Dr. Blohm – Solo


aus der Zett vom Juni 2002:

Writer’s Corner

Dr. Blohms Gespür für Kaffee

Die Legende sagt, der Eskimo kenne 37 Wörter Schnee. Abgesehen davon, dass ich auch ein paar kenne, von denen gewiss noch kein Eskimo etwas gehört haben wird, möchte ich darauf hinweisen, dass das noch gar nichts ist. Der Wiener kennt mindestens 38 verschiedene Vokabeln für Kaffee. Die Melange – von der es aber schon allein mehrere Sorten gibt, wie die Wiener Melange und die Kaisermelange -, der Einspänner und der Verlängerte oder Gestreckte sind vielleicht die bekanntesten. Ein kleiner Schwarzer, ein kleiner Brauner, eine Schale Gold, ein Maria Theresianer, Wiener Eiskaffee, Kapuziner, Pharisäer und was nicht noch gibt es außerdem, wobei zu betonen ist, dass der kleine Schwarze natürlich auch als Espresso oder Mokka ebenso wie als Türkischer oder Nussschwarzer bestellt werden kann, ohne dass die Service-Kraft dabei in Schwierigkeiten geriete, selbst wenn sie vielleicht in manchen Bezirken etwas pikiert dreinschauen mag. Auch einen Capuccino bekommt der Gast auf Wunsch serviert, ohne dass das Servierte mit einem Kapuziner identisch wäre. Einen Franziskaner, einen Meisterkaffee, einen Mazagran, einen Dunklen, einen Kaffee verkehrt, einen Gespritzten und eine Portion Kaffee kann der Wiener obendrein noch als eigenständige Versionen auseinander halten. Das sind zwar noch keine 38 Vokabeln, aber addiert man die insgesamt acht Melange-Varianten – mit Schlag, passiert, mit Haut, mit Haut und mit Schlag, ohne Haut und mit Schlag, ohne Haut und ohne Schlag etc. -, die es zumindest in besseren Zeiten gegeben hat, und Subspezies wie Doppelmokka und andere Bezeichnungen für verschiedene Darreichungsgrößen, ist man schnell nicht nur bereits vom bloßen Lesen stark infarktgefährdet, sondern auch bei über 38 Versionen. Zweifelsohne ein völlig nutzfreies Wissen, wohnt man nicht in Wien, aber dort…

Im halbzivilisierten Norden Deutschlands darf man indes schon froh sein, findet man ein Etablissement, in dem sie einen vernünftigen Capuccino servieren, ohne Sahne, dafür mit Milch und auf Grundlage italienischen Espressos zubereitet. Das in Wien obligate Glas Wasser zum Kaffee wagt man kaum zu erwarten. Lieber sollte sich der Bewohner Bremens mit den rund 88 Bezeichnungen für Regen vertraut machen, von denen im vierten Band der „Per Anhalter durch die Galaxis“-Trilogie des zu früh verschiedenen Douglas Adams die Rede ist. Denn: Was wir begreifen wollen, davon müssen wir einen Begriff haben. Um von diesem Begriff sprechen zu können, muss dieser Begriff einen Namen haben. Ich frage Sie: Wäre es da nicht viel einfacher, sich einfach vom Regen gar keinen Begriff zu machen? Wieviel Ärger ersparte man sich? In der vakant gewordenen Zeit ließe sich womöglich an dem Angebot von Kaffespezialitäten tätig wirken. Wollen wir doch mal sehen, ob wir nicht vermittels der Umgestaltung von Sprache auch die zugrundeliegenden Verhältnisse auf den Kopf stellen können!

Her(r)zlichst, Ihr

Dr. Blohm

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Vor zehn Jahren für den Bremer rezensiert


rival schools /united by fate

island

Zunächst einmal: Rival Schools ist die neue Band von Walter Schreifels, dessen Vergangenheit mit legendären Bands wie Quicksand, Gorilla Biscuits und Youth Of Today gespickt ist. Für Rival Schools scharte er eine Reihe alter Bekannter um sich, mit denen er teils bereits in Bands zusammengespielt oder die er über die Jahre in Hardcore-Kreisen kennengelernt hatte. „United By Fate“ ist nicht unerwartet ein reichlich ausgereiftes Werk geworden, in dem sich große, melancholische Melodien mit subtil ausgearbeiteten, kraftvollen Arrangements verbinden, nicht zufällig in der Nähe dessen, was heute als Emo-Rock im großen Stil verhökert wird. Schließlich war Schreifels vor allem mit Quicksand einer der Wegbereiter dieses merkwürdig diffusen Genres.

 

mardi gras.bb /zen rodeo

hazelwood /efa

Sie sind schon ziemlich lustige Vögel, der Doc Wenz und sein Reverend Krug, die dieser Blaskapelle vorstehen. Nicht nur, dass der ganze Haufen ausgerechnet aus Mannheim kommt und doch keineswegs so klingt. Jetzt soll der wilde Westen auch noch bei New Orleans anfangen. Die schlingernden Dirges des frühen Jazz, den swampigen Funk, das Voodoo-Gepränge des Mardi Gras, ihren Sinn für delikate Cover-Versionen (diesmal traf es die Residents, Giant Sand und den alten Disco-Klopper „Kung Fu Fighting“) ergänzen sie auf ihrem dritten Album um einen rustikalen Country-Einschlag, spielen eine Ballade für Lucky Lukes Pferd Jolly Jumper und einen Song für eine Wüstenrose, spinnen – in anderen Worten – ihre Liebe für die abseitigeren Mythen, Traditionslinien und Wurzeln amerikanischer Popularkultur ganz unbefangen – und vor allem höchst unterhaltsam – um akademische Problemstellungen fort.

 

favez /(from lausanne, switzerland)

sticksister/indigo

Favez lösen auf ihrem dritten Album nun auch im Studio ein, was bislang vor allem ihre Shows auszeichnete: Die gelungene Verbindung aus hochenergetischen Gitarren und regelrecht schönen Melodien. Natürlich erfinden Favez (aus Lausanne, Schweiz) damit nicht das Rad neu. Aber das ändert nichts an der überschäumenden Vitalität, die diese Band vor vielen auszeichnet.