Vor zehn Jahren


wählte ich folgende Schönheiten für den BREMER aus:

songs: ohia /the magnolia electric co

secretly canadian /cargo

Die alte Leier, dass ein guter Song immer auch mit Wandergitarre und einer Stimme funktionieren muss, lässt sich auch anders formulieren; dass nämlich ein guter Song annähernd jede Behandlung, jedwedes Arrangement verträgt. Jeff Molina alias Songs: Ohia exerzierte lange Jahre eher die erste Variante durch, bevor er sein Instrumentarium erweiterte. „The Magnolia Electric Co“ überrascht nun mit nachgerade konventionellen Song-Bearbeitungen, ebensolcher Produktion und nicht zuletzt dadurch, dass neben Molina auch andere Stimmen tragende Rollen übernehmen. Jene sind dabei in einen Country-fizierten Rock-Sound eingebettet, der direkt von den Klassikern aus den Siebzigern zu stammen scheint, allen voran Neil Young, wie er mit schweren Gitarren und ländlichem Drall traurige aber nichtsdestotrotz schwer rockende Lieder singt. Molina schraubt dabei sein markantes Klagen deutlich zurück zugunsten eines tieferen und weniger vordergründig als bislang positionierten Gesangs, der in seiner Inbrünstigkeit bisweilen gar an Eddie Vedder erinnert. Ein seelenvolles Album voller großer Songs.

Nachtrag vom 18.3.2013: Vor zwei Tagen starb Jason Moline (http://pitchfork.com/news/50000-rip-jason-molina/)

iso68 /here/there

hausmusik /indigo

Florian Zimmer und Thomas Leboeg sind Iso68. Beide gehören zur Postrock-Achse Hamburg/Weilheim. Zimmer spielt bei Lali Puna, Leboeg bei Kante. „Here/There“ – hier wie dort wird an einer wohltönenden wie ambitionierten Musik gewerkelt, die mit zeitgemäßen Verfahren Ergebnisse erzielt, denen der Charakter des Bleibenden, die Mode überwindenden zueigen ist. Computer und Klavier, Gitarre und Loop, Stimme und Geräusch gehen bei Iso68 eine Verbindung ein so innig, wie die Musik hernach in reibungsloser Harmonie funktioniert, auch noch wenn und wahrscheinlich gerade dadurch, dass sich winzige Spuren ehemaliger Störgeräusche eingenistet haben, die die makellose Melancholie dieses Albums der Gefahr der Verkitschung entheben. Der Kopfhörer auf dem Cover ist wörtlich gemeint. Postrock ist von vornherein Resultat einer gewissen Abgeklärtheit. Audiophilie ist da eigentlich nur der nächste konsequente Schritt. Klingt gemein? Ist aber trotzdem schön.

surrogat /hell in hell

motor /universal

Endlich: Unter extensiver Zitation von AC/DC-Riffs sind Surrogat im Rock so sehr angekommen, dass Mai-Linh – die natürlich immer noch so grandios eigensinnig trommelt – jetzt auch gerade Takte spielt, dass es groovt wie eben AC/DC, dass es – anders als „Rock“, das letzte Album – echte Proll-Kunst geworden ist, innert derer der Witz nicht mehr dem verqueren Rock aufgezwungen wirkt, sondern integraler Bestandteil einer liebevollen Rekonstruktion von Hardrock ist. Dabei haben Surrogat weitgehend Abschied von jener enormen Sprödigkeit genommen, arrangieren großzügig Chöre und Keyboard-Skulpturen, so dass der musikalische Gestus dem lyrischen Größenwahn entspricht, der sich auch hier wieder in griffigen Slogans Bahn bricht, ohne dass die feine Dialektik á la „Money Maxx“ vom letzten Album erreicht würde. Eher schon finden sich Anklänge an klassische Metal-Ideologien wider die Spießer (die bekanntlich immer die anderen sind) und Allmachtsphantasien der Sorte Manowar, hier natürlich ironisch gebrochen. Musikalisch allerdings die beste Surrogat-Platte bis jetzt.

threnody ensemble /timbre hollow

all tomorrow’s parties /vital

Am ehesten ließe sich die Musik des Threnody Ensemble vielleicht mit der von Rachel’s, der Band der Pianistin Rachel Grimes vergleichen. Sie schillert zwischen Neoklassizismus und (Post-)Rock-Strukturen, vorgetragen auf einem Instrumentarium aus Klavier, Streichern, Bläsern und akustischen Gitarren. Das Kerntrio aus zwei Gitarren und einem Cello, hervorgegangen aus der Band A Minor Forest, wurde über die Jahre durch ein Netzwerk verschiedener Musiker erweitert, die in unterschiedlichen Kombinationen unter dem Namen Threnody Ensemble musizieren – u.a. bei der letzten Ausgabe des Festivals All Tommorrow’s Parties in Camber Sands. Ihr Auftritt begeisterte den Festival-Vater Barry Hogan so sehr, dass er beschloss, das 1997 mit Slint-Produzent Brian Paulson aufgenommene und bislang nur in den USA erschienene Album „Timbre Hollow“ auch für Europa zu lizensieren. Eine Musik zwischen beinahe barock auskomponierten Passagen und geräuschigen Minimalismen, von stiller Majestät und üppiger Schönheit.

minion /pantera

beniihana records /www.beniihanarecords.com

Über die Jahre hat sich in Bremens Hardcore-Untergrund ein vitales Netzwerk von Bands um Bands wie Carol, Systral, Kate Mosh und Minion entwickelt, die in der einschlägigen Szene auch internationale Erfolge feiern. Minion, aus denen Mitte der Neunziger u.a. Mörser hervorgingen, begannen als Hardcore-Band, integrierten aber zunehmend Elemente des schweren Metalls und verarbeiteten diese zu einer hart rockenden, eigenständigen Musik. Klassische Riffs zwischen Thrash, Death und New Wave Of British Heavy Metal, ein aus den Tiefen der Kehle schöpfender Gesang und existenzialistische Texte in der Art, wie sie auch die schwedischen Death-Rocker Entombed pflegen – Sportmetal nennen Minion das Ihre mit der gebotenen ironischen Distanz. Ein unterhaltsamer Metal-Entwurf.

koufax /social life (vagrant/motor/universal) Elf großartige Songs über einsame Samstagnächte, lange Weile, unglückliche Liebe und andere schlechte Zeiten von der Band, die neulich im Vorprogramm der Get Up Kids in Bremen spielte. Unter Studio-Bedingungen wirken ihre von Joe Jackson, Elvis Costello und The Cure inspirierten Pop-Songs weit eindrucksvoller, als auf der Bühne. „Social Life“ hat die Qualitäten, die ein großes Pop-Album haben muss.