Vor zehn Jahren


für den BREMER ausgewählt:

mogwai /happy songs for happy people

pias

Das vierte Album dieser Band, die auf der Bühne nicht zuletzt immer wieder ungemein durch hohe Lautstärken und sporadische Zerlegungswut beeindruckt, die ihr Gegengewicht in wundervoll auskomponierten Stücken zwischen Post und Rock findet. Auf dem sardonisch betitelten neuen Werk haben sie ihre Methode erneut raffiniert: Wahrscheinlich unter Einfluss von Godspeed You! Black Emperor ergehen sich die Schotten hier in einem orchestralem Rock, der allerdings bei aller grandiosen Dynamik die enorm langen Spannungsbögen der Kanadier weitgehend meidet und sich in Songs eher klassischer Länge niederschlägt. Die dadurch subtil implizierte Liedhaftigkeit wird verstärkt durch einen Gesang, der an der Grenze zur Unhörbarkeit operiert. Der oft gelesene Slint-Verweis ist hier höchstens Fußnote, Mogwai spielen längst nach ihren eigenen Regeln.

marilyn manson /the golden age of grotesque

motor /universal

Spätestens seit seinem Auftritt in „Bowling For Columbine“ fliegen dem Mann Herzen aus Richtungen zu, die man zuvor nicht für möglich gehalten hatte. Auch wenn oder weil er immer ein bisschen sehr dick aufträgt, ist Marilyn Manson derweil seinem Ziel, als seriöser Künstler wahrgenommen zu werden, bedenklich nahe gekommen. Die wahre Größe seiner Kunst besteht nun allerdings gerade darin, bei aller Überzeugung von der eigenen Gesandtheit enorm unterhaltsames Rocktheater im Geiste und von der Güte eines Alice Cooper zu sein, der seinerzeit mit ein paar wirklich guten Platten nicht nur Wege gewiesen, sondern diese auch bis zum Ende (und leider noch viel weiter) abmarschierte. Manson ist viel zu smart, um zu enden wie Cooper. „The Golden Age Of Grotesque“ ist nach dem schon überraschend guten „Holy Wood“ erneut eine Steigerung: dramatisch krachender Industrial-Metal, durchsetzt mit spukigen Intermezzi; ein Haufen guter Songs, die bei aller Schroffheit locker und facettenreich wie nie zuvor klingen. Wenn er so weitermacht, wird der alte Bürgerschreck noch zum Konsensrocker.

blond /to do

echokammer /hausmusik /indigo

Dass er solch ein Schelm ist, war nicht unbedingt zu erwarten: Michael Heilrath (auch Bassist der Postrock-Band Couch) gibt auf der zweiten Blond einen Witz preis, der sich in den Titeln des Albums, die eine Chronologie wiederkehrenden Party-Ungemachs erzählen, ebenso niederschlägt, wie in den Video-Spielen im CD-Rom-Teil, wo er nicht einmal das alte Fingerspiel auslässt, bei dem man „Stopp!“ sagen muss – und dann bleibt der Mittelfinger stehen… „To Do“ erzählt von „alle möglichen leute begrüßen“ über „nicht zuhören wenn einem jemand vorgestellt wird“, „zuviel trinken obwohl man eigentlich keine lust dazu hat“ oder den zwar gestrichenen aber immer noch zu lesenden Titel „sich denken: ’scheiße, ist die geil'“ bis zum finalen „sich auf den nächsten guten abend freuen“. Musikalisch ist „To Do“ instrumental wie das Debüt, aber deutlich konzentrierter, funkiger, ohne die rappeligen Breakbeats, die auf „Blond“ noch oft zu hören waren.

