Vor zehn Jahren für den BREMER besprochen


unter anderem meine erste Begegnung mit Neko Case.

neko case /black listed

matador /beggars group

Es kriegt uns ja doch immer wieder: Ein paar Akkorde, eine Melodie und – nicht zuletzt – eine Stimme, die von den immergleichen Themen singt. Zwar hat das neu erweckte Interesse junger Musiker und Musikerinnen an so genannter Americana zu einer unübersehbaren Flut eher langweiliger Veröffentlichungen geführt, aber es gibt eben auch immer wieder Perlen, wie das Album von Neko Case. Auch hier steht – wie so oft – Punkrock am Anfang der Geschichte. Case spielte lange Zeit in der Band Maow, bevor sie begann, countrifizierte Folkmusik zu spielen. Begleitet wird sie auf „Black Listed“ u.a. von Calexico und Howe Gelb sowie dem exzellenten Steel-Guitar-Spieler Jon Rauhouse. Sie legen ein dunkel funkelndes Fundament für eine wirklich ergreifende, seelenvolle Stimme, die von Kritikern zu Recht mit der von Patsy Cline verglichen wurde. In der Art und Weise, wie sie sich traditioneller Formen bedient und sie in die Gegenwart überführt, erinnert „Black Listed“ allerdings eher an Mazzy Star. Und dann wären da noch die Songs, in denen das nächtliche Nordamerika vorbeigleitet…

hausmeister /weiter

karaoke kalk /indigo

Schon das dritte Album vom Hausmeister aus Bremen, der seinem Zuständigkeitsbereich behutsam Neues einverleibt, ohne dabei den Grundton des bisherigen über den Haufen zu werfen. Auf „weiter“ singt er nun auch ab und zu auf Deutsch, aber wenn, dann nur ganz leise. In den meisten Stücken bleibt es instrumental, und zwar so wie wir es vom Hausmeister kennen: Wie Skizzen klingen seine, dabei aber durchaus präzise gesetzten Miniaturen, zwar auf elektronischer Grundlage komponiert, aber durchaus auch mit herkömmlichem Instrumentarium, das ganz ohne Brüche eingearbeitet ist. Solche sind in dieser Musik, die so beiläufig und warm, durchdrungen von einem freundlichen Humor einherspaziert, nicht vorgesehen. Da würde es passen, wäre der Titel „paul geht’s gut“ ein optimistischer Kommentar auf den Klassiker „Paul ist tot“ von den Fehlfarben.

 

pearl jam /riot act

Hätten wir von Pearl Jam die direkte Einlösung des Titels ihres neuen Albums erwartet? Eher nicht, auch wenn sie in der Vergangenheit hin und wieder mit harschen Tönen überraschten. Der „Riot Act“ ist hier das Aufbegehren der Sehnsucht gegen eine Welt, die Sehnende verzweifeln machen kann. Dem halten Pearl Jam ein trotzig melancholisches Werk entgegen, das die Dinge beim Namen nennt. „Bushleaguer“ widmen sie „ihrem“ Präsidenten: „he’s not a leader, he’s a texas leaguer“ – kein Führer, texanische Liga, ein Cowboy – derweil der Chor der Aristokraten singt: Wozu die Aufregung? Pearl Jam haben ihre Punk-Wurzeln nie gekappt: klare Abgrenzung, Rückzug auf das Selbst, das sich jeglicher Vereinnahmung verweigert („I Am Mine“), das Beharren, dass nicht sein muss, wie es ist („Green Disease“). Musikalisch unterscheidet sich „Riot Act“ nicht grundlegend von „Binaural“, ist wieder klassischer Rock mit ländlichen und psychedelischen Obertönen, ein wenig in sich gekehrter vielleicht. Ein offensichtlicher Hit fehlt, aber das dürfte Pearl Jam egal sein. Als klassische Album-Band haben sie wieder ein berührende Album geschaffen.

