Den mochte ich ja auch mal


taz Bremen 1.3.2002

Scherben der Selbsterkenntnis

 „Man wird mit dem Leben nur fertig, wenn man es verharmlost“. Zwischen Wortklauberei und eitlem Kalauer – der Schwabe und TV-Kabarett-Star Matthias Richling schlägt rundum im Waldau-Theater

Bekannt aus Funk und Fernsehen durfte Matthias Richling im Waldau-Theater schon vor seinem Auftritt einen Erfolg vermelden: ausverkauft! Dafür bekam das Bremer Publikum auch ein wenig den Bauch gepinselt, aber das gehört im Gewerbe ohnehin zum guten Ton und schlägt außerdem bei Richlings Matthias derartige Volten, dass man nicht weiß, ob man sich über das übliche Maß behumst vorkommen soll.

Überhaupt: Was hat es zu bedeuten, dass nach zwei Stunden, in denen Richling annähernd pausenlos sprach, seine Gäste spontan kaum eine Pointe wiedergeben konnten, sich aber ausgedehnt über die ja auch körperliche Leistung des Kabarettisten äußerten? Sagt nicht eine alte Legende, dass Kabarett – und Richling ist alte Schule: handwerklich makellos, mit einem wachen Blick für die Tagespolitik – die Menschen zum Nachdenken über die Verhältnisse bewegen soll?

Was Richling am Mittwochabend bot, war eine beeindruckende Vorstellung, in der die klassischen Formen der Zunft in untadeligem Timing miteinander kombiniert wurden. Der Mann ist zugleich Meister des abgebrochenen Satzes (wie Hildebrandt, nur viel schneller), virtuoser Stimmenimitator, brillanter Wortklauber, Mundartspezialist und nicht zuletzt Bildungsbürger, der dem sprichwörtlichen Volk das Schwachsinnswort im Mund verdreht, um ihm tiefere Wahrheit zu geben – nur singen tut er nicht. Den Grat zwischen Zynismus und Selbstdesavouierung beschreitet er mit souveräner Nervosität.

Er weiß, dass manche seiner Pointen zu verwinkelt sind, um einen Lacher zu bekommen. Als er Edmund Stoiber den Satz zuschreibt, 7,5 Millionen Ausländer in Deutschland seien Ausländer, und nachlegt: „Jetzt stellen sie sich mal vor, die kommen alle zu uns!“, bleibt es still. Damit auch die Doofen was zu lachen haben, geht er sodann „in medias reis – wie man in China sagt“, und der Saal tobt. Soviel zur Legende, das Kabarett solle die Menschen zum Nachdenken bringen.

Nein, Richling ist der Hofnarr, der so eitel ist, dass er sich als bauernschlauer schwäbelnder Tourist über das Holocaust-Denkmal wegen gelungener „Vergangenheitsüberwältigung“ auf die Schulter klopft, und sich für die anderen dadurch rettet, immer schon zwei Ecken weiter zu sein, als die anderen. Ohne dabei so offensiv hinterfotzig zu sein, wie der TV-Entertainer Harald Schmidt.

In seinem Rundumschlag durch die Issues der letzten Monate und Jahre – 11. September, Währungsumstellung, Wahlkampf, Rotgrün, Lauschangriff, Arbeitslosigkeit et al. – bedient er (wie seine Kollegen auch) das Nörgelbedürfnis derjenigen, die das allerdings auch nur nochmal gesagt haben – oder eben sagen lassen – wollten.

Für zwei Zugaben applaudierte ihn das restlos begeisterte Publikum heraus. Hängen blieben eigenartig schillernde Sätze wie: „Man wird mit dem Leben nur fertig, wenn man es verharmlost.“ Offen muss bleiben, ob er seinem Publikum damit auch gleich noch eine spiegelnde Scherbe zur Selbsterkenntnis an die Hand gibt.

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