Vor zehn Jahren


wählte ich für den Bremer folgende Platten zur Besprechung aus:

 

FANTÔMAS

The Director’s Cut

IPECAC/EFA

Fantômas wachsen über sich selbst hinaus. Der Titel sagt, worum es geht: Ganz großes Kino eben, geschnitten von Michael Patton. In den Hauptrollen der Maestro selbst sowie Dave Lombardo (Ex-Slayer), Buzz Osbourne (Melvins) und Trevor Dunn (Mr. Bungle), die gemeinsam kürzlich die Lande bereisten, um ihr bizarres Inferno aus Speedmetal, JapNoise, Scores, süßem Balladieren und Untergang aufzuführen.

„The Director’s Cut“ bedient sich der Musik aus „The Godfather“, „The Golem“, „Rosemary’s Baby“, „Cape Fear“, „The Omen“, „Twin Peaks“ und anderen Meisterwerken zwielichtiger Lichtspiel-Klassik. Natürlich hinterlassen auch hier die jeweiligen musikalischen Vergangenheiten und Gegenwarten der Mitwirkenden ihre Spuren. Patton gönnt uns endlich wieder ein Mehr an Belcanto, Lombardo brettert mit seiner Slayer-erprobten Doppelfußpauke durch rasante Szenen, Osbourne drückt im Verein mit Dunn tonnenschweres Saitenspiel dazwischen und eben wenn es gar zu schön zu werden droht, machen Fantômas es noch schöner, indem sie ohne Erbarmen dreinhauen. Trotz Beibehaltung ihrer bereits von „Amenaza al Mundo“ bekannten Qualitäten – Dekonstruktion, Überspitzung, Geschwindigkeit, Lärm – eingängiger als zuvor und auch deshalb geeignet, ihnen ein Publikum zu bescheren, das vom Debüt brüskiert gewesen sein mag. Faith No More-Fans sollten trotzdem vor dem Erwerb eine Probefahrt machen…

 

JIMMY EAT WORLD

Bleed American

DREAMWORKS/MOTOR/UNIVERSAL

In den späten Achtzigern fand man für Bands wie die Lemonheads oder Buffalo Tom und ihre melancholischen, von lauten Stromgitarren unterlegten Pop-Songs auch keinen wesentlich schlaueren Begriff als College-Rock. Später lief Verwandtes unter dem Label Alternative-Rock und heute muss es eben „Emo“ sein. Jimmy Eat World dürften darauf pfeifen.

Auf bislang drei Alben haben sie ihren Sound ausdifferenziert, um ihn nun mit „Bleed American“ verbindlich zu definieren. Ganz explizit wollen sie den perfekten Song schreiben, und der ist natürlich ein Pop-Song. Dieses Vorhaben ist zwar ein illusorisches, da es den einen vollkommenen Song nie geben wird, aber auf dem Weg dorthin haben Jimmy Eat World Resultate erzielt, die betörend ausfallen. Es ‚uuh-uuh‘-t und ‚aaah-aaah‘-t an allen Ecken und Refrains, süffige Stromgitarren liegen einträchtig neben sachten Akustischen und es weht eine melancholische Brise, vielleicht, weil Jimmy Eat World wissen, dass nach dem Wochenende doch wieder ein Montag kommt.

Nach der neuen Weezer ist „Bleed American“ noch so ein ganz heißer Anwärter für gute Schwingungen am Baggersee oder wo ihr euch sonst so herumtreibt.

 

EX ORKEST

Een Rondje Holland

EX RECORDS/EFA

Nachdem die Avant-Punk-Band The Ex kürzlich mit Steve Albini ein überrraschend straight rockendes Album aufgenommen haben, widmen sie sich hier als Teil des zwanzigköpfigen Ex Orkest ihrer experimentellen Seite. Unter der Leitung des Dirigenten Hamish McKeich vertonen sie eine „holländische Reise“ mit Texten von Jan Mulder. Aufgeführt und mitgeschnitten in Amsterdam, Gent und Moers führt das Orchester Musik von The Ex sowie eine „Symfonie Voor Machines“, basierend auf einer Komposition des sowjetischen Komponisten Alexander Mossolov, auf.

Wer die Wege der Ausnahmeband The Ex über die Jahre verfolgt hat, wird nicht überrascht sein, dass die Musik auf „Een Rondje Holland“ zwischen neuer „ernster“ Musik, vitaler Folklore, eigenwilligem Artrock und Wave bis zu freier Improvisation virtuos schlingert, ohne sich je in akademische Steifheit zu versteigen. Oder hätten sie auf diesem Album sonst dem Rosenkohl ein Lied gewidmet?

The Ex sind seit ihrer Gründung immer schon offen für vieles gewesen und haben ihrem Oeuvre mit immer wieder neuen Kollaborateuren immer wieder neue Facetten abgewonnen. „Een Rondje Holland“ ist der gelungene Nachweis, dass The Ex ihren Pioniergeist noch lange nicht verloren haben.

 

Short Cuts

 

HGH: Trash Grass & Love Songs (Stickman/Indigo) Nur noch ein Duo halten Hagfors und Gebhardt (letzterer Schlagzeuger der großen Band Motorpsycho) zwar an Bluegrass als Fokus fest, entfernen sich auf ihrem zweiten Album aber vom puristischen Ansatz des Debüts und erweitern ihr Instrumentarium um selbstgebastelte Klangerzeuger. Ein Album voller kleiner Songperlen.

