Anlässlich des Bühnendebüts der beiden älteren Herrn


Am Samstag, den 25.2. stehen Blohm und Voss zum ersten Mal auf einer Bühne. Naja, sie sitzen – und zwar in einer Loge.

Zur Vorbereitung hier noch ein alter Text der beiden aus der Zett:

Deutscher Eintopf oder Cuba Libre?

Dr. Blohm und Herr Voss erörtern ein schweres Thema

Voss: Da haben sie uns aber eine Suppe eingebrockt, die so schwer und dick ist, wie die Eintöpfe meiner Lebensgefährtin, werter Blohm. Als ob ausgerechnet wir wesentliches über Nationalismus mitzuteilen hätten…

Blohm: In der Tat eine unangenehme Thematik, aber ich muss sie bitten, sich nicht immer auf die eigene Ignoranz herausreden zu wollen. Sogar der Staat verlangt nach mündigen Bürgern, und wenn schon die Schulpflicht sich zumindest unter anderem dem Ziel verdankt, solche herzustellen, können sie doch nicht behaupten, sie hätten mal wieder von nichts gewusst.

Voss: Sollen wir uns mit einem Transparent auf den Marktplatz stellen, um den Anfängen zu wehren?

Blohm: Keine Rede davon. Erstens ist es dummes Zeug, den Anfängen von etwas wehren zu wollen, das es schon und mindestens seitdem ununterbrochen gegeben hat, da Vater Blohm – Friede seiner Asche – mich zum Wählen geschickt hat, und zweitens glaubt ohnehin jeder aufrechte Demokrat, er würde in seiner Liebe zur demokratischen Heimat mit dem inkriminierten Pöbel nichts gemein haben. Diese moralische Entrüstung reicht dann schon, um sonst jeden Fug mitzumachen, den Vater Staat veranstaltet. Da wählen sie auch eine Partei, die einen Krieg immer noch für die ultima ratio der Staatszwecke hält, was er erstens auch ist, und zweitens geht das auch kaum anders, wenn man schon wählen möchte, hat sich der Gedanke der Einheitsfront doch selten eindrucksvoller manifestiert, als in der fraktionsübergreifenden Zustimmung zum letzten Krieg.

Voss: Aber wenn wir uns schon einig sind, dass die Sache Deutschland die unsere nicht sei, sollten wir daraus nicht Konsequenzen ziehen?

Blohm: Ja. Wir warten.

Voss: Worauf?

Blohm: Ich las, die Deutschen stürben aus.

Voss: Das werden sie wohl kaum erleben.

Blohm: Und meine Kinder auch nicht.

Voss: Aber sie haben doch gar keine Kinder!

Blohm: Manchmal ist es eben besser, nichts zu tun, um der richtigen Sache zum Sieg zu verhelfen.

Voss: Sie sind ein Defätist.

Blohm: Schön, dass unsere Bekanntschaft wenigstens eine gewisse Halbbildung bei ihnen bewirkt hat.

Voss: Schön, dass sie immer noch das alte Ekel sind. Aber ich habe noch etwas gelernt, und zwar von Lenin. Der hat bei jeder Gelegenheit gefragt: Cui bono? Das heißt soviel wie: Wem nützt es? Wem nützt es, wenn die Deutschen aussterben? Erklären sie mir, was gerade sie davon hätten?

Blohm: (betrübt) Ach, sicher gar nichts, werter Voss. Ich musste nur an Voltaire denken, der seinen Candid am Ende sagen lässt, es gelte „unseren Garten zu bebauen“. Ein Interpret wies darauf hin, dass Goethe im zweiten Teil des Faust zu dem gleichen Ergebnis kommt: Das „Laboremus“ als letzter Schluss von schlichtweg allem. Ich möchte einfach nicht dabei sein, wenn es am Ende doch wieder heißt: Lasst uns arbeiten! Franzosen scheinen keinen Deut klüger zu sein, als Deutsche. Wenn das also ist, worum es geht, bin ich lieber Defätist und lasse mir in meinem Garten von Frau Blohm ein paar eisgekühlte Cuba Libre bringen.

