Hastedt in die Vahr fuhr, weil dort die sauren Gurken fünfzehn Pfennig billiger waren …

Voss: Hinten ist ein Tisch frei. Von dort aus haben wir einen guten Blick.

Blohm: Sie meinen, weil Sie dann näher an der attraktiven jungen Dame sitzen.

Voss: Was denken Sie von mir?!

Blohm: Nur Gutes.

Voss: Sie meinen, ich könnte nicht einfach den Raum auf mich wirken lassen wollen? Ob sie auf jemanden wartet?

Blohm: Vielleicht auf Sie?

Voss: Sie sind gewöhnlich.

Blohm: Keineswegs. Aber warten wir es ab. Da ist noch jemand ohne Begleitung.

Voss: Sie meinen diesen ungepflegten Mann, der sich seinem Alter nicht angemessen kleidet?

Blohm: Wenn Sie so wollen …

Voss: Er hat sie auch schon gesehen.

Blohm: Eifersüchtig?

Voss: Sie scheinen sich bereits zu kennen.

Blohm: Oder es ist einer dieser abgefeimten Typen, die keine Hemmungen in diesen Dingen haben … Wie beneidenswert. Verstehen Sie mich nicht falsch. Sie wissen, dass ich glücklich verheiratet bin. Aber ich habe Respekt vor einer zielstrebigen Vorgehensweise, die die Produktion von Ergebnissen beschleunigt.

Voss: Die beiden müssen sich kennen. Es sieht zumindest in dieser Lounge nicht so aus, als ginge man ausgerechnet her, um jemanden kennenzulernen. Sehen Sie, hier ist fast niemand allein.

Blohm: Das ist sicherlich richtig. Aber vielleicht nutzt er nur die Gunst der Stunde. Warum soll stets allein bleiben, wer sich auch versammeln kann? Ach, man sieht es selten, wie sich zwei Menschen zum gegenseitigen Ergötzen einander nähern …

Voss: Sie sind ungewöhnlich leutselig.

Blohm: Sie ist ungewöhnlich interessant.

Voss: Es ist ungewöhnlich leer geworden.

Blohm: Es ist für meine Verhältnisse ungewöhnlich spät geworden.

Voss: Wir sind für unsere Verhältnisse ungewöhnlich nüchtern.

Blohm: Wir sollten etwas Ungewöhnliches tun!

Voss: Wir sind ja schon mittendrin. Gehen wir doch noch woanders hin. Vielleicht sollten wir in die BEGU fahren.

Blohm: Dass es die gibt, glaube ich erst, wenn ich sie sehe. Ungewöhnlich wäre es immerhin. Ich möchte jedenfalls nicht unbedingt wissen, wie die Geschichte endet. Kommen Sie, Voss, wir nehmen ein Taxi und fahren noch ins Viertel. Wäre doch gelacht, wenn wir nicht noch auf unsere Kosten kommen, zumal – wenn Sie mir den schlechten Witz gestatten,- diese seit der Währungsreform rasant gestiegen sind.

Zehn Jahre alt…


… auch diese Schönheit:

THE NATIONAL TRUST
DEKKAGAR
(Thrilljockey / EFA)
Liebe machen im natürlichen Licht, so lautet der Titel des ersten Stücks dieses üppigen Albums übersetzt, und die wesentlichen Zutaten – Liebe, Natur, Licht – klingen schon so danach, wovon nicht nur die großen Soul-Sänger immer singen. Die allumfassende Umarmung der Brüder und Schwestern da draußen – womit natürlich, wegen Allumfassendheit, auch Ihr immer mitgemeint seid. Neil Rosario von Dolomite hat mit Mitgliedern von Red Red Meat, Califone, Plush, Bells und Zoom ein wattiges Etwas aufgenommen, das sich am Busen der großen Erlösungsgesten zwischen ’65 und ’75 nährt, Byrds, T. Rex, Buffalo Springfield und wie diese alten Soul-Typen alle heißen. Seriously speaking… das ist noch viel näher am Geist der Bobby Womacks und Curtis Mayfields dieser Welt, als Lambchop es mit „Nixon“ waren. Der Beipackzettel kündet überdies von einer Verwandtschaft zur mittleren Phase Fleetwood Macs – nach Peter Green, vor Stevie Nicks -, zu David Crosbys Solo-Werken, zu Shuggie Otis und den „reicheren Elementen des psychedelischen Soul“.
Der Hund unseres Besuchs stößt die Zimmertür auf und legt sich im optimalen Hörwinkel zu den Lautsprechern, aus denen balsamische Zeilen klingen, „I see no evil in the way you smile“, und grunzt zufrieden, schlaff mit dem Schwanz wedelnd. Wahrscheinlich würden auch meine Zimmerpflanzen kräftig gedeihen und sich zur Quelle der Musik hin neigen, hätte ich denn welche. Ganz herrliche Platte.

