Lift To Experience


hieß die Band von Josh T. Pearson, von John Peel und mir heiß geliebt. Pearson hat gerade mit „Last Of The Country Gentlemen“ eine sehr schöne neue Platte gemacht. Die alte habe ich seinerzeit im TRUST so besprochen:

LIFT TO EXPERIENCE – ‚The Texas-Jerusalem Crossroads‘

Biblische Bilder, flirrende Gitarren, weite musikalische Räume. Die Titel dieses Albums lesen sich aneinandergereiht wie ein Songtext dieser Platte: Just As Was Told / Down CameThe Angels / Falling From Cloud 9 / With Crippled Wings / Waiting To Hit / The Ground so Soft / These Are The Days / When We Shall Touch / Down With The Prophets / To Guard And To Guide You / Into The Storm. Vieles klingt nur danach, manches ist glatt wirklich aus der Bibel abgeschrieben (Tod, wo ist dein Stachel und so weiter). Die texanische Sonne mag derlei Verrücktheiten befördern. Trotz oder wegen geistiger Verwirrung haben die „drei texanischen Jungs“ hier eine ganz grandiose Musik aufgenommen. Archaisch, episch und wirklich schön. Angenehme Erinnerungen an My Bloody Valentine und den Gun Club werden wach.

 

Vor fünf Jahren…


durfte ich für die taz bremen noch Konzertberichte schreiben – wie diesen hier:

Kurzkritik: The Musical Box in der Glocke The Lamb Lies Down On Broadway

So beknackt, dass es gelingen muss: 30 Jahre, nachdem Genesis „The Lamb Lies Down On Broadway“, das letzte Album mit Peter Gabriel, aufnahmen und in beispielloser, finanziell ruinöser Materialschlacht auf die Bühne brachten, um dann – musikalisch immer öder – zu einer der erfolgreichsten Rock-Bands der Welt zu werden, unternahmen The Musical Box – auch der Titel eines alten Genesis-Stücks – aus Kanada die Wiederbelebung. Anhand weniger verbliebener Dokumente (niemand dachte über Zweit- und Drittverwertung nach) rekonstruierten sie die Original-Show samt Diashow, Schwarzlicht und Kostümen. Die Story: Real steigt vom Broadway hinab in die Unterwelt, die sich als seine Psyche entpuppt. Auf Doppelalbum-Länge ergibt das eins jener gefürchteten Konzeptwerke des 70er-Jahre-Rock. Da Genesis aber die Komposition stets über Ego-Trips stellten und in Gabriel einen Frontmann besaßen, der – teils bizarr gewandet – einen abseitigen Humor zur Schau stellte, ist „The Lamb Lies Down On Broadway“ weit eher goutierbar als andere Werke jener Zeit, die sich mit Trollen, Elfen und endloser Zurschaustellung ihrer Virtuosität befassten. Die Geschichte selbst? Nicht so wichtig – letztlich vermag nur die Fiktion der Reise ins Ich die disparaten Ideen zu umklammern. Die angesichts horrender Preise zwischen 42 und 52 Euro gut gefüllte Glocke war begeistert von der bis ins letzte Detail liebevoll vollzogenen Zeitreise und erklatschte zwei Zugaben.

Vor zehn Jahren


wählte ich folgende Werke für die Seite mit den Plattenbesprechungen im Bremer aus. Was wurde bloß aus Nought?

Nøught

Nøught

SHIFTY DISCO/EFA

Shifty Disco ist ein neues Label, dass sich ganz dem alten Independent-Gedanken verschrieben hat. Was immer den Machern gefällt, wird veröffentlicht, ob es sich verkauft oder nicht. Da finden sich dann Singer/Songwriter neben Pop-Bands im Geiste der Beatles, amerikanischer College-Pop neben abgefeimtem Glamrock.

Nøught klingen dann wieder ganz anders und nehmen eine Sonderstellung im stilvollen Programm ein. Mathematischer Rock trifft himmelstürmende Orchestrierungen, eine Klarinette verbreitet einen Hauch Jazz, mit Sitar, Bläsern und Streichern arrangierte, wunderschöne Melodien schrauben sich hysterisch in einen Taumel, mäandern zwischen der „klassischen“ Musik des frühen 20. Jahrhunderts und komplexeren Spielformen des Rock/Hardcore der späten Achtziger. Dass sie sich dabei, wie es u.a. auch zu jener Zeit zum guten Ton gehörte, so gar nicht um Genre-Grenzen kümmern, hat hier einen zeitgemäßen progressiven Instrumental-Rock mit hochfliegenden Ideen zur Folge, kühn in Konzept und Ausführung.