Voss: Eine wahrhaft rebellische Geste. Wie wär’s, wir fingen sofort damit an?

Blohm: Sie sind ein Mann ganz nach meinem Geschmack, auch wenn sie aus Hastedt kommen.

(Beide treten in herzlicher Umarmung ab)

Vor fünf Jahren


… besprach ich im TRUST unter anderem:

DINOSAUR JR. – ‚Beyond‘

Ihr wisst es: Dinosaur jr. sind zurück – mit Murph und Barlow. Nach mehreren Tourneen in alter Besetzung haben sie sich entschieden, ein neues Album zu schreiben und aufzunehmen. Da sind die Erwartungen entweder gar nicht vorhanden (weil: kennt man ja, diese alten Säcke, die sich ihre Reputation versauen, indem sie halbgare neue Platten aufzunehmen müssen glauben) oder eben sehr hoch. Dass die drei noch einmal einen Meilenstein wie „You’re Living All Over Me“ zuwege bringen würden, hatte zumindest ich nicht angenommen. Und so war es keine allzu große Überraschung, dass sich die neuen alten Dinosaur eher wie die späteren alten anhören. Die ersten Takte versetzen einen direkt in Reminiszenzen an „Just Like Heaven“ und was danach kam. Denn natürlich sind die meisten Songs von J Mascis, und dessen Songwriting hat sich nunmal weiterentwickelt, wurde über die Jahre straighter und ließ zunehmend mehr Raum für diese von mir heiß und innig geliebten Gitarrenheulereien. Dass Barlow zwei Songs schrieb, scheint eher der Hartnäckigkeit seiner Bandkollegen zu verdanken zu sein. Und sie klingen in der Tat anders als das, was wir von ihm kennen: Schließlich nahm er sich schon damals heraus, auf dem erwähnten Klassiker seine Beiträge allein in LoFi aufzunehmen, und auf „Bug“ war gleich gar nichts von ihm komponiert. Hier nun ließ er sich überzeugen, die Stücke im Dinosaur-Sound spielen zu lassen. Sie klingen trotzdem nach Barlow, keine Frage, und sie sind gewohnt gut. So what else is new? Der Gesang ist mehr im Mittelpunkt, Murph ist etwas weiter hinten (und spielt natürlich ganz anders als Mascis, der bekanntlich – oder auch nicht – auf späteren Alben auch diesen Job übernahm) und so weiter und so fort – Kleinigkeiten, die dazu beitragen, dass eben auch diese Inkarnation der Band zumindest im Studio wieder vor allem Mascis ist. Und der kann machen, was er will – es ist eigentlich (fast) immer toll. Interview mit dem Kerl dann in der nächsten Ausgabe – da erklärt er unter anderem was „keeblin’“ ist…

(Pias)

SHINING – ‚Grindstone‘

Angeblich haben diese Typen mal als Post-Bop-Jazz-Band begonnen. Davon ist nur wenig noch übrig geblieben. Hier regiert Prog-Rock, jedoch nicht in seiner Pervertierung als sülziges Fantasy-Theater, sondern als überspitzte, weitergedachte Version von Rock, dramatisch verdichtet, halsbrecherisch gespielt, gewagt ersonnen. Hella dürfen einem in den Sinn kommen, deren jüngster Streich euch noch einmal ans Herz gelegt sei. Mars Volta nehme ich hingegen nur mit Vorbehalt in den Mund, denn wo die in Hochglanz humorlos Konzeptbündel schnüren, sind Shining bei ähnlichem musikalischem Weitblick (Jazz [dann doch], Klassik, Metal, Space-Rock, Morricone und mehr sind hier irgendwo verborgen) gewitzt und nassforsch. Gelegentlich, wie in „Stalemate Longan Runner“, erinnern sie gar ein wenig an Naked City, nur um dann kurzfristig doch noch in den Weltraum abzudüsen, immer tight together, ohne enervierendes Solieren. Einige der Shining-Musiker waren übrigens auch bei dem zwar deutlich enstpannter aufspielenden, aber durchaus probierenswerten Fusion-Ensemble Jaga Jazzist tätig. Eine erstaunliche, eine grandiose Platte, die immer wieder mit neuen Wendungen und Ideen überrascht. Bitte, gib mir mehr davon!