Vor zehn Jahren – oder: Was wurde eigentlich aus Gebhardt?


Damals jedenfalls bestellte die taz Bremen eine Konzertankündigung für die wirklich tolle Band HGH, bei der sich der damalige Schlagzeuger von Motorpsycho musikalisch ländlichen Freuden hingab (erschienen am 30.1.2002):

Gott am Steuer

 Motorpsycho-Schlagzeuger Gebhardt auf ländlichen Wegen

Zum Duo geschrumpft halten HGH („Hagfors Gebhardt Hickstars“) zwar an Bluegrass als Fokus fest, entfernen sich auf ihrem zweiten Album aber deutlich vom puristischen Ansatz des Debüts und erweitern ihr Instrumentarium um selbstgebastelte Klangerzeuger, ihre musikalische Palette um neue Farben.

„Garbage In The Mud“ atmet den Geist des Chansons, „Me & My Buddy“ ist zurückgelehnt-rus-tikaler Folk, „Love Song“ verweist süffisant auf den Titel des Albums. In diesem Koordinatensystem spielt sich Unterhaltsames für Freunde akustischen Musizierens ab. Die stilistische Veränderung erklärt Gebhardt, hauptberuflich Schlagzeuger der grandiosen Band „Motorpsycho“, so: „Als wir mit HGH anfingen, waren wir einfach drei Freunde, die gemeinsam Musik machen wollten. Wir gingen in die Berge in eine uralte Holzhütte, setzten uns bei gutem Essen und gutem Wein zusammen und spielten das erste Album in drei Tagen ein. Erst wollten wir nur eine Single veröffentlichen, wenn überhaupt. Wir fanden das Ergebnis aber so gut, dass wir beschlossen, ein Album zu veröffentlichen. Mehr und mehr Leute interessierten sich dafür und wollten uns live sehen. Wir begannen neue Songs zu schreiben, uns Geschichten auszudenken und fanden heraus, dass wir eine bestimmte Sorte Humor haben. Auf dem zweiten Album kann man das nun auch hören. Als nächstes werden wir ein Konzeptalbum über unseren Fahrer, Vater Seb, machen. Er hat uns gerettet, auf der Reeperbahn vor einem Jahr, als wir in der Prinzenbar gespielt hatten. Wir waren betrunken und hatten unsere Begleiter verloren. Wir liefen also die Reeperbahn auf und ab auf der Suche nach einem Schlafplatz. Alles war ausgebucht. Schließlich fanden wir eine Kirche, klopften an. Vater Seb öffnete, nahm uns auf und gab uns Wein. Am nächsten Tag waren wir immer noch zu betrunken, um nach Berlin zu fahren. Deshalb wurde er unser Fahrer und verkaufte unser Merchandise. Er verkaufte einen Haufen T-Shirts. Es hilft anscheinend, einen Priester dabei zu haben.“

Aber ihr müsst im Gegenzug nicht in die Kirche eintreten? „Nein, ich denke, er versteht, dass wir verlorene Seelen sind.“

Vor zehn Jahren im BREMER besprochen


…and you will know us by the trail of dead /source tags and codes
interscope /universal
„Madonna“, das zweite Album der Band aus Texas mit dem unhandlichen Namen war ein überwältigender Nachweis, wie die musikalischen Errungenschaften des Post-Hardcore der späten Achtziger – Hüsker Dü, Squirrel Bait und Sonic Youth seien als Stellvertreter genannt – in eine zeitgemäße Form transformiert werden können. Die Erwartungen nach diesem explosiven und euphorisierenden Werk waren hoch. Auf „Source Tags And Codes“ versuchen die Texaner gar nicht erst, das Unmögliche – nämlich eine Steigerung des „Madonna“-Rezepts – zu vollbringen. Dafür untersuchen die verschiedenen Schichten ihrer Musik, die sich immer noch aus den gleichen Quellen speist, aber hier mit einem genaueren Blick für Details und Nuancen komponiert und produziert wurde, ohne die enorme Intensität des Band-Sounds zugunsten von Handwerk und technischer Perfektion zu vernachlässigen. Brüchige, wehmütige Melodien, treibendes Schlagzeug, flirrende Gitarren, durchwirkt mit schimmernden Geräuschfäden. Ein großes Rock-Album. Im April auf Deutschland-Tour. Auf der Bühne spielen sie, als stünde das Ende der Welt unmittelbar bevor. Diese Band ist heiß!

