Vor 15 Jahren


gastierte eine Künstlerin in Bremen, deren grundlegend verstörendes Konzert ich damals in der taz ankündigte.

taz.bremen 18.5.1999

Das Desaster als Konstante

 Folklore, Krach und der neue Klang des Wortes „Birkenau“: Meira Asher präsentiert ihre exorzistische Oper in Bremen

Seit September letzten Jahres lebt Meira Asher im Prenzlauer Berg in Berlin. Von hier aus bringt sie ihre Show auf europäische Bühnen und gastiert damit am Mittwoch auch in Bremen. Seit sie achtzehn Jahre alt ist, zieht sie durch die Welt, studierte afrikanische Musik und Tanz in Ghana und Elfenbeinküste, klassischen Gesang in Indien, lebte in London, den USA und jetzt eben in Deutschland.

„Aufgewachsen bin ich in Israel, aber nachdem ich achtzehn wurde, lebte ich sehr lange Zeit nicht mehr dort. Ich fand heraus, daß du nicht länger als zwei Jahre am Stück in Israel leben kannst. Du drehst durch. Es ist ein sehr gewalttätiger Ort. Die Situation ist immer angespannt, Bomben, Krieg. Die Leute sind nervös.“

Davon handelt auch ihre neue Platte, „Spears Into Hooks“ (Crammed Discs/EFA). Der Titel spielt auf ein Bibelzitat an, nach dem nicht nur die bekannten Schwerter zu Pflugscharen, sondern auch Speere zu Rebmessern gemacht werden sollen. Bei Meira Asher werden diese Speere zu Haken, an denen die Menschen in den Schlachthöfen hängen. „Das Album handelt davon, Opfer einer gewalttätigen Realität zu sein, wozu ich mich als Israelitin berechtigt fühle.“

Mitgedacht ist dabei auch jeder andere Konflikt, der sich aus nationalen Befreiungskämpfen entspinnt, Ashers Ansicht nach eine Konstante menschlichen Verhaltens. „Ich denke, es läßt sich nicht vermeiden. Es geht immer darum, sich zu verbinden und abzugrenzen. Die Menschen brauchen das. Natürlich kommt es dadurch zu desaströsen Handlungen, aber am Ende eines solchen Desasters gibt es eine Art Separation, die Individualität bringt. Es ist ein Zirkel und es ist ganz natürlich.“ Was eine wenig optimistische Einschätzung ist, erklärt sie gleichzeitig zum Ansatzpunkt ihres Schaffens.

Ihre Kunst soll den Schrecken vorführen und gleich einem Exorzismus oder einer Katharsis ein Bewußtsein davon erzeugen. Ihre Mittel sind drastisch. Schroffe elektronische Sounds, Samples, bisweilen auch eine brachiale Schlagzeug- und Baßbegleitung, kontrastiert von einem mazedonischen Orchester oder einem Zitat aus den „Sphärenklängen“ von Johann Strauß. Avantgarde und Industrial, Folklore und Krach. Tod und Vernichtung, eine dunkle Stimme zwischen Rezitation, Agitation und Agonie. Eine Stimme, die auch weich klingen kann, aber dies auf ihrem neuen Album eigentlich nur einmal tut. In „Weekend Away Break“, in dessen Refrain es heißt: „Birkenau, Birkenau, Birkenau, rolls off my tongue like a poem now.“ Eine beunruhigende Platte. „Mein Ziel ist es, Leute dazu zu bringen, sich zu konzentrieren. Und um das zu provozieren, muß man übertreiben, um ihnen zu sagen: Hey, konzentriert Euch.“

„Spears Into Hooks“ entstand zum größeren Teil in der slowenischen Hauptstadt Ljubljana. „Ich ziehe es immer vor, an Orten zu arbeiten, die ich nicht kenne. Und in Ljubljana hatte ich viel bessere Bedingungen als in London, wo ich lebte. Ein nettes Studio mit einem neuen Digitalsystem und eine Menge Aufmerksamkeit von einer Menge Leute. Es gibt dort schon lange eine starke Industrial-Szene und Body-Art und all solche Sachen. Es ist wirklich erfrischend, in eine solche Stadt zu kommen. Im Radio läuft um sieben Uhr abends beispielsweise etwas von ,Faust‘. Die Band ,Laibach‘ ist auch dort ansässig. Und ich mag ihre Sachen sehr gern.“

Für die Bühne hat Meira Asher das Album noch einmal überarbeitet. „Es ist fast eine Solo-Performance. Ich arbeite mit Daniel Baruch aus Israel. Er ist ein exzellenter Soundmann. Ich bot ihm an, mit mir auf der Bühne zu performen. Es ist ziemlich interessant, diesen Sound auf der Bühne zu machen. Er manipuliert den Sound viel interaktiver, als wir es gewohnt sind. Die Sounds sind schärfer. ,Birkenau‘ wurde auch neu aufgenommen. Eine Show ist kein Album. Also mußt du alles neu zusammensetzen oder etwas anderes komponieren, um eine Oper daraus zu machen.“

Was sie tue, wenn sie mit diesem Projekt fertig sei, frage ich sie. „Das nächste Album aufnehmen.“ In Deutschland? „Ich fühle mich, ehrlich gesagt, nicht so.“

Ob sie das Reisen bevorzuge? „Nein. Aber jetzt, wo ich nicht mehr nach Israel zurück möchte, muß ich wirklich ernsthaft darüber nachdenken, wo ich leben will.“ In Israel hat sie sich vor allem mit ihren beiden Alben nicht viele Freunde geschaffen. „Das israelische Establishment und die Kulturbehörden sind sehr limitiert, und die alternative Szene ist sehr klein. Da passiert fast nichts. Ich bin recht bekannt in Israel, aufgrund dessen, was ich bin, und ich war auf unterschiedlichen Ebenen aktiv. Aber mit meinen neuen Sachen kann ich dort nicht auftreten.“

Aber auch in Europa ist es für Asher nicht unbedingt einfach, ihre Arbeit zu tun. Sie bucht ihre Auftritte selbst, was sie in die merkwürdige Lage versetzt, ihre eigene Arbeit anpreisen zu müssen. „Genau: ,Ich bin Künstler, und ich bin sehr gut, und meine Show ist sehr wichtig'“, lacht sie.

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