(Rune Grammofon/Cargo)


WINO & CONNY OCHS – ‚Heavy Kingdom‘


Schließt nahtlos an Winos letztes Solo-Album an und ist natürlich auch von Conny Ochs‘ Debüt nich weit entfernt. Und man muss sagen: Die Stimmen der beiden Herren passen gut zusammen. Die eine, Winos, reif, die andre noch hörbar jünger, aber gleichfalls bluesgetränkt. Und wie schon be Winos Akustiksause bewegt sich das hier zwischen Blues als Gefühlslage (was erstens also nicht die ollen 12 Akkorde sind und zweitens eben nicht nur traurig) und klassischen Songwriter-Entwürfen. Die Fremdkomposition kommt von Townes Van Zandt, dessen eigenen Version(en) sie nichts Entscheidendes hinzufügen, aber das macht vielleicht auch nichts.


(Exile On Mainstream)

Vor fünf Jahren in der Zett


Das Böse in der Musik

Böse Onkels?

Haben die alten Recht, die immer gesagt haben, der Rock’n’Roll sei Teufelszeug? Weil er junge Menschen zu ekstatischem Tanz, enthemmtem Leben, wüsten Frisuren, vorehelichem Sex und Drogenkonsum verführt? Man muss nicht lange suchen, um zumindest festzustellen, dass es nicht erst die Rockmusik war, die mit allem, was nicht gut, ergo böse ist, in Verbindung gebracht wurde.

Seelenverkäufer

Schon Paganini war der „Teufelsgeiger“, und der Bluesmusiker Robert Johnson verkaufte der Legende nach seine Seele dem Teufel, um im Gegenzug exzeptionell Gitarre spielen zu können. Schon lange davor verpasste man allerdings der übermäßigen Quarte, auch bekannt als Tritonus, weil sie drei ganze Tonschritte umfasst, den Spitznamen Teufelsintervall oder auch Teufel in der Musik weg, weil er die stärkste Dissonanz im System der Moll- und Dur-Tonarten darstellt. Der Teufel ist also schon lange Gast in der Musik. Wurde einst der Tritonus allerdings eingesetzt, um Schmerz oder andere negative Dinge auszudrücken, war das Dämonische bei Paganini, Johnson, den Rolling Stones, Black Sabbath und anderen Vertretern immer offensiv und schillernd, klang der Flirt mit Mächten an, die in der jeweiligen Gesellschaft alles andere als wohlgelitten waren. Paganini inszenierte sich mit fahlem Gesicht und schwarzer Kleidung. Wie manche Rockmusiker des 20. Jahrhunderts schlug er Kapital aus den Gerüchten, die um ihn gesponnen wurden und machte ein Vermögen mit seinen Konzerten. Sein Image pflegte er so erfolgreich, dass er über dreißig Jahre lang nicht auf geweihtem Boden beerdigt werden durfte, weil er mit dem Teufel im Bunde gestanden habe. Robert Johnson war seinerseits keineswegs der erste Blues-Künstler, der seine Seele dem Teufel verkauft haben wollte: Schon sein Kollege Tommy Johnson hatte sich mit dieser Geschichte geschmückt, durch einen gemeinsamen Bekannten ging sie auf Robert über, der sie gerne übernahm. Als Gegenstück zum Gospel, der Gott pries, galt der Blues ohnehin nicht nur bei Weißen als Teufelswerk. Er galt in den schwarzen Gemeinden als Musik des Einzelgängers, der sich schon allein dadurch aus der Gemeinde löste.