lambchop /is a woman
city slang /labels /virgin
Hatte Lambchop-Sänger Kurt Wagner das Lambchop-Kollektiv aus Nashville, TN auf „Nixon“, dem letzten Werk, noch in Richtung Soul geführt, die bittersüßen Songs höchst effektiv mit kitschigen Chören und Breitwand-Arrangements verkleidet, ist „Is A Woman“ nun so intim aufgenommen, als säße man unter dem Klavier in Wagners Wohnzimmer, hörte, wie sich das Knarzen des Pianoschemels mit dem Knacken der Holzscheite im Kamin vermischt, wie Finger über die Tasten und die Saiten von Gitarre und Bass gleiten. Wagner singt über seinen alten Hund, über die Spinnweben des Sommers, so entspannt, als säße er gerade im Schaukelstuhl. Kein beinahe übermütiges Abkippen ins Falsett, keine entrückten Gospel-Chöre, wie noch auf „Nixon“. Dafür gediegenes Musizieren. Im letzten Song versuchen sich Lambchop gar an einer Art Country-Reggae. Ansonsten regiert ein wunderschöner, anheimelnd balladesker Country-Rock, der manchmal an den jungen Tom Waits erinnert, manchmal an einen weniger bekifften Jerry Jeff Walker.

greg davis /arbor
carpark records /hausmusik
Verblüffend plausibel erscheint die Methode von Greg Davis, Liebhabern elektronischer Musik vielleicht unter dem Namen Asterisk oder als partner in crime von Laptop-Artisten wie Hrvatzki oder Marumari bekannt sein mag: Ruhige synthetische Sounds und Mikro-Beats von der Festplatte mit delikaten Pickings von der akustischen Gitarre zu verbinden, ergänzt nur um wenige leise Gesänge. Zwei Versionen künstlerischer Autarkie, einmal mit der Gitarre, dem klassischen Instrument des fahrenden Spielmanns, zum anderen mit dem neuen Allzweckmittel für Reisende des 21. Jahrhunderts, dem Laptop.
Die beiden vermeintlich konträren Grundlinien zeitgenössischen Pops – Computer und Gitarre – zusammen zu denken, ist inzwischen fast schon ein alter Hut. Aus ihnen einen urbanen Folk der Gegenwart zu generieren, ist nach der Entdeckung der Folk-Ikone John Fahey in Postrock-Kreisen nahe liegend. Auf „Arbor“ vollzieht Davis diesen Ansatz geradezu traumhaft entspannt.

payola /get on the buzz!
exile on mainstream records/efa
Payola haben sich ganz schön gemausert. „Get On the Buzz!“ braucht zwar ein paar Takte, um in Schwung zu kommen, aber schon bald offenbart das zweite volle Album der Band aus Hannover, das erste mit Sänger Nico Kozik, unter dem gut abgehangenen Blues-Rock weitere Schichten und Polituren. Vordergründig changiert die Band noch zwischen den Überresten ihrer Stoner-Rock-Wurzeln und rüdem Garagen-Rock. Zunehmend haben sich Payola allerdings von etwas abgelegeneren Rock-Traditionen inspirieren lassen: psychedelischer Rock, Captain Beefheart und archaisch pockernde Synthetikbeats haben ihre Spuren hinterlassen.
Von talentierten Epigonen sind Payola so zu einer eigenwilligen Formation geworden, die ihre Wurzeln souverän zu einem coolen, urbanen Rocksound verarbeitet.

jim o’rourke /i’m happy, and i’m singing, and a 1, 2, 3, 4

(mego /a-musik /hausmusik)

O’Rourke, der als Protagonist des Postrock gilt und mit „Insignificance“ kürzlich ein verdächtig gitarrenorientiertes Album veröffentlichte, hegt seit je eine Liebe zur elektronischen Musik. „I’m Happy…“ lenkt den Blick auf diesen etwas weniger beachteten Strang seines Werkes. Und O’Rourke wäre nicht der, den wir kennen, wäre nicht auch dieses Album von abgeklärter Schönheit und unaufdringlicher Eleganz.

