Vor fünzehn Jahren


begann ich mich für Dub zu interessieren:

taz Bremen 31.8.1998

Hitzige Bässe im kalten Vorherbst

 Wenn zwei sich ganz und gar genügen: „Zion Train“ aus London erzeugten im Moments Schwingungen

Was über ein Dub-Event zu schreiben wäre? Naja, ich denke, es geht da viel um Schwingungen. Schwingungen, die sich ganz konkret in flatternden Hautpartien am unteren Teil des Rumpfes bemerkbar machen. Und um Schwingungen, die auf geschmäcklerischen Wegen für gute Laune Sorgen.

Dub-Musik hat vor allem von ersteren Schwingungen reichlich zu haben, sonst taugt sie nicht. Die Bass-Linie ist das, was im Mittelpunkt von allem steht. Unaufhaltsam langsam rollt sie über den Tanzboden und ist, wenn alles gut läuft, eben dazu angetan, schon auf ganz physische Weise zu wirken. Dazu kommen Geräusche eines Schlagzeugs, besser: Beats, bei Zion Train wie die Bass-Linie maschinell generiert, und wenn Jah es so möchte, auch noch Gesang.

Nachdem der Bremer Dub-Aktivist Captain Rah Bah Dub mit einem Kumpel den Raum mit instrumentalem Dub eingeschwingt hatte, kam eine Fraktion von Zion Train auf die Bühne.

Bei ihren letzten Gastspielen in Bremen zu viert und zu fünft zugegen, war Zion Train diesmal nur ein Duo mit Maschinen und Gesang. Die Gerüchte, daß beim vortägigen Zion Train-Gig in Amsterdam ein Psychopath mit LKW in die Halle gefahren sei, wobei es einen DJ zerlegt habe, sowie zwei Mitglieder des Zion Train gehörig verwirrt, konnten zumindest vom Veranstalter nicht bestätigt werden. Ihm war sowieso nur das Zion Train-Sound-System angekündigt worden, das nunmal aus drei Personen besteht – inklusive des Tourmanagers.

Dub ist aber sowieso eine reichlich reduzierte Angelegenheit, weshalb das vollkommen genügte. Auch wenn die von den Londonern für gewöhnlich gepflegten Exkursionen in andere Gefilde tanzbarer Musik diesmal etwas vermißt werden durften, ließ Herr Zion Train zur allgemeinen Freude zwei Stunden lang fette Grooves rollen, wozu dann Frau Zion Train von Freiheit, Wurzeln, Kultur und derlei Dingen sang. Später kam dann noch Criddle vom wenige Häuser weiter gegebenen ‚Black Rider‘ und gab ein paar auserwählte Töne aus seinem Saxophon und einer Tonflöte in den Mix. Es gab ein paar Leute, denen die Bässe zu laut waren. Es gab auch Leute, denen es zu warm war im Moments. In Wirklichkeit war’s vor allem draußen zu kalt. Kaum hatte man den verschwitzten Club verlassen, packte einen kalt der Herbst.

Eine unangenehme Art des Chill-Out.

Also ging man besser wieder rein und hörte eine Weile dem Captain zu, der mit Criddle und seinem Begleiter vom Anfang noch eine ganze Weile einem dezimierten Publikum Stoff zum Tanzen gab.

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