Vor zehn Jahren


ging das Wort zum Sonntag ungefähr so:

http://www.youtube.com/watch?v=QgkECbjwKhc

Zärtliche Zyniker

 

April 2004 – Tower, Bremen, spärliches Publikum. Ich kenne sie kaum wirklich, das dafür aber schon ziemlich lange. Immer wieder trafen wir uns an der metaphorischen Straße, auf dem Weg zu einem schnelleren, besseren Leben. Angekommen sind wir bis heute nicht. Vielleicht, das könnte sein, ist es nicht zuletzt genau die persönliche Historie, die das, was die da machen, für mich hörenswert werden lässt.

 

Als ob der Bandname genau für diese Platte, diesen Abend gemacht worden wäre… So nackt steht das Gesamtding da, so real ist die Erschöpfung dieser Band, bzw. die von W., dem mit Z. ein guter Freund beseite steht. In Berlin vor ein paar Monaten haben sie sich beinahe wie ein altes Paar gestritten. Sie waren schon immer eine sehr klare Band. Der ungebrochene Gitarrenpop vom Anfang, der sicher auch ironische Größenwahnsinn von später – und schon damals, auf dieser Platte, die einem tragischen Ereignis zwischen Menschen gewidmet war, über das W. damals hatte nicht reden wollen mit mir, gab es einen Song, den sie auch gestern spielten, in dem es heißt: „It’s not fair / see what life has done“. Gerechtigkeit. Die durchaus moralische Vorstellung von dem, was nicht ist, wie es sein soll. Aber in einem solchen Duktus vorgetragen, dass diese moralische Attitüde zumindest nicht vorgab, keine zu sein. Ehrlichkeit. Und gleichzeitig – kein Widerspruch – gab es von ihnen einen ätzenden Blick auf das sie umgebende Geschäft, die Menschen, die sie – zwar wohl auch moralisierend aber inhaltlich korrekt – als Feinde begriffen, ungeachtet der Tatsache, dass vielleicht auch sie lediglich den Erfolg vermissten und letztlich dessen Ausbleiben anderen zur Last zu legen geneigt sind. Vor diesen Verhältnissen wollen sie sich in die Arme der Liebe retten, die sie als flüchtiges Wesen kennen gelernt haben. „Sehnsucht ist die einzje Energie“, heißt das bei Blixa Bargeld. Ich muss nachdenken, ob ich mich dem anschließen möchte, konzediere aber jederzeit die Tröstlichkeit des Gedankens in einer trostlosen Welt, die nicht mit Naturnotwendigkeit trostlos ist. W. und Z. sind wahrscheinlich keine Kommunisten, wahrscheinlich wettern sie gegen Haider und nicht gegen Wahlen. Vielleicht ist ihre Kritik so demokratisch, wie die der meisten Bürger.

Am Ende singt W. „Orange Dolphins“, der Text von einem „Menschen geschrieben, der nicht mehr lebt“. „I always wanted to sleep forever“, beginnt der Song. Die Erschöpfung, damals von einem ausgesprochen, der sie vielleicht wirklich qua Eigenentschluss auflöste in das, was eine Freundin mal mit pathetischer und enervierender Hartnäckigkeit „Freitod“ nannte. Noch im Tode frei – denke an Milva: „Freiheit in meiner Sprache heißt ‚Lieber Tee’…“

Die gute Nachricht:

 

10 cm = 2000 Euro: Große Männer verdienen mehr

Und es kommt doch auf die Größe an. Eine neue Studie zeigt, dass sich eine stattliche Statur im Berufsleben deutlich auszahlt. Ein Wirtschaftsforscher hat präzise berechnet, wie viel jeder Zentimeter Körpergröße an Bruttolohn bringt

(Spiegel Online, 26. April 2004)

 

Ich würde ja glatt nichts mehr verdienen, ja gar draufzahlen, wäre ich nur zehn Zentimeter kleiner…

 

Und nun, ein paar Wochen später ist Werder Meister und draußen drehen sie durch, als hätten sie gerade erst entdeckt, was man mit einer Autohupe machen kann – ich frage mich, was am Fußball ist, das ganz normale Bürger zu einer doch immerhin ordnungswidrigen Verhaltensweise veranlasst. Über die Strenge schlagen. Die Vertreter des Gewaltmonopols drücken ein Auge zu. Sie wissen, dass das nicht als Akt der Insubordination zu verstehen ist. Als ich kleiner war, wanderte ich durch ein Rom voll wahnsinniger Römer, die gerade irgendeinen ähnlichen Sieg feierten und dachte mir allen Ernstes, dass das auch etwas Schönes habe und so ganz anders als im kühlen Norden…