13 & God


bringen demnächst was Neues raus.
Zeit für einen Rückblick.
Zum Debüt machte ich ein Interview für das TRUST.

Angenehm antisozial

Ich erwähnte es bereits in den Reviews in den letzten Ausgaben: 13&God sind das gemeinsame Balg von der Notwist-Clique und der Anticon-Posse, namentlich Notwist und Themselves. Ein avanciertes HipHop-Verständnis und ein ebensolches von, tja, von was eigentlich? Von Song, von Pop, hervorgegangen aus Rock, erweitert um Jazz und Elektronik. Oakland und Weilheim. Nachdem man sich schon mit ein paar Remixen gefällig geworden war, gab es im Herbst letzten Jahres Single inkl. Hrvatzki-Remix, jetzt kommt das Album. Wie es dazu kam, auf welcher Basis man sich verstand und versteht, was da noch kommen wird, galt es zu besprechen, weshalb ich Adam “Doseone” Drucker von Themselves ein paar Fragen schickte.
Diese mitsamt Antworten gibt es hier:

http://www.trust-zine.de/13god-111-06-05/

Auch schon alt


… aber sehr hübsch fand ich dieses Dramolett, das ich einst für die taz schrieb und nun zufällig wiederfand:

taz Bremen 31.8.2001
Lokal hören, global spekulieren
Emmanuel Gomado zeigte bei der African Night im Kulturzentrum Schlachthof zwei älteren Herren ihre Grenzen auf

Voss: Dr. Blohm, wir können nicht über diese Veranstaltung schreiben.

Blohm: Warum nicht?

Voss: Uns gehen die Maßstäbe ab.

Blohm: Seit wann können wir nicht urteilen über Dinge, von denen wir nichts verstehen?

Voss: Sie sind ein Zyniker.

Blohm: I wo, ein Realist!

Voss: Dann sein wir doch realistisch: Ich habe weder Musik noch Texte oder Ansagen verstanden.

Blohm: Musik ist eine Sprache, die keine Grenzen kennt, glaubt man der Legende.

Voss: Und warum wird dann das Exotische im Kulturbetrieb fast immer über seine Exotik verkauft? Wir sind hier doch in der „Roots Night“.

Blohm: Ich sagte doch: Legende.

Voss: Aber da kommen wir doch dann sicher wieder auf die romantischen Projektionen weißer Bildungsbürger und -bürgerinnen zu sprechen.

Blohm: Nicht notwendig. Die Musik bleibt davon doch im Grunde unberührt. Und ich muss sagen, dass ich zumindest diese ungemein komplexe und dabei so kraftvolle Rhythmik beeindruckend finde. Die Folklore meiner österreichischen Heimat mag die anspruchsvolle Kulturtechnik des Jodelns entwickelt haben, die Tänze dort sind jedoch von enervierender Einfältigkeit.

Voss: Aber wir können weder die technische Ebene erörtern, denn vielleicht gibt es ja viel virtuosere Trommler als die von Emmanuel Gomados Odehe Dance Company, noch können wir etwas über die stilistische Ausrichtung sagen, denn – offen gestanden – für mich hört sich das alles gleich an.

Blohm: Mit Verlaub gesagt, bei Ihren Hörgewohnheiten auch kein Wunder.

Voss: Auf der Eintrittskarte steht jedenfalls, die Formation habe 1998 und 1999 einen Preis für die beste Performance gewonnen.

Blohm: Ich frage mich, ob sie da auch mit armlangen Gebeinen aufgetreten ist. Ich finde die Vorstellung reizvoll, dass sich diese Musiker und Tänzer einen Spaß erlauben, der natürlich nur funktioniert, weil es eben diese Fremdheit gibt: ‚Lasst uns mal mit großen Knochen auf einen Totempfahl schlagen, das finden diese Eurozentriker sicher unheimlich authentisch.

Voss: Vielleicht. Aber als der Musikantenstadl von Karl Moik in China war, sind auch alle in Lederhosen aufgetreten, ohne das im Entferntesten ironisch zu meinen.

