Vor 15 Jahren


ging ich, mir die Low End Models anzuschauen. Bemerkenswert: Die Redaktion entfernte das „Ich“ im Text nicht – wenn das das Lehrbuch wüsste!

taz Bremen 6.10.1998

Ungeschult – und oben ohne wegen der Hitze

 Die Queercore-Band Low-End Models und 5null4 spielten im Kairo vor ausgewähltem Publikum

Im Kairo herrscht auf Konzerten immer ein gepflegtes ‚unter sich‘-Sein. Der Weg nach Walle, der einen Bekannten mal kühn „Walle, Walle, manche Strecke“ dichten ließ, ist jedenfalls weit genug, Laufpublikum abzuschrecken.

Die Ankündigung einer Queercore-Band sorgte für ein entsprechendes homogenes Publikum. Queercore ist nicht, wie zu vermuten vielleicht gestattet wäre, eine besonders verquere oder schräge Variante von knarzigprötternder Gitarrenmusik. Hier wird vielmehr die sexuelle Orientierung der Mitwirkenden zum stilkonstituierenden Merkmal.

Na ja, und wer sich so die verschiedenen Queercore-Bands anhört, wird feststellen, daß da musikalisch auch nicht soviel ist, was über einen Kamm zu scheren wäre. Vom lieblichen Poppunk Pansy Divisions bis zur eher rüden Variante von Tribe 8 – wichtig ist anderes. Low-End Models waren und sind jedenfalls vier Frauen aus Köln, die sich unter diesem etwas seltsamen Label eingerichtet haben.

Nun ist es ja dummerweise so, daß es schlicht nicht die Regel ist, Frauen in Punkrock-Bands spielen zu sehen. Deswegen kommt es zu so unsinnigen Antworten auf die Frage: Was machen denn die?, wie: Das ist eine Frauenband. Deswegen wirkt eine Band, wie die hier auch schonmal vorgestellten Rockbitch, mit der bloßen Umkehrung ursprünglich nur Männern zugestandenen Rock’n’Roll-Lifestyles so spektakulär. Deswegen gab es am Samstag im Kairo auch Leute, die sagten: Wären das jetzt Typen gewesen, wäre es unter aller Kanone gewesen.

Dabei waren die Low-End Models im Prinzip nur eine ganz normale Punkband, technisch eher die ungeschulte Variante (besonders das Schlagzeug), die auch mal einen Ska einfließen ließ und netterweise „Schokolädchen“ ins Publikum warf. Sogar ein Schlagzeugsolo gab’s; mit anderen Worten: Sie ließen nix aus. Auch, daß die Gitarristin wegen der Hitze nach einer Weile mit bloßem Oberkörper spielte, ist nur deshalb eine Anmerkung wert, weil Typen, und vor allem Gitarristen, das dauernd tun (und was für Bäuche haben wir da schon gesehen), Frauen aber genau das eben nicht so einfach tun. Können? Sängerin Alexandra kommentierte jedenfalls, wer sich davon angegriffen fühle, möge das nach dem Konzert mit ihnen ausdiskutieren.

War zum Glück nicht nötig.

Nach den Low-End Models spielten noch 5null4 aus Lübeck und Hamburg. Sie rufen ihre Musik, schlimm genug, Hardpop. Mit dieser Vokabel wurde vor zwei Jahren alles gerufen, was woanders ‚Alternative-Rock‘ hieß. Also der neue Mainstream. 5null4 bewegen sich stilistisch dann auch eher unspektakulär auf diesem weiten Feld. Auf solider Rockbasis bastelten sie einen ebenso soliden Kreuzüber mit den in diesen Fällen üblichen Funk-Elementen. Dabei rangen schnödes Muckertum und Spielfreude miteinander, ohne daß es zu einer Entscheidung gekommen wäre. Auf der Haben-Seite vor allem die gutgelaunte Frontfrau, die verschwenderisch mit ihren stimmlichen Möglichkeiten umging. Ungekünstelt und energisch. Der Rest war eben, was unter ‚gutgemacht‘ in Vergessenheit gerät, oder (weil gutgemacht und verkäuflich) auf Senatsrockwettbewerben zu Newcomern des Jahres gewählt und später dann mit etwas Glück so groß wird wie die Guano Apes. Was eine Band dafür noch braucht, verrate ich euch ein andermal. Wir schalten zurück ins Brauhaus. Andreas Schnell