Vor fünzehn Jahren


… gab es in Bremen eine höchst aktive 60-Garage-Punk-Szene, die gern Gleichgesinnte aus aller Welt einlud, zum Beispiel die Dukes Of Hamburg, die nicht aus Hamburg waren.

taz Bremen 26.8.1998

„Stute, Stute, Stute! Ja, Ja, Bitte, Danke!“

 Die Dukes Of Hamburg und Bremens Meatles servierten am Montag Fleischklöpse

Die Tower-Bar ist immer noch die erste Adresse für Garagen-Punk, Sixties-Trash und all das Zeug, das sich der formalen Reduktion ebenso bedient wie der technischen. Punk und Trash eben, in der Ursprungssprache eh nahezu synonym verwendet. Mama und Papa werden sagen, das höre sich ohnehin alles gleich an, Papa Popkritiker Diedrichsen wird erwidern, eben daran erkenne man Popkultur.

Die kleine Szene in unserer Stadt kümmert sich nicht um solche Diskussionen, sondern lieber darum, Konzerte mit ihrer Lieblingsmusik zu veranstalten. Meistens rekrutiert sich dann mindestens eine Band des Abends aus der hiesigen Cosa Nostra, Deckname Lowlanders. Am Montag waren das die Meatles, bei denen der Gitarrist der Sods und der verblichenen Lowlanders trommelt, der Bassist der Lowlanders überraschenderweise den Baß betätigt und der Bassist der Sods Gitarre spielt, singt, mit Mini-Salamis wirft und ziemlich oft „goddammit!“ sagt.

Im Eintrittsgeld inbegriffen war eine Fleischeinlage, die nicht nur aus den ziemlich unattraktiven Wurst-Snacks bestand, sondern auch noch aus vermutlich hausgemachten Fleischbällchen – mit Gurkenbeilage und apart gewürzt.

„Ich will, daß ihr uns anrülpst, wir wollen das riechen!“ befahl der Schlagzeuger seinem Publikum. Offensiver und öffentlicher Fleischverzehr – ein beherzter Affront gegenüber einer tierlieben Szene, die am Montag deshalb auch geschlossen weggeblieben war. Dieses Garagen-Zeug ist nun mal schwerst unkorrekt, nicht zufällig, sondern absichtlich. Amüsant ist es dann und wann eben auch. Der schlingernde Trash der Meatles war genau so, wie diese Musik sein muss: Schamlos zusammengeklaut und, ob dies- oder jenseits, jedenfalls immer hart an den spielerischen Grenzen entlangschreddernd.

Die Dukes Of Hamburg kamen aus Amerika, trugen fast alle Perücken und fokussierten ihren nuancierten Humor auf die Reproduktion frischerworbener Deutschkenntnisse. „Stute, Stute, Stute! Danke, danke, danke. Ja, ja, ja.“

Zwischendurch ging es immer mal um alte Musik für alte Leute oder darum, daß ihr völlig durchgeschossener Sänger, der als einziger mit echten Haaren und Mundharmonika antrat, vom Wichsen so erschöpft sei. Nur die Dukes wissen, welche Drogen ein Mensch braucht, um zu so einem debilen Grinsen zu kommen, wie es immer mal wieder zwischen den metallisch fliegenden Haaren hervorschimmerte.

Dazu zimmerten die Dukes Of Hamburg einen soliden Rock mit grobporigem Rhythm’n’Blues-Einschlag, der natürlich im Hinblick auf musikalische Variabilität und technische Feinheiten nichts zu sagen hatte. Aber das wäre auch eine ziemlich törichte Erwartung gewesen.

Erwähnte ich bereits, daß es ein amüsantes Konzert war?

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