Vor 15 Jahren


schrieb ich über eine Band, von der es im ganzen Internet kein Video zu geben scheint – verrückt, nicht wahr? Stattdessen zum Schauen: Saturn’s Flea Collar, um die es auch im Interview mit den Hellworms ging

taz.bremen 12.5.1999

Die Vorschau (1)

Hellworms Himmelfahrt in Hardcore

 Die Gruppe Hellworms aus San Francisco peppt eine alte Musikrichtung mit
neuen Einfällen auf / Gesprächsnotizen zum Thema

„So um 1984 herum waren wir ziemlich gelangweilt von dem, was aus Hardcore geworden war“, erzählt Larry Boothroyd, extraordinärer Baßist der Hellworms aus San Francisco. Also beschlossen er und sein Kumpel Ralph Spight, eine Band zu gründen, die dem Hardcore neues Leben einprügeln sollte. Mit Verve und halsbrecherischer Geschwindigkeit arbeiteten sie an etwas, was später – nicht gerade zum Wohlgefallen der Ausführenden – „Jazz-Core“ getauft wurde. Und das bloß, weil krumme Takte zu hören waren und es diesen nervösen Drive hatte, den man eben vor allem von durchgedrehten Neuerern des Jazz kannte. Die Band von Larry und Ralph hieß Victim’s Family und wirbelte eine Menge Staub auf. Gut zehn Jahre später war Schluß damit. Ralph Spight spielte hier und dort Gitarre, gründete eine andere Band, in der Larry Boothroyd trommelte, aber etwas schien zu fehlen. So griffen sich die beiden den Schlagzeuger Joaquin Spengemann und begannen wieder, einen überdrehten, spielwitzigen Sound jenseits des gängigen Hardcore-Vokabulars zu produzieren.

Victim’s Family waren schon immer Ralph Spight und Larry Boothroyd plus wechselnde Schlagzeuger. Deshalb sei die Frage erlaubt, warum sie sich nicht einfach wieder Victim’s Family genannt haben? „Eine gute Frage“, meint Ralph. „Wir haben darüber auch nachgedacht. Wir hätten Joaquin (Spengemann, der neue Trommler) hundert Songs beibringen und wieder Victim’s Family sein können. Aber wir wollten neue Musik machen und nicht dazu gezwungen sein, die alten Songs zu spielen. Wenn wir das jetzt tun wollen, können wir das machen, aber wir müssen es nicht.“

So oder so führt eine direkte musikalische Linie von den Victim’s Family-Platten zu den Hellworms, deren „Crowd Repellent“-Album genau da ansetzt, wo das letzte Album von Victim’s Family aufhörte. Ralph stimmt zu. „Ich denke, wir haben unsere eigene Stimme. Wir sind es gewohnt, Dinge auf eine bestimmte Art zu tun.“

Und Larry ergänzt: „Wir spielen, was wir gern spielen, singen, worüber wir singen wollen, probieren verschiedene Formen aus. Ich denke wir expandieren bei dem, was wir tun. Vielleicht langsam, aber ,Crowd Repellent‘ ist eine ziemlich abwechslungsreiche Platte. Sie ist schwer zu greifen. Nicht wie bei Victim’s Family, wo es viele Wechsel innerhalb der Songs gab. Hier ist es eher ein Wechsel von Song zu Song.“

Eine Haltung also, die sich ganz dem eigenen musikalischen Geschmack verpflichtet fühlt, und sonst gar nichts. Deshalb haben sie auch, als sie Zeit dafür hatten, eine Band wie „Saturn’s Flea Collar“ gemacht, in der alles ein wenig anders war, nicht nur musikalisch. „Das hat viel Spaß gemacht“, erinnert sich Larry. „Wir konnten eine Menge machen, was wir vorher nicht konnten. Ich konnte trommeln, alle haben gesungen, alle haben geschrieben. Es gab die verschiedensten Sounds, keine Grenzen. Mit so viel Freiheit konnten wir einfach nicht umgehen“, lacht er.

Wie schon mit ihren anderen Bands veröffentlichen Hellworms ihre Platten bei Alternative Tentacles, dem Plattenlabel von Jello Biafra. Der wiederum wirbt auf seinen Lese-Reisen beredt für politische Aktion. Agitiert er auch „seine“ Bands für die Revolution?

„Eigentlich beginnen die meisten unserer Unterhaltungen so“, witzelt Ralph. „Nein, wir haben nie allzuviel über sowas geredet. Er läßt die Bands machen, was sie wollen. Ich denke, wenn er die Message einer Band nicht mag, ist er auch nicht daran interessiert, ihre Platte zu machen. Wir haben einmal darüber gesprochen, zusammen Musik zu machen, was sehr interessant wäre. Ich würde ihn gerne Musik machen sehen. Er ist so gut.“ Die Chancen für eine musikalische Zusammenarbeit zwischen Biafra und Hellworms stehen allerdings und leider nicht übermäßig gut. „Wir haben darüber geredet, aber der Mann ist so verdammt fleißig“, ist Ralph eher skeptisch.

Vor zehn Jahren


… ragte aus dem Stapel Alben, die ich für das TRUST besprach, unter anderem folgendes heraus:

Shed Grace

STICKS AND STONES – ‚Shed Grace‘

Chad Taylor, Josh Abrams und Matana Roberts haben mit allem und jedem zusammengespielt. Taylor ist bei den verschiedenen Inkarnationen des Chicago Underground Duo, Trio oder Quartetts beteiligt, mit Abrams spielt er in der Band von Sam Prekop, Abrams ist Mitglied bei Town & Country, als Studiogast auf Platten von Bobby Conn, Godspeed You Black Emperor und etlichen mehr zu hören. Roberts ist schon eher einem klassischen Avantgarde-Jazz-Umfeld verhaftet, spielte mit Anthony Braxton, Steve Lacy, Peter Brötzmann und Ravi Coltrane zusammen, ist mit der AACM verbandelt. Als Hausband der Velvet Lounge von Fred Anderson (siehe oben) fanden sie sich als Trio und haben mit „Shed Grace“ ihr zweites Album veröffentlicht, auf dem sie – wenn ich das so zu sagen – eine Lounge-Version von Avantgarde-Jazz spielen. Selbstredend nicht als Kitsch, sondern als vor allem in der Lautstärke schlicht zurückgenommene Musik ohne die oft ausufernden Formate dessen, was eben sonst oft mit Avantgarde-Jazz einhergeht. Covers von Thelonious Monk, Fela Kuti und Billy Strayhorn werden bruchlos zwischen die Eigenkompositionen geflochten. Das Zusammenspiel ist makellos, Matana Roberts‘ Saxophon von berückender Melodik. Schönes Ding.

Thrill Jockey/Rough Trade