michael franti & spearhead /everyone deserves music

labels /virgin

In heiligem Zorn zum Kampf bereit und zugleich die ganze Menschheit liebevoll umschlingen: Das bringen nur die großen Soul-Sänger zustande. Michael Franti, in den späten Achtzigern mit den Beat-Niggs, später mit Disposable Heroes Of Hiphoprisy unterwegs, muss spätestens mit diesem Album, seinem zweiten unter eigenem Namen mit Spearhead, zu ihnen gezählt werden. „Sogar dein schlimmster Freund verdient Musik, es ist nie zu spät, den Tag von Neuem zu beginnen, die Friedvollen an die Macht!“ Das sind die zentralen Botschaften, dieses Albums, das seine musikalischen Arme nicht weniger weit ausbreitet. Zwischen Soul, Reggae, HipHop, Funk und Rock schillert sie formvollendet. Keines Menschen Leben ist wertvoller, als das eines anderen, kein Mann mehr wert als eine Frau. Keine Musik – so könnten wir weiterdichten – mehr wert als eine andere. Sie alle haben Platz im großen Herzen des Herrn Franti. Und unter seiner Pflege gedeihen sie prachtvoll.

the oliver twist band /no tricks and traps

raketemusik /efa

Sehr richtig wurde neulich in einer Rezension dieser Schallplatte darauf hingewiesen, dass diese Sorte Musik, die sich die Punk-Stiefel auf dem Tanzboden wetzt und derzeit in und aus New York große Aufmerksamkeit erregt, keineswegs ein Phänomen ist, das plötzlich aus dem Nichts auftauchte. Vielmehr führe eine Linie vom Punk-Untergrund um Labels wie Gern Blandsten und Bands wie The Lapse und Les Savy Fav hin zu Bands wie den Liars, The Faint, Radio 4 oder den Yeah Yeah Yeahs. The Oliver Twist Band kommt nicht aus New York, sondern aus Köln. Sie spielt einen unwiderstehlich sperrigen Wave-Rock, der nicht nur an die oben ex- und implizit erwähnten Bands erinnert, sondern auch noch eine ordentliche Portion jener musikalischen Energie versprüht, wie etwa At The Drive-In es taten. Und einen Sinn für Pop haben die Kölner auch, wenn sie ihre alte Orgel in Anschlag bringen und in einen ihrer Songs mal eben ein paar Takte aus Duran Durans „Reflex“ einbauen. Toll!

diverse künstlerinnen /flowers in the wildwood (trikont /indigo) Die Geschichte der Country-Musik wurde vor allem von Männern geschrieben. Wieviele Musikerinnen es gab, die ihren Kollegen in nichts nachstanden, dokumentiert diese liebevoll editierte Zusammenstellung von Aufnahmen der 20er und 30er Jahre. Songs, wie die der DeZurik Sisters mit ihrem eigensinnig virtuosen Jodel-Stil, verströmen auch heute noch unwiderstehlichen Charme.

blackmail /friend or foe? (wea) Sie haben ihren Weg gefunden und gehen ihn scheinbar unaufhaltsam und selbstgewiss. Wieder türmen sich Gitarren bis in den Himmel auf, und immer noch ein wenig darüber singt Aydo Abay schwerelos und süß. Sollen sich doch die anderen entscheiden, ob sie hier Freund oder Feind sein möchten.

Vor zehn Jahren


gab es die letzte Platte von Godspeed You! Black Emperor – bis ungefähr vorgestern. „Yanqui u.x.o.“ gehörte zu den Platten, die ich für den November-Bremer 2002 auswählte.

 

messer chups /black black magic

solnze records /www.tamizdat.com

Ein Petersburger Gitarrist und Programmierer trifft auf eine sowjetische Theremin-Virtuosin, die seit einem frühen Zusammentreffen mit dem Erfinder jenes rätselhaften schwarzen Klangerzeugers vom Theremin nicht mehr wegzubringen ist. Gemeinsam verlegen sie Quentin Tarantinos Neo-Noir in den mafiösen Untergrund St. Peterburgs, wo seit der Konterrevolution die Prohibition ein Ende hat. Auf den Wellen des freien Marktes – auch der: neu und schwarz – surfen zwielichtige Entrepreneurs, im Arm wasserstoffblonde Ladies. Das Licht des finnischen Golfs, klar wie ein Glas Stolichnaya, überzieht die aus Amerika importierten Twanggitarren mit einem neuen, delikaten Licht. Ein schönes Beispiel dafür, wie sich fremdes Kulturgut schöpferisch angeeignet werden kann.