Blohm: Sie meinen, es sei auch diese Darbietung die – allerhöchstens noch zynisch gebrochene – Nutzbarmachung der kulturellen Differenz? Indem also ein Bild reproduziert wird, das seinen Ursprung in etwa im Zoo von Hagenbeck hat?

Voss: Das sollten Sie nicht so laut sagen.

Blohm: Hatte ich auch nicht vor. Ich spekuliere so vor mich hin.

Voss: Im Unterschied zur Musik kennt Spekulation wirklich keine Grenzen.

Blohm: Bitte keine Globalisierungsdiskussion an dieser Stelle!

Voss: Ich wollte Ihren Hirngespinsten ja auch nur Einhalt gebieten.

Blohm: Ich danke Ihnen. Aber dann bleibt uns wirklich nicht viel zu sagen.

Voss: Ich sagte es Ihnen ja vorhin.

Blohm: Dafür haben wir aber ganz schön lange durch gehalten.

Voss: Nicht zuletzt Ihr Verdienst.

Blohm: Darauf können Sie mir einen ausgeben, dann halte ich den Mund.

Voss: Ein verlockendes Angebot.

A.S.

Vor zehn Jahren


konnte ich mich über diese neuen Platten begeistern:

SANDY DILLON

East Overshoe

VIRGIN
SANDY DILLON / HECTOR ZAZOU
12

CRAMMED DISC/EFA

Auf ihrem letzten Album, „Electric Chair“, erregte Sandy Dillon mit kaputtem Blues und schwarzem Humor Aufsehen. Parallelen zu Captain Beefheart & His Magic Band und Tom Waits waren nicht von der Hand zu weisen, allerdings hatte Sandy Dillon mit einem ähnlichen Ansatz eine höchst eigene, bei aller Verschrobenheit schöne und zerbrechliche Musik geschaffen. War „Electric Chair“ stark blues-gefärbt, ist ihr neues Album „East Overshoe“ von einem Country-Flavour durchzogen, der entsprechend veranlagte Puristen genauso verschrecken dürfte, wie seinerzeit ihre Version von Blues. Sandy Dillon und Band sind wieder in Hochform, und das leider zum letzten Mal in dieser Besetzung, denn Dillons Gitarrist und Ehemann Steve Bywater starb Ende des letzten Jahres, kurz nachdem das Album abgeschlossen war. Seine einzigartigen Gitarren-Sounds prägen auch auf „East Overshoe“ den Sound der Band.

Ein anderes Projekt Sandy Dillons wurde ebenfalls noch unter Bywaters Mitwirkung fertig gestellt. Ganz anders, experimenteller und elektronischer als mit ihrer eigenen Band klingt die Sängerin mit Hector Zazou, seinerseits hauptberuflicher Hansdampf, bislang aufgefallen durch Kollaborationen mit Björk, John Cale, Suzanne Vega, Khaled und anderen. In seinen bizarren Mix aus orchestralen Sounds, Elektronik, Gitarre und Soundscapes eingebettet schimmert Sandy Dillons Stimme auch hier zwischen brüchigem Sentiment, kaputtem Humor und morbider Melancholie.

SOUNDTRACK OF OUR LIVES
Behind The Music

WARNER (CD)/STICKMAN/INDIGO (VINYL)

Schon das Debüt von Soundtrack Of Our Lives (SOOL), „Welcome To The Infant Freebase“ war ein alter Kumpel von Platte, vertraut zwar, aber immer wieder und nicht zuletzt deshalb immer für eine gute Zeit zu haben. Die dunkle Stimme von Ebbot Lundberg erinnerte an die von Jim Morrison, die Band spielte die Essenz aus drei bis vier Jahrzehnten harten Rock&Rolls, der mit Metal rein gar nichts am Hut hat, sprudelte über vor gut abgehangenen Songs, schönen Melodien und archaischen Riffs. „Behind The Music“, das neue Album, fügt sich nahtlos in das bisherige Schaffen ein, setzt aber mit einigen wunderschönen Balladen neue Akzente.

