Vor fünf Jahren


… sprach ich mit J Mascis über die neue Dinosaur

taz 27.7.2009

Bagger, Autos, Gitarrenwände

SLACKER Ein Herz und eine Seele wird aus Dinosaur Jr. sicher nicht mehr. Die schon legendären Streitigkeiten des US-Lärmrocktrios wurden aber seit der Reunion kanalisiert und in neues kreatives Potenzial umgewandelt

„Beyond“, das Reunion-Album von Dinosaur Jr. aus dem Jahr 2007, war schon ziemlich klasse. Aber „Farm“, das neue Album des Trios aus Amherst/Massachusetts, klingt noch besser.

Dinosaur-Bassist Lou „Kassengestell“ Barlow soll ja unzufrieden mit dem Sound von „Beyond“ gewesen sein. Im Magazin Spin ließ er daher verlauten, „Farm“ werde einen Oldschool-Sound haben.

Dinosaur Jr. besitzen ein Patent auf den Begriff Unzufriedenheit. Schon 1989 war das der Brandbeschleuniger ihrer Musik. Damals war sich das Trio Infernale aus Gitarrist J Mascis, Lou Barlow und Schlagzeuger Murph so spinnefeind, dass man getrennte Wege ging. Die auf drei Alben zuvor ausgiebig kontrastierten tosenden Gitarrenwände und süßen Folkmelodien sprengten die Band. Aber Dinosaur Jr. haben damit nicht weniger neu erschaffen als Rock aus dem Geiste des Hardcore-Punk.

Songs explodieren

Man kann „Farm“ tatsächlich mit damals vergleichen, es ist das dicke Brett, von dem man als Dinosaur-Fan immer geträumt hat. Irgendwie scheint da nun aber eine meditative Entspannung über den Beteiligten zu liegen. Vielleicht können sie sich jetzt aus Spaß streiten.

Schon fast familiär vertraut klingt die Musik: Die Eröffnungskadenz aus „I Don’t Wanna Go There“ weckt Erinnerungen an „Tarpit“, einen Song des zweiten Dinosaur-Albums „You’re Living All Over Me“. Der Anfang von „Plans“ hätte gut und gerne auch Neil Youngs „Cortez The Killer“ einleiten können. Aber, und das ist entscheidend, Dinosaur Jr. lassen wieder los, spielen nicht „tight“, sondern verlieren sich in ihrem mächtigen, aber zugleich weich zirkulierenden Sound. Und das nicht nur, wenn sie zu ausgedehnten Jams ansetzen. Beinahe nebenbei entsteht so wieder jene verzweifelte Dringlichkeit, die schon die Musik auf „You’re Living All Over Me“ auszeichnete. Sonic-Youth-Gitarrist Thurston Moore sagte damals, „Dinosaur-Songs explodieren“.

Und es stimmt, es gibt nur eine Rockband, in der die divergierenden Energien so fühlbar werden. Lou Barlows muskulöser Bass, der fast wie eine Gitarre klingt, dazu die wirbelnden Schlagzeug-Fills von Drummer Murph und die flirrenden Gitarren-Soli von J Mascis. Irgendwo in diesem dichten, zerfasernden Klangnebel näselt auch eine Stimme, die Mascis den Ruf einbrachte, die nächstmögliche genetische Kombination Neil Youngs zu sein. Jedoch: Die Chemie scheint nach wie vor „nicht“ zu stimmen. Anscheinend hat nicht nur J Mascis, sondern die ganze Band genau dadurch an Spielfreude gewonnen.

Was allerdings nicht bedeutet, dass die alten Querelen nun völlig aus der Welt wären. „Es gibt so ein Level, auf dem wir inzwischen besser kommunizieren als früher. Ich spiele heute auch lieber mit den anderen zusammen. Aber es gibt immer noch Probleme, Reibereien – wir brauchen die wohl einfach.“ Groß anmerken lässt sich Mascis das allerdings kaum. Im Gespräch entspricht er mustergültig dem, wofür er legendär geworden ist: ein Slacker-Prototyp, der seine Bewegungen auf das Notwendigste reduziert und nur widerwillig spricht. Eine Attitüde, die Interviews gelegentlich zur zähen Angelegenheit werden lässt.

Stiller Witz

Immerhin gibt es inzwischen ein paar Themen, bei denen ein stiller Witz aufblitzt, ein stets leicht indifferent scheinender Blick auf die Welt, der sich in der Regel dann doch recht klar in eine Vorstellung von cool und uncool auflösen lässt. Wenn Mascis, der mit einer Deutschen liiert ist, über seinen Sohn spricht, wird das angedeutete Lächeln breiter, erzählt er glucksend, dass das knapp zweijährige Kind seinen Spielkameraden in Amherst die deutschen Klassiker „Bagger“ und „Auto“ beibringt. Das scheint heute allemal wichtiger als alte Wahlverwandtschaften: Dass das Label SST Records, verantwortlich für die drei ersten Dinosaur-Alben, kürzlich 30. Geburtstag feierte etwa. Mir doch egal, brummt Mascis.

Nicht mal der Labelgründer Greg Ginn sah Anlass für eine Jubiläumsfeier. Es sei denn, man werte die Veröffentlichung einer Reihe obskurer Platten von Bands, in denen er selbst Gitarre spielt, als eine solche. „Mike Watt hat mir erzählt, Ginn habe ein Konzert in LA vor acht Leuten gespielt“, sagt Mascis. Im Gegensatz zu Ginn pflegt er die alten Bekanntschaften. „Ginn hat so viele Brücken verbrannt. Seit Jahren spricht er nicht mal mehr mit seinem Bruder, dem Künstler Raymond Pettibon.“ Sagt’s und zuckt mit den Schultern.

 

Dinosaur Jr.: „Farm“ (Pias/Rough Trade)

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