Vielleicht meine erste Theaterkritik


… für die ich auch Schelte von einem Kollegen einstecken musste. So schreibt man natürlich nicht über Theater mit Kindern und Jugendlichen.

taz Bremen 23.9.1999

Liebe Kids, böse Kids

 Schüler des Schulzentrums Rübekamp und Studenten gaben Bernsteins Version von Voltaires „Candide“

Der Direktor meiner Schule hatte ein besonderes Kennzeichen. Seine blutunterlaufenen Augen lenkten von seinen von Sorgen frühzeitig ergrauten Schläfen ab. Dieser Mann sortierte anlässlich der Abitursverleihung an meinen Jahrgang seine Kinderlein in liebe und in böse, wobei sich unerwarteterweise ergab, dass die lieben Kinder auch die guten Noten hatten, während sich die bösen Kinder mit den hinteren Plätzen bescheiden mussten.

Der Candide aus Voltaires gleichnamigem Roman hätte sicherlich die besten Noten bekommen, so geflissentlich er bereit ist, den tiefen Weisheiten seines Meisters Pangloss zu glauben. (Und jetzt alle: „Das Unglück des Einzelnen begründet das Wohl der Gesamtheit, so dass es ums allgemeine Wohl desto besser steht, je mehr privates Unglück es gibt.“) Voltaire führt diesen je nach Standpunkt hoffnungsvollen bzw. -losen jungen Menschen in seinem „Candide“ gnadenlos vor. In der besten aller Welten bleibt Candide nun wirklich gar nichts erspart. Nicht einmal die immer wieder gern genommene Liebe hat da noch etwas von jener Reinheit, die ihr immer angedichtet wird.

Die Konsequenz, mit der Voltaire den Vertretern des Optimismus vor 240 Jahren mittels des „Candide“ einen überbriet, ist nicht gerade angetan ihn zu den lieben Kindern zu zählen. Das Buch ist nicht nur ohne Hoffnung, sondern auch voller Gewalt und Blut und teilweise unehelichem Geschlechtsverkehr, dass es womöglich glatt verboten würde, wenn es von heute wäre.

Dieses Werk nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, ist das Verdienst nicht nur eines Leonard Bernstein, der eine Oper, na, sagen wir: eine Operette daraus machte, sondern auch der SchülerInnen des SZ Rübekamp und einiger StudentInnen, die es nun aufführten.

Dabei gab es bei der Premiere am Dienstag im Schlachthof zwar noch einige Ungereimtheiten im Zusammenwirken zwischen Gesang und Instrumentarium, aber die lieben Kinder machten ihre Sache recht gut. Ein gutgläubiger Candide, eine schön verzickt-hysterische Kunigunde, ein reizvoll bornierter Pangloss und eine bis auf das Alter ihrer Darstellerin überzeugende „Alte“ (die auch im Buch keinen anderen Namen hat) agierten in einem spartanischen Bühnenbild, welches mit lediglich zwei Kleiderständern auskommt. Weil die lieben Kinder aber in ihrer Eigenschaft als SchülerInnen und StudentInnen gewissen Zwängen unterliegen, müssen natürlich Unmoral, Mord, Unzucht und die meisten Gemeinheiten, die Voltaire und Bernstein dem „Candide“ in größeren Mengen angedeihen lassen, hinter jene Kleiderständer verbannt werden.

Auf diese Weise scheint der Spott, mit dem Candide von seinem Schöpfer überschüttet wird, auch die Akteure zu treffen, wenn sie zu dem Schluss kommen, die Welt sei weder gut noch böse, und wir müssten das Beste daraus machen.

Große Brüder und Schwestern, Eltern und LehrerInnen applaudierten den lieben Kindern angemessen begeistert. Der Verfasser dieser Zeilen fragte sich dagegen, ob denn wirklich alle außer ihm wussten, was ein Autodafé ist, und wenn, ob es dann vielleicht daran lag, dass er damals in seiner Schulzeit dummerweise zu den nicht so lieben Kindern mit den nicht so guten Noten gehörte.

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