Was wurde eigentlich aus Garrison?


taz Bremen 24.1.2002
Musikalische Haken

Es gibt immer noch Leute, die aus dem klassischen Modell „vier Männer mit Gitarren, Bass, Schlagzeug und Gesang“ etwas herausholen können. Garrison aus Boston, Massachusetts gehören zu jenen Bands, die zwar durchaus einen Narren an Pop gefressen haben, aber eher an der Sorte, wie sie Bands wie Jane’s Addiction oder die Pixies spielten – immer mit musikalischen Haken im mindestens doppelten Sinn: Zum einen markante Melodien, die sich locker einhaken, zum anderen solche Haken, die die Musik schlägt, bevor sie allzu vertraut wirkt – ältere Semester dürfen dabei gern auch an Fugazi denken.

Mit diesem Rezept mögen Garrison nicht gerade den rasanten Aufstieg in die Oberliga machen, wie es in jüngerer Zeit ihren Kollegen Jimmy Eat World oder den Get Up Kids vergönnt war. Sie dürfen dafür aber auch auf den Extra-Schuss Weichspüler verzichten, den erstere ganz gut verkraftet haben, der bei den Get Up Kids aber fatale Folgen gehabt hat.

Garrison verfolgen eine musikalische Linie, die – neben dem Dischord-Sound des Fugazi-Umfelds – ihre Wurzeln in Louisville, Kentucky resp. bei dortigen Legenden wie Squirrel Bait oder Bitch Magnet hat. Musikalische Weiterentwicklung auf der Agenda, die alten Ideale von Unabhängigkeit und eine entsprechende Ästhetik im Kopf. Auf zwei Alben und mehreren kleineren Formaten haben sie ihre Vision mitreißend formuliert, zuletzt auf „Be A Criminal“, produziert von einem weiteren Wegbereiter: J. Robbins spielte einst bei Jawbox und in den letzten Jahren mit Burning Airlines vielschichtige, melodische Rockmusik mit Punk-Attitude.

 

Soweit damals in der taz als Ankündigung für ein Konzert in Oldenburg. Nachtrag aus der Wikipedie:

After officially disbanding in 2004, members of Garrison went on to play with Pointillist, Instruction, Fires, The Fly Seville, Gay for Johnny Depp, Campaign for Real-Time, The Rise Park, Placer, and Kill Verona.

Ciao Edie


EDIE SEDGWICK – ‚Love Gets Lovelier Every Day‘ 7“ + Digital-EP

Es gab anlässlich unseres Dischord-Specials [im TRUST #149] Stimmen, die sinngemäß sagten, das Label sei nicht mehr produktiv. Was ich bis vor kurzem im Grunde unterschrieben hätte. Aber so ganz erweist es sich dann doch nicht als richtig. Nicht nur gab es (nicht ganz) Neues von J. Robbins, sondern auch das hier ist ein interessanter Einwurf, zwar bereits 2009 entstanden, aber eben bislang nicht erschienen. Edie Sedgwick ist das alter ego von Justin Moyer, den wir von El Guapo und Supersystem kennen. Und wer die mochte, wird auch das hier gern hören. Funky, aber – Moyer berichtet von diversen größeren und kleineren Dramen – manchmal auch düster, wie im Medley, das den Titel des ganzen trägt, das wohl das Psychedelischste ist, was seit langem aus dem Dischord-Umfeld zu hören war. Zu den drei Songs auf der Single gibt es einen Download-Code, der einem Zugang zu insgesamt elf Songs beschert.

Dischord/Alive

Another oldie…


taz Bremen 9.1.2002

Led Zeppelin voraus

 Von der derb aufspielenden Metal-Band zu effektverhangenem Spacerock: „Cave In“ traten im Schlachthof ein großes Erbe an

Bevor „Cave In“ am Montag im Schlachthof ihr Set begannen, zupfte ihr Gitarrist Adam McGrath ein paar Takte Led Zeppelin vor sich hin. Kein Witz.

