Vor 15 Jahren


taz Bremen 14.11.1998

Von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt

Ein Abend über Burroughs im Lagerhaus mit Film, Lesung und Einschlafhilfe

Der elegante Herr mit Halstuch und dem graumelierten, nach hinten pomadisierten Haar, der auf den Plakaten zu sehen und in einigen Ankündigungen zum Burroughs gekürt worden war, sah viel zu gut genährt und gesund aus, um den amerikanischen Autor William S. Burroughs in irgendeiner Phase seines Lebens verkörpern zu können. Der Film ‚Gesandter des Abschaums‘ bestätigte das mit Nachdruck: Ein zerfurchtes Antlitz von wächserner Transparenz, das des Dichters beredte Wortkaskaden nur widerwillig von sich zu geben schien. Der Film, montiert aus der Dokumentation Burroughs‘ mutmaßlich letzter Lesung in Deutschland, einem zur gleichen Zeit verfertigten Interview, Ausschnitten aus Burroughs‘ Filmexperimenten und ein paar Archivaufnahmen, gab auch Aufschluß über den eingangs erwähnten Herrn, der sich hier nämlich als Interviewer Jürgen Ploog entpuppte.

Der ‚Gesandte des Abschaums‘ war im Film als höchst amüsanter Literat zu sehen, der zwar auch nicht davor zurückschreckte, im Interview unerwartet Banales zu äußern, dafür aber an anderer Stelle als oberstes seiner zehn Gebote verkündete, niemand solle jemals seinem Haustier den Qualm aus seiner Tüte ins Gesicht blasen. Und ‚Naked Lunch‘ wäre natürlich auch nur halb so gut, hätte nicht der Autor seinen zwar überaus schwarzen, deshalb aber eben auch rücksichtslosen Witz in dieses stellenweise von allen möglichen Körpersäften und Schlimmerem nur so triefende Buch versenkt. Über den Abspann hatten sie seine brüchige Stimme gelegt: „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt, denn das ist meine Welt und sonst gar nichts.“ Ein Höllenhund.

„Alles verläuft nach Plan!“ war zwischendurch auf einem Schild neben der Leinwand zu lesen. Hochgehalten vom Conferencier „Meister Propper“, der es auch im folgenden nicht unterlassen konnte, immer wieder darauf hinzuweisen, daß alles nach Plan verliefe.

Selbstredend auch dann, wenn dem nicht so war, als Licht auf die Bühne geworfen werden sollte, damit Jürgen Ploog den zweiten Teil des Programms performen konnte. Der Mann also, den wir gerade noch zwanzig bis dreißig Jahre jünger in Schüler-Pose vor dem großen alten Mann hatten sitzen sehen, nun das eigene Werk vorstellend, das auch um den Fixstern Burroughs kreist. ‚Straßen des Zufalls‘ handelt vom Schreiben, vom Reisen, vom Wort, von Burroughs und, klar, von Jürgen Ploog, von Burroughs maßgeblich beeinflußt, was er wohl auch gar nicht bestreiten wollen würde. Schon die Präsentation seines Vortrags, verschnitten mit Tonaufnahmen aus eigener Produktion, überträgt den Cut Up-Gedanken von der zu lesenden auf die gelesene Literatur.

Und die Prosa-Fragmente, die Ploog liest, kreisen immer wieder um die klassischen Topoi der Beat-Literatur: Bars, Jazz und Drogen – Unterwegssein.

Alles verläuft nach Plan.

Auch der Auftritt eines Bremer Gastronomen mit seinem ersten Roman scheiterte plangemäß. Dr. Knox gab die überzeugende Vorstellung eines Hobby-Literaten, der auf das Feuilleton schimpft und begeistert das aufschreibt, was er für einen inneren Monolog hält; – der sich aber auch nicht aus der Ruhe bringen läßt, als der Conferencier ihn mit zahlreichen ins Mikro geraunzten ‚Ja’s kontrapunktiert; – der auch dann nicht aus dem Konzept gerät, ja sogar mit noch zunehmender Emphase vorträgt, als das Publikum den Raum im ersten Stock des Lagerhaus verläßt und der Conferencier ihn zum Aufhören drängt; – auch nicht, als er ein Drittel der Verbliebenen in Schlaf gesprochen hat. Um 23 Uhr sitzen noch zwei wach, einer schläft, einer spricht, während der Rezensent leis‘ die schwarzen Aktendeckel der Nacht zusammenklappt.

Alles verläuft nach Plan.

Mag sein, vielleicht taugt ja der Plan schon nicht.

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