Vor zehn Jahren


taz Bremen 26.5.2003

Zynischer Humanismus

Die New Yorker Hardcore-Legende „The Seconds“ in der Tower-Bar: Kantig, laut, kompliziert, hysterisch

The Minutemen machte ihren Namen zum Programm: Was zu sagen war – und das war eine Menge – sagten sie in Songs von eineinhalb Minuten Länge.

Die Seconds aus New York könnten auf andere Weise ihrem Namen gerecht werden: Weil ihr Schlagzeuger Brian Chase auch bei den Yeah Yeah Yeahs spielt, die gerade zum nächsten großen Ding des neuen Rock ausgerufen werden, könnten die Seconds mittelfristig zur zweiten Geige verdammt sein. Weil sie Eigenschaften haben, die nie wirklich hoch im Kurs des Geschäfts standen: Kantig, laut, kompliziert, hysterisch – kurz: wirklich aufregend.

Zwar teilen sie mit den Yeah Yeah Yeahs, Liars, The Faint und Radio 4 sperrigen New/No-Wave und Postpunk als Inspiration, aber anders als jene nehmen sie den künstlerischen Anspruch hörbar ernst, zu verstören, durchzuschütteln, über das hinauszugehen, was zur Zeit zu sagen sich schickt. Dinge herauszuschreien, die weh tun – auch wenn man sie nicht versteht.

Für die alten Säcke sei gesagt, dass hier das Erbe von Devo, Gang Of Four und eben auch den Minutemen in manischer Manier verwaltet wird, ein Sinn für Humor herrscht, der den zynischen Humanismus des frühen New Wave atmet – „Burning Up“ von Madonna mit Leichtigkeit in ein neues, aufregendes Gewand kleidend.

Ein weiterer Tipp für diejenigen unter Ihnen, für die zuletzt die Konzerte von Erase Errata und den Numbers zu den Highlights zählten, sind die Ex Models, die sich einen Gitarristen mit den Seconds teilen. Eine ähnliche Rezeptur, jedoch noch überdrehter, komplizierter und hysterischer! Manchmal darf man an Melt Banana minus Grindcore denken. Von ihren Shows erzählt man Wunderdinge. Bitte notieren Sie sich das!

Vor zehn Jahren im INTRO


[http://www.youtube.com/watch?v=JhzMlgQxqZUg]

THE HIDDEN HAND

„Divine Propaganda“

(Exile On Mainstream)

Lange ließ er nicht auf sich warten, dieses Mal: Was nach Obsessed Jahre kostete – Aufrappeln under the influence von Alkohol und Speed samt späterer Läuterung – ist Vergangenheit. Nach Spirit Caravan macht Scott „Wino“ Weinrich umgehend weiter. Während letztere sich nur in Nuancen von Obsessed unterschieden, etwas schneller und Break-lastiger waren, ist „Divine Propaganda“ Beleg dafür, dass Wino nicht anders kann, als nach sich selbst zu klingen, auch wenn er etwas anderes macht. Die Stimme, seine Art, Gitarre zu spielen bis in die Soli, auf der Bühne nicht selten ausufernd – unverkennbar er. Innerhalb des oberflächlich als Bluesrock zu Beschreibenden liegt eine Fülle von Einflüssen, die der Mann in all den Jahren verdaut hat. Neben Black Sabbath John McLaughlin, Frank Zappa, Duane Allman – amalgamiert zu einem süffigen Spiel – man höre das Solo in „Sunblood“. Hidden Hand sind indes ein hörbarer Fortschritt gegenüber Spirit Caravan. Formal klarer, spielerisch dichter, moderner auch als seine alten Bands. Modern auf eine Weise, die von Geburt an klingt, als hätte sie schon ihre dreißig Jahre auf dem Buckel. Und das geht, weil es Wino ist, der hier spielt. Spielte er Ramones-Songs, es klänge noch nach ihm. „Divine Propaganda“ ist seine beste Platte seit „The Church Within“. Auch lyrisch übrigens auf eigentümliche Weise im Hier angekommen. Ökologischer Apokalypso, die alte Indianerschule, die eines Tages bemerken wird, dass Bäume auch nicht besser schmecken, als Geld es tut.

EX MODELS

ZOO PSYCHOLOGY

(Frenchkiss)

Erst britzelt es gewaltig, dann setzt das Schlagzeug ein. Ein straffer Beat, in den sich die Gitarre widerwillig einhakelt. Stimmen, überschnappend, ein wenig an den Gesang bei Devo erinnernd. Der Bass spielt einen rasend stotternden Takt hinein. Das Stück wird sodann schneller und löst sich alsbald in reinen Lärm auf. „Fuck To The Music“. Danach kommt das Intro, zumindest heißt der zweite Song so. In wenig mehr als zwanzig Minuten fackeln die Ex Models fünfzehn Miniaturen dieser Art ab. Zerhackt und wie von Furien gehetzt, aber wir dürfen vermuten, dass hier andere Sachen für das Hetzen zuständig sind. Wer sich die Seconds angehört hat, hat eine Ahnung von dem, was hier passiert. Nur, dass bei den Ex Models (unter Mitwirkung des Seconds-Gitarristen) alles noch deutlich schärfer zugespitzt ist. Mit Madonna-Covers halten die hier sich nicht mehr auf. Lieber vertonen sie französische Mode-Philosophen der jüngeren Vergangenheit. „Hott For Discourse“ heißt ein Song. Zwar klingt auch das nach Achtzigern, aber kein Stück nach Retro. In drängenderen Momenten könnte es glatt eine entgrindete Version von Melt Banana sein. Groß!