Die sollte Kollege Patton vielleicht mal wieder auflegen


Vor zehn Jahren erschien das dritte Album, ich versuchte es dem BREMER-Publikum wie folgt nahezulegen:

fantomas /delirium cordia

ipecac /efa

Nach einem schonungslos hyper-aktiven Debüt und dem dramatisch-grandiosen zweiten Album „Director’s Cut“, auf dem die Super-Group bestehend aus Ex-Faith-No-More-Sänger Mike Patton, Melvins-Gitarrist Buzz Osbourne, Ex-Slayer-Schlagzeuger Dave Lombardo und dem umtriebigen Bassisten Trevor Dunn Klassiker der Filmmusik kongenial interpretierte, war es durchaus spannend, was die Irren als nächstes planen würden. „Delirium Cordia“ erfüllt höchstens in einer Hinsicht Erwartungen – nämlich die der Unvorhersehbarkeit. In einer einzigen – man muss es schon so nennen: – Komposition schaffen Fantomas beklemmende Atmosphären aus dem Niemandsland zwischen Ambient, Noise, Rock und klassischen Avantgardetechniken. Damit erforschen sie erstmals ausgiebig ihre ruhigeren Facetten in verstörender Intensität. Gleichzeitig verschmelzen hier vier musikalische Egos zu einem einzigartigen Klangkörper. Anfang nächsten Jahres folgt ein zweites Album aus den gleichen Aufnahmesessions – und natürlich wird es wieder ganz anders klingen, als alles, was wir bislang von Fantomas kannten.

 

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Vor zehn Jahren


… für den Bremer besprochen:

ruins /tzomborgha

ipecac /efa

Wo soll es noch hinführen, wenn Mike Patton weiterhin alles Aufregende, was sich in der avantgardistischen Rockmusik und angrenzenden Universen tummelt, auf seinem Ipecac-Label veröffentlicht?! Jetzt hat er sich die Ruins unter den Nagel gerissen, auf dass sie ihren Hyper-Speed-Art-Core im gleichen Haus wie Melvins, Fantomas, Kid 606, Dälek oder Phantomsmasher veröffentlichen. Uns soll es recht sein, waren doch ihre Platten oft lediglich als teure Importe erhältlich. Das japanische Duo besteht mit wechselnden Bassisten seit rund zehn Jahren. Inspiriert von John Zorns Band Naked City veröffentlichten die Ruins auf Labels wie Skin Graft, Sonore oder Zorns Tzadik-Records eine Reihe Alben, die jedes für sich eine beispielhafte Verbindung aus Verdichtung, Rasanz und Kraft darstellen. In irrwitziger Geschwindigkeit unterwerfen die Ruins auf „Tzomborgha“ wieder eine unüberschaubare Menge an Referenzen ihrer Methode der Verdichtung und Beschleunigung. Anhand von Black Sabbath und dem Mahavishnu Orchestra wird dieses Verfahren in zwei Medleys beispielhaft vorgeführt. Das Ergebnis: eine virtuose, konzentrierte und humorvolle Musik, die niemand spielt wie die Ruins – zumindest, seit es Naked City nicht mehr gibt.

 

system of a down /steal this album!

american /columbia

Aus nicht sehr guten Gründen werden System Of A Down oft der NuMetal-Szene zugeschlagen. Klar, sie sind (einigermaßen) neu und (irgendwie auch) Metal. Aber wo Limp Bizkit aufkochen, was vor zehn Jahren als Crossover reüssierte, arbeiten System Of A Down an einem Sound, der Thrashmetal und Progrock mit exotischer Färbung verbindet. Sie machen sich nicht lächerlich mit dümmlichen Posen, langweilen nicht mit stumpfen Riffs, wollen mehr, als adoleszente Mützenträger zum Hüpfen bringen, und haben mit Serj Tankian einen Sänger, der einen durchaus eigenen Stil entwickelt hat, über die bisweilen angenehm verschachtelten Kompositionen zu singen. Und offenbar gehen ihnen die Ideen so schnell nicht aus: „Steal This Album!“ enthält sechzehn Outtakes aus den Sessions zum letzten Album „Toxicity“. Gut genug wären diese Songs fraglos Album gewesen. Man höre nur „Chic’n’Stu“, in dem schalkhaft bei Queen geborgt wird, oder „Nüguns“, wo System Of A Down fernöstliches Instrumentarium einarbeiten. Mit „Roulette“ gibt es sogar eine richtige Ballade zu hören.