Zwar fingen „Cave In“ vor rund fünf Jahren als recht derb aufspielende Metalband an, bereits auf ihrem ersten Album (1998), hatten sie in ihren Sound bereits ausladende Strecken psychedelischen Rocks integriert. Zwei Jahre später waren beinahe sämtliche Spuren ihrer Anfänge verwischt. Mit „Jupiter“, ihrem zweiten und jüngsten Album, machten die allesamt in ihren frühen Zwanzigern befindlichen Musiker aus Boston vor einem Jahr von sich reden. In ihrer Heimat werden sie demnächst bei einer großen Plattenfirma veröffentlichen.

Die Resonanz in Bremen hielt sich dagegen in Grenzen. Ein knappes Hundert hatte sich im Magazinkeller eingefunden. Vor „Cave In“ war die Bonner Band „The Craving“ zu hören, die – unterstützt von einem jungen Mann, der die Lücken des sperrigen Craving-Noise-Rocks mit elektronischem Geräusch füllte – eine überzeugende Show boten.

Der geradlinige Sound, der unter Studiobedingungen bislang nur bedingt funktionierte, gewinnt auf der Bühne nicht nur aufgrund seiner Lautstärke deutlich. Dennoch waren die meisten offenbar gekommen, um „Cave In“ zu sehen, die derzeit zum ersten Mal in Europa unterwegs sind. Sie begannen ihr mit einer Dreiviertelstunde recht knappes Set mit Verve. Über dem enorm druckvollen Zusammenspiel von Bass und Schlagzeug entfalteten sich effektverhangene, spacige Gitarrensounds und die Stimme von Steve Brodsky.

Eine Mischung, die nicht selten an die kanadische Band „Voivod“ erinnert, die Anfang der 90er Jahre einen ähnlich eleganten und komplexen, wenn auch deutlich ausgereifteren Space-Rock spielte. Bisweilen übertreibt es Brodsky mit dem Pathos, wie auch seine Band dazu neigt, die Stücke zu überladen. Wirklich gut sind „Cave In“ immer dann, wenn sie dynamische Spannungsbögen erzeugen, ihre beachtlichen technischen Fertigkeiten benutzen, um Atmosphären zu erzeugen.

Zurzeit wirken sie noch ein wenig zu verliebt in die Rasanz der eigenen Entwicklung, vom Schwermetall zu etwas ganz anderem, was ihnen nicht selten sogar Vergleiche mit den allerorts gelobten „Radiohead“ eintrug.

Es könnte dabei durchaus spannend bleiben, den Weg dieser Band zu verfolgen. Der Wille zu Größerem ist zweifelsohne vorhanden. In der Zugabe zitierten „Cave In“ aus Led Zeppelins Live-Album „The Song Remains The Same“, wobei sie „Dazed & Confused“ ausführlich umspielten. Nun käme es darauf an, mit den eigenen Pfunden effektiver zu wuchern. Dann könnte aus einer guten Band eine hervorragende werden.

Vor fünf Jahren trugen wir Oma Hans zu Grabe


kurzkritik: Oma Hans

Würdiger Abschied

Ohne für die Wahrheit der Anekdote bürgen zu können, sei sie erzählt: um eine Gemütslage zu kennzeichnen, die – sublimiert – heute noch im Universum von Jens Rachut, Sänger von „Oma Hans“, fortwest. Im Rahmen einer zwielichtigen Veranstaltung erzählte ein alter Bekannter Rachuts, er habe jenen Ende der Siebziger am frühen Morgen an einer Hamburger Bushaltestelle kennen gelernt: als der junge Rachut ihn bat, ihm ans Bein zu pinkeln.

Punk war eben keine Frisur und nicht nur drei Akkorde. Dass der Mann, dessen Bands Namen trugen wie „Blumen am Arsch“ der „Hölle, Angeschissen und Dackelblut“, Wut und Blues lyrisch auf kühnen und einsamen Metaebenen zu verarbeiten versteht, rettete ihn und seine Genossen immer wieder aus der Deutschpunk-Falle. Auch musikalisch herrschte hier ein anderer Ton. Der Einfluss der legendären Wipers, die Wehmut der schroffen Kompositionen erhebt sie über bierseliges Einerlei.

Nun soll mal wieder Schluss sein. Aber die nächste Band dürfte bereits in den Köpfen reifen. Gerade ist „Oma“ auf Abschiedstournee. Knapp 300 alte Freunde kamen in den Schlachthof-Keller, um der großen alten Dame des Hamburger Punk letzte Reverenz zu erweisen. „Oma Hans“ gab es ihnen lang und ausdauernd.