Noch mehr als sonst spielen SOOL mit archaischen Mellotronen, Streicher-Arrangements und anderen Instrumenten. Mit schwülstigem Siebziger-Progrock haben allerdings nach wie vor nichts zu tun. Sie wissen sich wohltuend klar auszudrücken, sei es in melancholischen Songs wie „Broken Imaginary Time“ oder dem exorbitanten Finale „Into the Next Sun“, sei es in sixtifizierten Rockern, die direkt auf die Vergangenheit einiger der SOOL-Mitglieder verweisen, die schließlich und immer noch Union Carbide Productions heißt.

COUCH

Profane

KITTY-YO/KOLLAPS/EFA

Mit Freuden erwartet: die neue Couch. Wieder scheint der Titel programmatisch zu sein, die Veränderungen anzudeuten, die Couch an ihrer Musik vorgenommen haben. Nach dem spröden Album „Etwas benutzen“ und dem fast poppigen „Fantasy“ ist „Profane“ weniger schwelgerisch, wirkt nüchterner und zurückhaltender mit seinen Reizen. Natürlich finden sich auch hier wieder viele schöne Stücke, man darf wohl trotz ihres Instrumental-Seins ‚Songs‘ dazu sagen, aber sie werfen sich einem nicht so einfach an den Hals wie die Hits von „Fantasy“. Sie sind, klarer, wirken – bildlich gesprochen – nüchterner.

Sehr nett übrigens, dass im Info steht, dass „Was alles hält“ „bestimmt der nächste Soundtrack zur Hypovereinsbankwerbung“ wird. Das wird dem Stück jedoch mit Sicherheit nichts anhaben können, weil nämlich echte Schönheit, wie wir wissen, stets von innen kommt. „Profan“ bedeutet „unheilig, nicht geweiht, weltlich“. Übertragen auf Musik fehlt hier alles Esoterische, alles Metaphysische. So könnte man das verstehen, ohne sich allzu weit aus dem Interpretationsfenster zu lehnen.

JUD: The Perfect Life (Nois-o-lution/Tis Warner) Jud warten hier mit vierzehn Stücken auf, die wieder düstere Vibes mit breitwandigen Gitarren unterfüttern, also eher die Vertiefung des bisher Erreichten als dessen Mutation in etwas Neues. Sehr schöne, fast klassische, schwere, treibende Rockmusik.

REIZIGER: My Favourite Everything (Sticksister/Indigo) Auch auf „My Favourite Everything“ (schon wieder so eine Anspielung auf Coltrane, wie schon bei ihrer letzten EP) geben sich Reiziger aus Belgien als Verwandte im Geist von The Lapse und Karate, letzteres allerdings immer weniger.

(alle Texte aus dem Bremer 04/2001)

Vor zehn Jahren


… hatte ich noch zeit für solche Ergüsse:

Die langen Abende am BücherInnentisch

Es sind fade Tage, finden sie nicht auch?. Und was schlimmer ist: Sie sind voller Arbeit. Wären sie das nicht, ließe sich gegen die Fadheit womöglich etwas unternehmen. Es ließe sich in geselliger Runde beisammen sitzen und dummes Zeug reden. Das tätigt ab und an erstaunliche Wirkung auf den vom wissenschaftlichen Werkeln ganz abscheulich debilen Verstand, der lediglich alle paar Tage von einem gelegentlichen Scherzbold an seine Drangsal obendrein auch noch erinnert wird, wenn er hineinschaut und im Wissen um mein Streben mit vor Schalk blitzenden Augen sagt: “Mühsam?”, was er tut, da ich derzeit – und seit längerem – ein längeres Traktat über den anarchistischen Schriftsteller Erich Mühsam verfertige.

Jener Mühsam verdankt seinen Familiennamen übrigens durchaus der uangenehmen Bedeutung des Wortes, auf die der Witz rekurriert, wurde doch der Name dem Ahnen des Dichters nach dessen im Kriege schwer erkämpften Heldentaten von seinem Kaiser verliehen. Als Belohnung, auf dass er nicht mehr seinen alten jüdischen Namen tragen müsse. Humor hatten sie offensichtlich, unsere Herrschaften von ehedem. Und mich werden sie dermaleinst mit dem gleichen Mutterwitz, besser: Kaiserwitz, “Mühsam” nennen können, wenn ich mir nach harter Kasteiung das Recht erworben haben werde, mich Magister zu nennen, wenn auch nicht Doktor gar. Und in “heißem Bemühen” wird es auch nicht geschehen sein, damit sie es gleich wissen.

