Vor zehn Jahren


schrieb ich in der taz Bremen( 18.9.2002) über einen sehr interessanten Musiker:

Ein Bremer am Broadway

Der Wahlbremer Willy Schwarz über das Wandeln zwischen den Welten und den Wert eines „Drama Desk Award“

In New York hören und kennen mehr Menschen Willy Schwarz, als in Bremen – der Stadt, in der er lebt. Jeden Abend, acht Mal die Woche strömen Hunderte in das „Circle On The Square“-Theater am Broadway, um „Metamorphoses“ zu sehen. Das Stück ist von Mary Zimmermann, die Musik von Schwarz. Nicht nur, dass er sie geschrieben hat. Er hat sie auch fast allein eingespielt. Bei Willy Schwarz zuhause sieht es dann auch aus, wie in einem Instrumenten-Museum: Akkordeon (sein Hauptinstrument), Vichitra Vina (sein Lieblingsinstrument), Santur, Dramyan, Sarod – über vierzig seltene Instrumente hat er in seinem Musikzimmer, und alle spielt er selbst.

Mit Zimmermann arbeitete er nicht zum ersten Mal zusammen. Für ihr „The Odyssey“ komponierte er mit Michael Bodeen, für „The Baltimore Waltz“ mit Bodeen und Miriam Sturm die Musik. „Metamorphoses“ trug ihm nun den Drama Desk Award für herausragende Musik in einem Theaterstück ein. „Das ist eine große Ehre, und wenn du noch drei Dollar drauflegst, kannst du dir einen Capuccino dafür kaufen“, amüsiert sich Schwarz. Kein Preisgeld also.

Allerdings ist der Award – nach dem Tony – einer der renommiertesten Preise am Broadway. Auch Mary Zimmermann ist des Lobes voll: „Willy Schwarz ist ein außerordentliches Talent. Er weiß so viel mehr über Musik aus allen Teilen der Welt, als jeder andere, den ich kenne, und er ist ein Meister an Instrumenten, von denen die meisten Leute noch nie gehört haben.“

Von Ruhm allein kann allerdings nicht einmal ein Meistermusiker leben. Und auch dass die renommierte New Yorker Knitting Factory soeben eine CD mit der Musik der drei Stücke auf ihrem Label veröffentlicht hat, bedeutet nicht, dass Schwarz sich nunmehr auf seinen Tantiemen ausruhen könnte.

Bremen, wo Schwarz seit knapp drei Jahren lebt, ist keine musikalische Metropole, und das macht es nicht eben einfach für einen Musiker. „Ich bin zufrieden hier. Aber ich fahre zwei- bis dreimal im Jahr in die USA, der Arbeit wegen.“

Unterwegs ist Schwarz immer gewesen: Aufgewachsen in den USA, genauer in Michigan, reiste er mehrmals nach Indien, um klassische indische Musik zu studieren, nach Nepal, nach Afghanistan. Später lebte er als Theaterkomponist in Chicago. Am bekanntesten dürfte er als Musiker bei Tom Waits geworden sein, mit dem er 1987 auf Welttournee ging, während derer der Film „Big Time“ und das gleichnamige Live-Album entstanden. Waits suchte einen Akkordeonisten, fragte einen Bekannten, der einen Bekannten fragte, der wiederum Willy Schwarz kannte. „Zufällig, wie mein ganzes Leben. Ich habe keinen Masterplan“, sagt Schwarz.

Genauso zufällig kam er auch nach Bremen. „Ich bin hierher gezogen wegen der Liebe zu meiner Frau. Es ist komisch. Ich habe erst hier angefangen, Deutsch zu lernen, obwohl meine Eltern immer Deutsch miteinander gesprochen haben.“ Jene flohen 1940 vor den Faschisten nach Amerika, sein Vater ein italienischer Jude, seine Mutter eine deutsche Jüdin.

Und immer hat Schwarz neue Musik in sich aufgesogen und Songs geschrieben, die er auf den Alben „Live For The Moment“ und „Home“ in eine dauerhafte Form brachte. „Die Alben kommen direkt aus dem Herzen, manche der Songs trage ich seit Jahrzehnten mit mir herum – insbesondere die auf ,Home‘.“ Als Schwarz einmal durch Bremer Plattenläden ging, um nach seinen Platten zu suchen, fand er sie (beinahe) nirgends. „Schade“, sagt er, „dass dieses Projekt so wenig Aufmerksamkeit bekommen hat.“

Vielleicht ist er zu sehr Wanderer zwischen den Welten, biographisch wie musikalisch. Weder spielt er „Weltmusik“, noch ist er ein Singer/Songwriter im engeren Sinne. „Theatermusik könnte ich mir gut vorstellen“, sagt Schwarz – und tatsächlich verbinden sich in „Metamorphoses“ die Einflüsse des Musikers so schlackenlos, dass sich akademische Verrenkungen erübrigen. Hier ist der besondere Akzent seiner musikalischen Sprache allgemein verständlich. „Das ist mein Thema, diese ganzen seltenen Instrumente als neue Stimmen einzuführen.“

Das musikalische Thema Schwarz‘ ist natürlich auch ein politisches. Und so überlegt er, den Song-Zyklus „Home“ zu einem Theaterstück über das Thema Exil und Flucht zu verarbeiten. Das dürfte spannend werden. Bis dahin gilt es (nicht nur) für Bremer und Bremerinnen, seine Platten zu entdecken.