Satans Sympathisanten

Die Rolling Stones sorgten dann in den 1960er Jahren dafür, dass Pop seine Unschuld endgültig verlor: Sie pflegten ein „böses“ Image, spielten schmutzigen Blues mit sexuelen Konnotationen, trugen lange Haare, nahmen Drogen und flirteten mit Beelzebub. „Sympathy For The Devil“ aus dem Album „Beggar’s Banquet“ (1968) wurde einer ihrer größten Hits. Der Text ist eine Auflistung von Gewalttaten, von der Ermordung Christi bis zum Zweiten Weltkrieg und dem Attentat auf John F. Kennedy. Der Legende nach war es dieser Song, der das von den Stones initiierte Open-Air-Festival im kalifornischen Altamont zum Desaster werden ließ. Angeblich spielte die Band gerade „Sympathy For The Devil“, als der Fan Meredith Hunter vor den Augen der Band von den Hell’s Angels totgeprügelt wurde, die für das Konzert als Security engagiert worden waren. Weit wahrscheinlicher spielten die Stones zwar gerade „Under My Thumb“, aber der Song mit dem Teufel war einfach zu attraktiv für die Mythenbildung. Der Karriere der Band schadete das nicht erheblich – wenn überhaupt. Den Stones haftete nun erst recht etwas Gefährliches an, das sie umso mehr zur Projektionsfläche einer Jugend werden ließ, die mit den Werten ihrer Eltern nichts mehr zu tun haben wollte. Eine Band wie Black Sabbath, deren Musik die Blaupause für Heavy Metal bildete, spielte noch unverhohlener mit dem Reich des Bösen. Und im konservativen Bible Belt der Südstaaten der USA brannten ihre Schallplatten auf dem Scheiterhaufen… Aber was wäre ein Rockfan, der sich davon beeindrucken ließe?! Man muss nicht lange suchen, um weitere Beispiele zu finden: Alice Cooper, Kiss, Marilyn Manson – nur einige, die sich mit entsprechenden Anfeindungen konfrontiert sahen und daraus – kalkuliert oder nicht – durchaus auch Profit schlugen.

Der negative Opportunismus

Aus dieser rebellischen Haltung, dem Widerspruch zur offiziell propagierten Moral, und der geharnischten Reaktion der Altvorderen speiste sich immer wieder ein signifikanter Teil der Popkultur. Dabei ist nun keinesfalls immer der Kunst immanent, was die Sittenwächter zu den Waffen ruft. Der Anschein der Insubordination genügt – es muss ja was im Busch sein, wenn sich jemand nicht der besten aller möglichen Ordnungen fügt. Dass dieser negative Opportunismus immer wieder Menschen attraktiv erscheint, deren Bedürfnisse ideeller oder materieller Natur in der Gesellschaft vermeintlich oder tatsächlich nicht vorkommen, ist keineswegs zwingend, jedoch sehr verbreitet. In der Regel hat sich diese Opposition mit einem gewissen dann auch Alter erledigt, die Notwendigkeiten zwingen manchen in die „Einsicht“. Allerdings hat es auch immer wieder Fans und Künstler gegeben, die ihren „Way of life“ buchstäblich ums Verrecken nicht aufgeben wollten. Das Buch „Lords Of Chaos“ von Michael Moynihan und Didrik Søderlind erzählt in epischer Breite die Geschichte des Black Metal und verwandter extremer Spielarten des Heavy Metal. Teile dieser Szene radikalisierten ihre Opposition gegen die christliche Mainstream-Kultur soweit, dass sie auch vor Mord und den damit verbundenen Gefängnisstrafen nicht zurückschreckten. Allerdings ist die Musik auch hier nur der Soundtrack zur Ideologie, denn die Vorstellung einer sachlich notwendigen gegenseitigen Bedingung einer spezifischen Musik und bestimmter Gedanken.

