Gestern nochmal besprochen…


wie geil die Typen sind:

taz Bremen 2.11.2002

Traumgewandelt

Motorpsycho zeigten im Schlachthof ihre Liebe zu Jazz und Avantgarde-Rock. Ergebnis: Euphorie im großen Stil

Konzerte von Motorpsycho sind auf mindestens zwei Ebenen interessant: Zum einen löst die Band aus Trondheim mit einer gewissen Regelmäßigkeit ein, was der Besuch eines Rockkonzerts im besten Fall verheißt (Euphorie und so weiter), zum anderen bleibt interessant, mit welchen Mitteln Motorpsycho vorgehen.

Was ersteres angeht, haben Motorpsycho am Donnerstag im ausverkauften Schlachthof wieder voll hingelangt. Scheinbar erreichten sie dieses mit alten Mitteln, indem sie viele alte und älteste Stücke spielten, innert derer sie dann häufig in den Duktus des Improvisierens verfielen, der ihre Konzerte Mitte der Neunziger in stundenlange Trip-Rock-Exzesse verwandelte. So auch jetzt wieder, wenn das mittlerweile traumwandlerische Zusammenspiel der Band in Soundkathedralen kulminiert, in denen die immer noch relativ schlichte Improvisationssprache neue Facetten zeigt. Die dann wiederum in den eingestreuten knappen Pop-Songs wiederzufinden sind.

In den neuen Facetten könnte der Schlüssel für die zukünftige Entwicklung liegen: Motorpsychos jüngstes Album mit dem halbironischen Titel „It’s A Love Cult“ hinterließ schließlich mehr Fragen als Antworten. Der orchestrale Pop, auf Alben wie „Let Them Eat Cake“ und „Phanerothyme“ erforscht, wurde erfolgreich in die Klangwelt Motorpsychos integriert. Und nun? Am Donnerstag gab es wenig aus dieser Pop-Zeit zu hören, und wenn, waren es eher die merkwürdigeren Stücke, wie „Stained Glass“ oder „Painting The Night Unreal“.

Was Motorpsycho auf ihren „Roadworks“-Live-Alben probieren, könnte so womöglich in einer gründlich verdauten Form auch zunehmend die „Hauptwerke“ beeinflussen: Eine Vorliebe für freien Jazz und Avantgarde-Rock. Schwere Drones und die gelegentliche Überwindung der tonalen Vorgaben des Genres „Rock“ trugen dem am Donnerstag Rechnung. Und die einzige Fremdkomposition – ein Song von MC5, bei denen sich Punkrock und Sun Ra schon in den 60-ern keinesfalls ausschlossen.

Dass den Norwegern unterdessen eine immer größer werdende Schar von Fans nachfolgt, die auch größere stilistische Kapriolen mitschlägt, liegt wohl daran, dass Motorpsycho ihr Spiel nicht strategischen Überlegungen unterordnen, sondern einfließen lassen, womit sie sich gerade beschäftigen.

Wenn die Ergebnisse gelingen, werden sie auch veröffentlicht. Von der Band benutzte Papiertaschentücher, wie sie nach dem knapp zweieinhalbstündigen Konzert von euphorisierten Fans als Devotionalien eingesammelt wurden, gehören da auf eine ganz verquere Art auch dazu, ohne dass man das der Band irgendwie anlasten könnte.

Vor 15 Jahren


fast jedenfalls, schrieb ich für die taz Bremen über einen durchaus ansprechenden Konzertabend:

Bitte lächeln!

 Totschlag und Kraftmeierei: Entombed, Neurosis und Breach spielten im Schlachthof

Es fing schon reichlich pathetisch an. Breach aus Schweden errichteten mit beachtlicher Lautstärke und beträchtlichem Ernst eine riesige, an sorgsam ausgewählten Stellen durchbrochene Klangwand. In stilistisch nicht gar zu ferner Ferne von Neurosis, wenn auch ohne deren theatralische Eleganz, wälzten sich die von Hardcore wie Metal gleichermaßen infizierten Breitwandakkorde von der Bühne. Leider war es da noch ein wenig früh, so daß nur pünktliche Menschen in den Genuß kamen. Aber schließlich ging es um Neurosis und Entombed, wobei letztere, wahrscheinlich aufgrund höherer Verkaufszahlen, nach Neurosis spielen sollten. Dramaturgisch eine eher zweifelhafte Entscheidung, da Neurosis mit ihrer sorgfältig ausgetüftelten Performance immer etwas Endgültiges zu verströmen pflegen.

So auch diesmal. In ungewohnt kurzer Zeit formulierte die Schicksalsgemeinschaft Neurosis, über lange Jahre gemeinsamen Musizierens und Leidens hinweg zu einer scheinbar monolithischen Einheit verschmolzen, ihre Vision der Apokalypse. Alle Scheußlichkeiten dieser Welt auf Video: Mord und Totschlag, Massengräber und Atombomben – nichts blieb dem Publikum erspart, während sich von der Bühne ein beeindruckender Krach ergoß, langsam, von Passagen bizarrer Schönheit durchwirkt. Dabei blieb das inhaltliche Konzept verschwommen, rührte eher an das metaphorische Herz, als an den ebenso metaphorischen Kopf. Ganz ohne Reflektion konnte, wer wollte, sich dieser „gewalttätigen Meditation“, wie die Band selbst es nennt, ergeben. Die seit ein paar Jahren fast unveränderte Show weist mittlerweile zwar eine beachtliche Perfektion auf, aber auch ein Problem: Der Effekt, der sich noch beim ersten Konsum einstellt, wird später nicht wieder erreicht. Die Apokalypse gibt’s schließlich nur einmal, und was kommt danach?

Am Dienstag waren es Entombed, die auf ihren jüngeren Platten die musikalische Ödnis des Death-Metal verlassen und eine augenzwinkernd prollige Variante von Rockmusik erfunden haben. Auf der Bühne hatte das leider nicht soviel Witz. Da zerfiel die brutal durch ihre Songs marschierende Band in mehrere Teile. Ein berserkender Schlagzeuger, der so etwas wie der Rock-Motor von Entombed sein muß, ein angeheiterter Sänger, der sich als einziger Musiker des Abends auch mal zu einem Lächeln hinreißen ließ, sowie ein paar Erfüllungsgehilfen, die sich mit metallischem Vertrauen in die Richtigkeit ihres Tuns auf ein notengetreues Nachspiel beschränkten, wobei sie offensichtlich die langen Haare vermißten, die früher doch einmal zum guten Ton gehörten. Von der Vergangenheit können sie offensichtlich doch noch nicht ganz lassen.

Das schalkhafte Spiel mit Rocklischees fiel nicht selten der brachialen Gewalt kraftmeierischen Gitarrenhandwerks zum Opfer, und alle paar Meter wurde im Publikum, ungetrübt von jeglicher Ironie, inbrünstig eine Luftgitarre bearbeitet. Die Party nach dem Weltuntergang. Wohl doch eine ernste Sache.