Vor zehn Jahren


entdeckte ich für mich unter anderem diesen hübschen Song:

und schrieb im BREMER über das Album, auf dem ich ihn fand:

cake kitchen /how can you be so blind?

hausmusik /indigo

Wer den Film „Sonnenallee“ gesehen hat, erinnert sich vielleicht an den Eröffnungssong, gesungen von Graeme Jefferies. Michael Heilrath (Couch, Blond) war gleich so hin und weg, dass er Jefferies ins Studio lud, ein paar Freunden Bescheid sagte, deren bekanntester Markus Acher (The Notwist) war, und setzte Graemes Folk-Songs mit ein paar erlesenen Streicher-Arrangements und Rockband an. Schon der erste Song, „You Know I Really Like Your Style“, windet sich so unwiderstehlich ins Hirn, dass der Rest beinahe egal wäre, gäbe es darunter nicht noch etliche mehr dieser wunderschönen Songs, von Jefferies mit seltsam sonor-verschlafener Stimme gesungen. Wer auf erstklassiges Songwriting in delikaten Arrangements aus ist, sollte hier schleunigst reinhören.

 

Was machen eigentlich Isolation Years?


taz Bremen 15.11.2002

Die Samstags-Zwickmühle

Aus Umeå, der europäischen Hardcore-Hochburg, kommen die „Isolation Years“ – zeitgleich mit „Slut“ aus independent-Ingolstadt. Eine Analyse als Entscheidungshilfe

Zwei Bands, die eine Menge gemeinsam haben, spielen am Samstagabend in Bremen: „Isolation Years“ kommen ebenso wie „Slut“ aus der Provinz. Provinz bedeutet bei beiden allerdings nicht die Beschränktheit, die von bösen Menschen mit der Abgeschiedenheit von den Metropolen assoziiert wird. Umeå, die Heimatstadt von „Isolation Years“, gilt seit Jahren als europäische Hardcore-Hochburg. In der kleinen schwedischen Stadt gründeten sich Millencolin“, „Refused“ und deren Nachfolge-Band „The International Noise Conspiracy“.

„Slut“ kommen aus Ingolstadt und sind eng mit der Szene um „The Notwist“ versippt. Überschneidungen mit Bands aus dieser Ecke ergeben sich da wie von selbst: Verschiedene Mitglieder von „Slut“ betreiben auch noch die Band „Pelzig“. Punk und Hardcore bilden nach wie vor die Grundlage, die aber mittlerweile keine musikalische, eher eine der Attitüde ist: Es geht um Do It Yourself – unabhängig sein. Und jede Menge andere Musik. Sowas nannte man in den Achtzigern „independent“.

Auch „Isolation Years“ haben früher in Bands mit lauten verzerrten Gitarren gespielt, bis ihnen das nicht mehr genügte. Beide Bands wandten sich vor allem einem zu: dem guten Song in all seinen Schattierungen. Wo die Schweden auf rustikal wirkende Arrangements mit einem ausgeprägten Sinn für traditionelle Instrumentierungen – Akkordeon, akustische Gitarren, strahlende Bläsersätze – setzen, flirrt bei „Slut“ ätherischer Pop, mischen sich lärmige Gitarren mit synthetischen Sounds. Wo Jacob Nyström von „Isolation Years“ mit einem warmen, kehligen Timbre von kalten Tagen im Wolkenkuckucksheim zu Minusinsk erzählt, bricht Christian Neuburger von „Slut“ mit seiner beinahe androgynen Stimme Herzen.

Was beide für eine Weile noch verband: Das Stickmann-Label, auch Heim von „Motorpsycho“, beziehungsweise dessen Sub-Label „Sticksister“ nahm beide Bands unter Vertrag. „Slut“ wollten dann mehr, unterschrieben bei der so genannten Schallplattenindustrie und wurden spätestens mit „Welcome“ über den Untergrund hinaus bekannt. „Isolation Years“ könnte das noch passieren.

Wahrscheinlich, weil auch Bremer einmal wie Hamburger fühlen können sollen, haben findige Tour-Agenten beide Bands auf den selben Abend gebucht – in verschiedene Clubs. Den intimeren Abend dürften „Isolation Years“, deren Album „Idiot Pilgrimage“ mindestens so berührend ist wie das letztjährige Debüt „Inland Traveller“. Trotzdem: eine schwierige Entscheidung.