Dr. Blohm – Solo


aus der Zett vom Juni 2002:

Writer’s Corner

Dr. Blohms Gespür für Kaffee

Die Legende sagt, der Eskimo kenne 37 Wörter Schnee. Abgesehen davon, dass ich auch ein paar kenne, von denen gewiss noch kein Eskimo etwas gehört haben wird, möchte ich darauf hinweisen, dass das noch gar nichts ist. Der Wiener kennt mindestens 38 verschiedene Vokabeln für Kaffee. Die Melange – von der es aber schon allein mehrere Sorten gibt, wie die Wiener Melange und die Kaisermelange -, der Einspänner und der Verlängerte oder Gestreckte sind vielleicht die bekanntesten. Ein kleiner Schwarzer, ein kleiner Brauner, eine Schale Gold, ein Maria Theresianer, Wiener Eiskaffee, Kapuziner, Pharisäer und was nicht noch gibt es außerdem, wobei zu betonen ist, dass der kleine Schwarze natürlich auch als Espresso oder Mokka ebenso wie als Türkischer oder Nussschwarzer bestellt werden kann, ohne dass die Service-Kraft dabei in Schwierigkeiten geriete, selbst wenn sie vielleicht in manchen Bezirken etwas pikiert dreinschauen mag. Auch einen Capuccino bekommt der Gast auf Wunsch serviert, ohne dass das Servierte mit einem Kapuziner identisch wäre. Einen Franziskaner, einen Meisterkaffee, einen Mazagran, einen Dunklen, einen Kaffee verkehrt, einen Gespritzten und eine Portion Kaffee kann der Wiener obendrein noch als eigenständige Versionen auseinander halten. Das sind zwar noch keine 38 Vokabeln, aber addiert man die insgesamt acht Melange-Varianten – mit Schlag, passiert, mit Haut, mit Haut und mit Schlag, ohne Haut und mit Schlag, ohne Haut und ohne Schlag etc. -, die es zumindest in besseren Zeiten gegeben hat, und Subspezies wie Doppelmokka und andere Bezeichnungen für verschiedene Darreichungsgrößen, ist man schnell nicht nur bereits vom bloßen Lesen stark infarktgefährdet, sondern auch bei über 38 Versionen. Zweifelsohne ein völlig nutzfreies Wissen, wohnt man nicht in Wien, aber dort…

Im halbzivilisierten Norden Deutschlands darf man indes schon froh sein, findet man ein Etablissement, in dem sie einen vernünftigen Capuccino servieren, ohne Sahne, dafür mit Milch und auf Grundlage italienischen Espressos zubereitet. Das in Wien obligate Glas Wasser zum Kaffee wagt man kaum zu erwarten. Lieber sollte sich der Bewohner Bremens mit den rund 88 Bezeichnungen für Regen vertraut machen, von denen im vierten Band der „Per Anhalter durch die Galaxis“-Trilogie des zu früh verschiedenen Douglas Adams die Rede ist. Denn: Was wir begreifen wollen, davon müssen wir einen Begriff haben. Um von diesem Begriff sprechen zu können, muss dieser Begriff einen Namen haben. Ich frage Sie: Wäre es da nicht viel einfacher, sich einfach vom Regen gar keinen Begriff zu machen? Wieviel Ärger ersparte man sich? In der vakant gewordenen Zeit ließe sich womöglich an dem Angebot von Kaffespezialitäten tätig wirken. Wollen wir doch mal sehen, ob wir nicht vermittels der Umgestaltung von Sprache auch die zugrundeliegenden Verhältnisse auf den Kopf stellen können!