Und was daran noch besonders erfreut: „Nøught“ klingt bei alledem so dermaßen unterhaltsam, ist vor allem Rock, weit entfernt von musikalischem Akademismus. Band und Label dürften gleichermaßen als Hoffnungsträger gelten.

Kante

Zweilicht

KITTY-YO/EFA

Schwarz

Das Schloss

ANDROMEDA/EFA

Sie könnten kaum verschiedener sein: Kante, die Schöngeister aus Hamburg, eine Band, die man nicht hört, eher „rezipiert“, und Schwarz, eine New-Metal-Band aus Berlin, denen bei allem Pathos hörbar am Rocken als solchem gelegen ist. Sie werden hier gemeinsam gewürdigt, weil ihre jeweils aktuellen und zweiten Alben neben deutscher Lyrik noch etwas entscheidendes gemeinsam haben. Kante finden auf „Zweilicht“, lose von einem im Titel angedeuteten Konzept verbunden, zu einer erstaunlichen Üppigkeit, die so nach dem noch eher strengen Debüt „Zwischen den Orten“ nicht zu erwarten gewesen war. Vom Kammerorchester bis zu minimalistischer Elektronik wird das Instrumentarium erweitert, und die Stücke wurden länger und länger. Kante sind übrigens immer noch am besten, wenn Peter Thiessen nicht singt, wie in dem fast zehnminütigen „Best Of Both Worlds“.

Schwarz haben sich für „Das Schloss“ ebenfalls allerlei einfallen lassen und ihre Stücke dabei mit Gastauftritten, Effekten und Gimmicks befrachtet. Neben dem Drang zum Erhabenen, der mit der Tendenz zum „Werk“ bei Kante korrespondiert, ist es nun vor allem der inhaltliche Ertrag, in dem beide Bands schließlich zueinander finden und in eine derzeit mal wieder schwer konjunkturiende „Sinnstiftung durch Liebe“-Propaganda einstimmen. „Zweilicht“ schließt mit dem Song „My Love Is Still Untold“, „Das Schloss“ endet mit „Liebe“.

Welche die ihrer Ambition eher gerechte Platte ist, ist nicht schwer zu erraten. Kante haben das musikalisch ergiebigere Konzept und verzichten auf das Spiel mit Magie und Mystik, das Schwarz zuzeiten nach Märchenonkeln klingen lässt. Sinnsuche jedenfalls scheint – da nehmen sich beide Bands nichts – wieder schwer im Kommen zu sein.

Und zwei Kurze:

THE FALL: The Unutterable (Eagle Rock/Connected) Mark E. Smith ist auch nach der Pizza mit Tocotronic ganz der Alte geblieben. Von all den unzähligen bisherigen Fall-Alben unterscheidet sich“The Unutterable“ vor allem dadurch, dass es das neueste ist.

MOTORPSYCHO: Roadwork Vol. 2 – The MotorSourceMassacre (Stickman/Indigo)

1995 traten Motorpsycho mit der Trondheimer Free-Jazz-Band The Source auf. Dies ist der Mitschnitt der Show. Ein wildes Fest zwischen Rock, freiem Jazz und dem Lärm aus Deathprods analogen Synthesizern. Motorpsycho – wieder einmal – ganz anders, und gleichzeitig und deshalb aufregend wie immer. Neulinge in der Welt von Motorpsycho sollten wohl einen anderen Eingang wählen.

Was macht eigentlich…


Christian Przygodda alias Hausmeister? Vor fünf Jahren schrieb ich in der taz über ihn Folgendes:

„Schau her!“

Ex-Hausmeister Christian Przygodda malt Schauburg-Plakate und macht Platten, die als „Hausmeister-Alben“ guten Absatz finden

bremen taz Es fängt an, sanft elektronisch zuppelnd, als hätte sich nicht einiges getan beim Hausmeister. Aber das hat sich bald erledigt. Nicht nur, dass Christian Przygodda, der vor seinem Leben als Hausmeister in Bands wie Die Auch, 12 Kappen Wasser und währenddessen bei Go Plus spielte, jetzt ungehemmt in Pop-Songwriting macht. „Look At Me Now“, immerhin schon das fünfte Hausmeister-Album (nach drei Alben bei dem gut beleumundeten Kölner Label Karaoke Kalk und einem weiteren bei Esel Records aus Bremen), erscheint auch auf dem neuen Bremer Label Sopot Records.