SCHOOL OF VELOCITY: Homework (Grob/A-Musik) Vier Londoner Improv-Größen taten sich 1998 zu dieser Band zusammen. Evan Parker (Saxophon), Dave Tucker (Gitarre), Steve Noble (Schlagzeug) und John Edwards (Bass) interagieren souverän in einer kraftvollen aber subtil zurückhaltenden Produktion. Freies Spiel auf höchstem Niveau.

 

Vor zehn Jahren


eröffnete die taz Bremen eine neue Reihe. Am 24.12.2001 erschien die erste Folge. Der Römer hat derweil entschieden an Bedeutung verloren. Aber lesen Sie selbst, wie es damals war:

Der Ausgeher (1)

Der Römer ist Legende: Ständig stoßen da die Leute zusammen

Ist es Courage, was mich auch in diesem Jahr am 24. Dezember wieder in den Römer treiben wird? Oder ist es eine etwas absonderliche Gewohnheit, eine sentimentale Marotte, die mit einer gewissen Beharrlichkeit die Hoffnung erhält, es könnte da diesmal etwas anderes passieren? Oder ist es einfach Langeweile, weil der Römer nach einem beherzten Gang durch die Kneipen dann doch wieder der einzige Laden ist, wo an diesem Abend irgendwas geht?

Die zentrale Bedeutung, die der kleine Beatclub am Fehrfeld seit einer halben Ewigkeit in hiesigen Biographien nach wie vor einnimmt, hat sich zumindest für das jährliche Feiertagspublikum erschöpft. Geh‘ einer von denen sonstmal in den Römer. „Da sind doch nur noch Kids“, heißt es dann verächtlich. Keine Ahnung, was daran stören soll, andererseits war angeblich früher vieles anders, wie man so hört. Nur die Putten an der Decke mit den Kerzen in der Hand sind die gleichen. Soll sogar mal ein Klavier im Römer gegeben haben. Und Faith No More, Henry Rollins und Blumfeld haben auch mal auf der kleinen Bühne gestanden. Im Römer beginnen Karrieren.

Welche das sonst noch sind, lässt sich an keinem anderen Abend besser sehen, als am 24. Dezember. Da stößt man auf den alten Schulkameraden, der „es“ inzwischen geschafft hat. Oder eine alte Bekannte, die beschlossen hat, nochmal ganz von vorn anzufangen, im Ortsverein der SPD oder so. Man will ja auch was „bewirken“. Spätestens dann wird es Zeit, unter dem Vorwand, einen frischen Drink zu benötigen, sich unauffällig zwischen den dicht an dicht gedrängten Menschen vorbeizudrücken und alte Feindschaften zu pflegen.

Ständig stoßen die Leut‘ zusammen, am Durchgang zur Tanzfläche, über der immer noch in 80er-Neon-Lettern „Dance“ steht, oder entlang des Tresens, wo sich der Strom verjüngt, zumindest bildlich gesprochen. Einige haben sich seit Jahren nicht gesehen. Ah, die Schauspielerin von der Volksbühne, inzwischen im Online-Geschäft, mutig, mutig … Und der da, auch nach Berlin gegangen, legt irgendwo Platten auf. Kennen Sie diese Statistik, die besagt, dass es in Berlin mehr Bremer gibt, als in Bremen? Kennen Sie nicht? Macht nichts, war nur so ein spontaner Gedanke.

Sie alle beginnen mit den gleichen Chancen, so steht es geschrieben, und die eine neigt nun mal zur proletarischen Lebensart, der andere ist ein echter Machtmensch, jener ein Bonvivant. Und Leute, die wissen, wie der Hase läuft, gibt es auch. So einen traf ich vor Jahresfrist am Tresen. Ganz unten gewesen. Hatte Bier auf Hawaii verkaufen wollen, einer alten Weise folgend, gemäß derer es dort keines gebe. Stimmte natürlich nicht, außerdem hatte er kein Geld für anfallende Investitionen und auch keine Arbeitserlaubnis. Er hatte alsdann, nicht auf Hawaii, einen Klempner-Notdienst eröffnet, eine kleine Backstube gegründet und – an dieser Stelle senkte er die Stimme- mit „Marihuana“ gehandelt. Er spendierte ein Bier nach dem anderen. Jetzt machte er in Fertighäusern. Er sei auf dem Weg nach ganz oben. Er habe herausgefunden, wie man’s macht. Verraten hat er es mir leider nicht. Biographien gehen ja immer so: Leute, die es geschafft haben, haben es geschafft, weil sie an sich geglaubt haben. Durch jede Durststrecke haben sie sich immer wieder eingehämmert, dass du an dich glauben musst. Der Erfolg gibt ihnen Recht. Sonst hätte es schließlich nicht geklappt… Bei den anderen ist es immer das Schicksal. Hatt‘ nicht sollen sein. Muss ja. Hilft ja nix, kannst nix machen, was soll’s, is‘ so. Ja, überhaupt: Könnte es nicht alles noch schlimmer kommen?

Andererseits war ich nicht zum Philosophieren unterwegs. Ich wusste, worauf ich mich einließ. Vielleicht konnte ich das Vergnügen auf meine Seite bringen. Schließlich war man leutselig, in diesen Tagen.