Wenigstens hat der Husten nachgelassen, der mich seit ungefähr zwei Wochen quält. Und die Musik hier gefällt mir auch. Sie werden verstehen, in meiner Lage wird man sich an den kleinsten Dingen erfreuen. Wie zum Beispiel, dass es lange nicht mehr vorgekommen ist, dass ein Sparkassenangestellter vor meinen Augen mit schlecht verhohlenem Grinsen den Barscheck zerrissen hat, weil er nicht gedeckt war. Geldautomaten können nicht hämisch grinsen.

Und sie machen Arbeit überflüssig. Zwei gute Gründe, die für Geldautomaten sprechen, nicht wahr? Allerdings bleibt das Hauptproblem leider bestehen. Dass man mit Geld nämlich alles nicht nur kaufen kann, sondern auch muss. Dass man es wollen muss, ohne es wollen zu wollen, das Geld, schon allein, um das zu bekommen, was man wollen muss, will man sich allein die Grundlage erhalten, überhaupt etwas wollen zu können, was immer das nun sein mag. Und sie werden kaum leugnen können, dass sie zur Verwirklichung dessen sicherlich auch Geld brauchen werden. Oh, Verzeihung, ich bin im Manuskript versehentlich gerade ein paar Ausgaben zurück gegangen. Die Geschichte mit den Bedürfnissen und dessen Realisierung, wofür, ah ja, hm, das war auch wieder so ein Genörgel über dieses und jenes, fast alles schlechterdings, wie es einem vergällt werden kann durch die Verhältnisse. Wie heißt noch die alte Redensart: Vergällt’s Gott?

Heute stand etwas anderes auf dem Programm? Unterhaltung? Ich weiß nicht… Ist das nicht ein bisschen… – wie soll ich sagen – oberflächlich? Lenkt das jetzt nicht nur ab, von den wichtigen Dingen, den großen Fragen? Schließlich wird an allen Ecken und Ecken der Welt globalisiert. Schließlich stehen allerorten selbst die Anständigen schon auf. Entzünden Kerzen. So wie früher, als es noch Brüder und Schwestern gab, die das Schicksal unserer Trennung trugen, weshalb wir Kerzen in die Fenster stellten, um, wie es ein Bekannter formulierte, denen drüben zu zeigen, wie warm uns ums Herz war, bei dem Gedanken an sie. Wer wollte da nicht sitzenbleiben und die Anständigen das Aufstehen besorgen lassen? Den Moment genießen, die Seele baumeln lassen?

Mal ein gutes Buch lesen.

Sich’s wohl sein lassen.

Hat nicht jedes Ding zwei Seiten?

Ist schließlich alles Gold, was glänzt?

Die regennassen Straßen, von denen mal einer schrieb, die glänzen auch, wie Kinderaugen in Aspik, wie flammende Furunkel oder – noch – der abgestandene Glanz auf den alten Folianten, die bald ungelesen verstauben. Welch Glanz in einer bescheidenen Hütte. Oder auf den Fenstern der Kneipen, hinter denen rotnasige Herren und Damen wie wir nächtens eisgekühlte, alkoholhaltige Erfrischungsgetränke zu sich nehmen.

Da fällt mir übrigens doch noch eine Geschichte ein.

Es war in einem Februar, als auf der Oranienstraße in Berlin fehlende Logik und mangelnde Folgerichtigkeit sich ein Stelldichein gaben, was – zugegeben – seltsam ist, denn Dinge, die nicht vorhanden sind, können schließlich und eigentlich nicht so ohne weiteres aufeinander treffen. Es war also Februar und äußerst kalt, der Schnee knirschte unter unseren Füßen entlang, als ich plötzlich eine merkwürdig vertraute Stimme sagen hörte:

“Hallo Horst!”