„Look At Me Now“ ist erklärtermaßen ein biografisches Album, der Titelsong ein Blick auf seine Generation, „die in einer stabilen Situation aufgewachsen ist. Diese Sozialisierung, die wir erlebt haben, ist definitiv Vergangenheit. Wenn ich mich mit heute 25-Jährigen unterhalte, merke ich, dass ich aus einer anderen Zeit komme.“ Talking ‚bout my generation … Interessant in diesem Zusammenhang: „Es bewegt sich doch“ zitiert im Text die Band Yes mit ihrem Achtziger-Hit „Owner Of A Lonely Heart“. Und man braucht nur weiter zu hören, um sich vorstellen zu können, dass da einer sozusagen seine Genesis-Platten noch alle im Schrank hat, natürlich nur die, auf denen Phil Collins das Maul noch verboten war.

„Artrock war in meiner Jugend durchaus wichtig“, gesteht Przygodda. „Wenn ich das heute höre, geht das aber eher in eine analytische Richtung. Als ich die Platte gemacht habe, hab‘ ich das auseinander genommen und versucht herauszufinden, was ich damals so geil daran fand. Mittlerweile fühle ich eher musikalischen Visionen nach, die aus mir kommen, die ich auch nicht mehr ohne weiteres benennen kann.“ So sei ihm auch der Albumtitel selbst unklar. Sein neunjähriger Sohn und „Cover-Modell“ Lukas spricht die Zeile, die mit der ungelenken Siegerpose des Covers korrespondiert, mit dem irreführenden Englisch. Und durchaus ist es auch Statement: „Schau her!“ Weil sich vieles verändert hat. Als Resultat konstanter Arbeit: „Eigentlich war das Ungewöhnliche eher, dass ich vier Jahre nicht gesungen habe. Ich hatte offensichtlich nichts zu sagen.“

Was ihm auch beim Malen so ging. Nach wie vor malt er die Kinoplakate, mit denen die Schauburg für ihr Programm wirbt. Inzwischen allerdings keine Auftragsportraits mehr. „Neulich wollte eine Frau ihr Kind dreimal nach derselben Vorlage gemalt haben, das war mir zu viel“, lacht Christian Przygodda. „Aber ich habe wieder angefangen, für mich selbst zu malen. Das Cover von ,Look At Me Now‘ ist auch aus der letzten Zeit.“ Immer wieder gerät so eine Entwicklung an den Punkt, wo sich die oft zufälligen Veränderungen nach außen manifestieren. Weil sich Go Plus aufgelöst haben, bei denen Przygodda Bass spielte, wurde der „Rest“ zur neuen „Hausmeister“-Band. Im nächsten Jahr soll Hausmeister auch erstmals auf die Bühne. „Das ist eigentlich ein Albtraum. Einerseits ist es erfüllend, andererseits finde ich die Erwartungshaltung grässlich. Dass man jemand zu sein hat. Dass man es bringen muss. Damit versuche ich mich irgendwie zu arrangieren.“

Mit viel Zeit. Wenn man 38 ist, muss man nicht mehr alle Spiele mitspielen. Dafür weiß Przygodda zu genau, was er will. Und weil er die Dinge nach seinen Regeln tun will, lässt er sich auf keine Kompromisse ein. Als Karaoke Kalk sich wegen der deutschen Texte nicht entscheiden konnten, „Look At Me Now“ zu veröffentlichen, beschloss Przygodda, die Platte als erste Veröffentlichung des neuen Bremer Labels Sopot Records herauszubringen. Karaoke Kalk wird sich möglicherweise noch ärgern, dieses warme Album voller schöner Momente nicht doch gemacht zu haben.

Aber das ist Christian Przygodda wahrscheinlich auch egal.

Mehr zum Thema…


Revolution. Vor sieben Jahren für die taz bremen geschrieben:

Alle Mächt den Räten!

Vor 85 Jahren wurde die Räterepublik Bremen auf SPD-Befehl niedergeschlagen

Rote Fahnen auf dem Rathaus, der Marktplatz voller Arbeiter und Arbeiterinnen, die das gesellschaftliche Leben selbst in die Hand nehmen wollen – durch die Organisation in Räten, jederzeit abrufbar und durch ein imperatives Mandat an den Wählerauftrag gebunden.

Die Bremer Räterepublik war neben ihrem Münchener Pendant der erfolgreichste Versuch, die Novemberrevolution nach Vorbild der russischen Oktoberrevolution weiterzutreiben, zum sozialistischen Rätestaat mit dem Fernziel einer Welt ohne Kapitalismus und Imperialismus.

Bremen war eine kommunistische Hochburg. Noch vor Gründung der KPD Ende 1918 gab es hier die Internationalen Kommunisten Deutschlands und mit der „Bremer Bürgerzeitung“ (BBZ) ein wichtiges kommunistisches Organ, in dem auch Rosa Luxemburg, Karl Radek und Franz Mehring veröffentlichten.