(taz Bremen 2.1.2006)

Vor zehn Jahren


Für den Januar-BREMER wählte ich folgende Alben aus:

notwist /neon golden

city slang /labels /virgin

Auf „Shrink“ gelang Notwist vor einigen Jahren mit der überraschenden Verbindung aus Pop, Elektronik und Jazz ein großer Wurf. Mit „Neon Golden“ haben sie nun hoch gesteckte Erwartungen locker befriedigt und sogar übertroffen. Das fünfte Notwist-Album zeigt die Band als sich ständig entwickelndes Projekt, das sich mit jedem Schritt neue Möglichkeiten erschließt und dabei jedes Mal eine Form findet, die für sich steht. Das Material wurde im 15-monatigen Entstehungsprozess von „Neon Golden“ immer wieder neu zusammengesetzt und zu üppiger Schönheit verzahnt, wobei die Jazz-Elemente zugunsten von Folk und Dub zurücktraten. Nicht zuletzt sind es jedoch die Songs, die – diesmal stärker als sonst um den Gesang herum aufgebaut – überzeugen. „Pick Up The Phone“, bereits im jüngsten Werbespot des Jugendmagazins der „Süddeutschen“, „jetzt:“, zu hören, ist nur ein Beispiel für die hohe Kunst des Notwist’schen Songwritings dieser Tage. Ein überaus reiches Album, das zum Klassiker avancieren dürfte.

 

diverse /africa raps

trikont /indigo

Zwar bringt der Markt der Weltmusik durchaus Musik aus entlegensten Gegenden nach Europa, aber was in „exotischen“ Metropolen als Popmusik rezipiert wird, bleibt hier zumeist eine Angelegenheit für Spezialisten. Nicht nur deshalb ist diese Zusammenstellung von HipHop-Acts aus Senegal, Mali und Gambia so wertvoll. Vor allem in Dakar, der Hauptstadt Senegals, hat sich eine quirlige Szene entwickelt, die durchaus eigene Formen entwickelt hat. Positive Black Soul, so etwas wie die Väter der Bewegung, fingen schon vor Jahren an, neben französisch auch in der Landessprache Wolof zu rappen. Die Produktionen, die sicher nicht immer Weststandards erreichen und fast ausschließlich auf Cassetten vetrieben werden, beziehen ihren speziellen Reiz aus der Verschmelzung afrikanischer Einflüsse und der durch die französische Szene gefilterten afroamerikanischen HipHop-Tradition. Weiche Spielarten überwiegen, in den Texten geht es um Alltägliches, um Religion und Politik. Ein gelungener Einblick in ein ergiebiges Thema (mehr dazu unter http://www.africanhiphop.com).

 

sleepytime gorilla museum /grand opening and closing

seeland /flight13

In San Francisco und seinen anliegenden Gemeinden haben sich diese vier Musiker und eine Musikerin, allesamt zuvor in verschiedenen Avant-Rock-Bands wie Idiot Flesh, Tin Hat Trio und Charming Hostess aktiv, zusammengetan, um mit Sleepytime Gorilla Museum (SGM) die verschiedenen Linien progressiver Rockmusik von Beefheart über Art Bears und die Einstürzenden Neubauten bis hin zu neueren Artrock-Versionen, wie sie Mr. Bungle spielen, zusammnzuführen. SGM graben tief in der Geschichte des Rock. Ihre Musik ist dabei von bisweilen beängstigender Perfektion, zuweilen gnadenlos überrissen, manchmal aber auch von schlichter Schönheit. Wie schon Idiot Flesh geben SGM schließlich einen theoretischen Überbau vor, der an gigantomane Konzepte und Tripelalben des Mittsiebziger-Artrock erinnert, dessen Herkunft jedoch obskur ist und hierin mit der Musik korrespondiert, die Bombast und Virtuosität zwar ausstellt, dies aber so lässig wie scheinbar distanziert tut. Daraus gewinnt „Grand Opening And Closing“ eine enorme Spannung, die schier unwiderstehlich ist und neugierig weitere Veröffentlichungen macht.

 

the microphones /the glow pt. 2 (k records /hausmusik) Hinter den Microphones steckt Phil Elvrum, der hier seiner Vorliebe für psychedelisch verhuschtes Songwriting folgt. Lofi-Verfahren, eklektische Arrangements, merkwürdig stolpernde Rhythmen und überirdisch schöne Pop-Songs finden sich zu einem Reigen ein, der nicht nur Fans von Palace oder Eric’s Trip zur Freude gereicht.