einstürzende neubauten /9 – 15 – 2000 brussels

potomak /indigo

Die Einstürzenden Neubauten waren vor zwei Jahren auf großer Jubiläums-Tour, auf der sie diese Doppel-CD mitschnitten. Zu hören sind neben alten Hits wie „Yü Gung“, („Fütter mein Ego“) und „Haus der Lüge“ vor allem Stücke der letzten zehn Jahre, die hier in teils grandiosen, unerhört kraftvollen Versionen zu hören sind. Vom brachialen Gestus der Anfangstage verbleibt mittlerweile ein Destillat, das die Neubauten zu einer zwar nach eher herkömmlichen Parametern „funktionierenden“, aber stilistisch einzigartigen Rockband macht. Einstürzende Neubauten im neuen Jahrtausend, das sind keine „genialen Dilletanten“ mehr, sondern Musiker, die genau wissen, was sie mit ihren Mitteln herstellen können. Die Destruktion als musikalische Prämisse mit über die Kunst hinausweisender Attitüde wurde durch eine Hinwendung zur altersweisen Bohême ersetzt. Der auch hier enthaltene wunderschöne „Musentango“ von „Silence Is Sexy“ steht beispielhaft für diese Entwicklung. Dieses Live-Album erscheint parallel zu einer Reihe Re-Issues älterer Neubauten-Platten, in die unbedingt hineinhören sollte, wer dieses bemerkenswerte Kapitel populärer Musik noch nicht kennt.

giardini di mirò /the academic rise of falling drifters

2.nd rec/indigo/hausmusik

Ausgehend vom Instrumentarium einer regulären Rock-Band haben Giardini Di Mirò ihr Konzept stetig personell und konzeptionell in Richtung Post-Rock erweitert, durch die Hinzunahme von Streichern, Bläsern, Mellotron, Klavier und Gesang, aber auch durch Kollaborationen mit Musikern der elektronischen Szene, vorexerziert mit Pimmon aus Sydney. Da ist das vorliegende Remix-Album beinahe schon logische Folge: Die Stücke des Albums „Rise And Fall Of Academic Drifting“ wurden von Styrofoam, Herrmann & Kleine, Turner, Nitrada, Dntel, Opiate, isan und errosEncountered bearbeitet. Die schwelgerischen Originale wurden mit klenteiligen Beats und elektronischen Flächen ergänzt. Das Ergebnis gefällt, auch wenn es bisweilen in beinahe schon esoterisch klingende Gefilde driftet. Aber so ist das schließlich mit reifenden Akademikern bisweilen, wie man hört.

erase errata /other animals

tsk!tsk! /westberlin distribution

Vor etwas über einem Monat waren Erase Errata in Bremen. Das Quartett aus San Francisco wird derzeit heiß gehandelt, von Weasel Walter über die Herrschaften von Sonic Youth bis hin zu John Peel ist man sich einig: Bands wie diese gibt es nicht alle Tage. Dabei passen Erase Errata durchaus in den aktuellen Hype um Punk und Wave der frühen Achtziger. Im Unterschied zu Bands wie Radio 4 oder Interpol haben sie indes einen vielschichtigeren Stil entwickelt, dessen schmutzige Wurzeln sich bis in den verschrobenen Prog-Rock von Captain Beefhearts Magic Band erstrecken. Punk, Wave und Disco gehen im Sinne von Le Tigre mit, und in ihren Texten agieren die vier mit einem kulturpessimistischen Gestus, wie ihn hierzulande vor zwanzig Jahren Fehlfarben, anderswo Gang Of Four oder Pop Group hatten. Gefällig ist das natürlich weniger. Es zerrt an Dir mit gespannter Erwartung, will, dass Du da rausgehst und diese Welt zu einem aufregenderen Ort machst. Erase Errata klingen auch noch, als hätten sie die Energie dafür.

liaisons dangereuses /liaisons dangereuses (hit thing /indigo) Das einzige, lange vergriffene Album dieser Band: Vor allem „Los niňos del parque“ steht für einen damals bahnbrechenden tanzbaren Synthetik-Sound mit der Attitüde von Punk. Beate Bartel (Mania) und Chris Haas (DAF) schufen 1981 mit dieser Platte einen Klassiker.

 

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