Vor zehn Jahren


schrieb ich für die taz über ein schönes, kleines Projekt

taz.nord 8.7.2004

Bekiffte Weltraumschlacht

Hannover auf Universums-Kurs: Mit „The Curse Of The Universe“ haben Timo Lommatzsch und Sven Missullis ein kollektives Psychedelic-Projekt umgesetzt

Es ist eine der bestgehassten Phrasen in den Musikredaktionen dieser Welt: „Musik für einen Film, der nie gedreht wurde.“ Meist gebraucht für instrumentale Musik, die entweder nicht für sich selbst stehen kann, oder zu der man nichts Gescheites zu sagen vermag.

Zwei Männer flößen der Phrase Sinn ein: Timo Lommatzsch und Sven Missullis kennen sich aus der gemeinsamen Zeit in der Rockband Payola, Lommatzsch als Sänger, Missullis als Schlagzeuger. Als Psychedelic Avengers wollten sie mit „Curse Of The Universe“ einen Film für die Ohren machen. Und das kam so: Lommatzsch kehrte vor kurzem, nach seinem Ausstieg bei der „Mandra Gora Lightshow Society“, in die alte Heimat, den Ruhrpott zurück. Hatte einen Haufen Ideen und wollte sie umsetzen. Weil er vor Ort aber niemanden mehr kannte, rief er seinen alten Kumpel Missullis an und mit ihm in den europäischen Psychedelic-Wald hinein – und es antwortete. Ihre Skizzen und Fragmente gaben sie an Musiker, die sie unter anderem bei den legendären jährlichen „Swamp Room Happenings“ in Hannover kennen gelernt hatten: die dänische Stoner-Rock-Band On Trial, den Mandra-Gora-Kollegen Anders Becker, Matmosphere, Liquid Sound Company und und und – „nur nette Leute“ wollte man dabei haben, um „Curse Of The Universe“ „ohne Nerv mit Verträgen und so weiter“ umsetzen zu können. Eine Weltraumschlacht musste dabei sein, Sex (gern auch in Gruppen), Kiffen und Rock’n’Roll.

Enter Perry Rhodan: „Ich liebe die Perry-Rhodan-Hörspiele, vor allem die neuen, und habe dann auch die alten Heftromane nochmal gelesen“, erzählt Timo. Was ihn besonders fasziniert: Die unendlichen Weiten des Perry-Rhodan-Universums, an dem rund zehn Stammautoren kontinuierlich arbeiten, um es in die feinsten Verästelungen weiter zu entwickeln. Dieses Prinzip lässt sich auch in der Musik der Psychedelic Avengers wiederfinden. Die mäandert zwischen brodelnden Stoner-Rock-Riffs, rappelndem Drum’n’Bass, zirpender Synthetik, kühlen Streichern, Sirenenstimmen, verquaster Space-Lyrik, Kraut, Rock und stompenden Disco-Beats, ist abstrus wie das ganze Konzept, zugleich aber von angenehmer Unbekümmertheit und Frische.

Als Referenz an den Rhodan-Verlag ersannen die Avengers herrlich beknackte Songtitel, fast jeder für sich geeignet, die sanktionierte Zeichenmenge zu sprengen: „Trapped beneath the silverdome of the undead teenage lesbian mutant vampire queens from Veneris Prime“ oder „An ordinary evening on board of the Silver Wing on one of those cold and lonely interstellar nights“.

Ein zweiter Teil ist bereits in Planung, auf dem nicht zuletzt die Fusion von Rock mit Drum’n’Bass weiter entwickelt werden soll. Dafür sucht Lommatzsch Elektronik-Musiker, Video- und andere Künstler. Aber erstmal wird jetzt kräftig gefeiert: Am 18. Juli ist im „Bei Chez Heinz“ in Hannover Release Party, nachdem eine erste in Berlin schon Wochen vor Veröffentlichung des Albums über die Bühne ging – eine Zeitspanne, die in den zeitlichen Dimensionen des Rhodan-Universums wirklich keine Rolle spielt.