Her(r)zlichst, Ihr

Dr. Blohm

Vor zehn Jahren für den Bremer rezensiert


rival schools /united by fate

island

Zunächst einmal: Rival Schools ist die neue Band von Walter Schreifels, dessen Vergangenheit mit legendären Bands wie Quicksand, Gorilla Biscuits und Youth Of Today gespickt ist. Für Rival Schools scharte er eine Reihe alter Bekannter um sich, mit denen er teils bereits in Bands zusammengespielt oder die er über die Jahre in Hardcore-Kreisen kennengelernt hatte. „United By Fate“ ist nicht unerwartet ein reichlich ausgereiftes Werk geworden, in dem sich große, melancholische Melodien mit subtil ausgearbeiteten, kraftvollen Arrangements verbinden, nicht zufällig in der Nähe dessen, was heute als Emo-Rock im großen Stil verhökert wird. Schließlich war Schreifels vor allem mit Quicksand einer der Wegbereiter dieses merkwürdig diffusen Genres.

 

mardi gras.bb /zen rodeo

hazelwood /efa

Sie sind schon ziemlich lustige Vögel, der Doc Wenz und sein Reverend Krug, die dieser Blaskapelle vorstehen. Nicht nur, dass der ganze Haufen ausgerechnet aus Mannheim kommt und doch keineswegs so klingt. Jetzt soll der wilde Westen auch noch bei New Orleans anfangen. Die schlingernden Dirges des frühen Jazz, den swampigen Funk, das Voodoo-Gepränge des Mardi Gras, ihren Sinn für delikate Cover-Versionen (diesmal traf es die Residents, Giant Sand und den alten Disco-Klopper „Kung Fu Fighting“) ergänzen sie auf ihrem dritten Album um einen rustikalen Country-Einschlag, spielen eine Ballade für Lucky Lukes Pferd Jolly Jumper und einen Song für eine Wüstenrose, spinnen – in anderen Worten – ihre Liebe für die abseitigeren Mythen, Traditionslinien und Wurzeln amerikanischer Popularkultur ganz unbefangen – und vor allem höchst unterhaltsam – um akademische Problemstellungen fort.

 

favez /(from lausanne, switzerland)

sticksister/indigo

Favez lösen auf ihrem dritten Album nun auch im Studio ein, was bislang vor allem ihre Shows auszeichnete: Die gelungene Verbindung aus hochenergetischen Gitarren und regelrecht schönen Melodien. Natürlich erfinden Favez (aus Lausanne, Schweiz) damit nicht das Rad neu. Aber das ändert nichts an der überschäumenden Vitalität, die diese Band vor vielen auszeichnet.

Auch schon wieder ganz schön was her…


Vor fünf Jahren kündigte ich heißen Herzens folgendes an:

taz Nord 15.2.2007

Legenden der Leidenschaft 1

Varsity Drag

Ein bisschen war es wie bei den „Beatles“: Lennon oder McCartney – wer schrieb die besseren Songs? Nur dass es bei den „Lemonheads“ darum ging, ob Evan Dando oder Benjamin Deily der begnadetere Komponist war. Irgendwann war Deily verschwunden und Dando führte die Marke „Lemonheads“ allein weiter. Bis dahin hatten Alben wie „Hate Your Friends“, „Creator“ und „Lick“ der Band ersten Ruhm beschert. Und es gab nicht wenige, für die die „Lemonheads“ ohne Ben Deily einfach nicht mehr das gleiche waren. Evan Dando machte zunächst unverdrossen weiter, wurde zur Indie-Ikone, stürzte mehrfach tief und rappelte sich immer wieder auf, begleitet von einer bisweilen regelrecht hysterischen Hofberichterstattung. Und Deily? Wurde kurz bei den „Blake Babies“ gesichtet, gründete die Band „PODS“, die niemand in Europa so richtig mitbekam, und taucht nun ziemlich überraschend wieder auf: „Varsity Drag“ heißt seine neue Band – und auch wenn einen sonst sowas gelegentlich eher peinlich berührt, sorgt es hier für den wohligen Schauder des Erinnerns: Deily klingt immer noch wie einst, ein kleines bisschen Mickey Mouse in der Stimme, aber auch immer Wehmut, Sehnsucht, Melancholie. Genau das, was Alben wie „Creator“ zu Meilensteinen der Gitarrenmusik im Gefolge von Punk machte, in Augenhöhe mit „Hüsker Dü“, „Dinosaur jr.“ und anderen Großen jener Zeit, bevor Punk mit „Nirvana“ in den Mainstream eruptierte.

