Vor 15 Jahren


… musste ich für die taz bremen zu Heinz Rudolf Kunze

taz.bremen 29.3.1999

Einmal wie Grass sein

Heinz Rudolf Kunze las in der Buchhandlung Geist aus seinem Wortgeklingel, und manche Leute hielten’s sogar für witzig

Ulrich Wickert garnierte in der Moderation der „Tagesthemen“ am Samstag den Übergang vom Krieg im Kosovo zur Leipziger Buchmesse mit der Feststellung, daß Künstler „die Seele des Bewußtseins“ seien. Daraufhin durfte sich Günter Grass einen kritischen Gedanken zur gegenwärtigen Lage leisten. Das macht er bekanntlich häufiger. Und mindestens einmal wurde er dafür auch schon rüde geschmäht.

Es scheint so, daß Heinz Rudolf Kunze seit Jahren daran arbeitet, selbst mindestens einmal im Leben so abgewatscht zu werden wie Grass. Deshalb kräht er nach deutschen Quoten für deutsche Musiker, gibt seinen Büchern so brisante Titel wie „Heimatfront“ und sonnt sich leidenschaftlich im Irrtum, daß ein Tabubruch an sich schon etwas ganz Großartiges ist. Und wenn man für eine noch reaktionäre Äußerung ein paar wackere Bürger in Wallung bringt, dann muß es sich wohl um einen solchen gehandelt haben.

Da mag man schon gar nicht mehr hinhören, wenn ein Text „Frauenpower“ heißt. Und macht man es wie zum Beispiel bei Heinz Rudolf Kunzes Lesung am Samstag in der Buchhandlung Geist wider besseren Wissens doch, folgt die Strafe auf dem Fuße: „Stell‘ dir vor es ist Fickstreik, und keinen Mann juckt’s!“ Mit solchen Sentenzen macht er sich im Sinne des Wickertschen Künstlertums gut als Seele eines Mainstream-Bewußtseins, das sich Familienpolitikerinnen der 68er-Generation gern als „zumindest im Kopf verbittert-lesbisch“ (Kunze) vorstellt, und sich freut, wenn jemand (Kunze) das auch mal laut sagt – als wär’s schon dann eine gelungene Kritik, wenn das Opfer sich getroffen fühlt.

Richtig schön, und das ist ganz unironisch gemeint, wurde es, als Kunze den Ton eines Bundeswehr-Werbefilms imitierte und dem Langschlafen ein Hohelied sang. Da verhedderte er sich nicht in Wortgeklingel, trieb keine stilistischen Blüten, strapazierte nicht stangenweise Stabreime, stammelte nicht dekompositorisch an seinen Wörtern herum, schlug auch keine syntaktischen oder selbstreferentiellen Salti, sondern hatte zur Abwechslung einen Gedanken, den er in der gebotenen Kürze ausformulierte: Unter Bezug auf die Bild-Zeitungsschlagzeile „Kommt heil nach Hause, Jungs!“ kalauerte er, daß der den Jungs ja auch wünscht, daß sie heil zurückkämen, solange sie nicht mit „Heil“ heimkämen. Witzig was? Finden Sie nicht? Ich auch nicht.

Und selbst wenn dieser Kalauer ein verunglückter Spontanismus war, dann ist das keine geeignete Entschuldigung. Zeit genug wäre gewesen. Und die nimmt er sich ansonsten ja schon, der Kunze, wenn er seine Inhalte solange durch die Kunstmühle dreht, bis kein Wort mehr einfach so dasteht, sondern ein jedes sein Päckchen an Wortwitz zu tragen hat. Wer hätte damals in den frühen Achtzigern, als er sich im Fernsehen mit Rüschenhemd präsentierte und als deutsche Antwort auf Prince vorstellte, gedacht, daß aus Kunze ein solcher Zausel werden könnte? Einer, der eine ganz schlichte, eines Dieter Hallervordens würdige Freude daraus zieht, wenn er schreibt, „Dieter Bohlen als solcher“ sei Umweltkriminalität. „Den konnte ich mir einfach nicht verkneifen“, preßte der Dichter entschuldigend hervor und wurde für sein gescheitertes Verkneifen durch langen Beifall belohnt. Kunze und sein Publikum: Das war eine der seltenen Begegnungen von Seelenverwandten. Und da will ich ja wirklich nicht weiter stören.

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