Vor 15 Jahren


… ging ich für die taz zu den Gruftis, die das Publikum  damals noch darum bitten mussten, nicht zu rauchen:

taz Bremen 27.2.1998

Strippen für Hui Buh

 Oper, Techno, Erotik – „Die Form“im Tivoli

Unter denen, die gekommen waren, um „Die Form“zu sehen, waren nur wenige, die mit der vorherrschenden Ausformung des Individualismus konform gingen. Fahle Gesichter, Lack und Leder, toupiertes Haar, schwarz und weiß waren Vorschrift. Aber es war auch erlaubt, den Liebsten in Ketten mitzuführen, oder gleich zwei von ihnen, die dann artig zu Füßen ihrer Herrin knieten. Manche begnügten sich damit, ihren eigenen Körper zu knechten, indem sie ihn in Kleidungsstücke flochten, die durch eine ausgeklügelte Kombination aus starkem Halt und freigiebigem Loslassen manchem Dekollete bemerkenswerte statische Eigenschaften verliehen.

Drei Herren mit Leiter läuteten dann den Beginn des Konzertes ein, indem sie den Video-Beamer über der Bühne einschalteten. Nach der freundlich vorgetragenen Bitte, nicht zu rauchen, begann, worauf ungefähr dreihundert Fans gewartet hatten. Zu einer Melodie, die von Morricone hätte sein können, tanzte eine Weißgekleidete mit Armprothesen, ließ sich am Ende des Stückes höchst expressiv fallen, um dann von der Bühne zu gehen.

Brav nichtrauchend durfte sich das Publikum dann an den musikalischen Darbietungen von Philippe Fichot und Eliane P. erfreuen, die synchron dazu auch noch auf Videos mit schmerz- wie lustverzerrten Gesichtern Füße küßten und masturbierten. Sogar ein erigiertes männliches Geschlechtsteil war zu sehen. Provokation hin, Pornographie her, es handelte sich ganz offenkundig nicht um ein normales Konzert. Die Musik war so ambitioniert wie die Show, die aufgrund tänzerischer Leistungen und videotechnischer Erweiterung schon multimedial genannt werden muß.

Aus EBM, Industrial und ,klassischen‘ Elementen bastelte Philippe Fichot dazu phasenweise durchaus krasse Soundtracks, auf denen seine Kollegin kontrastierend mit morbider Opernhaftigkeit sang. Von kalter Liebe und unsichtbaren Welten. Und vom Tod und dem Mädchen, wofür auf Franz Schubert zurückgegriffen wurde. Spätestens hier konnte einem/r der Verdacht kommen, nicht nur die Musik, sondern auch der Gesang käme vom Sampler, was mit Gerüchten vom Gesundheitszustand Eliane P.s korrespondierte. Zwischendurch immer wieder tänzerische Einlagen, die sich nur durch die Kostüme unterschieden, derer sich die darunter bloße Tänzerin entledigte. Warum sie sich obendrein jedesmal mit höchster Ausdruckskraft zu Boden sinken ließ, blieb unklar. Einmal soll es Erschöpfung gewesen sein, verursacht durch die Maske, die sie während eines Tanzes trug, bei dem sie sich einen Puppenkopf in den Schritt preßte. Danach war erst einmal Pause, während der Video-Beamer seinen Dienst quittierte und das Publikum andächtig wartete, ehe es Zugaben verlangte. Auch bei denen gab es wieder ebenso ambitionierte Musik wie fallsüchtige Stripeinlagen. Schließlich ließen sich die Künstler nur noch zu Verbeugungen hinreißen. Zurück blieb ein Publikum mit dem Gefühl, gerade etwas künstlerisch enorm Wertvolles gesehen zu haben. Es durfte wieder geraucht werden, und die devoten Herren wurden heimgeführt. Hui-Buh für Erwachsene.

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