Vor zehn Jahren


besprach ich für den BREMER unter anderem folgende Schönheiten:

guided by voices /earthquake glue

matador /beggars group /zomba

Nach einem musikalisch nicht wahnsinnig ergiebigen Abstecher zur Plattenindustrie kehrte Rob Pollard, der Mann, der seit Jahren mit wechselnder Begleitung Guided By Voices ist, zu Matador und zwar nicht völlig zu alter Form zurück, fasst aber seine heutzutage nicht mehr ganz so kurzen, jedoch nach wie vor formvollendeten Songs, in denen sich Beatles, The Who und Sebadoh einen schönen Tag wünschen, wieder in sorgfältig ungeschliffene Arrangements. Immerhin 15 Perlen sind hier aneinandergereiht, halben Wegs zwischen Hi- und LoFi, und zumindest einige von ihnen gehören zu den ganz großen GBV-Songs, was bei dem mittlerweile unüberschaubaren Gesamtwerk der letzten 20 Jahren eine Menge ist. Um den Rest dürfen ihn immer noch die meisten Songwriter dieser Welt beneiden. Pollards Stimme klingt übrigens auch hier nach einem spekulativen Peter Gabriel, der Genesis verließ, weil ihn die Prägnanz von Punk eines besseren belehrte.

giardini di miró /punk … not diet!

2nd rec /hausmusik /indigo

Mythen in Tüten: Giardini di Miró fühlten sich bislang gründlich als Postrock-Formation missverstanden und ihre Musik auf den bisherigen Alben nur ungenügend aufgezeichnet. „Punk … Not Diet!“ räumt mit beidem auf. Gesang als weiteres Instrument steht nun im Zentrum der Kompositionen, die mittlerweile deutlich Song-Charakter haben, wenn auch mit einem Instrumentarium gespielt werden, das an führende Postrock-Formationen erinnert: Streicher, Mellotron, Elektronik und Bläser ergänzen die Rockbesetzung. Heraus kommt nichts weniger als elegischer, schwelgerischer Pop. So viel zum Missverständnis. Zum anderen sei gesagt, dass Giardini di Miró diesmal offensichtlich endlich ausgiebig Zeit im Studio hatten. Die Arrangements gerieten facettenreich wie nie, zwischen schwül und luftig, die Kompositionen bekamen endlich den Raum, den sie fraglos benötigen. Das bisher reifste Album der Italiener.

glenn branca /the ascension

acute /hausmusik

Nach einer CD von Glenn Brancas Theoretical Girls folgt nun die zweite Geschichtstunde von Acute Records: „The Ascension“ erschien zuerst 1981. In der Rückschau prominentestes Mitglied der Besetzung war Lee Ranaldo, der später das bei Branca Erlernte mit dem ebenfalls bei jenem in die Schule gegangenen Thurston Moore bei Sonic Youth umsetzte. „The Ascension“ markiert Brancas Übergang von „Rock“ hin zu dem, was hier in Ermangelung eines besseren Begriffes „ernste“ Musik genannt werden soll und zeigt nicht zuletzt, wie groß Brancas Einfluss – auch über den Umweg Sonic Youth – auf den Gitarrenuntergrund der Achtziger war. Dass diese minimalistisch-majestätische Musik für vier Gitarren in offenen Stimmungen, Bass und Schlagzeug – in einer Live-Situation erregender und aufwühlender geklungen haben dürfte, ist nicht nur dem zeitlichen Abstand geschuldet. Lee Ranaldo vermerkt in den Liner Notes, etwas habe ihm bei diesen Aufnahmen stets gefehlt: Raum-Ton. Ungeachtet dessen ist dieses Album ein wertvolles und aufschlussreiches Dokument.

mondo generator /a drug problem that never existed

ipecac /efa

Queens Of The Stone Age veröffentlichten im letzten Jahr eines der größten Rock-Alben der letzten Jahre – mindestens. In gebührendem Abstand legt ihr Bassist Nick Oliveri nun das zweite Album seines Nebenprojekts Mondo Generator nach. Wie schon auf dessen Vorgänger „Cocaine Rodeo“ lässt Olivieri nichts anbrennen. Mit notorischen Begleitern wie dem Ex-Kyuss-Schlagzeuger Brant Bjork, Earthlings?-Gitarrist Dave Catching und seinen QOTSA-Kollegen aufgenommen, bündelt „A Drug Problem…“ Oliveris Einflüsse – rüder Punk, sinistrer Folk und schwerer Rock – zu einem wüsten Party-Spaß. Typisch: Auch wenn Nick Oliveri hier ganz offenhörig die musikalische Ägide übernommen hat, ist „A Drug Problem…“ kein Ego-Trip. Diese Wüste(n)-Rock-Familie ist ein Kollektiv individueller Stimmen. Josh Hommes Gitarre klingt unverwechselbar, Mark Lanegan raunt eindrucksvoll wie immer. Schöne Idee übrigens: Die Werbung für kommende Veröffentlichungen aus der Familie am Ende der CD mit kurzen Anspielern.