Am 4. November 1918 hatte die Novemberrevolution in Kiel ihren Anfang genommen. Am 7. November wurde in Bremen ein Arbeiter- und Soldatenrat gewählt. Während in Berlin der frischgebackene Reichskanzler Friedrich Ebert (SPD) „Ruhe und Ordnung“ als erste Bürgerpflichten propagierte, war man sich in Bremen sicher: „Die beste Regierungsform für das Proletariat ist das Rätesystem.“ Mit diesen Worten rief Adam Frasunkiewicz (USPD) nach Wochen der Doppelherrschaft von bürgerlichen Organen und Arbeiter- und Soldatenräten am 10.1.1919 die „Sozialistische Republik Bremen“ aus.

Zwar verlief die Machtübernahme in Bremen unblutig, allerdings auch deutlich erfolgloser als ihr russisches Vorbild: Schon nach einer Woche sperrten die Banken, die ungestört ihren Geschäften nachgehen durften, der Republik den Kredit. Die Bremer Revolutionäre waren obendrein isoliert, nachdem spätestens mit der Liquidierung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht am 15.1. der Spartakus-Aufstand in Berlin niedergeschlagen war. Das Bremer Bürgertum, u.a. in der Verwaltung nach wie vor vertreten, verlangte Wahlen zu einer Volksvertretung – eine Forderung auf die der Arbeiter- und Soldatenrat am 1. Februar schließlich einging. Damit war die Räterepublik formal am Ende. Da aber der Bremer Sonderweg für die Reichsregierung „längst zu einer Prestigesache geworden“ (Weserzeitung, 2.2.1919) war, statuierte sie ein Exempel: „Bluthund“ Gustav Noske (SPD) ließ auf Bremen marschieren. Seine Begründung: „Bei unseren Überlegungen kamen wir zu dem Resultat, wenn Bremen nicht in Ordnung gebracht werde, könne die Regierung sich als erledigt betrachten, weil niemand sie respektiere.“

Die miltärisch deutlich überlegene Division Gerstenberg bezwang die Revolutionäre am 4.11.1919 innerhalb eines Tages. 24 Freikorps-Sldaten, 28 Arbeiter, 18 Männer, fünf Frauen und sechs Kinder fielen während der Kampfhandlungen. Die Zeitung „Der Kommunist“ wurde verboten, die Revolutionäre flohen oder wurden verhaftet. In Bremen waren Ruhe und Ordnung eingekehrt. Im April 1919 kam es in München zu einem weiteren Versuch, einen Rätestaat einzuführen. Auch hier gaben Ebert & Co. kein Pardon.

Vor 92 Jahren


… wurde in Bremen die Revolution probiert. Seither wird ihrer Niederschlagung jährlich gedacht. Worüber ich auch mal schrieb, und zwar in der taz vom 9.2.1999:

Der reale Arm einer virtuellen Bewegung

Vor 80 Jahren wurde in Bremen die Räterepublik niedergeschlagen / Auf dem Waller Friedhof erinnerten RednerInnen an aufrechte KämpferInnen und hoffnungslose RomantikerInnen und vergaßen dabei die Rolle der SPD

Seit Jahren sind es nur wenig mehr als 100 Menschlein, die sich am ersten Sonntag nach dem 4. Februar an der Skulptur des Bremer Bildhauers Georg Arfmann auf dem Waller Friedhof versammeln, um mit roten Fahnen in den Händen und Versen von Brecht auf den Lippen derer zu gedenken, die bei der Verteidigung der Räteherrschaft anno 1919 in Bremen fielen.

Seit zehn Jahren, mit Ausnahme des Jahres 1990, feiern die beteiligten Gruppen gemeinsam, nachdem es nach der Einweihung des Denkmals 1972 getrennte Feiern gegeben hatte: eine vom VVN-Bund der Antifaschisten unter Beteiligung der SPD, eine andere unter Ägide der DKP.

Daß seither gemeinsam gefeiert wird, geht zum großen Teil auf Willy Hundertmark zurück, einer der Initiatoren der Denkmalaufstellung und wackerer Kämpfer für die Einheit der Arbeiterbewe-gung. Doch vor allem die Redebeiträge zum 80sten Jahrestag des Ereignisses zeigten am Sonntag, wie wenig geeint der reale Arm der heute virtuellen Arbeiter-bewegung ist, der jedes Jahr auf dem Waller Friedhof gedenkt.

