Velvetone, am 2. Weihnachtstag im Lagerhaus – zur Vorschau ein Rückblick


Vor neun Jahren besuchte ich ein Konzert der Bremer Roots-Rock-Band und schrieb in der taz bremen vom 18. Juni 2001 darüber folgendes:

Söhne von Presleys und Pistols

Velvetone feierten ihre neue Platte „Dark Blossom“. Die ist geradezu formvollendet

Ich habe die Zukunft des Waschbrettbauchs gesehen. Sie hing vor Ray de Vario, seines Zeichens Sänger der Bremer Roots-Rock-Band Velvetone. In Zukunft kann also jeder Mann einen haben: Er wird über die Schultern gehängt, ist aus Metall, gerippt, und man kann darauf mit Fingerhüten musizieren.

Es muss mit jenem fabulösen Etwas namens Rock’n’Roll zu tun haben, dass die Dinge am Samstag im Lagerhaus nicht so waren, wie sie es für gewöhnlich sind. Die Gitarre von Tammo Lüers klang wie aus einer zwielichtigen Kneipe in einem David Lynch-Film geborgt, der Bass gab auch mal den Kontra, und Ray de Vario verlor beim schweißtreibenden Shuffle-Beat von Lars Köster den Halt seiner Tolle.

Vorher waren noch Vampyre State Building zu sehen. Gleiche Baustelle, gleicher Geist. Wenn tatsächlich, wie Brian Setzer meint, jede Musik eine Hommage an Elvis Presley sein sollte, dann waren diese Leute die Spitze des Eisbergs. Und wie Velvetone gaben sie der dunklen Seite des Rock’n’Roll den Vorzug: düster, beunruhigend, paranoid. Nur echt mit dem Timbre, das untrennbar mit dem Namen Elvis verbunden ist.

Folgerichtig geht es hier nicht um Erneuerung von Rockmusik an sich. Es ist vielmehr ein Vibe, den es zu erhalten oder neu zu beleben gilt. Und selbstverständlich ist es ohnehin nicht der Song, sondern der Sänger, der es notwendig macht, ein Konzert zu besuchen.

Der Haken vielleicht: Bei einer derart geschichtsträchtigen Musik, wie der von Vampyre State Building und Velvetone geraten heutzutage keine kleinen Mädchen mehr ins Kreischen. Der Musealitätsfalle zu entgehen, bleiben nur beschränkte Möglichkeiten, soll der Geist der Musik nicht flöten gehen. Folglich macht es Sinn, jene Seite der Kunst zu betonen, die nach wie vor – oder wieder – durch gesellschaftliches Abseits streift.

Die Umsetzung war indes makellos. Die süffig-twangige Gitarre von Tammo Lüers und das swingende Spiel von Lars Köster (Schlagzeug) und Andy Merck (Bass) bildeten ein perfektes Szenario für Rays Stimme. Gefeiert wurde die neue Velvetone-CD „Dark Blossom“, auf der formvollendet nachzuhören ist, was der Rezensent zu sagen sucht: Eine geradezu archaische Kunst, leidenschaftlich geliebt, mit entsprechender Könnerschaft zu neuem (alten) Leben erweckt.

Vor zehn Jahren…


hatte ich das Vergnügen, ein Konzert der Allscars ankündigen zu dürfen. An die musste ich dieses Jahr denken, als ich einen von denen in der Downtown Music Gallery traf.