Ich drehte mich dorthin, wo ich die Eignerin jener Stimme vermutete und sah eine flüchtige Bekannte namens Juliette, welche ich seit jenen Jahren nicht mehr gesehen hatte, da sie eine Lehre in ebenjenem Bankinstitut zu absolvieren gedachte, in dem mir – wiederum später, und sie konnte nichts dafür – ein Barscheck vor der versammelter Kundschaft und unter hämischem Grinsen zerrissen worden war, weil er nicht gedeckt war. Hierhin hatte es sie also verschlagen. Da war die Freude natürlich groß. Wir unterhielten uns wohl eine Weile, und schließlich gab ich ihr meine Telephonnummer. Sie könne ja mal anrufen.

“Ich hab zur Zeit gar kein Telephon”, sagte sie da, etwas peinlich berührt, wie es schien.

“Nun”, beschwichtigte ich sie, schließlich wollte ich ihr keine Unannehmlichkeiten machen, war sie doch in Begleitung eines jungen Herren, von dem ich mit Fug und Recht annehmen zu können glaubte, er werde vielleicht heute noch das, wie ich gleichfalls anzunehmen neigte, unzweifelhafte Vergnügen haben, mit Mademoiselle Juliette das Lager in keuscher Unzucht teilen zu dürfen – “nun”, sprach ich beruhigend auf sie ein, “vielleicht gibt es ja in der Nähe eine Telephonzelle, sie haben ja nun meine Nummer…”

Der beabsichtigte Zweck schien sich aufs Vollkommenste zu erfüllen, denn ihr Mienenspiel wurde heiterer.

“Ja, warten sie, dort vorn an der Ecke ist eine, glaube ich.”

Da dies nun keineswegs meiner Vorstellung vom weiteren Verlauf des Abends entsprach, weil ich bereits eine Verabredung hatte und außerdem ihr Anruf zu diesem Zeitpunkt auch gar keinen Sinn gehabt hätte, denn wo hätte sie mich anrufen sollen, an jenem Abend, in den Straßen der Großstadt, vertröstete ich sie auf einen späteren Zeitpunkt. Sie möge doch bei einem möglicherweise anstehenden Besuch in meiner Nähe einfach anrufen, dann könnten wir sicherlich bei einem Kaffee wenn schon nicht über alles, dann aber zumindest doch über gemeinsam verbrachte Zeiten plaudern. Es wurde langsam unangenehm kühl um die Knöchel.

“Ja, oder sie kommen nach Berlin”, merkte sie leichthin an, was ja nun wirklich seltsam erschien, denn schließlich verdankte sich unser unverhofft eingetretenes Wiedersehen just dem Umstand, dass ich die dafür notwendige Reise unternommen hatte. “Ich gebe ihnen einfach meine Nummer”, fuhr sie zu meiner nicht geringen Überraschung fort, “ich wohne ja in zwei Wohnungen…”

Noch bevor ich meiner Verdutzung angemessen Ausdruck verleihen konnte, schließlich hatte sie gerade glaubhaft versichert, derzeit keinen Fernsprechanschluss zu haben, musste ich fest stellen, dass ich nicht der einzige war, der seine Schwierigkeiten hatte, den Dingen, wie sie standen und gingen, in der sich mählich herausbildenden Ordnung der Dinge ihren Ort zuzuweisen.

“Warum, Fräulein Juliette, müssen wir denn dann mit dem Bus fahren?”

Die Angesprochene überhörte diesen konstruktiven Einwand des jungen Mannes in ihrer Begleitung jedoch geflissentlich, um ihren vor der eingetretenen Verwirrung begonnen Satz zu vollenden.

“…aber”, fuhr sie fort, wobei sie meinen, gelinde gesagt, irritierten Blick mit einem kecken Augenaufschlag erwiderte, “in der einen habe ich kein Telephon.”

Wir haben uns bis heute nicht wieder gesehen.

Ich schwöre, so hat es sich zugetragen, in der Oranienstraße zu Berlin, Anfang der Neunziger. Nur, dass wir uns nicht gesiezt haben, der junge Mann ein recht ungepflegter Flegel war, und dass sie gar nicht Juliette hieß, aber wer weiß, vielleicht hat sich das inzwischen geändert, denn die Wege der jungen Dame waren schließlich fürwahr seltsam, nicht wahr?