Den mochte ich ja auch mal


taz Bremen 1.3.2002

Scherben der Selbsterkenntnis

 „Man wird mit dem Leben nur fertig, wenn man es verharmlost“. Zwischen Wortklauberei und eitlem Kalauer – der Schwabe und TV-Kabarett-Star Matthias Richling schlägt rundum im Waldau-Theater

Bekannt aus Funk und Fernsehen durfte Matthias Richling im Waldau-Theater schon vor seinem Auftritt einen Erfolg vermelden: ausverkauft! Dafür bekam das Bremer Publikum auch ein wenig den Bauch gepinselt, aber das gehört im Gewerbe ohnehin zum guten Ton und schlägt außerdem bei Richlings Matthias derartige Volten, dass man nicht weiß, ob man sich über das übliche Maß behumst vorkommen soll.

Überhaupt: Was hat es zu bedeuten, dass nach zwei Stunden, in denen Richling annähernd pausenlos sprach, seine Gäste spontan kaum eine Pointe wiedergeben konnten, sich aber ausgedehnt über die ja auch körperliche Leistung des Kabarettisten äußerten? Sagt nicht eine alte Legende, dass Kabarett – und Richling ist alte Schule: handwerklich makellos, mit einem wachen Blick für die Tagespolitik – die Menschen zum Nachdenken über die Verhältnisse bewegen soll?

Was Richling am Mittwochabend bot, war eine beeindruckende Vorstellung, in der die klassischen Formen der Zunft in untadeligem Timing miteinander kombiniert wurden. Der Mann ist zugleich Meister des abgebrochenen Satzes (wie Hildebrandt, nur viel schneller), virtuoser Stimmenimitator, brillanter Wortklauber, Mundartspezialist und nicht zuletzt Bildungsbürger, der dem sprichwörtlichen Volk das Schwachsinnswort im Mund verdreht, um ihm tiefere Wahrheit zu geben – nur singen tut er nicht. Den Grat zwischen Zynismus und Selbstdesavouierung beschreitet er mit souveräner Nervosität.

Er weiß, dass manche seiner Pointen zu verwinkelt sind, um einen Lacher zu bekommen. Als er Edmund Stoiber den Satz zuschreibt, 7,5 Millionen Ausländer in Deutschland seien Ausländer, und nachlegt: „Jetzt stellen sie sich mal vor, die kommen alle zu uns!“, bleibt es still. Damit auch die Doofen was zu lachen haben, geht er sodann „in medias reis – wie man in China sagt“, und der Saal tobt. Soviel zur Legende, das Kabarett solle die Menschen zum Nachdenken bringen.

Nein, Richling ist der Hofnarr, der so eitel ist, dass er sich als bauernschlauer schwäbelnder Tourist über das Holocaust-Denkmal wegen gelungener „Vergangenheitsüberwältigung“ auf die Schulter klopft, und sich für die anderen dadurch rettet, immer schon zwei Ecken weiter zu sein, als die anderen. Ohne dabei so offensiv hinterfotzig zu sein, wie der TV-Entertainer Harald Schmidt.

In seinem Rundumschlag durch die Issues der letzten Monate und Jahre – 11. September, Währungsumstellung, Wahlkampf, Rotgrün, Lauschangriff, Arbeitslosigkeit et al. – bedient er (wie seine Kollegen auch) das Nörgelbedürfnis derjenigen, die das allerdings auch nur nochmal gesagt haben – oder eben sagen lassen – wollten.

Für zwei Zugaben applaudierte ihn das restlos begeisterte Publikum heraus. Hängen blieben eigenartig schillernde Sätze wie: „Man wird mit dem Leben nur fertig, wenn man es verharmlost.“ Offen muss bleiben, ob er seinem Publikum damit auch gleich noch eine spiegelnde Scherbe zur Selbsterkenntnis an die Hand gibt.