Musikalische Innovation, politischer Impetus

Freie Improvisation für eine bessere Welt mit den Allscars

Es gibt – mindestens – zwei Sorten von Punks. Der einen Geschmack hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten um kein Jota verändert, was so schöne und angenehme Dinge wie Musik, kalte Getränke und T-Shirts angeht. Der anderen Vorlieben sind stetem Wandel unterworfen, den vorwärtsdrängenden bis ikonoklastischen Anspruch ihrer Kunstform bewahrend, wie beispielsweise „The Ex“, die in den vergangenen Jahren nicht nur in besetzten Häusern, sondern ebenso auf dem Jazz-Festival in Moers gesichtet wurden. Die „Allscars“ kommen aus der Washingtoner Hardcore-Szene im Gefolge von Bands wie „Minor Threat“, „Rites Of Spring“ und „Fugazi“, die in den Achtzigern dem siechen Punkrock einen heilsamen Schock versetzten. Mit Hardcore im klassischen Sinne haben die Allscars aber nichts mehr zu tun. Zwar spielen auf dem Allscars-Album „Introduction To Humanity“ auch James Canty, Schlagzeuger von Fugazi, sowie dessen Bruder James (ansonsten bei „The Make Up“) mit; nach dem verschachtelten Post-Hardcore-Hardcore der einen klingt das ebensowenig, wie nach dem spröde funkigen Sound der anderen. Gibt es Punkrock, wird er schon im nächsten Takt wieder auseinander genommen, löst sich in seine Bestandteile auf, ist Grundlage für ganz anderes. Die Allscars dürften zumindest der eingangs erwähnten Punker-Fraktion Angstschweiß und/oder Zornesröte ins Antlitz treiben, Kommentare auf ein – bitteschön – baldigst zu erfolgendes Ende des Soundchecks inbegriffen. Dug Birdzell, Chuck Bettis und Jerry Busher haben sich gegen die ordnende Hand des Viervierteltakts, das beklemmende Korsett der Liedform und den roten Faden der vielzitierten drei Akkorde entschieden. Nicht einfach so, vielmehr mit einem Programm, das die wie beschrieben gewonnene musikalische Freiheit als Entsprechung zu einem politischen Programm hernimmt, die musikalische Unberechenbarkeit der freien Improvisation als Äquivalent zu einem deutlich anarchistischen Credo erhebt, im Booklet ihres Albums in dem Aufruf gipfelnd: „Lass nicht andere diktieren, wie du leben solltest.“

Die Verbindung aus musikalischer Innovation und politischem Impetus gibt sich zwar immer noch ganz optimistisch der Illusion hin, dass uns die richtige Musik schon irgendwie einer besseren Welt entgegenführt, was bislang noch keine Wirkungstheorie hat erklären können, aber das soll uns mal alles im nächsten Monat Patrick Wagner von „Surrogat“ erklären, der mit seiner Band gleichfalls die Welt verändern will. Mit ganz anderen musikalischen Mitteln. Der Auftritt der Allscars dürfte für Freunde freier Rockmusik derweil ein Highlight sein. Und wer sich an bekannten Namen delektiert: Die drei Kern-Allscars werden auf ihrer Tour von James Canty, dem Make Up-Keyboarder begleitet, und so wie hier habt ihr den garantiert noch nicht spielen gehört.

Zum Anwärmen spielen zuvor zwei Bands aus dem Bremer Untergrund, nämlich „Latah“ und „Kauz“, beide sind neu und musikalisch aufgeschlossen, soviel dürfen hier schon sagen. (Mehr wissen wir eigentlich auch gar nicht…)

aus der taz bremen, November 2000

Einige Dinge, die ich vor zehn Jahren schrieb…


Fireside

Elite

STICKMAN/INDIGO

Im Grunde ist es eine ganz einfache Geschichte: Gleich im ersten Song von „Elite“ singt Kristofer Aström „When she comes around, then it feels a little better for a while“. Das Album endet, derweil eine schlichte Akkordeonkadenz allmählich im Regen verklingt. Auf dem Cover finden wir den Vermerk, dass zum Zeitpunkt der Aufnahmen die Welt immer noch von Geld regiert, und kapitalistisches Gedankengut weit verbreitet sei. „Produced pre collapse“ – produziert vor dem Zusammenbruch.

Zum ersten Mal haben Fireside eine wirklich verzweifelte, wirklich aufwühlende Platte gemacht. Erst jetzt haben sie sich von den Konventionen ihres emo-rockigen Heimathafens gelöst, um endlich wirklich „Emo“ zu sein. In der Wahl ihrer Mittel mutmaßlich inspiriert durch ihre Label-Genossen Motorpsycho, haben sie einen Haufen uralter und neuzeitlicher Instrumente in den Proberaum geschleppt und diese ergreifende Musik geschrieben. Teils sperrige Songmonster von über zehn Minuten Länge, teils fast sentimentale Folk-Songs. Die naive Hoffnung, die in ihrem Verweis auf die Verhältnisse, unter denen sie dieses Album produziert haben, zum Ausdruck kommt, das ganz unironische Verhältnis zu einer idealisierenden Liebesvorstellung und vor allem ein musikalisches Konzept, das souverän wie nie auf einen umfangreichen Background zurückgreift, kennzeichnen das bislang mit Abstand beste Album dieser Band.