 

godspeed you! black emperor /yanqui u.x.o.

constellation/efa

Sie bekennen sich schuldig, vom Verkauf ihrer Platten in „räuberischen Superstores“ zu profitieren, und fordern uns auf, „Yanqui U.X.O.“ anderswo – beispielsweise bei einem korrekten Mailorder – zu kaufen. Godspeed You! Black Emperor streben danach, sich den Mechanismen des Kapitalismus zu entziehen – um die Widersprüchlichkeit des Vorhabens wissend. Soweit, so sympathisch. Auf der musikalischen Ebene, und die ist schließlich entscheidend, ließe sich derweil einwenden, dass das Godspeed-Konzept – ausgedehnte Instrumentals mit langen Dynamikbögen und dramatischen, aufwändigen Arrangements mit Streichern, Gitarren, Schlagzeug und versprengten Samples, aufgenommen diesmal übrigens von Steve Albini – nur in Nuancen ausbaufähig erscheint. Aktuell wäre das eine sporadische Luftigkeit, Mut zu Lücken in den Kompositionen. So ist „Yanqui U.X.O.“ (natürlich) wieder ein sehr schönes Album geworden – unverkennbar GY!BE, immerhin mit einem Minimum an Weiterentwicklung.

 

jets to brazil /perfecting the loneliness

jade tree /cargo

Mit dem sperrigen Post-Hardcore seiner legendären Band Jawbreaker hat das, was deren Gitarrist, Sänger und Songwriter Blake Schwarzenbach seit drei Alben mit seiner Band Jets To Brazil tut, nicht mehr viel zu tun. Geblieben ist – natürlich – Schwarzenbachs brüchiges Timbre, das nun von aufwändigen Arrangements getragen wird, in denen mittlerweile locker Platz für Klavier, Mellotron und Steelguitar ist. Geblieben ist außerdem, was Schwarzenbachs Songs von Beginn an ausgezeichnet hat: Seine Fähigkeit, im knappen und durchstrukturierten Format eines Rock-Songs wunderschöne Geschichten zu erzählen, denen kaum anzumerken ist, dass sie Liedertexte sind, wenn man sie liest. „It’s beautiful and it’s sad, but it’s all that i have“, singt er irgendwo auf diesem Album. „Perfecting Loneliness“ zeigt ihn klassizistischer denn je. Vielleicht steht er in nicht allzu ferner Zukunft neben Ikonen wie Bob Mould oder Paul Weller: Große Songwriter, deren Status weit über den Untergrund hinausreicht.

 

robotobibok /jogging (vytvŏrnia/antena krzyku umc; http://www.tamizdat.com). Robotobibok aus Polen haben ihre Wurzeln im Jazz der Sechziger – von Acid-Jazz über Hardbop bis zu freieren Spielweisen -, erweitern ihren Sound um handgespielte Breakbeats und setzen mit ihrem Instrumentarium aus Gitarre, Moog-Synthesizer, Saxophon, Percussion und Kontrabass immer wieder zu kollektiven Improvisationen an, in denen sie intensive Momente der Verdichtung erreichen.

 

Vor zehn Jahren für den BREMER aufgeschrieben


le fly pan am /ceux qui inventent n’ont jamais vecu(?)

constellation /hausmusik /indigo

Bei Le Fly Pan Am begegnen wir einem Herrn wieder, der in den letzten Jahren mit der Ambient/Progressive-Rockband Godspeed You Black Emperor von sich reden machte. Mit deren dramatisch schwellendem Pathos, dem orchestralen Ansatz haben Le Fly Pan Am allerdings wenig gemein. Ein schwerer Bass, Schlagzeug, Stromgitarre dominieren ‚Ceux Qui Inventent N’ont Jamais Vecu(?)‘, das zweite Album der Band. Über weite Strecken regiert ein kräftig groovender, knochiger Beat, in dem trockener Funk in der Manier von Post-Punk-Heroen wie Gang Of Four verarbeitet wird. Dabei sind die Stücke von Fly Pan Am durchaus krautrockig ausladend und mit Klangspielen versetzt, in denen sich Einflüsse aus der musique concrete niederschlagen. Zum akustischen Genuss kommt der optische und haptische der Verpackung, die, wie bei dem Label aus dem kanadischen Montreal üblich, in gediegener Siebdrucktechnik auf einem Pappcover gestaltet ist.

