Vor 15 Jahren


erschien in der taz bremen folgende Ankündigung, die mir ein willkommener Anlass ist, per Ton und Bild an die großartigen Colossamite zu erinnern.

taz Bremen 17.12.1998

Die Zukunft des Rock’n’Roll!

 Die Vorschau: Colossamite werden am Freitag abend im wieder aktivierten Wehrschloß schier Großartiges vollbringen

Wehrschloß, Wehrschloß, da war doch mal was?! Und jetzt geht da wieder was. Ein paar Menschen haben sich die Wiederbelebung des Ortes legendärer Krach- und Hardcore-Happenings zur Aufgabe gemacht. Nichts anderes, als ein Einstand nach Maß, ist zu nennen, was für dieses Wochenende geplant ist. Es folgen hier einige Gründe in der Reihenfolge ihres Auftretens.

Stau aus Hamburg zerschroten mit bemerkenswerter Konsequenz etwas, was einmal Songs gewesen sein müssen, spielen, was einst Rock gewesen sein mag, klingen zwar inzwischen, wie es scheint, ein wenig nuancierter, geben sich aber nach wie vor unversöhnlich. So klangen weiland White Zombie auf ihrer ersten Platte.

Venus Vegas aus Köln werden dann etwas mehr an Sophistikation dreingeben. Früher mal hießen sie Dishwater. Als Venus Vegas buddeln sie sich ganz weit in die Geschichte populärer Musik ein und nennen die dort zutage tretenden Quellen ganz offen, indem sie zum einen Gary Numan und Wall Of Voodoo nachspielen, zum weiteren auch ohne Skrupel ihr Schaffen mit Bands wie Servotron ins Verhältnis setzen, und die sind ja bekanntlich große Fans von Devo und so weiter, womit wir auch wieder in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern sind. Ach ja, daß ihre Platte „Bring Me The Head Of Johnny Marr“ heißt, werden mit den Smiths aufgewachsene Menschen auch als gewitzt empfinden.

Das ist aber alles so schön, wie es gegessen ist, wenn dann Colossamite aus Minneapolis die Bühne betreten. Wer die Dazzling Killmen kennt und liebt, darf hier aufhören, weiterzulesen, und kann sich schlichter Vorfreude hingeben. Wer dies noch nicht tut, hole es gefälligst nach und schließe überdies auch die neue Band des Dazzling Killmen-Gitarristen und -Sängers Nick Sakes ins Herz.

Colossamite nehmen Musik, zerren und biegen, bis sie birst und splittert, halten kurz ein, verbreiten minimalistische Schönheit, spröde, nie einlullend, ständig unter Spannung. Nicht ganz so in Permanenz treibend wie die Dazzling Killmen, aber dafür aus dem Gegensatz von Meta-Jazz und Krach-Rock auf der einen Seite und zerdehnten, ausfasernden Teilen in between Spannung generierend. Es packt Dich, schüttelt Dich und hinterläßt, wenn es vorbei ist, die Frage: Warum, um alles in der Welt, ist das eigentlich nicht die Musik, die jeder und jede gut findet? Was treibt die Menschen dazu, sich von Toten Hosen, Engelbert und repetitiven Tanzrhythmen einseifen zu lassen, wo Musik doch, wie bei Colossamite, auch Dein kleines Gehirn in nervöse Zuckungen versetzen und Dich wirklich mitnehmen kann?

Vor zehn Jahren


… schrieb ich im Intro über diese vergessene Band:

Grand Ulena

„Gateway To Dignity“

(Family Vineyard / Cargo)

Es muss eine legendäre Nacht gewesen sein, zumindest denkwürdig für Fans der Headliner, als Grand Ulena letzten Herbst für Wilco eröffneten, die ich wiederum noch mehr geliebt hätte, hätten sie dieses Vorprogramm auch auf ihrer letzten Deutschland-Tour dabeigehabt: Metamathemetalrock von enormer Dichte, den wohl nur Leute spielen können, die mal bei den Dazzling Killmen waren, wie deren Ex-Bassist Darin Gray, der nach Jahren im Proberaum mit Danny McClain (Schlagzeug) und Chris Trull (Gitarre) hier sein neues Baby präsentiert. Ex-Dazzling-Killmen regiert ohnehin okay, denken wir an Laddio Bolocko, Colossamite und Sicbay. Grand Ulena sind zumindest hinsichtlich der Komplexität die würdigsten Erben. Nach einem kurzen Geplänkel, bei dem wir an Don Caballero denken dürfen, beginnt die Achterbahn. In sieben Stücken zwischen einer Minute und deren zehn breitet das Trio Unmengen von Kompositionspartikeln und -techniken aus, verwirbelt, zerlegt, beschleunigt und zerdehnt sie. Beats haben hier fast nichts mit Groove zu tun, selten verfallen Grand Ulena in kurze Phasen der Wiederholung (Unvorhersehbarkeit würde sonst schließlich zur self-denying-prophecy), bevor der Irrsinn weitergeht. Permanente Spannung. Ein Druck dort noch, wo scheinbar nichts passiert. Diese Platte rockt. Bei allen Freiheiten, die sie sich nimmt. Und natürlich genau jener wegen. In diesem Sinne so dermaßen unzeitgemäß modern, dass es kaum zum Aushalten ist. Musik-Musik, sozusagen.