Auch vor zehn Jahren zu Gast in Bremen: Jon Spencer


taz Bremen 4.11.2002

In engen Hosen

Jon Spencer gab im Schlachthof eine solide Vorstellung – nichts für alte Säcke, die schon alles kennen

Einerseits wäre es ja schon ganz schön geil, hier eine von diesen „Alte Säcke“-Kritiken zu schreiben: Vor zehn Jahren im Wehrschloss gesehen, als sie das erste Mal auf Tour waren. Da war Jon Spencer’s Blues Explosion – natürlich – geiler, auch wenn, ach ja, seine wilden Zeiten da auch schon etwas länger vorbei waren, schließlich waren schon die letzten Platten seiner alten Band „Pussy Galore“ nicht mehr ganz das Wahre gewesen.

Die, wenn auch gebrochene, Neigung zu den Archetypen amerikanischer Popularmusik musste schließlich auch schon im Schaffen „Pussy Galores“, die anfangs höchst wüst Rockmusik auseinander genommen hatten, als Rückschritt wirken. Aber selbst wenn man sich mit Spencers Wandlung abgefunden hätte, die mit dem aktuellen Album („Plastic Fang“) nur noch nachdrücklicher zementiert wird (hat sich Spencer doch hier von echten Klassikern wie „Funkadelic“-Keyboarder Bernie Worrel und dem legendären Dr. John assistieren lassen), selbst dann bliebe immer noch zu sagen, dass die „Blues Explosion“ im Schlachthof ihrem Namen nicht ganz gerecht wurde – weit weniger als zuletzt in Hamburg.

Mit diesem die Allgemeinheit ausschließenden Gemeinplatz hätte man sich dann endgültig mit dem normalen Konzertbesucher verkracht, der schließlich einen Monat Taschengeld (in Zahlen: 19 Euro) aufgewendet hatte, um an einem der wesentlichen gesellschaftlichen Ereignisse des Monats teilzuhaben. Da möchte man sich ja im Nachhinein nicht auch noch sagen lassen, dass die Veranstaltung, die man da besucht hat, viel mehr als „ganz nett“ nicht gewesen ist.

Andererseits ist diese Pose nicht nur von unfreiwilliger Komik, sondern natürlich auch nichts anderes als Angeberei. Die Wahrheit ist: Jon Spencers Blues Explosion gab eine solide Vorstellung. Anders als auf „Plastic Fang“ war der Bandsound wieder bis auf die Knochen reduziert, und nach einer recht schnell überwundenen Aufwärm-Phase gab die Blues Explosion ihrem Publikum, wonach es verlangte. Spencer rief zu jeder passenden und auch einigen anderen Gelegenheiten „Blues Explosion“ ins Mikrophon, vollführte die drei Tanzschritte, die seine hautenge schwarz glänzende Lederhose noch zuließ, und sah gewohnt sexy aus. Musikalisch spielte sich das bekanntlich unorthdox ohne Bass besetzte Trio aus einem Schlagzeuger und zwei Gitarristen durch die über zehn Jahre währende Band-Historie, wobei dann ungeachtet der auf den Platten nachzuvollziehenden Entwicklung doch wieder alles gleich klang. Gratulieren musste man Spencer aber am ehesten noch zur überraschenden Wahl der Vorband: „Techno Animal“ spalteten das Publikum höchst eindrucksvoll in wenige, die den lärmenden Brachial-Techno liebten, und viele andere, die die beiden Briten schon bald nach Hause schicken wollten. Da kommt dann im Rocker der eigene Musiklehrer durch, der behauptet, dies sei nun wirklich keine Musik mehr, aber das ist eine andere Geschichte.

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