 

m. hederos & m. hellberg /together in the darkness

v2

Eigentlich sind sie eher für kräftigere musikalische Äußerungen bekannt, Martin Hederos von Soundtrack Of Our Lives und Matthias Hellberg, Tourgitarrist der Hellacopters. Eines Tages stellten sie ihre gemeinsame Liebe für dunkelblaue Songs in kleiner Besetzung fest. Das Programm für das erste, unbetitelte Album war schnell zusammengestellt. Für „Together In The Darkness“ schrieben die beiden immerhin die Hälfte der Songs selbst und können auch damit durchweg überzeugen. „It Won’t Grow“ und der Titelsong haben selbst das Zeug zum Klassiker. Die andere Hälfte des Albums besteht aus erlesenen Kleinoden wie Tim Hardins „How Can You Hang On To A Dream“, Bob Marleys „Concrete Jungle“ und „Shine A Light“ von den Rolling Stones. Vorwiegend für Stimme und Piano arrangiert, wurden die Songs dezent mit geschmackvollen Bläsersätzen, singender Säge oder auch mal einer verloren jammernden Mundharmonika akzentuiert. Ryan Adams zählt Hederos & Hellberg übrigens zu seinen Favoriten und nahm sie mit auf seine letzte Europa-Tour. Der versteht eben was von guten Songs.

 

firewater /psychopharmacology

noisolution /indigo

Tod Ashley ist Firewater. Einerseits. Andererseits war Firewater auch immer die Summe seiner stetig wechselnden Mitglieder. So bleibt für das dritte Album fest zu halten: Ashleys Stimme, die schon die Alben von CopShootCop unverwechselbar gemacht hat, lässt auch hier keinen Zweifel an der musikalischen Urheberschaft zu; zudem wird jedoch auch offenbar, dass Tod Ashley musikalisch offenbar Abschied von seinem einst bestechendem Entdeckungsdrang genommen hat. War auf früheren Firewater-Alben eine Musikerschar versammelt, die durchaus eigene Akzente z.B. durch Einflüsse osteuropäischer Folklore setzen durfte, hat sich jetzt ein reduziertes Bandprinzip durchgesetzt. „Psychopharmacology“ ist so eher ein klassisches Songwriter-Rock-Album geworden, auch wenn für einige Stücke Bläser- bzw. Streichersätze das Bandformat erweitern. Mit „Black Box Recording“ begibt sich Ashley übrigens wohl zum ersten Mal in balladeske Gefilde, was durchaus einen gewissen Charme hat.

 

brent /is anybody out there?

eigenvertrieb (http://brent.home.pages.de)

Eine verlässliche Größe im Bremer Musikleben sind sie. Beharrlich arbeiten sie an ihrer Version „alternativer“ Rockmusik im Dienste des guten Songs. Die bekannten Bezugsgrößen zwischen Hüsker Dü und Buffalo Tom leugnet der Fünfer nicht, darf aber mit Recht beanspruchen, dass Brent aus den Einflüssen dieser, aber auch neuerer Bands aus dem Spannungsfeld zwischen lauten Gitarren und sehnsüchtigen Melodien, über die Jahre eine eigenständige Form geschaffen haben, die sie selbst BrentCore nennen. Besonders markant ist die Stimme von André Berger, dessen Tremolo in manchen Momenten an R.E.M.s Michael Stipe erinnert, aber auch wesentlich kräftigere Nuancen dynamisch bewältigt. Auf der instrumentalen Seite lässt sich feststellen, dass die Kompositionen und Arrangements der sechs neuen Songs dieser CD mittlerweile erstaunlich ausgereift sind, so dass es eigentlich an der Zeit ist, dass sich endlich eine Plattenfirma dieser Band annimmt.

 

various artists /dope & glory – reefer songs der 30er & 40er jahre (trikont /indigo) Die Legende sagt, Richard Nixon habe Louis Armstrong einst den Trompetenkoffer durch den Zoll getragen und so dessen Eigenbedarf an Marihuana in die USA geschmuggelt. Wahr oder nicht, gekifft haben sie alle, die alten Jazzer (Nixon eher nicht). Und was sie in den 30ern und 40ern darüber gesungen haben, ist hier auf zwei kurzweiligen CDs zusammengetragen.