STUN

Just To Let You Know

EIGENVERTRIEB

Der Titel darf durchaus als Leitmotiv für den neuen Tonträger von Stun genommen werden. Ohne exaltiertes Gebahren spielen sie melancholische Songs auf Stromgitarren. Wie dahin geworfen, skizzenhaft – das Cover ist hier die gelungene Fortsetzung der Musik – singen Stun von Montagen, einem Lächeln und wie sie sich bei alledem so fühlen. Das, was sie uns – mal so zwischendurch – wissen lassen wollen, liegt dabei eher zwischen den zurückhaltend gesungenen Zeilen, den unspektakulär aufgenommenen Tönen der allerdings keineswegs schlicht nach dem Handbuch für Liedermacher komponierten Songs, die es zu siebt schaffen, über eine halbe Stunde zu dauern.

Die Stimmung im Hause Stun ist, wie erwähnten es bereits, eher bedeckt. Namen wie Notwist, Karate oder Slut machen die Runde. Auch wenn die Band verlauten lässt, dass die Songs im Frühling aufgenommen wurden: es könnte auch ein Herbst gewesen sein.

Beide aus Bremer 12/2000

Was macht eigentlich Patrick Wagner?


aus: taz Bremen 7.12.2000

„Ich bin Prediger!“

Surrogat wollen alles. Sänger Patrick Wagner erklärt, warum

Kann eine Band, die nie einen Viervierteltakt spielt, in die schwere Rotation des Musikfernsehens rutschen und mehr als 2.000 Platten verkaufen? Sind das Feuilleton der „Süddeutschen Zeitung“, das Titelblatt der „Spex“ und ein Auftritt bei „Rock Am Ring“ drei miteinander zu vereinbarende Dinge für eine Band, die so ganz und gar nicht nach allem klingt, was derzeit hip, erfolgreich und en vogue ist?

Der Gitarrist und Sänger der Berliner Noise-Rock-Band „Surrogat“ ist sich da ganz sicher. Aber der unterschreibt seine E-Mails auch immer mit Patrick g.a.G. Wagner – die drei mittleren Buchstaben stehen übrigens für „größer als Gott“. „Ich bin Prediger, ich will eine Ansprache halten“, das war laut Wagner die wesentliche Vorgabe für „Rock“, das aktuelle Surrogat-Album. Der Anlass: „In der Rock- und Pop-Musik gibt es zurzeit Leute wie Beck und Robbie Williams oder auch Acts auf unserem Label, wie Peaches und Gonzales, bei denen es nie klar ist, worum es geht, die sind einfach nur da und wollen genommen werden. Und ich denke, dass das ein zu niedriger Anspruch ist. Surrogat ist nicht nur Musik-Musik, sondern Welt verändern, etwas bewegen, Sachen aufdecken.“

Das erwähnte Label ist Kitty-Yo, vor einer halben Ewigkeit von Wagner und einem Freund gegründet, um die Platten von Surrogat zu veröffentlichen. Warum veröffentlicht jemand auf seinem Label aber vorwiegend eine Musik, die eigentlich dem formulierten Anspruch nicht entspricht? „‚Rock‘ war auch eine Gegenreaktion auf das Label. Keiner hat damit gerechnet, dass wir so viel Erfolg haben würden. Wir dachten, wir verkaufen vielleicht tausend Platten. Aber genau das Ding, dass wir uns da gewissermaßen gegen das Label gestellt haben, hat es auch gebracht. Auf so was haben viele Journalisten und Hörer gewartet. Dass mal wieder jemand da ist, der rumkackt und auch Fehler macht.“