Ob ich wirklich Horst heiße? Das tut hier nichts zur Sache. Und außerdem wollte ich sowieso gerade gehen. Es ist schon bald drei Uhr in der Früh’, und morgen ist schließlich auch noch ein Tag. Beim nächsten Mal erzähle ich dann vielleicht die Geschichte, wie ich einmal in einem Imbiss saß, als eine Frau hereinkam, wissen wollte, ob David Copperfield hier schon einmal gegessen habe.

Gute Nacht und bis dann…

(aus TRUST Nr. 86)

Was macht eigentlich die? – Noch was aus dem Archiv


taz Bremen 11.4.2001

Kuba in Unterhosen

Deutsch, stark, ab nach Hause: Bei überraschend starkem Publikumsandrang im Rathaus las Castros Ex-Geliebte und Ex-US-Agentin Marita Lorenz aus ihrer (Auto)Biographie „Lieber Fidel“

Jetzt ist sie also mal wieder da gewesen, die ehemalige Geliebte von Fidel Castro. Und sie vermisst Bremen, und nun, nachdem sie also am Montag endlich den Nachweis in die Hände bekam, in Bremen geboren zu sein, steht einer Rückkehr wohl auch nichts mehr im Weg. Höchstens mit den mittlerweile fünf Hunden, diversen Katzen und einem toten, tiefgefrorenen Piranha, mit denen sie zusammen lebt, könnte es noch Zollprobleme geben.

Ihre Lebensbeichte hat sie gerade vorgelegt: „Lieber Fidel“, das Buch zum Film. Die Verwertungsmaschine läuft an. Bremen schmückt sich mit der bizarren Geschichte der schönen Kapitänstochter, die uns den Revolutionär in Unterhosen vorführt, respektive als schüchternen jungen Mann und so weiter. Väterlich in Empfang genommen wurde Lorenz von Bürgermeister Henning Scherf, der warme Worte fand und sich vom öffentlichen Interesse an der Vorstellung des Lorenz-Buchs in der oberen Rathaushalle ehrlich überrumpelt zeigte.

Der Gastgeber hatte mit 50 Gästen gerechnet, es kamen genug, um die obere Rathaushalle zu füllen. Das kalte Büffet, zu dem Verlag und Senat zusammengelegt hatten, war in fünf Minuten abgeräumt – in einem Gedrängel um ein paar belegte Brote, wie man es sich für gewöhnlich wohl eher auf Kuba vorstellt, wo ja wegen Sozialismus das Hungertuch die Gespenster des kalten Krieges nur notdürftig verhüllt, der dort bekanntlich immer noch nicht zu Ende ist. Der Sekt reichte eine Weile länger.

Restsympathien für das vom – Hand aufs Herz – immer noch ein bisschen imperialistischen Amerika gebeutelte Land, das ja; aber wie Wilfried Huismann noch 1976 nach Kuba zu fahren und den Sozialismus aufzubauen helfen, das dann lieber doch nicht mehr. Das Interesse an Kuba ist eher eines an Mythen und älteren Herren mit Bärten und Zigarren, die da irgendwo auf dem Hinterhof schöne Lieder singen.

Da kommt eine Figur wie Marita Lorenz gerade recht, die irgendwie allen mal eine lange Nase gezeigt hat. Andererseits ist sie aber auch eine tragische Heldin, die aus dem Fokus der Weltpolitik schließlich in den sozialen Brennpunkt Queens, New York City, abgerutscht ist, wo sie einen Haufen gescheiterter Existenzen als Nachbarn hat und nichtsdestotrotz mit ihrer spärlichen Sozialhilfe eine ganze Menagerie durchfüttert. Und dann ist sie auch noch eine bekennende Bremerin.

Einfach nur die liebenswerte ältere Dame ist sie möglicherweise zwar doch nicht. Zumindest schien Wilfried Huismann, Regisseur des Films „Lieber Fidel“ und auch Ghostwriter der gleichnamigen Lorenz-(Auto)Biographie, sowohl bei der vormittäglichen Pressekonferenz als auch am Abend Anzeichen eines gewissen Genervtseins aufzuweisen. Dennoch ist es für beide Seiten ein vorteilhaftes Unternehmen. So eine Geschichte muss man erstmal finden, was auch bedeutet, dass wiederum diese Geschichte und somit Marita Lorenz selbst erstmal gefunden werden musste. Deren Fall ging zwar schon Mitte der Neunziger in den USA durch die Presse und hätte fast einen Film von Oliver Stone nach sich gezogen. Hierzulande nahm man den spektakulären Fall erst durch Huismanns Film zur Kenntnis. Seit November läuft „Lieber Fidel“ ununterbrochen in zehn Kopien in deutschen Kinos.

