Heute vor 15 Jahren


erschien in der taz Bremen folgende Ankündigung, die davon zeugt, dass ich damals noch nicht so richtig gemerkt hatte, wie gut und wichtig und – ja – auch innovativ Tortoise waren.

So gut wie vegetarische Burger

 Die Vorschau: Am Sonntag spielt auf dem Oldenburger Kultursommer die Chicagoer Schöngeistrockband Tortoise

Schenken wir der Musikpresse Glauben, dann machen Tortoise eigentlich das Beste seit, sagen wir, der Erfindung des vegetarischen Burgers. Eine neue Musik, die sich souverän über den alten, bösen, stinkenden Stiefel namens Rockmusik mitsamt dessen, was ihn so an überkommmener Ideologie füllt, hinwegsetzt.

Die unter dem Namen Tortoise versammelten Musiker haben die besten Referenzen. Allesamt entstammen sie fortschrittlichen Rockzirkeln, spielten in mindestens legendären Bands wie Squirrel Bait und dürfen sich jetzt somit umso ungenierter von dem abwenden, was einmal die nunmehr uninteressante Kinderstube war.

Dazu bedienen sie sich eines umfangreichen Instrumentariums. Auf diversen Klöppelgeräten wie Vibraphon und Xylophon, Saxophon, der Gitarre und elektronischem Gerät kreieren sie eine Musik, die bei Preisgabe überalterter Formen wie Strophe/Chorus/Strophe/Chorus zwischen Jazzrock und Ambiente neue Wege finden will. Dafür taugt die neuzeitliche Erfindung des Remix ebenso wie die gute alte Improvisation, die ja immer wieder neu ist, und deswegen gar nicht alt sein kann.

Tortoise, die ganz sicher nicht als erste und schon gar nicht als einzige mit der Auflösung geschlossener Konstruktionen, wie oben genannter Liedform operieren, wurden nichtsdestotrotz zu den Hauptexponenten einer Strömung, die mit dem wunderlichen Namen Post-Rock versehen wurde.

Das klingt nach Fortschritt, weil da, wo etwas „Post“ ist, etwas anderes hinter sich gelassen wurde. Daß die Musik von Tortoise nun wiederum so wenig spektakulär wirkt, so gar nichts Verstörendes an sich hat, mag da verblüffen. Aber was ohnehin im Wesen von Zeitgeist liegt, von modischen Strömungen, daß sie immer mal wieder neue Objekte der Anbetung brauchen, muss uns nicht gleich schlecht über eben jene Objekte denken lassen.

Tortoise machen schließlich Musik von unaufdringlicher Komplexität, von musikalischer Finesse und von großer Schönheit. Musik, die die Filmmusik der Siebziger ebenso kennt, wie weich rollende Perkussionsteppiche, Latinrhythmen und elektronische Klänge der jüngeren Vergangenheit. Die Schöngeister unter Ihnen sollten sich diesen Termin vormerken.

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