 

ilse lau /tjeempie. de kat

fidel bastro /efa

Wäre es vielleicht die größere Überraschung, würden sich Ilse Lau auf ihrer dritten vollen Länge wiederholen? Wieder – und wie eben durchaus erwartet werden durfte – hat das Bremer Trio seine Musik entscheidend weiterentwickelt. Wie „Cie. de Koe“ und „Wijbren. de Beer“ ist auch das neue Album „Tjeempie. de Kat“ ein in sich geschlossenes Kapitel im Rahmen der dabei immer unverkennbar nach Ilse Lau klingenden Kontinuität des Wandels. Hier spielen sie nun ihre Liebe für Atmosphären, sanft pulsierende Grooves und warme Dub-Vibes aus, nachdem sie auf bisherigen Werken nervösen Frickelcore und Rock-Dekonstruktion überzeugend und eigenständig verarbeiteten. Die Umsetzung erfolgte mit illustren Gästen – u.a. Volker Hormann, Uli Sobotta und Greg Core -, die den bereits umfangreichen bandeigenen Instrumentenpark um Geige, Bläser und Percussion erweitern. Herausgekommen ist dabei das bislang wahrscheinlich zugänglichste Album von Ilse Lau.

 

Vor zehn Jahren


… für den BREMER ausgesucht:

phantomsmasher /phantomsmasher

ipecac /efa

Mike Patton, vor einer halben Ewigkeit Sänger bei Faith No More, beweist als Label-Macher ein sicheres Händchen für Formationen, die der Rockmusik neue Perspektiven geben. Phantomsmasher – vormals Atomsmasher – sind die furiose neue Band von James Plotkin, der in den letzten 15 Jahren mit OLD, Scorn, Khanate und anderen seine abenteuerlichen Visionen umsetzte. Vor allem Schlagzeuger David Witte (Tourdrummer bei Melt Banana und Akteur bei Human Remains und Burnt By The Sun) erweist sich als Joker. So brachial wie fein ziseliert, so lässig wie mathematisch präzise herrscht er dem Material seinen Sound auf. Das Trio spielt mit Urgewalt machtvolle Musik in den Grenzbezirken von Industrial, Metal, Hardcore und Noise-Kunst. Manche Passagen lassen an das monumentale „Wrede“-Album von Gore denken, anderes setzt radikal fort, was Don Caballero zuletzt spielten oder führt Grindcore mit fiesen Sample-Schlieren zusammen. Plotkin hat hier ganze Arbeit geleistet. Und sich gleichzeitig Türen geöffnet, die Appetit auf weiteres machen.

tarwater /dwellers on the threshold

kitty-yo/efa

Fein gewebte Stücke zwischen Gitarre und Elektronik, zwischen Track und Song. Ronald Lippok und Bernd Jestram, die einst u.a. mit „Ornament und Verbrechen“ im Punk-Underground der DDR von sich reden machten, haben sich als Tarwater mittlerweile zu einem international renommierten Act gemausert. Auf „Dwellers On The Threshold“ eher zu knapperen Formen neigend, bleibt Tarwater nichtsdestotrotz ein eigenständiger Entwurf im beschriebenen Koordinatensystem. Die Gelassenheit, mit der Lippok und Jestram an ihrer Musik basteln, wirkt nicht zuletzt im Kitty-Yo-Programm zwischen Maximilian Hecker, Gonzalez und Taylor Savvy wohltuend unprätentiös. Die große Geste, die bei den Genannten bisweilen zu nerven vermag, wenn das musikalische Material der Himmel stürmenden Attitüde nicht gerecht wird, diese große Geste fehlt hier. Dafür regieren samten changierende Stimmungen, die instrumental nicht selten an Momente von Tortoise erinnern.