Lorenz genoss es offenbar, im Mittelpunkt zu stehen und gab am Abend noch über eine Stunde lang Autogramme. Fotos von ihren Hunden soll sie dabei auch herumgezeigt haben, die Frau, die sie seinerzeit die „kalte Deutsche“ nannten, wie Lorenz nicht ohne Stolz berichtet. Eine Geheimdienstvergangenheit hat, je nach Auftraggeber, schon so manche Karriere ruiniert, aber hier ist es noch mal gut gegangen. Vielleicht, weil Lorenz nun wirklich keine Überzeugungstäterinnenschaft vorgeworfen werden kann. Deutschland hat sie jedenfalls nie vergessen, sagte sie auf der Pressekonferenz und zitierte ihren Vater, der zu ihr gesagt hatte: „Du bist deutsch, du bist stark, du musst nach Hause gehen!“ Manche Leute hören so etwas ja gern …

Heute bei Motor.fm gehört und daran gedacht


… wie wir uns damals kennen gelernt haben, ich uns Superpunk:

Zur Vorschau

Auf ein Wort, Herr Fabrikant!

„Superpunk“ sollten „Wunder“ heißen, denn sie machen deutsche Texte ohne Parolen – und meistens sogar Spaß

Sie kommen zwar aus Hamburg, wo die ganzen Typen mit den Trainings-Jacken und Toco-tronic-Frisuren herkommen und mit schlaumeierischen, deutschen Texten die Journaille in Verzückung versetzen, und zum Teil spielen die Mitglieder von „Superpunk“ sogar mit diesen Leuten in Bands zusammen, wenn sie nicht Tom Jones für den Playboy interviewen, aber sie sind trotzdem gut. Das hat nur zum Teil mit ihrer bollerigen Soul-Musik, gespielt mit der Energie von Punk, zu tun, die mit scheppernden Orgeln und schmissigen Singalong-Refrains daher kommt.

Es sind auch die Texte, in denen Superpunk ganz locker mal eben neue Maßstäbe setzen. „Ich hab keinen Hass auf die Reichen, ich möchte ihnen nur ein bisschen gleichen“, bremsen sie behend moralinsaure Bedenken gegen Wohlhabende aus, die wir bis zum Erbrechen um die Ohren gehauen bekommen (haben), weil Geld ja angeblich nicht alles und Materialismus pfui sei. Ältere mögen sich an Dexys Midnight Runners erinnert fühlen, bei denen ein ähnliches musikalisches Erbe mit der Energie des Punk souverän vereinnahmt wurde. Superpunk sind zwar nicht die „young soul rebels“, die Kevin Rowland seinerzeit suchte, denn dafür sind sie bestimmt schon zu alt, andererseits haben sich in der Zwischenzeit auch keine Kollegen auf den Posten beworben. Superpunk haben nun mit ihrem zweiten Album „Wasser Marsch!“ (Lage d’Or/Zomba) nachdrücklich bewiesen, dass es einen deutschen Song abseits von „Diskurs“ und Parole gibt.

Titel wie „Lehn dich an mich“, „Mein zweiter Name ist Ärger“ oder „Man kann einen ehrlichen Mann nicht auf seine Knie zwingen“ haben die Prägnanz anglophoner Klassiker, ohne nach einer Übersetzung nach Wörterbuch zu klingen. „Bratwurstigkeit“, „Auf ein Wort Herr Fabrikant“ und „Rock’n’Roll will never dead“ nähren gar die Hoffnung, dass Superpunk darüber hinaus in Kürze ein neues, ganz eigenes Idiom zu erschaffen imstande sind.

Und sie haben vor allem kapiert, dass Spaß ohne ironische Distanz meist erst ein wahrer ist. Andreas Schnell

(aus der taz vom 30.3.2001)