Vor zehn Jahren


ließ sich Eric Burdon mal wieder blicken

taz.nord 10.6.2004

Ewiger Wiederkehrer

Eric Burdon, der einzig wahre Proletarier des Musik-Zirkus, bereist den Norden. Geblieben ist ihm seine Stimme voller Empathie, gereift und voluminös wie eh und je

Das wievielte Comeback ist es nun? Das wusste schon Mitte der 80er, als Eric Burdon im Modernes zu Bremen gastierte, kein Mensch mehr so genau. Außer vielleicht Burdon selbst. Eric Burdon, die Stimme der legendären The Animals, ist ein ewiger Zurückkommer. Sogar einen Film mit Burdon in der Hauptrolle gab es mal. Darin spielt er einen ziemlich weit unten angekommenen Musiker, der es noch einmal wissen will. Sein Titel: Comeback. Das kam ihm sicher sehr bekannt vor.

Manche Kollegen schütten über so einem kübelweise Häme aus. Und gewiss entbehrt es nicht einer gewissen Tragik, wenn einer wie Burdon seine Schäfchen nicht beizeiten ins Trockene brachte, sondern wie viele andere seine Liquidität eher alkoholisch manifestierte. Dafür muss er dann auch mal bei seinem alten Kumpel Udo Lindenberg den Song wieder singen, der ihn verfolgt, wie es sonst nur Silverbird mit Tina Rainford tat: „House Of The Rising Sun leitete er auf jenem Konzert Mitte der 80er Jahre jedenfalls mit einer Schimpfkanonade ein, die sich gewaschen hatte.

Kein Wunder, dass er sich darüber echauffierte, hatten doch nicht nur die Animals noch weitere große Hits. Nein, Burdon war schließlich auch mit der Band War so erfolgreich, dass ihn das schwarze Amerika zum „weißen Nigger“ kürte. Geblieben aber ist nur das alte Haus in New Orleans. Und diese Stimme: gereift, aber immer noch von einem Volumen, das man dem kleinen Mann gar nicht ansieht.

Das führt zu seinem Album My Secret Life, mit dem er derzeit im Norden unterwegs ist. Es beginnt mit „Once Upon A Time“, und steckt voller Verweise auf alte Zeiten. Burdons Stimme kündet davon, wieviele Jahre vergangen sind, wieviele Drinks und Zigaretten er schon konsumiert hat. Und die Texte künden von alten Geschichten, angefangen damit, wie Vater und Mutter Burdon immer „What’s Goin‘ On“ sangen, bis zu den „Jazz Men“, einer Ode an Lady Day und John Coltrane. Eine Reminiszenz an vergangene Tage, als in Paris das süße Leben die Gosse runterging und in New York Revolte in der Luft lag gegen einen Krieg, der bis heute nicht beendet ist. „Broken Records“, die auf dem Boden herumliegen. Begleitet von einer Band, die routiniert alle Stile zwischen Blues, Rock und Motown-Soul abspult.

Eric Burdon war und ist ein echter Proletarier, der Geld nicht als das ansieht, was es ist: Ein begrenzter Anteil am gesellschaftlichen Reichtum, der nach Vermehrung verlangt, weil er nie ausreicht. Burdon hingegen konsumierte. Und wenn er heute vom „Factory Girl“ singt, schwingt in seiner Stimme echte Empathie, ist sein Vortrag so berührend wie einst. Ergänzt um die Summe gelebten Lebens.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s