Die Entscheidung, zum großen Label zu gehen, hält Wagner jedenfalls nicht für einen Fehler. Die Platte hat mittlerweile mehr als 10.000 KäuferInnen („Über Verkaufszahlen spricht man nicht“) gefunden, was angesichts der eingangs angedeuteten Umstände erstaunlich ist. Auch für Patrick Wagner: „Vor ein paar Wochen stand ich mit Dirk von Lowtzow (‚Tocotronic‘) am Imbiss und wir haben einen getrunken, und da kamen zwei Typen mit so einer bestimmten Haltung auf uns zu, die man kennt, vor allem, wenn man mit Dirk unterwegs ist, und Dirk meinte ‚Nicht schon wieder…‘ und dann sagte der eine zu mir: ‚Bist du nicht der Sänger von Surrogat?‘ So weit ist es jetzt schon…“, lacht Wagner.

Aus gegebenem Anlass…


Aus gegebenem Anlass:

Einkaufen mit älteren Herren

Voss: Dr. Blohm! Gut, dass ich Sie treffe. Eine Katastrophe! Weihnachten steht vor der Tür, und ich habe immer noch kein Geschenk für meine Mutter.

Dr. Blohm: Sie Ärmster! Mein Glück, dass Frau Blohm solche Dinge besorgt.

Voss: Das können Sie laut sagen!

Dr. Blohm: Nur Mut. Ich werde Sie begleiten. Aber erst brauchen wir Inspiration.

Voss: Eine Feuerzangenbowle wäre herrlich …

Dr. Blohm: Ohne mich. Ich bestehe auf Glühwein.

(Der erste Glühwein findet seinen Weg in die Mägen von Blohm und Voss)

Dr. Blohm: Nun fühle ich mich der Aufgabe gewachsen. Haben Sie eine Idee?

Voss: Vielleicht einen Schal …

Dr. Blohm: Wie abgeschmackt! Warum nicht Seife oder Pralinen?!

Voss: Meinen Sie?

Dr. Blohm: Ich scherze. Vielleicht sollten wir ganz bremisch ,nach Karstadt‘ gehen.

Voss: Der Gang durch die Parfümabteilung ist nur mutigen Menschen oder welchen ohne Geruchsempfinden zu empfehlen.

Dr. Blohm: Hier soll es auch einen Schnäppchenmarkt geben.

Verkäufer: Da heißt es aufgepasst, mitgemacht und mitgewühlt! Alles für zehn Mark. Preiswerter ist es wirklich nicht machbar …

Dr. Blohm: Hier gibt es nur Spannbettlaken und Phil-Collins-CDs.

Voss: Ich brauch‘ noch einen Glühwein.

Dr. Blohm: Recht so.

(Nach zwei weiteren Gläsern nehmen die beiden wieder den Kampf auf)

Dr. Blohm: Als mein Freund Travnicek gefragt wurde, was er bei all dem weihnachtlichen Lichterglanz empfinde, sagte er, er wünsche sich einen Kurzschluss.

Voss: Das würde auch nichts gegen die Nikolausmützen der Passanten dort ausrichten.

Dr. Blohm: Leider! Wissen Sie, was die Menschen so in Raserei treibt?

Voss: Vielleicht hilft noch ein Glühwein.

(So geschieht es, und Blohm gerät sichtlich in Laune)

Dr. Blohm: Ein Buchgeschäft! Keine Widerrede!

Voss: Und was ist mit meiner Mutter?

Dr. Blohm: Es wird sich schon was finden lassen. Travnicek sagte immer: „I geh in a G’schäft eini, schnapp, was i kriegen kann, und zu Haus pack i’s aus und denk nach, wem i’s anhängen kann.“ Hier, ein Kochbuch, oder ein Buch von Uli Wickert, etwas mit Niveau …

(Eine Lichterkette mit sich reißend stolpert Blohm in die Arme von Voss)

Voss: Na na, nicht so stürmisch alter Freund! Sie haben ja einen Schwips!

Dr. Blohm: Iwo! Aber wissen Sie was? Ich werde mich daheim der Lektüre widmen. Eine große Hilfe scheine ich ohnehin nicht zu sein. Frohe Weihnachten, und grüßen Sie Ihre Mutter.

Voss: Frohe Weihnachten, Dr. Blohm! Anscheinend gibt es Dinge, die ein Mann alleine tun muss.