cake kitchen /how can you be so blind?

hausmusik /indigo

Wer den Film „Sonnenallee“ gesehen hat, erinnert sich vielleicht an den Eröffnungssong, gesungen von Graeme Jefferies. Michael Heilrath (Couch, Blond) war gleich so hin und weg, dass er Jefferies ins Studio lud, ein paar Freunden Bescheid sagte, deren bekanntester Markus Acher (The Notwist) war, und setzte Graemes Folk-Songs mit ein paar erlesenen Streicher-Arrangements und Rockband an. Schon der erste Song, „You Know I Really Like Your Style“, windet sich so unwiderstehlich ins Hirn, dass der Rest beinahe egal wäre, gäbe es darunter nicht noch etliche mehr dieser wunderschönen Songs, von Jefferies mit seltsam sonor-verschlafener Stimme gesungen. Wer auf erstklassiges Songwriting in delikaten Arrangements aus ist, sollte hier schleunigst reinhören.

 

 

the magic band /back to the front (atp recordings /zomba) 17 Klassiker von „Moonlight On Vermont“ über „I Wanna Find A Woman Who Will Hold My Big Toe Till I Have To Go“ bis „Sun Zoom Spark“. John French, Gary Lucas, Denny Walley und Mark Boston waren nie gleichzeitig in Captain Beefhearts Magic Band. Aber natürlich sind sie wie niemand sonst in der Lage, diese großartige Musik zu spielen.

pink anvil /helloween party (ipecac /efa) Paul Barker und Max Brody vergnügen sich im Hauptberuf bei den Industrialisten von Ministry. Als Pink Anvil führten sie 2001 auf einer Halloween-Party in Austin diese Suite aus düsteren Klangschaften auf, Brian Eno, Steroid Maximus und die rocklosen Elemente von Fantomas in Hörweite. Verblüffend unterhaltsam.

Vor 15 Jahren


taz Bremen 9.4.1998

Die Vorschau

Der Untergrund lebt

 Pendikel, Buttmaul und El Gato spielen am Samstag in der Buchtstraße

Pendikel sehen ihren Namen am liebsten wie folgt geschrieben: PeNdiKel. Wahrscheinlich um alte Lesegewohnheiten aufzubrechen. Ihre Musik funktioniert schließlich ganz ähnlich. Anstatt daß aus ein paar Akkorden und Rhythmen ein Song gebastelt wird, geben sie Schönes zu Schrägem und durchbrechen den Fluß von Strophe und Chorus immer wieder mit sperrigen Breaks. Die Band um zwei Schreiber des Intro-Musikmagazins ist dabei aber durchaus in der Lage, eine Melodik zu verbreiten, die, wenn auch streng, durchaus eingängig ist.

Verwandt weniger im Klang als vielmehr im Geiste sind sie damit den anderen Bands auf dem deutschen BluNoise-Label, das sich in den letzten zwei Jahren zur Brutstätte für intensive (vor allem) Gitarrenmusik aus unseren Breiten entwickelt hat. Hier tummelt sich mit Ulme, Scumbucket, Mink Stole und anderen einiges, was des Antestens wert ist. Pendikel sehen in sich die Verschrobenheit von Sonic Youth, die Energie von Fugazi, die Brachialität von Helmet und die musikalische Vielfalt von King Crimson vereint. In ihrer Musik den Einfluß der übergroßen No Means No zu verorten ist überdies alles andere als weit hergeholt.

Buttmaul aus Bremen sind schon weniger das, was unvernünftige Menschen gern als ‚verkopft‘ zu bezeichnen pflegen. Sie rocken eher geradeaus, lüften aber immer wieder die Lärmdecke, um Gerüste der Shellacschen Bauart zu enthüllen.

El Gato winden sich unruhig in der Crossover-Schublade, im Bewußtsein der Dubiosität des Begriffes einerseits und der überaus geschmackvollen Bezugspunkte darin andererseits. Vorsichtig lassen sie durchblicken, daß sie Primus und die Red Hot Chilli Peppers cool finden und die Bad Brains natürlich auch. Angesichts dessen, daß unter diesen Vorzeichen schon viel Leid über die alternative Generation gebracht wurde, dürfen wir gespannt sein, ob El Gato die Untiefen ihres Metiers umschiffen oder daran zugrunde gehen.