So hob Horst Isola (SPD) hervor, die Räteregierung habe keinen Rückhalt in der Bevölkerung gehabt. Damit war wohl für ihn das Scheitern der Revolution, an dem die SPD ihren unfeinen Anteil hatte, moralisch gerechtfertigt. (Vor allem hier griff dann die Redaktion recht eigenwillig und ein wenig sachfremd ein:) Schon immer duckte die SPD vor Volkes Meinung, egal wie asylanten-, schwulen-, ausländerfeindlich sie ist. Das werden wohl demnächst auch die Reaktionen auf die desaströse Hessenwahl beweisen. Aber Moment mal: Vor der Niederschlagung der Räte gab’s doch weder Volksentscheid noch Unterschriftenaktion. Was es schon viel eher gab, waren wirtschaftliche Interessen. Weder Isola noch die anderen Redner stellten sich der Frage, warum die Revolution wirklich scheiterte. Wie es zum Beispiel sein konnte, daß ausgerechnet ausgewachsene Revolutionäre bei den Banken um Kredite anklopfen und dann mit großen Kinderaugen staunen, wenn diese Kredite storniert werden, anstatt zu versuchen, sich selbst die Macht über das Finanzwesen anzueignen.

Auch die Debatte über die Zer-splitterung der Linken wurde nicht sehr gründlich geführt. Zwar wurde sie treuherzig beklagt. Doch daß die SPD just jener Splitter war, der die Räterepublik niedermeuchelte, hielt man wohl für nicht so erwähnens-wert. Horst Isolas Vorstellungen von der „Einigkeit“ der Arbeiterbewegung gehen aber eher in die Richtung „einig und ruhig gestellt“. So meinte er, die Spaltung einer Bevölkerung könne nie dem Frieden dienen; und das klingt ganz nach dem Boot, in dem das Volk – in „Ruhe und Ordnung“, wie es sein Parteifreund Friedrich Ebert formuliert hätte – sitzen soll. Für die SPD-Führung um Reichskanzler Ebert waren die Räterepubliken in Bremen und München eine konkrete Bedrohung. Der Versuch, ihr Bestehen und ihr Ende als tragische Geschichte eines notwendigen Scheiterns zu deuten, denunziert die Revolutionäre als Menschen, die sich „für den Traum einer Gesellschaft frei von Ausbeutung und Unterdrückung“ einsetzten, wie es in einer Stellungnahme von Henning Scherf heißt. Will sagen: Sie wären dann bloß gutherzige Träumer, die vor dem Hintergrund der Not des Krieges einen chancenlosen Kampf aufnahmen.

In anderen Reden wurde der Heldenmut derer gerühmt, die im Februar 1919 militärisch die politisch bereits gescheiterte Republik verteidigten. Hermann Gauthier (DKP) leitete aus dieser Niederlage gar eine revolutionäre Verpflichtung ab und schloß mit einem gewagten Ausspruch von Karl Lieb-knecht, der ganz deterministisch behauptet, die Geschlagenen von heute seien die Sieger von morgen, weil sie aus der Niederlage lernten.

Der Tenor in den Beiträgen der anderen Redner wie DASA-Betriebsrat Uwe Neuhaus (der Visionen von einer gerechten Gesellschaft vermißte und einforderte) oder des Bündnisgrünen Klaus Möhle (der forderte, mit Toleranz und Energie die Aufgaben der Zukunft anzugehen), schuf auch nicht mehr Einigkeit als der, gemeinsam der Gefallenen zu gedenken. Die Arbeiterbewegung ist sich losgelöst von ehemals vorhandenen Inhalten bloß einig darin, sich daran zu erinnern, daß es sie einst gegeben hat.

Der Buchtstraßen-Chor durfte die Veranstaltung beschließen, wie er sie eingeleitet hatte: Mit einem Lied von Bertolt Brecht, der, gedenkgeprüft wie kaum ein zweiter, auch die sporadischen Textunsicherheiten locker weggesteckt hätte. In der Moldau liegen drei Könige, auf dem Waller Friedhof knappe dreißig Arbeiter, und die Wintersonne schien mild auf die herab, die sich dies Mahnung und Verpflichtung sein lassen wollten, auch künftig einig wider das Vergessen zu stehen. Andreas Schnell

On New Year’s Eve…


on the Avenida dos Aliados in Porto a guy claiming to work at the bar where we sat outside asked us for orders and – to make things quicker – wanted the money in advance disappeared without a trace. The girl in the picture was pretty pissed. We lost five Euro, she and her boyfriend had a larger order…

When we met them again in Lisbon a couple of days later they were smiling again, at least…